Bierbrauen und Schnapsbrennen in Machern

Das Auffinden einer Reihe älterer Dokumente, die vom Leben in Machern im 18. und 19. Jahrhundert berichten, gab den Anlass zu diesem heimatgeschichtlichen Bericht. Es geht dabei um  Einzelereignise, die nicht in unmittelbarer zeitlicher Aufeinanderfolge mit einander verbunden sind, wohl aber alle dem Thema der Hauptüberschrift dieser Reihe untergeordnet werden können.

I. Bierbrauen
Der "Bierkrieg" in Wurzen
Im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden kündet eine Akte aus dem Jahre 1784 davon, dass auch in Machern damals Bier gebraut wurde. Denn die Wurzener Bierbrauer-Bürger klagten in einem Gerichtsverfahren gegen den Macherner Rittergutsbesitzer und Kurfürstlich-sächsischen Oberstallmeister Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau (1723-1789), der auf  seinem Rittergut gebrautes Bier auch in den  ihm gehörenden Wurzener Amtsmühlen, also in der Stadt- und in der Neumühle, einzulegen und an Mahlgäste auszuschenken und an andere zu verkaufen beabsichtigte. Das war aber verboten, da beide Mühlen in der Wurzener Meilenzone lagen, in der nur in Wurzen gebrautes Bier verkauft werden durfte. Der "Bierkrieg" endete schließlich damit, dass das Gericht dem Grafen dann doch noch erlaubte, sein Macherner Bier wenigstens in der Neumühle in Schmölen, damals eine Enklave der Stadt Wurzen, an die Mahlgäste auszuschenken. Bei dieser Entscheidung spielte die Wohltat ein wichtige Rolle, die der Graf als Besitzer der beiden Mühlen der Stadt Wurzen "zum Verdienst und Nahrung vorzüglich hat angedeihen lassen" (s. LVZ/Muldentaler 16. 9. 1999). 1787 verkaufte er die beiden Mühlen an einen Herrn Küttner.
Der "Bierkrieg" fand in der Zeit statt, als Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau gerade seine neue Brauerei mit Branntweinbrennerei für 14 000 Thaler auf seinem Rittergut in Machern neben dem Ökonomiehof eingerichtet hatte (Schumanns "Staats-, Post- und Zeitungslexikon" 1833). Die Lage des Brauhauses mit dem Brauhof, das später zur Brennerei der Schnetgers wurde, ist auf dem Ortsplan von Lange ersichtlich, der 1796 in dem Buch "Machern. Für Freunde der Natur und Gartenkunst" von P. C. G. Andrea veröffentlicht wurde (s. Bild).

Besitzerwechsel in Machern

1802 veräußerte Carl Graf von Lindenau, der Sohn und Erbnachfolger von Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau, das Rittergut Machern mit Brauerei und Landschaftgarten an Baron von Wylich aus Diersfurt bei Wesel, dem Schwiegersohn des Grafen von Stollberg-Wernigerode, der es am 1. 3. 1806 an den Leipziger Kaufmann Gottlieb Schnetger weiter verkaufte. Die Schnetgers besaßen es in 4 Generationen bis 1945 und führten es zu wirtschaftlicher Blüte, wie das schon zum 100-jährigen Jubiläum des Rittergutskaufes 1906 in dem 1. Vers des Wappengedichtes von Herbert Koch zum Ausdruck gebracht wird (LVZ/Wurzener Tageblatt 8. 12. 2000):
Ein neuer Stamm zog in die alten Mauern,
ein neuer Geist auch mit dem neuen Stamm.
Gerechtigkeit und Güte ward den Bauern
zu teil. Durch kräft'ges Schaffen, arbeitsam
erblühten Äcker, Fluren, Felder, Wiesen,
erstand die Ordnung, fröhlich zu genießen.

