Die von Carl Graf von Lindenau in Machern geschaffenen Park- und Schloßsehenswürdigkeiten und ihre möglichen Vorbilder an anderen Orten:

2. Die Pyramide mit dorischem Portikus

Einleitung

Die  zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war in der Kunst und im Bauwesen durch die aufkommende Begeisterung für das alte Ägypten und Griechenland gekennzeichnet. Der deutsche Klassizismus begann sich zu entwickeln, wobei entsprechende Nachahmungen eine große Rolle spielten. Zu dieser Zeit trat Carl Graf von Lindenau 1786 in königlich-preußische Dienste und kam bald auch durch gemeinsame Arbeitsaufgaben mit Carl Gotthard Langhans (1732-1808) zusammen, einem  anerkannten Vertreter des deutschen Frühklassizismus. Dieser war Oberbaudirektor und Direktor des neugegründeten Oberhofbauamtes in Berlin. Graf von Lindenau war Oberstallmeister und Direktor des Obermarstallamtes in Berlin und in dieser Funktion auch Generaldirektor der 1790 von ihm auf  Weisung von Friedrich Wilhelm II. gegründeten Königlichen Thierarzneischule zu Berlin. Um 1790 wurde nach Entwürfen und unter Leitung von C. G. Langhans viel gebaut, u. a.  das Brandenburger Tor in Berlin, die als Eiskeller  genutzte Pyramide im Neuen Garten von Potsdam und das Hauptgebäude für die Thierarzneischule zu Berlin, die Zootomie, auch Anatomisches Theater genannt, . Diese Bauten waren alle vom Klassizismus geprägt und vor den Augen des des dort tätigen Grafen von Lindenau entstanden. Dessen im Aufbau befindlicher Landschaftsgarten in Machern wartete gerade auf Ideen zur weiteren Gestaltung. Aus diesem Grund wird der Graf interessiert  Ausschau nach nutzbaren Anregungen gehalten haben. Dabei war  begünstigend, dass bei seinem Obermarstallamt seit 1787 Ephraim Wolfgang Glasewald (1753-1817) als Bauinspektor angestellt war, hauptsächlich für die Errichtung und Erneuerung der königlichen Gestüte und Marställe. Glasewald war ihm schon durch dessen Bauleitungstätigkeiten zuvor bei seines Vaters Mühlen in Wurzen und auf dem Macherner Rittergut bekannt  und half  ihm sehr bei der Verwirklichung seiner privaten Zielstellungen im  Macherner Park, so zuerst bei der Errichtung der Pyramide (1792), später beim Bau der Ritterburg (1795/96) und des Hygieia-Tempels (1797) und war auch an deren konzeptionellen Planungen beteiligt.
 

 Die Sehenswürdigkeiten

Unter Leitung seines Bauinspektors E. W. Glasewald ließ Carl Graf von Lindenau 1792 in seinem englischen Landschaftsgarten in Machern eine Pyramide mit einer Grundfläche von 13x13 m und einer Höhe vom 11,45 m nach seinen Vorstellungen errichten.  Interessant ist die elegante Verbindung der ägyptischen Pyramidenform mit dem griechischen (dorischen) Portikus als Eingangshalle (Bilder u.).


Machern: Pyramide und Herkulanische Vestale (1996)


  Pyramiden-Längsschnitt (Hennig 1986)

