Die von Carl Graf von Lindenau in Machern geschaffenen Park- und Schloßsehenswürdigkeiten und ihre möglichen Vorbilder an anderen Orten:

6. Der Tempel der Hygieia

Einleitung

Der Tempel der Hygieia wurde 1797 in Machern als letzter Parkbau errichtet, mit dem Carl Graf von Lindenau seine großartige sächsische Gartenanlage beschloss. Zu dieser Zeit war er als königlich-preußischer Oberstallmeister, Direktor des Obermarstallamtes und Generaldirektor der königlichen Thierarzneischule in Berlin sowie als Oberst und Generaladjutant der Kavallerie in Potsdam unter Friedrich Wilhelm II. eine stark beschäftigte und erfolgreiche wirkende Persönlichkeit. 1796 erwarb er das Gut Glienicke bei Potsdam, auf das er dann 1802 mit seiner Frau  umzog, nachdem er seine Besitztümer in Machern einschließlich des Parkes verkauft hatte. Über den Umzugsgrund ist bis heute von Besitzerseite nichts bekannt geworden. Mit dem dort errichteten Parkbau "Neugierde" bestehen bauliche Beziehungen zum  Macherner Park.

Sehenswürdigkeiten

Der Tempel und die Statue der Hygieia, der griechischen Göttin der Gesundheit

In seinem Buch „Beschreibung des Gartens zu Machern“ würdigt  E. W. Glasewald   1799 den Tempel der Hygieia mit folgendem Bericht: „Ein kleiner Bach kommt aus einer Quelle, über welcher im Schatten eines dunklen Haines der Göttin der Gesundheit ein offener Tempel erbaut ist, als Anspielung auf die Quelle, deren  Wasser mineralische Teile enthält. Stufen führen zum Eingang, den zwei Pilaster und zwei freistehende, gereifte dorische Säulen bilden. Über dem Hauptgesimse findet sich eine Nische und in dieser steht ein Opfergefäß, in Form einer verschlossenen Vase, die Schlangen als Handhaben (Henkel) hat. Das Innere des Tempels ist ein Viereck. Der Quellbrunnen befindet sich in der hinteren Wand. Er ist von einem Drahtgitter geschützt. Über ihm steht in einer Nische die Statue der Göttin. Sie ist als schönes Mädchen dargestellt, mit sanften Ernst im Blick. In der linken Hand hält sie die heilbringende Schale, aus der eine Schlange trinkt, ihr gewöhnliches Attribut. Neben ihr sind zwei kleine Nischen in der Wand für Vasen angebracht. Von den Stufen dieses Tempels hat man eine vortreffliche Aussicht auf den Schwemmteich.“ (so etwa, wie beim „Gartensitz“ s. u., H. M.).
Nach langer Abstinenzzeit erfolgte 1987 die  Aufstellung einer neuen, rekonstruierten Statue der Hygieia, deren Original wohl schon im 19. Jahrhundert in Verlust geraten war. 1987  war  auch die  Tempelanlage  saniert worden.  Leider sind inzwischen wieder vandalische Beschädigungen an der Statue und  am Opfergefäß entstanden.


Tempel der Hygieia (Senff 1799)


Tempel der Hygieia (Foto: H. Mielke 1999)

-
Tempel der Hygeia (Foto: H. Mielke 2007)

Mögliche Vorbilder

 Das vom Leipziger Siegel erdachte Bild „Gartensitz am See“


"Gartensitz am See" (Zeichnungsausschnitt von Siegel 1792)

Bei der Planung und Entstehung des Tempels der Hygieia spielte wie bei den anderen Macherner Parkbauten der Bauinspektor E. W. Glasewald eine wichtige Rolle. Wahrscheinlich hängt die Idee zu diesem einräumigen Tempel mit dorisierendem Portal und schöner Aussicht über den See  mit der Impulse gebenden Zeichnung „Der Gartensitz am See“ aus  der Sammlung  „Sechs mahlerischen Ansichten vom Garten zu Machern bei Leipzig“  zusammen.   Sie stammen von C. A. B. Siegel, der sie 1792 in Leipzig veröffentlicht hat (Bild o.).

Die Neugierde in Glienicke

Der Tempel der Hygieia in Machern steht  mit dem Parkbauwerk "Neugierde" im Park des Gutes von Glienicke (heute Klein-Glienicke) bei Potsdam durch bauliche Analogie in Verbindung. Das Gut war von Carl Graf von Lindenau 1796 erworben worden (letztes Bild). Bald nach dem Kauf dieses Gutes  begann Carl Graf von Lindenau dort mit Umbau- und Erweiterungsarbeiten. Unter der Leitung von E. W. Glasewald wurden in der Nähe der vorbeiführenden Chaussee die Neugierde und eine Orangerie errichtet. Leider gibt es im Schriftum zur Neugierde keine Hinweise über mögliche Zusammenhänge mit dem Bau des Tempels der Hygieia in Machern, zu dem gestaltungsmäßig große Ähnlichkeiten bestehen, wie auch beide zur gleichen Zeit von ein und demselben Bauherrn und Baumeister errichtet wurden.

----

                                                        Neugierde (Glasewald-Bau 1797)     Kleine Neugierde (Schinkel-Umbau 1825)
                                                      (Ausschnitt aus  Panoramabildrolle)                     (Foto: H. Mielke 1995)

Die Sphinx auf dem Architrav der Neugierde hat ihr Vorbild im „ägyptischen Portal“ der Orangerie des Neuen Gartens in Potsdam, die von Langhans entworfen und  von Krüger 1791 erbaut wurde (Bild).


Das „ägyptische Portal“ der Orangerie in Neuen Garten zu Potsdam
(Ausschnitt aus Foto: M. Becker 2005)

Die Neugierde  ist ein Teepavillon mit zwei Fenstern zur Chaussee zum ungesehenen Beobachten des Verkehrs auf  ihr. In der Bauart  ist sie ein dorisierender Antentempel mit Hauptraum und  offener Vorhalle zum Garten (Bilder o. und u.).


Blick auf das Anwesen des Grafen von Lindenau um 1805 von der Chausseeseite aus, der späteren Königsstraße, die von Potsdam nach Berlin führt.
(Kupferstich von W. Jury, gezeigt  auf  der Ausstellung  „Schloß Glienicke. Bewohner, Künstler, Parklandschaft.“  - Berlin 1987).

In Glienicke wohnte die Grafenfamilie von Lindenau von 1802 bis 1812. Dann übernahm der Staatsmann und spätere Fürst Carl August von Hardenberg das Anwesen, das nach dessen Tod 1822 zum Sommersitz des Prinzen Carl von Preußen wurde. Schinkel und Linné begannen nun  zu Wirken. Eine Große Neugierde wurde gebaut und der Glasewald-Bau der Neugierde  zur Kleinen Neugierde  1825 umgestaltet (Bilder o.).

Zurück zur Übersicht.



Machern, 29. 11. 2007/Prof. Dr. Heinz Mielke