Die neue Rittergutsherrschaft, anfangs unter Gottfried Schnetger (1770-1861), zog in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch folgende wirtschaftliche und festliche Betriebsamkeiten die Aufmerksamkeit auf sich: 1828 ließ  sie eine Rossmühle zum Mahlen und Schroten von Getreide errichten, die auch für ihr  Bierbrauen und Kornbrennen von Bedeutung war. In den 1830er Jahren hat sie bei der Planung und dem Bau der Eisenbahnlinie Leipzig-Dresden dem Verlauf in dem  Erdeinschnitt bei Machern wohlwollend und damit förderlich zugestimmt, so dass in Machern seit 1838 täglich Eisenbahnzüge zum Ein- und Aussteigen halten. 1840 fand in ihrem Gasthof "Zur Eisenbahn" eine große Jubiläumsveranstaltung statt zu Ehren der Einführung des Kartoffelanbaus vor 100 Jahren durch den Naunhofer Pfarrer Ungibauer in dieser Region.  1840 begann, ebenfalls von ihr initiiert,  ein Untertageabbau von Braunkohle in ihrer Grube "Agnes" auf  Zeititzer Flur.

Die Rossmühle von Machern

Durch den Mühlenbeitrag ist bekannt, dass es früher in Machern eine Windmühle und eine Wassermühle gegeben hat. Dazu gehörte auch die zu nennen gewesene Rossmühle. Der Autor erfuhr aber erst später durch eine Akte in Sächsischen Staatsarchiv Leipzig von der Rossmühle, die Gottfried Schnetger 1828   errichten ließ. Wahrscheinlich waren die Mahlleistungen der beiden anderen Mühlen zu gering oder das Mahlen funktionierte wind- und wasserabhängig nicht immer. Bei dieser Rossmühle handelte es sich um eine Göpelmühle, bei der 2 bis 3 Pferde oder Ochsen ein großes Kammrad an einer senkrecht stehenden Spindel im Rundkreis betätigen und über Stock- und Stirnräder und waagerecht liegende Spindeln die Drehungen bis zu den Mühlsteinen weitergeleitet werden. In der Akte sind Zeichnungen (s. Bild), Voranschläge, Arbeitsleistungsbelege und Rechnungen über den Bau der Rossmühle mit 2 Mahlgängen in Machern vorhanden, doch fehlen darin Standorthinweise und genaue Maßangaben.
Schema einer Rossmühle mit einem Mahlgang aus den Unterlagen zum Bau der Rossmühle in Machern von 1828 (s. Bild): großes Kammrad (cl) an senkrechter Spindel (cl) mit Anspannwaage, Stockrad (b) an waagerechter Spindel (b) mit kleinem Kammrad (c) und Stockrad (g) in Verbindung mit den Mühlsteinen. Bei der Rossmühle mit zwei Mahlgängen überträgt anstelle von Kammrad (c) ein Stirnrad an der Spindel (b)  die Drehungen rechts- und linksseitig jeweils auf ein Stockrad an kürzerer, aber ähnlicher Spindel wie (b) mit kleinem Kammrad wie (c), dann auf ein  Stockrad wie (g) und weiter auf den jeweiligen Mühlstein.

