Die von Carl Graf von Lindenau in Machern geschaffenen Park- und Schloßsehenswürdigkeiten und ihre möglichen Vorbilder an anderen Orten:

4. Die Grisaille-Malerei in der Ritterstube des Schlosses

Einleitung

Im vorgegangenen 3. Kapitel wurde berichtet, dass 1794/95 ein Gewölbezimmer im Parterre des Macherner Schlosses neu als Ritterstube ausgestaltet wurde. Wahrscheinlich war es der Dresdener Architekt und Zeichner Johann Gottfried Klinsky, der im Auftrage von Carl Graf von Lindenau  eine Ganzausmalung des Raumes, einesteils in Grisailles-Technik,  andernteils in polychromen Bildern oder in beidem gemischt, ausführte. Das 3. Kapitel  befasste sich vorrangig mit den  Deckenfreskos der 4 schwebenden Evangelisten. Die weiteren Wand- und Deckenmalereien der Glaubensfiguren, der Rittergeschichte und der dekorativen Raumgestaltung werden in diesen 4. Kapitel behandelt.
Als damaliges Vorbild für eine Ganzausmalung „Grau-in-Grau“ (Grisaille) galt ganz offensichtlich die Berliner Zootomie, das von Carl Gotthard Langhans 1789/90 erbaute Hauptgebäude der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin, dessen Kuppelsaal von dem Maler Christian Bernhard Rode, dem Direktor der Preußischen Akademie der Künste,  in der  Grisailles-Technik gestaltet wurde, allerdings mit anderen Bildinhalten und anders dargestellter Scheinarchitektur als später in der Macherner Ritterstube (s. u.). Carl Graf von Lindenau war in dieser Zeit als königlich-preußischer Oberstallmeister der Generaldirektor und der Bauherr der Berliner Thierarzneischule und daher auch eng verbunden mit der Planung, Erbauung und Gestaltung besonders der Zootomie, von der er die dort genutzte Ausmaltechnik 4-5 Jahre später für seine Ritterstube im Schloß zu Machern übernahm.
 

Die Sehenswürdigkeiten

Als Glaubensbekenntnis von Carl Graf von Lindenau sind neben den 4 schwebenden Evangelisten  auch 6 weitere Einzelfiguren anzusehen, wie die 4 auf Konsolen stehenden polychromen (s. u.) und die 2 grau-in-grau gemalten, der Heilige Benedikt (Bild u.) und eine Nonne (Bild  Bergkapelle).
 

4  Glaubensfiguren auf Konsolen

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                                                                                Maria mit Kind                           Petrus mit Himmelsschlüssel
                                                                                                                                           und Heiligen Schein

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                                                                      Bischof Nikolaus mit Mitra      Benediktinernonne Scholastika mit Buch:
                                                                              und Bischofsstab                           "Bete, arbeite und lies!"

Für die Ritterstube aber prägend sind die auf die  Ritterzeit bezogenen Darstellungen zum Gedenken an die Vorfahren des Grafen, besonders die unter den 4  Schildbögen aber auch  an anderen Stellen  zu sehenden Ritter sowie die  mittelalterlichen Waffen wie Hellebarden, Lanzen, Axt, Morgenstern, Keule, Schilde und Schwerter.

Teilansichten der Ritterstube


Der Gewölbeteil "südost" mit Fensternischen


Die Gewölbeteile "nordwest" (v.) und "nordost" (h.) mit Bildern an denWandschilden

Diese beiden Fotos zeigen die durch die Grisaille-Technik erzielte plastische Scheinarchitektur an den Gewölbebögen und -kappen und die  scheinbar reliefartig hervorspringenden gotischen Verzierungen.  2 von  den 3 großflächigen sentimental-romantischen farbigen Darstellungen  in  illusionistischer Ideallandschaft, nämlich die mit der Burg (v.) und die mit dem Schloß (h.) sind auf dem zweiten Bild (o.),  die mit dem Schloß und der Bergkapelle  auf den beiden nachfolgenden Bildern (u.) zu sehen.