Weiterhin sind in der Pyramide noch zwei dorische Säulen als innerer dorischer Portikus mit einem Postament für den  Gedenksarkophag des Grafen-Vaters,  Heinrich Gottfried Graf von Lindenau, vorhanden, der 1789 verstarb und da  in der Gruft der Macherner Kirche St. Nikolai bestattet wurde. Nach antiken Vorstellungen des Lebens nach dem Tode ist der Sarkophag hier im Hauptraum der Pyramide wie in einem gedachten Eingangsbereich vor der „Tür vom Diesseits ins Jenseits“ aufgestellt.  An der Wand über dem Sarkophag ist die Nische für die Gedenkurne der Grafen-Mutter. Der Sarkophag ist heute nicht mehr vorhanden.
In der dorischen Eingangshalle der Pyramide standen rechts und links in Längsnischen die Statuen der  Genien des Schlafes (Hypnos) und des Todes (Thanatos) und im Hauptraum an den Wänden in 26 kleinen Nischen Gedenkurnen: 24 mit den  Namen von Vorfahren und 2 mit denen von Mutter und Bruder.  15 Namen waren von männlichen Ahnen. Der Name des Vaters am Postament des Sarkophags machte den 16. aus.  So viele männliche Vorfahren verlangten damals die Aufnahmeregeln  des Johanniter-Ordens, als Carl Graf von Lindenau  als Rechtsritter 1790  investiert wurde. Er demonstrierte danach diese seine genealogischen Nachweise, die bis ins  12. Jahrhundert zurückreichen, in der Pyramide unter der Gedenkurne für den jeweiligen Ahn (diese Namen führt  Andreae, 1796 an).
 In der Krypta unter dem Hauptraum sind 4 Grabkammern, gedacht für die Aufnahme der Särge nach dem Tode des Grafen und  seiner Familie (s. Längsschnitt durch die Pyramide). Zwischen den schrägen Außenwänden der Pyramide aus rotem Rochlitzer Porphyrtuff   mit einer 58°-Neigung und den geraden Seitenwänden des Hauptraumes besteht ein Hohlraum, der einen Gang bildet. In die beiden Längs- und in 13 der Urnennischen  sind kleine Wandlöcher als Luftverbindungen zwischen Portikus, Gang und Hauptraum zur Luftzirkulation in der Pyramide eingelassen (Bild o. r.).
Die Pyramide wurde mit Hilfe von Fördermitteln 1992-1998 weitgehend restauriert. Auch die beiden weißen Löwen-Skulpturen wurden erneuert und rechts und links der Eingangstreppe  aufgestellt (Bild  mit Portikus u.).

Mögliche Vorbilder

 Pyramide in Potsdam und Pyramide mit dorischem Portikus in Garzau

Das Potsdamer Umfeld mit dem Pyramidenbau im Neuen Garten  durch Friedrich Wihelm II.  wirkte offenbar sehr stimulierend auf die Gedanken und Pläne des Grafen von Lindenau in  Richtung, auch in Machern eine Pyramide entstehen zu lassen, jedoch als gräfliches Mausoleum zum ehrenden Andenken an seinen Vater und seine Vorfahren, angetrieben durch seine Aufnahme in den Johanniter-Orden 1790, aber auch als Grabstätte für sich und seine Familie.
In den Jahren 1787 bis 1791 wurde in Potsdam am Heiligen See nach Vorbild des Wörlitzer Parkes der Neue Garten angelegt, ein sentimentaler Landschaftsgarten. In ihm  hatte C. G. Langhans die Pyramide im ägyptischen Stil gebaut. Nördlich vom Marmorpalais gelegen, diente sie als Eiskeller zur Speicherung von Eisblöcken für die Kühlung der  Speisen am königlichen Hofe (Bild u).


Potsdam: Pyramide im Neuen Garten


Garzau: Pyramide im Park (um 1790)

