Das Lindenau-Monument von Machern

Aufstellung und Platzwechsel, beachtenswerte Verwendung ältester  römischer Zahlenzeichen, richtige und falsche Deutung der Inschrift


Wo stand das Monument früher?

Das Monument ist ein Sandsteinsockel mit Inschriftentafel und stilisiertem Urnengefäß (Bild 1), das Carl Heinrich August Graf von Lindenau zum Gedenken an seine Mutter Augusta Charlotta  von Lindenau, geborene von Seydewitz, verwitwete  von Kühlewein, 1784 zu ihrem 20. Todestag im Wäldchen der Englischen Anlage seines gerade im Entstehen begriffenen Landschaftsgartens von Machern errichtet hat. Seine Mutter lebte von 1729 bis 1764. Sie starb im Kindbett in Dresden, wo sie auch begraben wurde. 1754 hatte sie  Heinrich Gottlieb von Lindenau (1723-1789) geheiratet, der 5 Jahre vorher die Rittergüter Machern, Zeititz, Gotha und Kossen von seinem verstorbenen Vater geerbt hatte. Ihre Kinder waren Carl Heinrich August (1755-1842), Curt Anshelm (1756-1762) und Johanna Auguste Elisabeth (1759-1761).

Das Monument 1795 (gemalt von Klinsky)

Dort stand es über 146 Jahre. 1806 übernahm die Familie Schnetger den Lindenauischen Machernbesitz. Als der Erbfolge-Rittergutsbesitzer von Machern Paul Schnetger Anfang der 1930er Jahre im Rahmen der damals gebildeten Gartenstadt GmbH Machern seine Ländereien  zwischen der heutiger Wurzener Straße und der Parkgrenze-Mühlteich an Siedler verkaufte, wechselte auch das  Wäldchen seinen Besitzer. Das Monument blieb aber dem Macherner Park und Landschaftsgarten erhalten und bekam in ihm einen neuen Standort.
 

Wo steht das Monument heute?

Es wurde auf einem Platz in Nähe der großen Kastanienallee verbracht, und zwar linksseitig, wenn man vom Agnes Tempel in Richtung Püchauer Straße geht. Es steht auch dort in der erhöhten Mitte eines Wiesenrondells mit angrezendem  Weg und zwei Ruhebänken sowie umgeben von zahlreichen wertvollen Koniferen. Seit dem Platzwechsel hat es mehrfache Gestaltveränderungen am Urnengefäß gegeben. So schreibt 1938 Ernst Beyreuther in seinem Buch „Machern. Im Wandel der Zeit“, dass sich auf den Gedenkstein eine Kugel befindet. Näheres ist dazu nicht bekannt geworden. In seiner Broschüre „Machern Landschaftspark“ veröffentlichte Thomas Topfstedt 1979 ein Bild, auf dem wieder ein Urnengefäß auf dem Sandsteinsockel zu sehen ist, jedoch von etwas anderer Gestalt als auf dem Bild von 1795 (s. o.). Unmittelbar nach dem Erscheinen dieser Broschüre war das Urnengefäß verschwunden. Die seit 1986 wirkende Parkdirektion unter Leitung von Dr. Bormann ließ eine neue Urne nach dem Bild von 1795  anfertigen, die nun seit etwa 1988 auf dem Steinsockel steht.

     
Das Monument 1979              Das Monument 2002

Vergleicht man die Bilder von 1979 und heute (aufgenommen 2002), so sind  im Gegensatz zu der sauberen Inschriftentafel von 1979 auf der von 2002 bedauerlicher Weise  nicht nur „zarte“ Beschmutzungen (wohlgemeintes Kreideherz) sondern auch grobe Beschädigungen (Kugeleinschüsse oder dergleichen) besonders gut auf der vergrößerten Bilddarstellung zu sehen (s. u.).
 
 

Die Inschrift am Monument

Die erste bekannt gewordene Übersetzung der lateinischen Inschrift auf der Tafel des Monuments stammt aus dem Jahre 1796 von P. C. G. Andrae, der in seinem Buch „Machern. Für Freunde der Gartenkunst“  schreibt:

Zur frommen Erinnerung
 errichtet der geliebten Mutter
dies Denkmal ihr Sohn
Carl Heinrich August Graf von Lindenau
1784.
Diese Übersetzung führen auch H. Gelbrich und U. Birkholz 1980  in der  "Rundblick Information Nr 7: Machern“ an. Allerdings heisst es bei ihnen „Zu frommer Erinnerung ... errichtete...“ .
Damit wäre ja alles gesagt, wenn nicht die interessierten Nachfragen zu den Abkürzungen und den alten römischen Zeichen für 1000 und 500 sowie zu den völlig falschen (kantoralen) und zu den falsch-tendensiösen (freimaurisch-rosenkreuzerischen) Übersetzungen des lateinischen Textes wären. Sie sollen, soweit wie möglich, nachfolgend beantwortet werden.
Ivo Gottwald, Mitglied der Gesellschaft „Griechen-Haus Leipzig“ e. V., deren Vorsitzender Prof. Dr. Joachim  Schulz ist, gibt heute folgende Dechiffrierung und Übersetzung des Textes:

P(ro)   M(emoria)
MATRI   DILECTIS(simae)
S(epulcrum)   F(ecit)
CAROL(us)  HENR(icus)  AVGVST(us)
COMES A LINDENAV
FILIUS
( I )  I ) CC  L XXX IV
:
Zur Erinnerung
an die sehr geliebte  Mutter
hat das Denkmal errichtet
Carl Heinrich August
Graf von Lindenau
der Sohn
1784

und meint, dass es gegenwärtig nicht mehr feststellbar sein dürfte, ob die Abkürzungen  P und M für PRO MEMORIA (Zur Erinnerung) oder für PIA MEMORIAE (Zu frommer Erinnerung) stehen.
Eine Deutung der beiden auf der Inschriftentafel benutzten, damals noch bekannten, heute aber weitgehend unbekannten alten römischen Zahlen für 1000 und 500 findet sich in der 24 bändigen Ausgabe der Brockhaus Enzyklopädie von 1992: Für 1000 verwandten die Römer einen Kreis, der durch einen senkrechten Strich geteilt war, der manchmal aber auch keine Verbindung mehr zu den Halbkreisen hatte: (I) oder ( I ). Im 1. Jahrhundert v. u. Z. verschriftete dieses 1000er Zeichen allmählich zum heute bekannten  M (lat. mille = 1000). Für 500 benutzten die Römer den senkrechten Strich mit einem rechtsseitigen Halbkreis: I) oder I ), was dann zum heute bekannten D wurde. Diese Halbkreise werden auf der Inschriftentafel wie das große C und seine Spiegelung verwandt. Die anderen römischen Zahlenzeichen  auf der Inschriftentafel sind alle bekannt: C = 100 (zweimal), L = 50, X = 10 (dreimal), IV = 4. Alles zusammen ergibt also dann die1784.
Der Kantor und Oberlehrer i. R. Ernst Beyreuther führt in seinem Buch „Machern. Im Wandel der Zeit“  (1938) nur die lateinische Inschrift der Tafel am Monument an und schreibt dazu: „Aus dieser Inschrift ist ersichtlich, daß der Gräfin Caroline Henriette Auguste von Lindenau von ihrem Sohn dieser Denkmalstein errichtet worden ist.“  Damit „baute“ er die Vornamen des Grafensohnes, die auf der Inschrift vermerkt sind, ohne Erklärung einfach in  fiktive Vornamen für dessen Mutter um, die aber nur Charlotte Auguste hieß. Ein nicht erklärbarer Fauxpas.
Ähnliches passierte 2002 noch einmal im Buch „Auerbachs Keller“ von R. Affelt und F. Heinrich, vielleicht dort sogar gewollt. Denn sie kannten ja laut der Literaturverzeichnisse ihrer Freimaurer- und Rosenkreuzer-Bücher über Machern auch das oben zitierte Buch von Andrae. Aber sie „fabulierten“ und brachten wieder „rosenkreuzerisches Prickeln“ bezüglich Machern und der Lindenau-Grafen unter die Leute: „Es darf uns nun nicht irritieren, daß die Inschrift, die in den Stein geschlagen war, den Namen der Mutter mit CAROL. HENR. AUGUST. wiedergibt, also nicht nur zwei, sondern drei Vornamen, nämlich zusätzlich noch Henriette, und daß auch Carola anstatt Charlotte auf dem Monument stand. Das heißt nämlich nicht, daß es  sich hier noch um eine andere Dame des Hauses gehandelt haben müßte und Carl Heinrich August möglicherweise später noch eine Stiefmutter gehabt hat.“ Etwas unverstänlich, das Zustandekommen dieser Interpretation.  Es ist schon immer besser, man bleibt auf dem Boden der Wirklichkeit.
Möge das Lindenau-Monument weitere 220 Jahre dem Macherner Landschaftsgarten als Denkmal erhalten bleiben.



Machern, 16. 11. 2004 /Prof. Dr. Heinz Mielke