Kleintierpraxen liegen imTrend

Zu dieser Thematik erschien in der der Zeitschrift "UNI Magazin - Perspektiven für Beruf und Arbeitsmarkt" (Herausgeber Bundesanstalt für Arbeit) ein Bericht über die Situation der Tierärzte in Deutschland, der nachfolgend ohne das Bildmaterial wiedergegeben wird. Der Autor ist in der Zeitschrift nicht angeführt.


UNI Magazin 1/97,Seite 8-13

Kleintierpraxen liegen im Trend

Immer mehr Tiermediziner drängen auf den Arbeitsmarkt. Dagegen geht die Nachfrage nach tierartlichen Leistungen besonders im Bereich der Nutztierhaltung zurück. Perspektiven bietet neben einer Tätigkeit in biomedizinischen Forschungslabors die Niederlassung in einer Kleintierpraxis - vor allem in einem tierartlich noch nicht überversorgten Gebiet.

An der Wand der Landestierärztekammer in Dresden hängt eine Landkarte. Sie zeigt den Freistaat Sachsen, über und über mit Stecknadel-Fähnchen bedeckt. Jede dieser Nadeln symbolisiert die Praxis eines niedergelassenen Tierarztes in dem Bundesland an der Elbe: Genau 490 waren es Ende 1995, vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im Dezember 1996 werden in der Sachsen-Karte voraussichtlich wieder zwei Dutzend Wimpel mehr stecken, denn die Zahl der niedergelassenen Tierärzte steigt in allen 17 Kammerbezirken der Bundesrepublik seit Jahren kontinuierlich an. Sehr zum Leidwesen der Tierärztekammern, die eine "fortschreitende Überfüllung des Berufsstandes" diagnostizieren.
"Die Frage, wie es um die Situation der Tierärzte in Deutschland bestellt ist, beantwortet sich schon mit der Nennung dieser ständigen Zuwachsraten", sagt Professor Günter Pschorn, Präsident der Bundestierärztekammer. "Die soziale Lage vor allem der jüngeren Kollegen ist sehr angespannt und auch die etablierten Praxen können in der Regel nicht mehr mit Wachstumsraten rechnen, sondern müssen erhebliche Einbußen hinnehmen."

Angespannte Lage

In den kommenden Jahren, so Pschorns Befürchtung, wird dieser wirtschaftliche Druck das friedliche Zusammenleben der niedergelassenen Tierärzte erheblich in Gefahr bringen. Bei den angestellten Tierärzten sieht die Situation nicht besser aus. Manfred Bausch von der Arbeitsmarktinformationsstelle (AMS) der Zentralstelle für Arbeitsvernittlung (ZAV) in Frankfurt am Main hält diesen Arbeitsmarkt für "ausgesprochen schwierig", obwohl sich die Zahl der arbeitslosen Veterinärmediziner 1995 gegenüber dem Vorjahr nur leicht erhöht hat. "Die wenigen Stellenangebote, die den Vermittlern vorlagen, offerierten fast ausschließlich kurzfristige Aushilfstätigkeiten im Rahmen von Krankheits- und Urlaubsvertretungen." Selbst wenn ein Absolvent bundesweite Mobilität signalisierte, gelang es nur in seltenen Einzelfällen, ihm eine Tätigkeit als Praxisassistent oder eine Einstiegsposition in der Pharmaindustrie zu verschaffen. "Jüngere Bewerber zogen daher zunehmend die Konsequenz, sich beruflich umzuorientieren", resümiert Bausch. Harte Zeiten für einen Berufsstand, dessen Tätigkeit sich in den Vorabendserien so idyllisch ausnimmt.
Ausgelöst wurde die Krise auf dem Tierarzt-Arbeitsmarkt durch den Strukturwandel, den die deutsche Landwirtschaft in jüngster Vergangenheit durchmachte. Die Bauern halten zwar heute nicht wesentlich weniger Vieh als vor zehn Jahren, aber sie haben sich stärker spezialisiert. "Während früher ein Bauernhof wie ein Zoo wirkte, in dem viele verschiedene Tiere lebten, treffen wir jetzt auf jedem Hof nur noch eine große Herde an", berichtet Professor Karl-Theodor Friedhoff, Rektor der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Strukturwandel in der Landwirtschaft