 Ein nützliches weiteres Vorbild war dafür wohl auch  die Pyramide von Friedrich Wilhelm Graf von Schmettau (1743-1806), in dem von ihm geschaffenen englischen Landschaftsgarten auf seinem Rittergut in Garzau, 35 km östlich von Berlin in der Nähe von Strausberg. Seinen Garten legte er  in den Jahren  1779 bis 1784 an. Als Parkstaffage gehörte dazu eine von außen begehbare Pyramide mit einem dorischen Portikus und oben mit einem Aussichtspavillon  (Bild o., um 1790). Sie sollte später die Grabstätte des Grafen von Schmettau sein. Aus finanziellen Schwierigkeiten musste dieser aber seinen Besitz 1802 verkaufen.
Die Garzauer Pyramide wird gegenwärtig von einem Förderverein restauriert. Es wäre begrüßenswert, wenn dabei der 1815 an die Strausberger Pfarrkirche St. Marien versetzte Portikus dieser Pyramide wieder nach Garzau auf seinen angestammten Platz zurückkäme.
Im Schrifttum konnten bisher keinerlei Kontakte (Besuche oder Gespräche) zwischen den beiden Grafen nachgewiesen werden, obwohl beide als hochrangige Offiziere bei Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III. zur selben Zeit dienten. Auch der Graf von Lindenau hat seinen Macherner Besitz 1802 verkauft. Er starb auf seinem Gut in Bahrensdorf bei Beeskow 1842 und wurde in Lieberose auf dem Städtischen Friedhof, der Graf von Schmettau  nach Tod-bringender Verwundung im Kampf bei Auerstedt 1806 in Weimar auf dem Jakobskirchhof bestattet. Beide konnten also nicht ihre Pyramide als Grabstätte nutzen.
Dem Grafen von Lindenau hatten diese Pyramiden von der Gestalt und dem ürsprünglichen Zweck ihrer ägyptischen Vorläufer her, Haus für die Ewigkeit zu sein, stark interessiert. Es ist anzunehmen, dass er diesbezüglich auch seinen Bauinspektor  E. W. Glasewald mit dem Oberbaudirektor C. G. Langhans zu baulichen Absprachen zusammen gebracht hat. Vielleicht hatte man da schon Kenntnis von der Vereinigung der Pyramide in Garzau mit einem dorischen Portikus als Eingang wie das auch später bei der Pyramide in Machern geschah (Bilder u.).


Dorischer Portikus der Garzauer Pyramide
an der Strausberger Kirche St.Marien
(Foto: R. Döscher 2007)


  Dorischer Portikus der Macherner Pyramide mit Treppenaufgang  und Löwenskulpturen

                                                                                  (Foto: H. Mielke 2002)
 

Der dorische Portikus ist ein Säulenportal, den die alte Griechen stets nach feststehenden Plänen gebaut haben: Die dorischen Säulen sind kannelürt und werden nach oben schlanker, sie schließen oben mit dem Kapitell ab, bestehend aus  quadratischem  Abakus und runden wulstigem Echinus. Auf dem Kapitell der Säulen liegt als Tragbalken der Architrav, dann kommt der breite Fries mit den Schmuckformen der Triglyphen, den drei zusammengefügten Senkrechten. Die freien Felder zwischen den Triglyphen sind die  Mesotopen. Das Giebeldreieck ist das Tympanon. Es ist meist verschiedenartig geschmückt oder mit Reliefskulpturen oder mit Schrift versehen. Im Tympanon des äußeren Portikus der Macherner Pyramide steht geschrieben: Unseren Entschlafenen, am inneren Portikus stand: Tod ist Ruhe.
An zwei weiteren von E. W. Glasewald errichteten Parkbauten findet man in Machern ebenfalls einen dorisierenden Portikus, so am Felseneingang zur Ritterburg (gebaut 1795/96) und am Tempel der Hygieia (gebaut 1797).

 Dorischer Portikus und Treppenaufgang bei der Zootomie in Berlin

 C. G. Langhans hat  beim Kuppelbau der Zootomie, dem Hauptgebäude der 1790 eröffneten  Königlichen Thierarzneischule zu Berlin, einen monumentaler dorischen Portikus  als Haupteingang einbezogen. Dadurch sieht er von außen wie ein Tempel aus. Bemerkenswert ist  der Treppenaufgang mit Balustraden, der ähnlich auch bei der Macherner Pyramide zu finden ist (Bild o.)


Zootomie in Berlin um 1790

                                                                                    Zootomie in Berlin um 1868


        Zootomie in Berlin (Foto: H. Mielke, 1995)


          Zootomie in Berlin (Foto: H.-W. Fuchs, 2007)

Als in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Berliner veterinärmedizinischen Studenten  in dem ehrfürchtigen Gebäude der Zootomie Vorlesungen und Übungen  in Lebensmittelhygiene und Fleischbeschau hatten, gaben sie ihm den witzigen, aber auch glorifizierenden Namen "Trichinentempel". Das Bauwerk ist von außerordentlicher baukünstlerischer Qualität. Es wird jetzt mit Hilfe der "Stiftung anatomisches Theater" unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz umfassend restauriert (Bild v.2007).

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Machern, 22. 11. 2007/Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated: 30. 05. 2009