Späte Enträtselung einer uralten Grabplatte in der Kirche von Machern:
"Gertrud von Lindenau geborene von Schellenberg am 15. März 1549 verschieden"
Die Vorgeschichte:
Ernst Beyreuther schreibt 1938 in seinem Buch "Machern im Wandel der Zeit", dass Albrecht von Lindenau, von 1505 bis zu seinem Tode um 1530 Herr auf Machern, seinen Sohn und Erbnachfolger Heinrich bereits 1512 an die Universität nach Wittenberg geschickt hat, eben als Martin Luther dort Professor wurde und zu predigen anfing.  Heinrich, wie auch sein Vater, wurden zeitig für die Lehren Luthers gewonnen. Albrecht empfing Luther 1521 vor den Toren Worms und geleitete ihn zum Reichstag in die Stadt. Wörtlich heißt es dann bei Beyreuther: "Sein Sohn, der schon erwähnte Heinrich, heiratet die ehemalige Nonne Gertraud von Schellenberg, aus dem Hause Grauschwitz, welche aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, gleich Luthers Frau Katharina von Bora, entwichen war. Er wurde von seinem Freund, dem kurfürstlichen Hofprediger Spalatin am 1. November 1524 getraut."
2003 erschien das Buch von Anne-Katrin Köhler "Geschichte des Klosters Nimbschen. Von der Gründung bis zum Ende 1536/1542". Darin wird festgestellt, dass in den Monaten April und Mai 1523 zwar insgesamt 12 Nonnen aus dem Konvent des Zisterzienserinnen-Klosters Nimbschen entwichen, zu Ostern des Jahres zunächst allein 9 Nonnen. Darunter Katharina von Bora, nicht aber Gertrud von Schellenberg, die erst Pfingstmontag 1523 mit zwei weiteren Nonnen das Kloster verlies. Über die Familie von Schellenberg wird berichtet, dass Gertrud die Tochter der verwitweten Margarethe von Schellenberg ist. Ihr Vater könnte Leuthold von Schellenberg sein, dessen Siegel an der Klostereintrittsurkunde hängt, mit der die Mutter den Klostereintritt ihrer Tochter niederlegte. Aber auch Ulrich von Schellenberg wäre als Vater möglich, der 1517 dem Kloster das Kostgeld für 3 namentlich nicht genannte Schellenberg-Kinder aus Grauschwitz entrichtete. Die von Schellenberg sind ein altes Adelsgeschlecht, das auf dem Schellenberg mit der Schellenburg bei Flöha (1568-1585 zur Augustusburg umgebaut) und auf Schloss Podelwitz an der Freiberger Mulde saßen. In Grauschwitz bei Ablaß war offenbar der Witwensitz derer von Schellenberg aus Podelwitz. Interessant ist, dass an beiden Orten, in Augustusburg und in Grauschwitz bei Ablaß, jeweils von den dortigen Heimatvereinen die diesjährigen 800-Jahrfeiern ihrer Orte vorbereitet werden und dazu Ortschroniken in Vorbereitung sind. Allerdings könnte es sich bei Grauschwitz auch um den kleinen Ort bei Niedergoseln handeln, der schon vor langer Zeit  in die Stadt Mügeln eingemeindet wurde, wo die Grauschwitzer Straße in die Schlagwitzer Straße übergeht. (Ob  hier frühere Verbindungen zu suchen sind zwischen Grauschwitz und dem Schlagehaus? Siehe bei Enträtselung.)

                              

Wappen derer von  Schellenberg                                   Wappen derer von Lindenau