Das Schloß


Die Bergkapelle

   Darstellung der  Ritterzeit unter den Schildbögen und an den Wänden



Ritterschlag


Drei geharnischte Ritter zu Pferde und zu Fuß bei einer Wegpause


Ritterliche Brautwerbung


Belehnung eines Ritters bei Anwesenheit seiner Frau


                 Ritter im Harnisch mit Schild      Mittelaltl. Waffen  Heiliger Benedikt mit Rosenkranz und Kreuz

Die Szene mit dem Ritterschlag wird verständlich durch den genealogischen Bericht „Qui Transtulit“ über die Stammreihe derer von Rohr aus der Priegnitz. Darin befindet sich eine  Tatsachenschilderung über die Prozedur des Ritterschlages zur Aufnahme neuer Rechtsritter in den Johanniterorden, in den ältesten deutschen Orden.  Obgleich der Bericht aus dem Jahre 1764 stammt und die Person  Otto George Albrecht von Rohr (1736-1815) betrifft, so dürfte der beschriebene Ritterschlag in ähnlicher Weise auch 1790 bei der Aufnahme von Carl Graf von Lindenau in den Johanniterorden in  Sonnenburg bei Küstrin stattgefunden haben, aber auch schon zur "wahren" Ritterzeit. Carl Graf von Lindenau knüpft in tiefer Verehrung mit den Bildern der Ritterstube an die Ritterzeit seiner Vorfahren an: Die Ritterszene im ersten Schildbogen der Ritterstube, die als  „Ritterschlag“  zu deuten ist und wohl Albrecht von Lindenau für die Teilnahme an der Schlacht bei Brüx (1438) ehrt, zeugt davon: der Anwärter kniet nieder und bittet um den Ritterschlag (Bild).
Der genannte Bericht bezieht sich auf Otto George Albrecht von Rohr und lautet: „Am 1. Oktober 1764 bewegt sich im märkischen Städtchen Sonnenburg (heute poln. Slonsk) vom Ordensschloß (1976  vorsätzlich abgebrannt) zur Kirche (zur evangelischen Ordenskirche bis 1945, danach poln. katholische K.) unter Glockengeläut ein feierlicher Zug. Pauken und Trompeten voran; dann paarweise achtzig Fürsten, Adlige, darunter Otto George Albrecht – alles Ordensanwärter, in der Reihenfolge des Loses. Darauf Ordensritter in schwarzen Mänteln mit achteckigem weißem Kreuz. Kommendatoren, Marschälle. Der Herrenmeister selbst, Bruder des Königs, mit weißen Federn am Hut. Der Hauptmann mit erhobenem Schwert, der Kanzler mit dem Ordenssiegel im Beutel. In der Kirche singen sie „Allein Gott in der Höh sei Ehr. .“. Dann knien die Anwärter nacheinander vor dem Herrenmeister nieder, bitten um Aufnahme in den Orden und schwören auf die Bibel in der Hand des Meisters den Rittereid. Musik! Dreimal schlägt der Meister mit dem Schwerte jedem Knienden über den Rücken und sagt dabei „Besser Ritter als Knecht“. Wieder Pauken und Trompeten: Der Meister hängt einem jeden Mantel mit Kreuz um. Dann verliest der Kanzler die Ritterpflichten: Ein Ritter muß altadligen Standes sein und gottseligen Lebenswandels; die Kirche schützen; fürs Vaterland kämpfen,  im Kriege dem Kurfürsten dienen, sich nie gefangen geben bei Strafe der Ausstoßung; Witwen, Waisen, Betrübten helfen; keusch leben, nach diesem Ritterschlag sich von niemand mehr schlagen lassen, die vier mittelalterlichen Kardinaltugenden hoch halten: prudentia, fortitudo, modestia, justitia – Klugheit, Tapferkeit, Bescheidenheit, Gerechtigkeit; dem Orden gehorchen; öffentlich immer das Kreuz tragen – bei 60 Taler Strafe. Zurück geht die Prozession zum Schlosse. Dort unterschreiben die neuen Ritter ihre Investitur und drücken ihre Siegel bei. Die Ordensmäntel werden ihnen zur Aufbewahrung im Ordensarchiv abgenommen. Dann geht es recht vergnügt zur Tafel.“

Andere dekorative Decken- und Wandmalereien

An den Gewölbedecken neben den 4 Evangelisten sieht man  8 Blattrosetten aus  6  Akanthusblättern, 4  haben ein naturelles, unauffälliges Mittelteil (Bild o.) und 4 an dieser Stelle aber ein auffälliges Mondgesicht (Bild u. l.). An anderer Stelle blickt eine Art  Kobold hinter einer Lanze hervor (Bild u. M.), und an der Mittelsäule und den Wandsäulen erkennt man 8 nicht deutbare, fast "dämonenhafte" Gesichter, die von Blattwerk wie von Schlangen umwunden sind (Bild u. r.).
 
