Zur Geschichte der Gaststätten in Machern (1)
 "Gasthof zu Machern", später "Gasthof zur Eisenbahn"
Auf einem Dorfplan von Machern aus dem Jahre 1795 ist ein Gasthof an der Leipziger Straße eingezeichnet. Es ist die erste aktenkundige Nennung einer Gaststätte in Machern mit genauer Lagekennzeichnung. Ihr Hauptgebäude existiert heute noch. Unter dem Namen "Landhaus Louise" ist es im 20. Jahrhundert in Machern mehr als 90 Jahre bekannt gewesen. Die heutigen Besitzer nennen es "Villa Luise". Sie wird gegenwärtig als Wohnhaus und als Kleintierpraxis genutzt (Bilder, die schwarzweißen sind von Willi Schmidt).

Landhaus Louise (l.) etwa um 1930, einst "Gasthof  zur Eisenbahn"; sein Hofteil mit Seitengebäude (r.) etwa um 1950


Landhaus Louise: in Renovierung nach Dachstuhlbrand 1998 (l.); Villa Luise: nach der
Renovierung 2002 (r.)

Im 18. Jahrhundert gehörte der "Gasthof zu Machern" der Macherner Rittergutsherrschaft derer von  Lindenau und diente besonders in der Zeit der Leipziger Messen  den aus Osten anreisenden Fuhrleuten als letzte Ausspannung vor der Messestadt. Seit die Lindenaus 1802 ihren Besitz wechselten und Machern verließen, sind die genauen Besitzverhältnisse dieses Gasthofs für die ersten Jahren danach nicht eindeutig nachweisbar. Die ab 1806 folgende Rittergutsherrschaft der Schnetgers wird schriftmäßig als Besitzer dieses Gasthofs erstmals im Zusammenhang mit der Jubiläumsfeier zum 100-jährigen Kartoffelanbau 1840 erwähnt, als in  ihrem "Gasthof zu Machern", nun schon umbenannt in "Gasthof zur Eisenbahn" mit dem dazu gehörigen, auf der gegenüberliegenden Straßenseite neuerbauten Restaurationsgebäude einschließlich  zweier Säle, die Feierlichkeiten stattfanden. Der Wirt (bzw. der Pächter) war E. Reinhardt (Naunhofer Nachrichten, Juli 1925).
Ein Kaufvertrag zwischen Gottfried Schnetger und Sohn Wilhelm Eduard Schnetger vom 10. 7. 1844 weist aus, dass der Sohn vom Vater den "Gasthof zur Eisenbahn", in der Ortslage Nr. 21, wie es heißt, insgesamt gekauft hat, einschließlich des Pachtkontraktes mit dem damaligen Pächter Friedrich Ferdinand Lemme.
Schon am 1. 4. 1845 wird eine neue Verpachtung besiegelt. So weist es  der Pachtkontrakt über den "Gasthof zu Machern" zwischen Wilhelm Eduard Schnetger als Verpächter und Johann Gottlieb Zaspel als Pächter aus (Sächs. Staatsarch. Leipzig). Dieser Pachtvertrag ist historisch bedeutsam, da er mit Nennung der verpachteten Gegenstände nicht nur den großen Umfang der Verpachtung sondern auch die einstige Zusammengehörigkeit der Gebäude belegt, die alteingesessenen Macherner Bürgern als "Landhaus Louise" und "Gasthof zur Eisenbahn" bekannt sind. Folgende Pachtgegenstände werden genannt:

"1. Gasthof Machern, zur Eisenbahn genannt, mit allen Stuben, Kammern, Küchen und der gleichen.
4 Pferdeställe, 1 Kuhstall, 8 Schweineställe, 1 Taubenschlag, 1 Hühnerstall, 1 Holzschuppen, 1 Flaschenkammer, 1 Abtritt im Hof, 1 Grasegarten hinter den Ställen mit 69 Pflaumenbäumen, 33 Apfelbäumen, 28 Birnenbäumen, 11 saure Kirschbäumen.

2. Ein großer Garten dem Gasthof gegenüber zwischen der Chaussee und Eisenbahn mit 296 veredelten Kirschbäumen, 10 veredelten Apfelbäumen, 10 veredelten Birnbäumen, 11 Pflaumenbäumen.Das Restaurationsgebäude im vorgenannten Garten mit 2 großen Sälen, 3 Stuben, 2 Kleiderzimmern, 2 Orchester, 1 Küche und Speisekammer, 2 Abtritte. Eine Kegelbahn."