Während der Heimatverein Ablaß/Grauschwitz (Vorsitzender S. Kretschmar) bisher nichts über die von Schellenberg in Grauschwitz auffinden konnte, erhielt der Autor  dieses Artikels von den Augustusburgern, von Dr. R. Wirth, eine spezielle Anfrage zum Lindenau-Wappen. Er wollte wissen, ob das Lindenauische Ritterwappen mit dem entwurzelten Baum und den 3 Rosen etwa durch die Heirat von Heinrich von Lindenau und Gertrud von Schellenberg enstanden ist. Denn im Ritterwappen der Schellenbergs sind allein 3 Rosen enthalten. Er fragte an, ob das Wappen der Lindenaus mit Baum und 3 Rosen früher vielleicht nur den Baum allein im Schild hatte (s. beide Wappenbilder aus "Siebmachers Wappenbuch"). Das konnte auf die Zeit der genannten Heirat bezogen aber eindeutig verneint werden anhand der Wappenbildern  in der Lindenau-Ausstellung im Schloss zu Machern, wo  das Wappen von Ritter Albrecht von Lindenau aus Machern schon 1453 auf dem Schild den Baum und die roten 3 Rosen aufweist.
Im Zusammenhang mit dieser genannten Wappennachfrage aus Augustusburg erinnerte sich der Autor an die von ihm  vor 11 Jahre fotografierten 5 Grabplatten der Lindenaus aus dem 16. und 17. Jahrhundert in und an der Kirche von Machern, von denen Gurlitt nur 4 in seinem Buch "Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen"  1898 beschrieben hatte. Eine Grabplatte von 1549 aus Rochlitzer Porphyr fehlt in Gurlitts Beschreibungen. Sie wurde daher auch  vom Autor nicht weiter beachtet, zumal das Wappenbild nur 3 Rosen und keinen Baum aufwies und die In- oder Umschrift schwer lesbar ist (s. Bild). Jetzt aber gab es einen Grund zur Nachforschung, die dann zu der Erkenntnis führte, dass es die Grabplatte von Gertrud von Schellenberg ist, die 1524 mit Heinrich von Lindenau  die Ehe einging. Gurlitt konnte diese Grabplatte damals vor über 100 Jahren nicht beschreiben und in sein Buch aufnehmen, da sie sich noch unentdeckt im Erdboden unter der Kirche von Machern befand.

Die Enträtselung:
Nach Aussagen des heute in Chemnitz im Ruhestand lebenden und  vormaligen Pfarrers in Machern, Harry Bachmann, wurde 1970 bis 1974 eine umfassende Innenrenovierung der Macherner Kirche durchgeführt. Neben der Rückversetzung der Patronatsloge wurde neben anderen Maßnahmen vor allem der Fußboden des Kirchenschiffs gründlich erneuert. Bei der Entfernung der alten Dielen stieß man 1971 auf eine Grabplatte aus Rochlitzer Porphyrtuff mit den Ausmaßen von 75x 165 cm, die gereinigt und neben den schon vorhanden 3 alten als 4.Grabplatte der Lindenaus an der Westwand im Innern des Kirchenschiffes aufgestellt und befestigt wurde (s. Bild).


Die 4 Grabplatten derer von Lindenau in der Macherner Kirche

Meldungen an den Denkmalschutz und die Enträtselung der Inschrift und des Wappens waren wohl   nicht veranlasst worden. Eine lapidare Erwähnung dieser Grabplatte findet sich im Buch von Manfred Müller "Von Dorf zu Dorf im Muldentalkreis" (2004, Bd. 2, S. 87). Dort heißt es auf die Macherner Kirchen bezogen:  "Epitaph aus Rochlitzer Porphyr von 1549 ".


Grabplatte von Gertrud von Lindenau, geborene von Schellenberg,  von der Frau des Heinrichs von Lindenau

Eine Auswertung der Umschrift direkt an der Grabplatte  am 14. 2. 2006 durch den Autor ergab:
Randzeile oben:     Im iar 1549 im 15
Randzeile rechts:   des mertzen ist in Gott vorschiden die erbare und tugend
Randzeile unten:    same fraw geberofern
Randzeile links:     im shlagehaus fraw gerud von lindenaw der Gott gnedig sei

Nicht eindeutig lesbar sind die Wörter geberofern shlagehaus und gerud, wobei das letzte Wort auch als herud  gelesen werden könnte. In späteren Schriften liest man dann für diese 1549 Verstorbene  nur noch Gerdrudi (Mencke), Gertaut, (Schneider), Gertraud (Beyreuther) und Gertrud (Köhler).
Das Wappen derer von Schellenberg stellt sich auf der Grabplatte sehr deutlich dar mit 9 + 2 gestiehlten Sternen und anderweitig geschmücktem Ritterhelm über einem Schild mit 3 Rosen (s. Grabplattenbild). Im Vergleich mit der entsprechenden farbigen Wappendarstellung (s. Bild) sind dort anstelle der beiden langgestiehlten Sterne zwei gestiehlte Rohrkolben vorhanden.
Auf der Grabplatte ist der  4-Zeilentext unter dem Wappen jetzt auch enträtselt.
Die enträtselte Grabplatte ist das Epitaphium von Gertrud von Lindenau geborene von Schellenberg, aus deren Ehe mit Heinrich von Lindenau 2 Töchter entstammen, wie vom Heimatverein Augustusburg in Erfahrung gebracht werden konnte: Sibylle von Lindenau, verheiratet mit Christoph von Minckwitz, und Margarethe von Lindenau, verheiratet 1551 mit Balthasar von Taupadl, gestorben 1552 im Kindbett.




Machern, 31. 10. 2006/Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated. 28. 10. 2009