 

Mori Ogai, ein japanischer Militärarzt, nahm mit Erlaubnis des Sächsischen Königs 1885 an den Manövern im Raum Grimma teil und bezog am 27. August zusammen mit weiteren Offizieren Quartier im Schloss zu Machern.  Später wurde er ein berühmter Dichter und Schriftsteller, der Goethe ins Japanische übertrug und in Japan hochverehrt wird. In Machern  wird er seit 2002 am historischen Brunnen vor dem Rathaus auf einer Bronzetafel mit Konterfei, Namen und Machern-Bericht geehrt.  Im seinem „Deutschlandtagebuch“ beschreibt er seine Eindrücke beim Betreten des Schlosses und der Ritterstube wie folgt:  „Das Haus ist im Innern reich geschmückt, es schwebt ein Hauch  kriegerischer Atmosphäre in ihm. An dem Deckengewölbe  und an den vier Wänden sind Dämonen, Drachen und Schlangen gemalt und in die Pfeiler Waffen und Tierköpfe geschnitzt.“  Es ist ein beachtenswerter Zeitbericht, der schon vor über 100 Jahren auf die Ritterstube im Schloss zu Machern aufmerksam machte. Allerdings war und ist dort nichts Geschnitztes an den Pfeilern. Einiges Festgestellte ergibt sich aus Deutungsmängeln,  anderes einfach als  Effekt der Grisaille-Malerei.
 

Mögliche Vorbilder

 Grisailles-Malereien in der Zootomie der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin

Carl Graf von Lindenau hatte als Königlich-preußischer Oberstallmeister und Generaldirektor der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin entscheidenden Einfluss auf den Bau und die Gestaltung der Gebäude der 1790 eröffneten Thierarzneischule zu Berlin in einem engen Miteinander mit dem Oberbaudirektor Carl Gotthard Langhans  und dem Maler Christian Bernhard Rode (1725-1797), dem Direktor der Preußischen Akademie der Künste ausgeübt. Die Grisaille-Technik eines Künstlers wie Rode beeindruckten ihn sehr, und er setzte sie wenig später  als  geeignete Technik  bei der Ausgestaltung der Ritterstube in seinem Schloss zu Machern ein (s. o.).
Die Bilder im Kuppelsaal der Zootomie mit der sich als Scheinarchitektur präsentierenden Kastendecke und mit dem Freskenzyklus zwischen den Tambourfenstern zum Thema  "Huldigung der Haustiere durch den Menschen" zeigen Rodes kunstvolles Arbeiten in der Urform (Bild von 1890) und dann nach einer Restaurierung  in den 1950er Jahren (Bild von 2007), wo bei einem Vergleich geringfügige Änderungen der Huligungsbilder zu erkennen sind.
 

Kastendecke des Kuppelsaales

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               Aufnahme von  1890                                        Aufnahme von 2007 (H.-W. Fuchs)
 

Der Freskenzyklus von Ch. B. Rode: "Huldigung der Haustiere durch den Menschen"
(Bildbenennung: H. Mielke und Fotos: H.-W. Fuchs)

  
Ziegenzüchter mit Hirtenstab und Panflöte


Schafzüchter mit Schurschere und Spinnrocken


Schweinezüchter mit Ast und Eichenblättern


     Parforcejäger mit Jagdhorn und Spieß


Milchkuhbauern mit Hirtenhorn und Pflug


Rinderschlachter mit Keule und Messer


Kavalleristen mit Helm und Lanze


Rossebändiger mit Decke auf gebändigtem

                                                                                                

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Machern, 28. 11. 2007/Prof. Dr. Heinz Mielke
Erweitert: 15. 11. 2008