Die Konzentration auf Rinder oder Schafe, Schweine oder Geflügel ließ sowohl das züchterische als auch das medizinische Know-how der Landwirte rapide in die Höhe schnellen; die Zahl der Tierarzt-Termine auf den Höfen ging als Folge davon kontinuierlich zurück. "Wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir zugeben. daß die Landwirte heutzutage hinsichtlich Tierkrankheiten und ihrer Behandlung sehr gut informiert sind", findet Eugen Weiß, Professor für Veterinärpathologie an der Universität Gießen. Er prognostiziert für die deutsche Viehhaltung eine ähnliche Entwicklung wie in den Vereinigten Staaten: "Je größer die Herden werden, desto größer wird auch der graue Arzneimittelmarkt, also der Anteil der Medikation durch den Landwirt."
Die Absatzkrise, in der die deutsche Rinderwirtschaft steckt, seit die Angst vor der BSE- Seuche die Fleischpreise ins Bodenlose sinken ließ, verschärft die Situation zusätzlich. Für viele Viehzüchter rechnet es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr, wegen jeder kranken Kuh den Tierarzt kommen zu lassen. Stattdessen lassen sie sich vom niedergelassenen Tierarzt mehr und mehr präventive Hilfe zur Selbsthilfe geben, korrekt "integrierte tierärztliche Bestandsbetreuung" oder "Herdenmanagement" genannt. "Der Tierarzt in der Nutztierpraxis wird sich künftig nicht mehr nur um die Kurative kümmern, sondern er muß zum Berater des Landwirtes werden, der ihn über alle aktuellen Entwicklungen in Sachen Tiergesundheit auf dem laufenden hält", prognostiziert Dr. Hans-Georg Möckel, Präsident der sächsischen Landestierärztekammer.

