"Wer bin ich - Was will ich"

Memorandum des Macherner Heimatfreundes Willi Schmidt


Willi Schmidt verstarb 89-jährig am 1. Juli 2001. 10 Jahre zuvor erschien in der Broschüre  "Schloß und Landschaftsgarten zu Machern" sein Beitrag  "Das Dorf  um 1924" aus der Ortschronik von  Machern, die er zusammengestellt hat.
Willi Schmidt übergab  im November 2000 dem Autor in vertrauensvoller freundschaftlicher Beziehung  sein "Memorandum" mit der obigen Überschrift und mit einem Anhang, in welchem er Namen von Persönlichkeiten aus Machern angibt. Beides wird nachfolgend  dargestellt. Die beiden Bilder stammen vom H. Mielke. 


Willi Schmidt
(1912-2001)

"Alles ,was ich bin , und alles, was ich wollte, wurde ich durch mich selbst, durch meine Heimat, mein Machern. 1912 wurde ich in Machern bei Leipzig geboren. Es war noch ein reines Bauerndorf, wie alle anderen Dörfer auch. Es gehörte zum Königreich Sachsen im Deutschen Kaiserreich.
Meine Kindheit erlebte ich mit nur wenigen Erinnerungen im ersten Weltkrieg. Ostern 1919 wurde ich in die Vierklassen-Volksschule aufgenommen und Ostern 1927 aus der nun Sechsklassen-Volksschule entlassen sowie in der Kirche konfirmiert.

Ich lernte das Bäckerhandwerk mit gleichzeitigem Besuch der Berufsschule in Leipzig. In meinem Beruf legte ich die Gesellenprüfung und auch die Meisterprüfung ab. Der zweite Weltkrieg begann.  Ich wurde gemustert und erhielt 1940 meinen Einberufungsbefehl zu einer kurzzeitigen Übung, welche bald sechs Jahre dauerte. So kam ich über Grimma nach Altenburg zu meiner Garnison, zur bespannten Feldartillerie, wo ich die Ausbildung als Kanonier an der Feldhaubitze 18 erhielt. Als Soldat, als Kanonier, ging es über Königsbrück quer durch Deutschland, durch Holland, Belgien und  Frankreich bis in die Nähe von Paris. Ein Besuch dorthin war  nicht möglich. Der Eifelturm und Versailles waren nur von weiten sichtbar. Es folgten Polen,  dann Könnern an der Saale, wieder durch Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich als Küstenschutz am Atlantikwall. Die Ostfront blieb mir nicht erspart. 2500 km kreuz und quer durch Russland bis nach Stalingrad.  Dann zurück, nur zurück "vom Feinde planmäßig abgesetzt" über Rumänien, Ungarn, Slowakei und Polen. Der Krieg ging zu Ende.
In der Tschechoslowakei kam ich bei Iglau in russische Gefangenschaft. Dann über Wien nach Ungarn. Durch Mut und List landete ich bei einer Entlassungskompanie. Mit anderen Kameraden ging es auf russischen LKWs über Wien und Budweis nach Zittau. Es war schon September 1945, als endlich die Freiheit wieder vor mir lag. Bald sechs Jahre war ich Soldat und nur Obergefreiter. In all dieser Zeit nur aus dem Kochgeschirr gegessen, ganz selten ein Bett gehabt, immer nur in Feldquartieren gelebt. Wieder in der Heimat angekommen, fand ich mein Machern unversehrt, von Russen besetzt.
 Ein neuer Anfang forderte auch, ein neues Leben zu beginnen.  Auf dem Leipziger Hauptbahnhof wurde ich Gepäckarbeiter mit der Stechkarre. Schon nach zwei Jahren legte ich meine Ladeschaffnerprüfung und bald auch meine Lademeisterprüfung ab. 25 Jahre versah ich meinen Dienst bei der Deutschen Reichsbahn. Ich gehörte in meinem ganzen Leben weder einer Partei noch einer politischen Organisation an, was mir auch zum Nachteil und doch auch zum Vorteil wurde. Der größte und längste Teil meines Lebens lag nun hinter mir. Es war eine aufregende Zeit gewesen, die ich keiner Generation wünsche, und das auch im Gedenken meiner gefallenen Kameraden. Ich wünsche mir aber eine Welt mit ewigen Frieden für alle.  Mit 71 Jahren entschloss ich mich, als Hobby von mir eine Heimatgeschichte von Machern aufzuzeichnen und zu bearbeiten und damit eine Mission zu erfüllen zur Freude aller Heimatfreunde von Machern, der lebenden und der noch kommenden.

Machern 1991                                                                                                                                                                                             Willi Schmidt"


Ampelkreuzung in Machern (2006): Ehemalige Bäckerei von Schmidts Vater (M. hinten) , was das spätere Wohnhaus von Willi Schmidt ist. Es wurde 2008 abgerissen und dort ein neues Wohnhaus von den Erben erbaut. Links sind  Villa Louise  und rechts Försters Haus zu sehen.

Von Willi Schmidt hervorgehobene Persönlichkeiten, die in Machern lebten (+) oder noch leben (°)

+Linnemann, Carl: Musikalienverlag Leipzig, Villa am Plagwitzer Weg.

+Fritzsche Dr. Dr.: Rosen und Parfüm Miltitz, Villa am Plagwitzer Weg.

+Voigtländer, Robert: Buchverlag Leipzig, Villa am Zeititzer Weg.

+Dunker, Alexander: Zeitschriftenverlag Leipzig, Villa  Louise an der Leipziger Straße.

+Rosch, Walter: Kunstmaler, Waldwinkel.

+Rudolph, Richard: Kunstmaler, Waldwinkel.

+Strüning, Eberhardt: Kunstmaler, Schwarzer Weg.

+Hammer, Georgine: Kunstmalerin, Waldwinkel.

+Polster, Fritz: Gesangsdozent, Weißackerweg.

+Sack, Martin: Flieger im 2. Weltkrieg, Auszeichnungen.

+Weigel, Bruno: Polizist in Leipzig, jagte dort 1913 ausgebrochene Zirkuslöwen, Grabstein  auf dem Friedhof in Machern.

°Höhne, Christoph: bei Olympiade 1968 in Mexiko-Stadt Goldmedaille im 50 km Gehen.

°Reimann, Hans-Georg: bei  Olympiade 1972 in München  Bronzemedaille im Gehen,  bei Olympiade 1976 in Montreal Fahnenträger der DDR-Mannschaft.

+Beyreuther, Ernst: Oberlehrer und Kantor in Machern, Verfasser des Buches "Machern  im Wandel der Zeit" von 1938.

+Preil, Arthur: sächsischer Komiker in den Anfangsjahren des Rundfunks um 1926 ,  Wochenendhaus an Wurzener  Straße.

+Neels, Hermann, Dr.: Professor für Kristallographie an der Uni Leipzig, Zeititzer Weg.

+Übermuth, Herbert, Dr.: Professor für Chirurgie an der Uni Leipzig, Seestraße.

 °Duck, Hans Joachim, Dr.: Professor für Innere Medizin (Kardiologie) an der Uni Leipzig,   Waldwinkel.

°Polster, Hermann Christian: Professor. Oratorien- und Opernsänger, Weißackerweg.



Leipzig, 14. 10. 2012 /Prof. Dr. Heinz Mielke/