Die weitere Enträtselung der alten Grabplatte von Gertrud von Lindenau geborene von Schellenberg (verstorben im Jahre 1549 in Machern)

Im Gemeindeblatt Machern Nr. 138 von Mai/Juni 2006 und im Internet <home.uni-leipzig.de/mielke/machern/rosenwap.htm>  wurde berichtet, dass es am 14. 2. 2006 gelang, die in der Macherner Kirche auf dem Epitaph der Gertrud von Lindenau in  Deutsch vorhandene  Rundumschrift  zu enträtseln. Sie lautet:

Im iar 1549 im 15 des mertzen ist in Gott verschieden die erbare und tugendsame
fraw geberofern im shlagehaus fraw gerud von lindenaw der Gott gnedig sei.

Nicht möglich war es dagegen,  das vierzeilige Epigramm unter dem Wappen derer von Schellenberg mit den drei Rosen wegen damaliger mangelhafter Lesbarkeit zu decodieren.

In der Kirche zu Machern:
 
Epitaph der Gertrud von Lindenau geb. von Schellenberg (gest. 1549), rechts daneben  Epitaph des Wolff von Lindenau (gest. 1536)

Gertrud von Lindenau war die Frau von Heinrich von Lindenau  (1496-1561) aus Machern, der sie 1524 geheiratet hat. Das war ein Jahr nach ihrer Flucht mit anderen Nonnen aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma. Dieser Heinrich war der Sohn von Albrecht von Lindenau. Nach dem Tod des Vaters wurde er 1533  Macherner Rittergutsbesitzer und Patronatsherr. Beide, Vater und Sohn, zeigten schon damals große Zuneigung und Unterstützung der beginnenden protestantischen Reformation.
Das genannte
Epigramm ist in lateinischer Schrift  in den Grabstein aus Rochlitzer Porphyr geschlagen, und zwar ohne Wortzwischenräume, daher ein "Puzzel". Am 24. 4. 2009 konnten durch besonderen Lichteinfall in die Kirche auswertbare Aufnahmen des Epigramms (s. Bilder) gemacht werden, die auch die Enträtselung voran brachten. Sie gelang dem um Mithilfe gebetenen Studienrat für Latein Ivo Gottwald M. A.  aus Leipzig, der sich schon bei der Enträtselung der Inschrift auf dem „Monument von Machern“ verdient machte, das Carl Graf von Lindenau seiner geliebten Mutter zum 20. Todestages 1784 gewidmet hatte und seither im Macherner Park steht (home.uni-leipzig.de/mielke/lindenau/monument.htm  und Gemeindeblatt Machern Nr. 106/2003).


Das Epigramm auf dem Epitaph der Gertrud von Schellenberg

 
 Bericht zur Enträtselung des Epigramms auf dem Epitaph
von 
Ivo Gottwald

"Danke für die Puzzel-Aufgabe, die mich aus Ihrer Hand über Prof. Dr. Joachim Schulz, den stellvertretenden Vorsitzenden der Deutsch-griechischen Gesellschaft „Griechenhaus Leipzig“, erreicht hat.
Was die Inschrift in der Kirche von Machern auf dem Epitaph von 1549 betrifft, so ist sie einerseits nicht sonderlich spektakulär, andererseits aber ziemlich interessant. Sie lautet ediert und übersetzt nach meiner Ansicht so:

             Die Inschrift in der Transkription und im Lesetext:

Zeile

       Transkription

                       Lesetext

  1

HOSSVBIITTVMULOSIN

Hos subiit tumulos in

  2

CHRISTOMORTVACŌIVNX

Christo mortua co(n)iunx.

  3

SICVTADEXTREMŪ

Sicut ad extremu(m)

  4

SITREDIVIVADIEM

Sit rediviva diem.

 Übersetzung ins Deutsche:

In dieses Grab ging die
in Christus verstorbene Ehefrau ein.
Möge sie gleichsam am Jüngsten Tag auferstehen.


Insoweit also eine freundliche Grabinschrift. Interessant macht sie, dass die Worte der Grabinschrift, das Epigramm, ein Versmaß ergeben, und zwar ein so genanntes
elegisches Distichon (elegischer Zweivers) mit einem Hexameter- plus einem Pentameter-Vers. 
Dieses Versmaß verwandten die Griechen und Römer zu einem für ihre Elegien (Klage-Gedichte). In solchen Klage-Gedichten ging es häufig um unglückliche Liebe, was zur Folge hatte, dass die Römer schließlich das elegische Distichon für jede Art der Liebesdichtung nutzten: wo ein römischer Leser ein Gedicht in elegischem Distichon vorfand, durfte er annehmen, irgendetwas (Schönes, Lustiges, Trauriges, Deprimierendes, Launisches, Belehrendes...) über die Liebe zu erfahren.
Dem elegischen Distichon ward aber noch eine andere Aufgabe zu teil: Es war das Versmaß für Epigramme, also für die Weih- und Grabinschriften. Als es nun in der Renaissance und im Humanismus zur Wiederentdeckung  der Antike kam, erlebten die Epigramme im besagten Versmaß ihre Wiedergeburt. So auch in der vorliegenden Grabinschrift, deren Verse so gelesen werden müssten, wie es die angegebenen Betonungszeichen anzeigen:

Hós subiít tumulós in Chrísto mórtua cóniunx.
Sícut ad éxtremúm sít redivíva diém."




Machern, 12. 06. 2009/Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated: 15. 08. 2009