Abkehr von der Nutztierpraxis

Die Tierärzteschaft hat auf die Umstrukturierung der Landwirtschaft schon auf breiter Front reagiert. Während die Zahl der Großtierpraxen in den letzten zehn Jahren bundesweit nur von 1 315 auf 1 630 angestiegen ist, haben sich die Kleintierpraxen im selben Zeitraum mehr als verdoppelt (von 1 128 auf 3 024). Auch bei den Gemischtpraxen ermittelte Dr. Roland Schöne vom Planungs- und Informationszentrum der Tierärztlichen Hochschule in Hannover einen Zuwachs um fast 50 Prozent: 1985 waren es 2 445, 1995 zählte man bundesweit 4 306 Gemischtpraxen.
Die Abkehr der Veterinärmediziner von der Großtierpraxis wird noch deutlicher, wenn man sich vor Augen hält, daß es sich bei den meisten neuen Niederlassungen in dieser Gruppe um reine Reitpferde-Praxen handelt, die von der Wirtschaftslage in der Landwirtschaft nicht tangiert werden. "Die Nutztierpraxis verwaist mehr und mehr", konstatiert Karl-Theodor Friedhoffmit Blick auf das stark gesunkene Interesse der Absolventen an der Rinder- und Schweinepraxis. "Es zeichnet sich ab, daß es demnächst in diesem Bereich mehr freie Stellen als geeignete Bewerber geben wird." Selbst die wenigen jungen Tierärzte, die es reizvoll finden, in Gummistiefeln im Stall zu operieren, bleiben der Nutztierpraxis meist nicht lange treu: Von 56 befragten Absolventen, die nach ihrem Examen in einer Großtierpraxis angefangen haben, arbeiteten vier Jahre später nur noch 15 im Nutztierbereich. Alle anderen hatten sich eine ruhigere Stelle in einer Gemischt- oder Kleintierpraxis gesucht. Zu diesem Ergebnis gelangt Frank Schellenberger in seiner Dissertation über die "Erfassung und Bewertung tierärztlicher Tätigkeitsbereiche in der Bundesrepublik Deutschland", die er im Herbst 1996 an der Universität Leipzig vorgelegt hat.
Als Gründe für ihre Abwanderung nannten die ehemaligen Großtierassistenten die unsichere Zukunft der Nutztierpraxis, die hohe körperliche Belastung und die unregelmäßigen Arbeitszeiten. "Die tatsächliche Arbeitszeit der Anfangsassistenten betrug 57,43 Stunden in der Woche bei einem Bruttogehalt, das um 33 Prozent niedriger war als das im öffentlichen Dienst", berichtet Frank Schellenberger. 58 Prozent der Befragten machten ihren Job überdies für negative Entwicklungen in ihrem Familienleben oder eine gescheiterte Partnerbeziehung verantwortlich.
Eine attraktive Alternative zu nächtlichen Notrufen in den Kuhstall ist die Klein- und Heimtierpraxis, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Führten 1975 gerade mal elf Prozent aller selbständigen Tierärzte eine reine Kleintierpraxis, so waren es 1995 bereitsüber 39 Prozent. Und der Anteil der Kleintier-Spezialisten steigt alljährlich weiter an. Selbst in den neuen Bundesländern, wo es zu DDR-Zeitenüberhaupt keine Heimtierärzte gab, sind heute schon 15 Prozent aller Niederlassungen reine Kleintierpraxen. "Im Gegensatz zu den Nutztier-Beständen in den neuen Bundesländern, die sich seit der Wende um gut 50 Prozent reduziert haben, wächst die Zahl der Hunde, Katzen und Pferde langsam aber stetig an", weiß Hans-Georg Möckel, Präsident der sächsischen Tierärztekammer. Er schätzt, daß die östlichen Bundesländer bei den Pferde- und Hundebeständen spätestens in zehn Jahren mit dem Westen gleichgezogen haben werden.

Wandel der Mensch-Tier-Beziehung

Das potentielle Klientel der Tierärzte wird sich dadurch vervielfachen. Denn im Gegensatz zu den Bauern, die den Veterinärmediziner nur noch selten konsultieren, kommen die Heimtierbesitzer immer häufiger. Rektor Karl-Theodor Friedhoff sieht den Grund dafür in einer "stark gewandelten Mensch-Tier-Beziehung" . Waren Heimtiere einstmals vor allem nützliche Hausgenossen, so sind sie heute fast zu Familienmitgliedern geworden. Und als solche haben die 10,4 Millionen Hunde und Katzen, die derzeit in deutschen Haushalten leben, Anspruch auf die bestmögliche medizinische Behandlung. Daß die Arztrechnung dabei den materiellen Wert des Tieres oft weit überschreitet, spielt für die Besitzer keine Rolle. Dafür verlangen die Herrchen und Frauchen aber vom Kleintierarzt auch Leistungen, wie sie sie von der Humanmedizin her gewohnt sind. "Vom Ultraschall bis zur Computertomographie, von der Chemotherapie bis zum Herzschrittmacher - es gibt kaum etwas, was es in der Kleintiermedizin nicht gäbe", formuliert Dr. Margund Mrozek, Sprecherin der Bundestierärztekammer in Bonn.