Erste deutsche "Frau Braumeister" in Machern

Im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig gibt es vom Rittergut Machern die Akte "Mühl-Register". Dieses Register wurde vom 30. 8. 1828 bis 31. 12. 1830 geführt. In ihm werden tageweise und mengenmäßig die Getreidearten angegeben, die in der Mühle (wahrscheinlich in der Rossmühle) gemahlen wurden, und zwar getrennt:  1. für die Wirtschaft, 2. für Frau Braumeister Just, 3. für die Deputanten. Die Spalte für Frau Braumeister Just war für folgende Mahlsorten unterteilt: Weizen gemahlen, Roggen gemahlen, Gerste gemahlen, Graupen gemahlen, Gersten-Malz, Weizen-Malz, Branntwein-Schrot, Branntwein-Malz.
Beate Just, geb. Zelter, war laut Kirchenbuch Machern die Frau von dem Braumeister und Pächter der Macherner Herrsschaftlichen Brauerei Friedrich Wilhelm Just gewesen. Sie stammte aus Kitzen bei Leipzig. Ihr Mann war am 19.1. 1776 in Schlesien geboren worden und starb am 20. 7. 1828 an "Wassersucht und Schlagfluss". Er war zuvor Brauer in Kitzen und dann Pachtbrauer in Brandis. 1822 kam er mit seiner Frau nach Machern. Nach dem Tod  ihres Mannes übernahm Frau Just seine Arbeit als Braumeister, die  sie wahrscheinlich durch eine vorherige ständige Zusammenarbeit mit ihm gut kannte. Das führte zu der  Anerkennung und Benennung als "Frau  Braumeister". Möglicherweise  ist sie sogar die erste deutsche Frau, die 1828 erstmals aktenkundig als Frau  Braumeister bezeichnet wurde.

II. Schnapsbrennen
Kartoffelanbau in der Leipziger Umgegend

Die Kartoffel, früher auch Erdbirne oder Erdapfel genannt, wurde um 1560 von den Spaniern aus Peru über den Atlantik nach Europa gebracht. In Deutschland kennt man sie  seit 1580, aber erst 1709 gilt allgemein als Jahr ihrer Einführung in Sachsen und dort zuerst im Vogtland. Diese fremde Frucht schien sich schwer einzubürgern.
In der Leipziger Tiefebene und im Muldental wird der Verdienst der Einführung dem Naunhofer Pfarrer Christoph Gottlieb Ungibauer (s. Bild) zugeschrieben, der 1740 mit dem Kartoffelanbau auf seinem Pfarrgut in Naunhof begann. 1701 geboren, war er von 1734 bis zu seinem Tode 1758 in Naunhof in Amt und Würden und  auch unermüdlich tätig, den Menschen seiner Region den Nutzen und Wert der Kartoffel allseitig nahe zu bringen und gute Ratschläge für ihren erfolgreichen Anbau zu erteilen. Dem Naunhofer folgten weitere Anbauer. Ohne Datumsangabe werden genannt die Rittergüter von Brandis und Machern, 1783 Döben und Trebsen. Die Bedeutung und der Nutzen der Kartoffel wurde mit der zunehmenden Ausweitung ihres Anbaus und den Erfahrungen bei ihrer Verwertung als Viehfutter und als Nahrungs- und Genussstoff  für den Menschen auch im Muldental wie im übrigen Deutschland immer größer.