Irgendwann in den nachfolgenden Jahren wurden die beiden Gaststätten-Einrichtungen rechts und links der Leipziger Chaussee besitzmäßig getrennt. Der alte "Gasthof zu Machern", zur Eisenbahn genannt (Ortslage Nr. 21), wurde zu einem landwirtschaftlichen Vierseitenhof umfunktioniert, dessen Besitzer um 1900 der Bauer Oskar Schönbrod war, der ihn an den Leipziger Verlagsbuchhändler Alexander Duncker verkaufte. Dieser nutzte ihn zusammen mit seiner Frau und nannte das Haupthaus "Landhaus Louise" nach dem Vornamen seiner Frau. Verwalter des landwirtschaftlichen Teiles des Vierseitenhofes war Rudolf von Boset, der Schwager von Alexander Duncker (weiteres s. LVZ/Wurzener Tageblatt 4. 11. und 9.12.1999, sowie 9. 3. 2000).
Das kurz vor 1840 neu erbaute Restaurationsgebäude mit den 2 Sälen (Ortslage Nr.29) bleibt als Gaststätteneinrichtung bestehen und trägt nun allein den Namen "Gasthof zur Eisenbahn". Um 1890 gehört dieser Gasthof Friedrich Gotthold Richard Hoffmann, der ihn 1891 an Friedrich Oswald Weise verkauft. Der Gasthof diente ab den 1890er Jahren lange Zeit dem Deutschen Radfahrer-Bund wie auch dem 1891 neugegründeten Sächsischen Radfahrer-Bund als Bundesgasthof. Um 1900 wird er von Gottfried Karl Himstedt übernommem. Dieser war zuvor zwei Jahre Verwalter auf dem Macherner Rittergut gewesen und erhielt am 29. 10. 1900 die Schankerlaubnis für die Gastwirtschaft Ortslage Nr. 29 in Machern (s. u. l. Postkartenausschnitt, um 1900).


"Gasthof zur Eisenbahn" in Machern um 1900 ohne Veranda (l.) und um 1930 mit Veranda (r.)

Am 5. 3. 1928 beantragt Karl Himstedt einen Verandaanbau, der vom Gendarmeriewachtmeister Schulze wegen des besseren Aussehens auch genehmigt wird (Bild o. r. aus Beyreuther "Machern im Wandel der Zeit" 1938).
Eine weitere Akte im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig kündet vom Ende des Macherner "Gasthofs zur Eisenbahn": In den 1930er Jahren begannen im Zusammenhang mit der Zufahrtsverbesserung zum neueingerichteten Brandiser/Polenzer Militärflugplatz die Planungen für einen Brücken- und Straßenneubau in Machern. Ausersehen war eine Strecke mitten durch den "Gasthof zur Eisenbahn", vom heutigen Kreuzungsbereich an der Villa "Luise" in Richtung Bahnlinie. In der Beantragung der Kündigung der Schankerlaubnis für Karl Himstedt vom 3. 5. 1939 heißt es, vom Präsidenten des Vorstandes des Staatlichen Straßen- und Wasserbaus Leipzig unterzeichnet: "In dem von mir im April 1938 in der Zwangversteigerung erstandenen Gaststättenbetrieb führte der Vorbesitzer die Gastwirtschaft in Pacht bis zum 31. 3. 1939. Dann wurde der Betrieb eingestellt und das Inventar versteigert, da der Gasthof in Kürze abgebrochen werden soll. Ich bitte die Schankerlaubnis zu streichen."
Der Abriss des "Gasthofs zur Eisenbahn" begann noch 1939, wurde kriegsbedingt aber eingestellt und erst 1945 nach Kriegsende abgeschlossen. Die neue Polenzer Straße mit der neuen Spannbetonbrücke über die Eisenbahnstrecke wurde später gebaut und 1968 für den Verkehr freigegeben (LVZ/Wurzener Tageblatt, 19. 10. 2000).

Zurück zur Übersicht!





Machern, 31. 10. 2006/Prof. Dr. Heinz Mielke