Ansteigende Kleintierzahlen

Ein noch recht junges Beispiel für die umfassende medizinische Betreuung der Heimtiere ist die Krebsfrüherkennung bei Hunden und Katzen. "Tumore sind bei diesen beiden Tierarten relativ häufig, aber nicht immer bösartig", erklärt Eugen Weiß, Leiter des Instituts für Veterinärpathologie an der Uni Gießen. Mit Hilfe feingeweblicher Untersuchungen können die Veterinär-Pathologen in den Labors der Universitäten heute eine recht genaue Prognose abgeben, welcher Tumor gut- und welcher bösartig ist. Für den ambulanten Tierarzt stellt diese Diagnose natürlich eine entscheidende Behandlungshilfe dar, die allerdings nicht ganz billig ist. Die Haustierbesitzer kümmert das wenig: "Zirka 11 000 Tumor-Proben von Haustieren pro Jahr werden allein in unserem Labor in Gießen untersucht", berichtet Eugen Weiß.
Beständig ansteigende Heimtierzahlen, Besitzer, die bereit sind, für die Genesung ihres vierbeinigen Hausgenossen ordentlich zu bezahlen - bessere Bedingungen kann sich die Tierärzteschaft eigentlich nicht wünschen. Leider hat die Sache einen Haken: Es ist schon jetzt sehr voll auf dem Arbeitsmarkt für Kleintierärzte, und monatlich wird es noch voller.

Überangebot schmälert den Verdienst

Mit dem Wandel des Mensch-Tier-Verhältnisses hat sich nämlich nicht nur die Einstellung der Kleintierbesitzer zu ihren vierbeinigen Kameraden verändert, auch die Veterinärmedizin- Studierenden wählen dieses Fach heute aus anderen Motiven als noch vor 15 Jahren. "Damals studierten bei uns sehr viele Söhne und Töchter von Landwirten, die ein sehr pragmatisches Verhältnis zum Tier hatten", erinnert sich Karl-Theodor Friedhoff. "Heute hingegen begründen drei Viertel aller Studierenden ihre Studienfachwahl mit 'Tierliebe'." Das Ergebnis dieser Entwicklung: Fast alle Absolventen suchen nach ihrem Studium eine Assistentenstelle dort, wo ausschließlich geheilt und nicht geschlachtet wird - in einer Kleintier- oder Pferdepraxis. Ein Überangebot, das sich natürlich im Verdienst niederschlägt.
Frank Schellenberger, der Leipziger Doktorand, weiß zu berichten, daß ein "zwölfstündiger Arbeitstag mit einer monatlichen Vergütung von 1 000 Mark brutto für einen jungen Assistenz-Tierarzt in einer Kleintierpraxis keine Seltenheit ist". Junge Tierärztinnen arbeiteten mitunter sogar bis zu zwölf Monaten völlig ohne Gehalt, um Erfahrung zu sammeln und sich ihren Berufstraum zu verwirklichen. "Die männlichen Absolventen denken in der Regel verdienstorientierter", beobachtet der Hannoveraner Rektor Friedhoff.
Sofortige Selbständigkeit bringt Kleintierärzten, die gerade ihr Examen in der Tasche haben, in der Regel auch nicht mehr ein, als eine Assistentenstelle. Im Gegenteil: "Die ersten zwei oder drei Jahre als niedergelassener Kleintierarzt sind eine so harte Durststrecke, daß man sie ohne finanzielle Hilfe von den Eltern oder dem Lebenspartner praktisch nicht durchstehen kann", diagnostiziert Franz-Viktor Salomon, Professor an der Veterinärmedizinischen Fakulät der Universität Leipzig. "In dieser Zeit eine Familie zu ernähren, ist vollkommen unmöglich. Nach einigen Jahren, wenn der neue Tierarzt sich etabliert hat, sieht dann meist alles ganz anders aus", meint Salomon. "Ich habe die Erfahrung gemacht, daß jede neue Tierarztpraxis im Lauf der Zeit auch neue Nachfrage und neue Patienten produziert."