Kartoffeljubiläum in Machern

Am 9. Dezember 1840 fand aus Anlass des 100-jährigen Kartoffelanbaues in der Umgegend von Leipzig ein großes Kartoffelfest in Machern im Gasthof "Zur Eisenbahn" statt.
Rittergutsbesitzer Gottfried Schnetger (s. Bild), der wahrscheinlich erst kurz vorher im Zusammenhang mit der neu eröffneten Eisenbahnline Leipzig-Dresden mit Haltepunkt in Machern seinen Gasthof an der Leipziger Straße den Namen "Zur Eisenbahn" gegeben und wegen der gestiegene Gästezahl auf der anderen Straßenseite ein neues Restaurationsgebäude mit 2 Sälen neu erbaut hatte. Anziehend für die Gäste vor allem aus Leipzig und Wurzen war damals schon der Macherner Park. Aber auch die Macherner Kirschfeste gaben Anlass zu Veranstaltungen der verschiedensten Art, bei denen die neue Restauration genutzt wurde.
Gottfried Schnetger hatte den großen Saal auf das Herrlichste  und mit viel Kosten geschmückt. 200 Gäste waren gekommen. Eine gigantisch lange Girlande aus Kartoffelscheiben wies auf die besondere Festthematik hin. Die Festrede hielt der Naunhofer Pastor Carl Julius Riedel, der die großen Verdienste seines Vorgängers, des Pfarrers Ungibauer, ehrend hervorhob und den Kartoffelanbau pries. Er vermerkte aber auch fragend auf die Kartoffel bezogen: "Sollte der Missbrauch eines leider nur zu bekannten Produktes uns blind und undankbar machen gegen ihre unzählbaren Segnungen in allerübriger Hinsicht? Denn was ist auf Erden, und wäre es noch segensreicher, ja selbst ehrwürdig und heilig, dem Missbrauch nicht unterworfen?" (Naunhofer Heimatblatt, Juni 1925). Trinksprüche und viele Toasts wurden dargebracht. Der "Toast auf die Gesellschaft" wurde später auch in dem Buch  von Ernst Beyreuther "Machern im Wandel der Zeit" (1938) und als Übernahme daraus 19991 von der Parkdirektion Machern in der Broschüre "Schloß und Landschaftsgarten Machern"  abgedruckt, allerdings ohne den 4. Vers. Dieser ist in der folgenden Wiedergabe von 3 der 6 Verse des "Toasts auf die Gesellschaft" enthalten (Naunhofer Heimatblatt, Juli 1925) und wird als " Überleitung zum nachfolgenden Abschnitt "Kartoffelgeist" angesehen:
                                          Der Eine ißt sie gern zu Fleisch und Braten,
                                           ein Andrer lieber künstlich präpariert,
                                           und mancher fühlt sich groß an Heldentaten
                                           wenn er Kartoffeln in der Schüssel spürt.

                                          Und winkt nun der Kartoffeltrank im Glase,
                                          schlürft man ihn doch, wenn er auch etwas beißt,
                                          und Nante mit der roten Nase
                                          preist selig taumelnd den Kartoffelgeist.

                                          So sind wir alle innig fest verbunden
                                          durch rühmlichen Kartoffelappetit;
                                          wir alle, denen heut in frohen Stunden
                                          Kartoffelfröhlichkeit das Herz durchzieht.

Auf dem Kartoffelfest wurde vom Rittergutsbesitzer Schnetger der vervielfältigte Text des damals sehr beliebten Rheinweinliedes (Text von Matthias Claudius) verteilt und  nach der Kunzischen Komposition mit Enthusiasmus viermal gesungen. Die letzte Strophe lautet:

So trinkt ihn denn, und lasst uns allewege
uns freun und fröhlich sein!
Und wüßten wir, wo jemand traurig läge,
wir gäben ihm den Wein.

"Auf dem Fest herrschte die größte Heiterkeit, welche sich jedoch in den Grenzen des Anstandes bewegte und überhaupt eine sehr edle genannt werden muß." So der Kommentar von Pastor Riedel  ("Naunhofer Heimatblatt" Juni 1925).

Kartoffelgeist

Kartoffelgeist bedeutet Kartoffelschnaps, auch Kartoffelsprit, Kartoffelspiritus oder Kartoffelbranntwein: das ethanolhaltige Brennereiprodukt aus Kartoffeln. Als solches wird es heute nur noch selten hergestellt. Doch im 19. Jahrhundert hatte es der Kartoffelgeist im Zusammenhang  mit der Ausweitung des Kartoffelanbaus und der Verbesserung der Brennapparate besonders in Preußen  zu einer wahren Blütezeit gebracht und ist zu einem sehr einträglichen  landwirtschaftlichen Nebenerwerb geworden. Wahrscheinlich war das auch in Machern so, wo um 1850 aus dem Bier-Brauhaus eine Kartoffelschnaps-Brennerei wurde, in der nun der Brennmeister und nicht mehr der Braumeister das Sagen hatte. Allerdings  gibt es dafür kaum Belege, auch nicht darüber, wann hier in Machern die Bierbrauerei aufhörte.

