Die von Carl Graf von Lindenau in Machern geschaffenen Park- und Schloßsehenswürdigkeiten und ihre möglichen Vorbilder an anderen Orten:

 5. Die Ritterburg mit Turm, Säuleneingang und unterirdischem Gang

Einleitung

In den Jahren 1795/96 ließ Carl Graf von Lindenau in seinem Macherner Landschaftsgarten von E. W. Glasewald einen 26 m hohen Turm im damals in Mode gekommenen Ruinenstil errichten, der nur einen einzigen Zutritt von einer künstlichen Grotte mit  einer Art von dorischem Portal aus über einen 36 m langen unterirdischen Gang  hatte. Von Anfang an wurde dieses Bauwerk Ritterburg genannt. Wahrscheinlich ist das auf die  gleichnamige Zeichnung aus  der Sammlung „Sechs mahlerischen Ansichten vom Garten zu Machern bei Leipzig“ zurückzuführen, die C. A. B. Siegel 1792 veröffentlichte (s. u.) und die wohl namensmäßig und in der Gestalt des abgebildeten Turmes ganz den Absichten und dem Wunsche von Carl Graf von Lindenau entsprach, die Erinnerung an seine Vorfahren des Mittelalters mit dieser Art von Bauwerk hoch zu halten.

----
Außer der Ritterburg  selbst (l.) sind heute noch weitere Wahrzeichen dieser zurückgeholten Ritterzeit vorhanden und hervorzuheben:  im unterirdischen Gang die Relief-Steinplastik Betender Ritter vor einem Kreuz (M.) und das Lindenauische Ritterwappen  am Balkon des Balkonzimmers mit geschmücktem Turnierhelm und Schild, darauf der Lindenbaum und 3 Rosen (r.).

Sehenswürdigkeiten

Die Ritterburg mit Turm, Säuleneingang und unterirdischem Gang

Der einzig Zutritt zur Ritterburg ist ein Säuleneingang in der Art eines dorischen Portikus (Bild o.). Bei ihm nimmt der  36 m lange unterirdische Gang (8.)  in einer Grote seinen Anfang . Er endet in der unterirdische gotischen Vorhalle mit 4 achtkantigen Säulen.  Von ihr kommt man in den Turm, und zwar über ein Vorgewölbe in das Burggefängnis und in die Obergeschosse des Turmes. Der Turm der Ritterburg  besitzt einen Treppen- und einen Raumteil sowie ganz oben eine  Aussichtsplattform (1.). Der Raumteil umfasst: zuunterst das Verlies (7.) im Burggefängnis, das im Erdgeschoss ein Raum mit Netzzellengewölbe und  Kamin ist (6.), im 1. Obergeschoss den einfachen Raum (5.), im 2. Obergeschoss den Rittersaal (4.), im 3. Obergeschoss das Balkonzimmer mit Kamin und Balkon (3.) und im 4. Obergeschoss den anfangs vorhandenen Regenwasserablaufraum, dessen Decke und damit  auch die Aussichtsplattform  unter Beteiligung von Maurern und Leipziger Pfadfindern 1924 um 60 cm angehoben wurde und so  das neue  Zimmer (2.) ergab, die  Hildegardkemenate, benannt nach der Schirmherrin der Pfadfinder und Besitzergattin Hildegard Schnetger. Bei den Pfadfindern waren (3.) der Rittersaal, (4.) das Rotes Zimmer, (5.) der Schlafsaal und (6.) die Küche. (Die Zahlen hinter bzw. vor  den Räumen, der Aussichtsplattform und im unterirdischen Gang auf den beiden Bilder sind als Raumerkennung und –zuordnung gedacht.)

--
           Zeichnungen über die Innengestaltung der Ritterburg aus Veröffentlichungen von E. W. Glasewald (1799) (l.)
und von Leipziger Pfadfindern (1928), die von 1924 stammt