Wettbewerbsvorteile aneignen

Karl-Theodor Friedhoff, der Rektor der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, sieht die Zukunft der niedergelassenen Kleintierärzte skeptischer. Er befürchtet, daß es bald eine Menge winziger Ein-Frau- oder Ein-Mann-Kleintierpraxen geben wird, die eigentlich ein Zuschußgeschäft wären, wenn der Tierarzt seine Arbeitsleistung realistisch in Rechnung stellen würde. Friedhoffs Rezept gegen die fortgesetzte Selbstausbeutung: Gemeinschaftspraxen, in denen Fachtierärzte aus den verschiedensten Spezialgebieten zusammenarbeiten. "Im Heim- und Begleittierbereich werden wir in den nächsten Jahren eine Entwicklung erleben, wie in der Humanmedizin. Der allgemeine Kleintierarzt überweist die schwierigeren Fälle an die Fachärzte für Innere Kleintierkrankheiten, Kleintier-Chirurgie, Kleintier-Augenheilkunde . . .", sagt Friedhoff voraus. In England und Amerika, berichtet Frank Schellenberger, sind solche Gemeinschaftspraxen mit sechs oder sieben gleichberechtigten Partern schon Iängst gang und gäbe.
Die Voraussetzung für den Eintritt in eine solche zukunftsträchtige Gemeinschaftspraxis oder Tierklinik ist logischerweise eine Fachtierarzt-Anerkennung. Sie hilft einem junger Tierarzt auch in anderen Bereichen, schneller Fuß zu fassen. "Ein Fachtierarzt hat sowohl in der freien Niederlassung als auch im Angestelltenverhätnis einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Allgemein-Veterinärmediziner", erklärt Professor Franz-Viktor Salomon.
Eine Erkenntnis, die sich offenbar nur langsam durchsetzt: 1975 lag der Anteil der Fachtierärzte bei 17,8 Prozent; 1995 war er nur geringfügig auf 22,6 Prozent angestiegen. Die größten Zuwachsraten verzeichneten auch hier die Kleintier- und die Pferdeheilkunde sowie die Chirurgie.
Ein weiterer Wettbewerbsvorteil auf dem hartumkämpften Arbeitsmarkt für Tierärzte ist die Promotion. "Man muß heute jedem Absolventen dringend raten, sich durch eine vernünftige Dissertation zu empfehlen", sagt der Leipziger Professor Salomon. "Die Zeiten, in denen man in der Praxis auch als Herr oder Frau Tierarzt ein Chance hatte, werden nämlich sehr bald zu Ende sein. "Für einen Einstieg in die Industrie ist der Doktorgrad schon heute unumgängliches Muß; und auch in Forschungsinstituten oder Labors geht ohne den "Doctor medicinae veterinariae" gar nichts.

Weniger Stellen in Veterinärämtern

Das nach der Praxis zweitgrößte Arbeitsfeld für Tierärzte ist traditionell das öffentliche Veterinärwesen. 1995 waren bundesweit 1887 Tierärzte im Veterinärverwaltungsdienst tätig, knapp 20 mehr als im Jahr zuvor. Dieser leichte Anstieg darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß freie Stellen in den Veterinärämtern immer rarer werden: Eine Folge der leeren Kassen und der Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst. "Die Anzahl der Stellenangebote für Bewerber ohne branchenspezische Erfahrung ist in der Veterinärverwaltung von 1977 bis 1994 um 46,4 Prozent gefallen", ermittelte Frank Schellenberger.
Fatalerweise ließ das immer rauhere Klima bei den Niederlassungen das Interesse der jungen Tierärzte an Stellen im öffentlichen Dienst enorm ansteigen. 1985 mußten noch 22 Prozent der Stellenanzeigen mehrmals veröffentlicht werden, bis sich ein geeigneter Kandidat fand. 1995 dagegen meldeten sich durchschnittlich 27,3 Bewerber auf jede Anzeige.
Noch ungünstiger stellt sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage für Tierärzte in den Schlachthöfen und Fleischuntersuchungsämtern dar. "Durch die Schließung der vielen kleinen lokalen Schlachthöfe, die den gestiegenen Hygieneanforderungen in der Fleischproduktion nicht mehr genügen konnten, sind die Stellenangebote für Tierärzte in diesem Bereich in den letzten zehn Jahren um 88, 7 Prozent zurückgegangen", erklärt Frank Schellenberger. Seine Recherchen haben ergeben, daß die wenigen offenen Stellen, die derzeit in der Fleischbeschau zu vergeben sind, meist an erfahrene Tierärzte gehen, die durch eine Schlachthofschließung arbeitslos geworden sind.
Der deutliche Rückgang der Tierarzt-Stellen in der Fleisch- und Lebensmittelhygiene ist nicht nur ein Ärgernis für die Veterinärmedizin-Absolventen, er ist auch ein Politikum - Stichwort: BSE. "Eigentlich müßte der Staat gerade in der jetzigen Situation sehr viele neue Tierarztstellen in der Fleischkontrolle schaffen, um das Vertrauen der Verbraucher wiederherzustellen", meint Karl-Theodor Friedhoff, Rektor der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Ihm schwebt eine Art Gesundheitspaß für jedes Nutztier vor, der bestätigt, daß das Rind oder das Schwein vor seiner Geburt bis zu seinem Tod ununterbrochen unter tierärztlicher Kontrolle stand. Woher allerdings das Geld für diese verbraucherschützende Maßnahme kommen soll, das weiß momentan niemand. "Vielleicht von der EU", hofft Friedhoff.
Hans-Georg Möckel, der sächsische Tierärztekammer-Präsident vertraut dagegen in punkto Transparenz bei der Nutztier-Aufzucht auf Mechanismen der freien Marktwirtschaft. Er glaubt, daß die Fleischindustrie selbst großes Interesse an finanziellen Unbedenklichkeitsbescheinigungen für ihre Produkte hat. "Mit der prozeßorientierten Qualitätsnorm DIN ISO 9000 beispielsweise könnte man einfach auch die Aufzucht- und Produktionsbedingungen in der Fleischindustrie kontrollieren", meint Möckel. Er kann sich durchaus vorstellen, daß es in Zukunft Tierärzte geben wird, die als freiberufliche Zertifizierer die Tieraufzucht im Land beurteilen.