Irgendwan wuchsen  auf vielen Rittergütern, wie auch in Machern (s. Bild), hohe Essen zum Himmel empor und wiesen auf die Nutzung  der sich entwickelten Technik des Dampf-Hochdruckkesselbetriebes auch bei der Schnapsbrennerei hin, nachdem dies schon vorher mit der Dampfmaschine bei der Lokomotive und beim Dampfschiff, später bei der Dampfmühle und den Lokomobilen zum Dampfpflügen geschah.
Auf zwei belegbare historische Ereignisse, die mit dem Kartoffelgeist in Verbindung zu bringen sind, sollen hier kurz eingegangen werden:
  1817 erhielt Johann Heinrich Lebrecht Pistorius, Schnapsbrenner und Landwirt in Weißensee, ein Patent und das Recht zur Anwendung eines eigentümlichen Brennapparates, der die Maischvorwärmung, die Rektifikation (wiederholtes Destillieren) und die Dephlegmation (Rückflusskühlung) vereinte und gegenüber der einfachen Blase und des Kühlers ein großer Fortschritt war. Große Bedeutung gewann das Verfahren bei der Kartoffelbrennerei, mit der der preußisch-deutsche Sprit den Weltmarkt eroberte und Berlin der "Tempelsitz des Spiritushandels" wurde (R. Woesner, 1997).
   In dem Aufsatz "Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag" (Der Volksstaat Nr. 23, 1883) schildert F. Engels die Entwicklung und den Stand der Schnapssituation in Deutschland sehr genau und eindrucksvoll. Es heißt dort u. a.: "Der Wendepunkt für die Brennerei war aber die Entdeckung, dass man Branntwein nicht nur aus Korn lohnend herstellen könne, sondern auch aus Kartoffeln. Damit wurde das ganze Gewerbe revolutioniert. Einerseits wurde damit der Schwerpunkt der Brennerei endgültig von den Städten aufs Land verlegt und die kleinbürgerlichen Produzenten von gutem altem Getränk mehr und mehr durch die infamen Kartoffelfusel produzierenden Großgrundbesitzer verdrängt. Andererseits aber, und das ist geschichtlich viel wichtiger, wurde der kornbrennende Großgrundbesitzer vom kartoffelbrennenden Großgrundbesitzer verdrängt; die Brennerei verzog sich mehr und mehr vom fruchtbaren Kornland aufs unfruchtbare Kartoffelland, d. h. von Nordwestdeutschland nach Nordostdeutschland – nach Altpreußen östlich der Elbe. Dort konnte sie sich zur 'Zentralschnapsfarbrik der Welt' erheben."
Engels vermerkt aber auch, dass in Sachsen und Schlesien diese Brennerei neben der anderen Industrie eine weniger hervorragende Rolle gespielt hat.
Nach 1945 hatte der Kartoffelschnaps in Deutschland bald seinen "Geist" ausgehaucht. Er wird fast nicht mehr hergestellt. Diese Abfüllung kann man 2006 aber noch in Naunhof kaufen. In der Verordnung Nr. 1576/89 des Rates der EG vom 29. 5. 1989 "Zur Festlegung der allgemeinen Regeln für die Begriffsbestimmung, Bezeichnung und Aufmachung von Spirituosen" in der Europäischen Gemeinschaft sind Begriffe wie "Kartoffeln" und "aus Kartoffeln hergestellte Spirituosen" nicht zu finden.