In den Jahren 1998-2003 wurde die Ritterburg aus Mitteln des Denkmalschutzes restauriert und, was die Sanitär-, Elektro- und Sicherheitsbereiche betrifft, auch trefflich modernisiert.
Carl Graf von Lindenau hat den Bau der Ritterburg in einer vorstellbaren ersprießlichen Schöpfungsphase nach dem Bau der Pyramide (1792) und der Einrichtung der Ritterstube im Schloß (1794) wohl als krönende Staffage in seinem englischen Landschaftsgarten in Angriff genommen. Neben den künstlerischen Teilen am neogotischen Bau selbst, wie Buntglasfenster und Türen mit verschiedenen Schmuckelementen sowie Malereien, lassen  die Inventarlisten beim Verkauf des Macherner Besitzes 1802 erkennen, dass die Ritterburg für ihn nicht nur als eine Art Privatmuseum und Aussichtswarte fungieren sollte, wie B. Ruge in ihrer Magisterarbeit „Der Landschaftsgarten Machern“ (Berlin,2000) vermerkt, sondern auch mit Hochachtung und  tiefer Verbeugung dem Andenken an seine Ahnen aus der Ritterzeit geschuldet ist, ganz im Sinne seiner  Mitgliedschaft im Johanniterorden.
Im Rittersaal (4.) waren anfangs Ritterrüstungen und eine Waffensammlung ausgestellt sowie ein großer Eichentisch mit einem Armstuhl und 10 Stühlen vorhanden. An der Decke kämpfte in farbiger Darstellung der Heilige Georg mit dem Drachen, und an den Wänden sah man Rittermotive, in Grisaille-Technik gemalt. Leipziger Pfadfindern durften in den 1920er Jahren die Ritterburg als  Landheim nutzen, wobei ihnen die Zimmer zu anderen Zwecken als zu Lindenaus Zeiten dienten (s. o.). Heute nach der Restaurierung ist  das Balkonzimmer (3.)  eingerichtet mit einem soliden Tisch, stabilen  Stühlen, einer schweren Truhe und einem Schrank sowie mit funktionsfähigem Kamin und hat einen betretbaren Balkon mit Lindenau-Wappen. Ein Bild von Carl Graf von Lindenau hängt an der Wand, und ein  Harnisch ist am Eingang postiert. Das beschädigte Relief „Johannes der Täufer, Kruzifix und Maria“ über der Tür ist jedoch restaurierungsbedürftig geblieben (Bild u.).


 

Zustandsansichten der Macherner Ritterburg im Wandel der Zeit

--

Durch Innenbrand verursachte  echte Ruinenzeit (1948-1995) Restaurierungszeit (1988-2003)      Neunutzungszeit (ab 2003)

Die Verkehrsbetriebe der Stadt Leipzig führten 1951 am Fuße der Ritterburg ein Kinderferienlager in einem errichteten Barackenlager durch. Wie die Pfadfinder 1924 hissten auch sie eine Fahne auf der Ritterburg, deren Betreten aber den Kindern damals aus Gefahrengründen verboten war.

Mögliches Vorbild

Vom Leipziger Siegel erdachtes Bild einer Ritterburg

1792 veröffentlichte Carl August Benjamin Siegel die Sammlung „Sechs mahlerische Ansichten vom  Garten zu Machern bei Leipzig“ mit Zeichnungen von ihm, die zwei Kupferstecher grafisch für den Druck umgesetzt hatten. Darunter waren die Bilder „Die Ritterburg“ und „Der Gartensitz am See“ . Über alle 6  Bilder urteilt Berit Ruge (2000) im Hinblick auf den Garten von Machern: „Keine der dargestellten Gartenarchitekturen wurde in der vorliegenden Form realisiert. Auch zeigen sie eine andere örtliche Einbindung in die Gesamtanlage.“ Diese Behauptung besteht zu recht, allerdings wurde möglichen doch vorhandenen Bezügen nicht weiter nachgegangen, was hier nun erfolgt:  Siegel (1757-1832) war von 1785 bis 1823 als Lehrer an der Kunstakademie und als Universitätsbaumeister in Leipzig tätig. Später wirkte er dann als Professor an der Kunstakademie in Dresden. Ihm waren die Bemühungen um die Gestaltung eines Landschaftsgarten in Machern  bestimmt bekannt.  Mit seinen Bildern  wollte er wahrscheinlich fördernde Hinweise geben. Siegels  6 mahlerische Ansichten, vermehrt um weitere 22 Kupfer der vielfältigsten gartenbezogenen Art , erschienen 12 Jahre später noch einmal im dem Buch von Christian Ludwig Stieglitz „Gemählde von Gärten im neuern Geschmacke“, in dem zwei fiktive Gartenanlagen in englischen Stil künstlerisch, mit dichterischen Einkleidungen und unter Einbeziehung der Zeichnungen von Siegel, umfassend beschrieben werden.


"Die Ritterburg" (Ausschnitt des Bildes von Siegel)

Bezüglich Siegel äußert sich  Stieglitz, dass dieser die Pläne für die beiden Gartenanlagen entworfen hat und das die meisten der Gebäude auf den Bildern Erfindungen von Herrn Siegel sind, einige aber auch aus englischen Werken entlehnt wurden. Es ist anzunehmen, dass Carl Graf von Lindenau und sein Baukondukteur E. W. Glasewald die 6 malerischen Ansichten Siegels von 1792 in den Händen gehabt haben und ihnen das Bild „Die Ritterburg“ (Bild) nicht nur namensmäßig sondern auch mit seiner Ruinenarchitektur im neogotischen Stil  entscheidende Anstöße zum Bau der Ritterburg im Macherner Landschaftsgarten gegeben hat, der dann 1795/96 verwirklicht wurde.

Zurück zur Übersicht.




Machern, 29. 11. 2007/Prof. Dr. Heinz Mielke