Private Forschungslabors als Arbeitgeber

Die biomedizinischen privaten Forschungslabors, die derzeit überall wie Pilze aus dem Boden schießen, werden künftig ebenfalls vermehrt Stellen für Tierärzte ausschreiben."Die veterinärwissenschaftliche Forschung entwickelt sich heutzutage so schnell, daß es für einen niedergelassenen Tierarzt unmöglich ist, stets auf dem neuesten Stand der Virologie, Bakteriologie oder Biochemie zu sein", erklärt Karl-Theodor Friedhoff. Seiner Einschätzung nach wird daher in nicht allzu ferner Zukunft "hinter jedem praktischen Tierarzt ein veterinärwissenschaftlicher Forscher im Labor stehen, der Hand in Hand mit ihm zusammenarbeitet."
Jungen Tierärzten, die sich trotz aller Schwarzmalerei die Lust an einer eigenen Praxis und der Selbständigkeit nicht verderben lassen wollen, rät der sächsische Kammerpräsident Hans-Georg Möckel, sich wenigstens für die Anfangsjahre einen zusätzlichen Nebenverdienst zu suchen: bei der Zeitung, beim Rundfunk oder beim Fernsehen. "Ratgeber über den richtigen Umgang mit Heimtieren sind derzeit in allen Medien gefragt", beobachtet Möckel. "Warum", so fragt er sich, "überlassen die Tierärzte diesen ganzen Bereich eigentlich kampflos den Fachfremden?"

Franz-Viktor Salomon hat ebenfalls einen Tip für Niederlassungswillige: Sie sollten auf keinen Fall nach dem Motto "voll ist es überall" handeln und einfach irgendwo eine Praxis aufmachen. Viel besser sei es, die Landestierärztekammern aufzusuchen und sich dort einen genauen Überblick über die räumliche Verteilung der bereits existierenden Niederlassungen zu verschaffen, meint Salomon. Der Professor ist sich sicher, daß man auch ohne fähnchengeschmückte Übersichtskarte á la Dresdenüberall noch weiße Flecken entdecken kann. "Wenn jemand ein großes Wohngebiet mit 70 000 Menschen findet, in dem es noch keinen Tierarzt gibt, dann hat er ausgesorgt."

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11. Februar 1997 /Redigiert füs Internet von Prof. Dr. Heinz Mielke