Hohe Esse und Spiritusfabrikation in  Machern

Die hohe Esse von Machern war ein weithin  sichtbarer Hinweis auf das Vorhandensein einer Schnapsbrennerei im Dorf. Mit der Esse war eine Hochdruck-Dampfkesselanlage verbunden, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermehrt auf den Rittergütern für die  Kartoffelschnapsfabrikation  zum Einsatz gelangte. Im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig gibt es eine Akte der Königlichen Amtshauptmannschaft Grimma zur "Dampfkesselanlage auf Rittergut Machern (1870-1924)". Diese Anlagen wurden  von Staatswegen, also gesetzlich, ständig überprüft. In der Akte sind Angaben festgehalten, dass 1883 zur besseren Wärmenutzung ein neuer Dampfkessel von der Wurzener Machinenfabrik mit Eisengießerei und Kesselschmiede  Richard Klinkhardt produziert und eingemauert wurde.
Diese Firma ist 1872 gegründet worden und stellte erst nur Landmaschinen her. Zum Antrieb für Pflüge und Dreschmaschinen und für die Ausrüstung von Kartoffelbrennereien auf den Rittergütern kamen bald auch Dampfkessel und Dampfmaschinen und andere Apparate hinzu. Zwei Prospekte von 1900 geben einen Einblick in das Produktionsangebot der Fabrik, das schon einen hohen technischen Entwicklungsstand hatte. Richard Klinkhardt aus Wurzen, dem heute über 80-jährigen Enkel des Firmengründers, sei für Prospekte und Beratung gedankt:
1. Maschinen und Apparate für den Brennereibetrieb mit Bildern eines Kartoffeldämpfers  und eines Vormaisch- und Kühlapparates:
Weitere auf den Prospekten angebotene Apparate waren: Kartoffelwäschen, Gerstenwäsche mit Rührwerk, Gärbottich- und Hefekühlanlagen, Maischpumpen, Destillier-Apparate mit Dephlegmator und Rohrleitungen und Spiritus-Sammelbassins.

2. Dampfkessel:

Das nachfolgende Schema soll dem besseren Technologie-Verständnis der einst umfangreichen Kartoffelschnapsfabrikation  in Deutschland dienen, dessen Grundprinzip auch der heutigen Trink-Alkoholherstellung noch zu Grunde liegt. Es ist aus "Knauers Konversations-Lexikon" von 1934 entnommen und wird mit dem Hinweis wiedergegeben, dass bei "Hefe" die Gärbottiche für die Maische noch hineinzudenken sind:

Zurück zur hohen Esse der Brennerei von Machern. Außer dem Bild mit der Totalansicht von Machern um 1900 sind dem Autor nur noch zwei andere Bilder von der hohen Brennerei-Esse in Machern bekannt geworden. Das eine stammt von E. Beyreuther und befindet sich in seinem Buch "Machern im Wandel der Zeit" (1938, S. 39), wo sie von der "Dorfstraße" aus zu sehen ist.  Das andere ist von R. Dix und befindet sich im "Sax-Album: Der Landschaftsgarten zu Machern" (1995, S. 30) und ist ein Luftbild aus der Mitte der 1930er Jahre. Die Esse steht in der Mitte hinter der Brennerei.
Am 11. 2. 1948 wurde die hohe Esse umgelegt, nachdem in Machern nach Kriegsende 1945 kein Kartoffelschnaps mehr gebrannt wurde. Das Datum wurde im Protokollheft der Macherner Freiwilligen Feuerwehr festgehalten, die an diesem Tag in Bereitschaft beim Umlegung der hohen Esse dabei war. Aus  gleichlautenden Berichten zweier Augenzeugen geht hervor, dass in Bodenhöhe einseitig ein großes Loch in die  Wand der Esse geschlagen und dieses mit Holzklötzen abgestützt wurde. Angefachtes Feuer in der Esse verbrannte die Holzklötzer und führte schließlich zum Umknicken der Esse.

Der letzte Brennmeister von Machern

Der letzte Brennmeister auf dem Rittergut von Machern war Ernst Karl Adam. Am 7. 12. 1878 in Grimma geboren, lebte und arbeitete er viele Jahre in Machern, wo er am 13. 7. 1960 im Alter von 81 Jahren verstarb. Nachkommen von ihm leben heute noch in Machern.



Machern, 31. 10. 2006/Prof. Dr. Heinz Mielke