Die Lindenaus als adlige Rittergutsbesitzer in Machern (3)

Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau als Wurzener Mühlenbesitzer im Streit mit der Bürgerschaft und dem Rat der Stadt: Der "Bierkrieg" und "Ölkrieg"

Der Stadtchronist Wolfgang Ebert läßt 1990 im Buch "Wurzen - Eine tausendjährige Stadt in Sachsen" Erinnerungen an einen "Pfaffenkrieg", "Fladenkrieg" und "Saukrieg" in Wurzen vor mehr als 400 Jahren aufblitzen. Damals war die Stadt das Streitobjekt geistlicher und weltlicher Feudalherren. Etwa 200 Jahre später gab es in Wurzen wieder Streitigkeiten. Die Streitobjekte waren jetzt Bier und Speiseöl.
Wenn heute der Wurzener Bürger sein Bier aus vielen Biersorten auswählen kann, von denen aber keine aus Wurzen stammt, war das früher anders:
In den Jahren 1780 bis 1784 lief in Wurzen ein "Bierkrieg", bei dem auf der einen Seite die bierbrauende Bürgerschaft und der Rat der Stadt Wurzen, auf der anderen Seite der Besitzer der beiden Wurzener Stadtmühlen, der Churfürstlich-Sächsische Oberstallmeister Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau standen. Letzterer hatte um Konzession ersucht, das auf seinem Rittergut in Machern gebraute Bier in seinen beiden Mühlen in Wurzen einlegen und ausschenken zu dürfen. Damit berührte er aber eine sehr empfindsame Stelle bei der brauenden Bürgerschaft und beim Rat der Stadt Wurzen, die anfangs auf rechtmässiger Basis voll dagegen, am Ende aber zu Teilzugeständnisse bereit waren.
Dieser "Bierkrieg" wird auf 38 Seiten einer handschriftlich abgefassten "Acta" vom 24.1.1784 an Seine Churfürstliche Durchlaucht in Dresden akribisch abgehandelt. Unterschrieben ist sie mit: "Die wir in vollkommenster Ehrerbietung Lebenslang beharren zum Stift Meissen verordnete Hauptmann, Kanzler und Räthe, Johann Christian Carl Zahn, Johann Christian Marlows". Sie befindet sich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden. Aus ihr geht hervor:

1. Die Braunahrung ist der einzige Erwerbszweig der Stadt Wurzen, durch den dieselbe mit unter die Mittelstädte gesetzt und mit beträchtlichen Abgaben und Belastungen �belagert� wurde. In den Jahren, da jener Erwerb in seiner Blüte stand, hatten die Wurzener mit patriotischem Eifer und auch ordentlich diese abführen können. Jetzt aber ist ein Verfall dieses Kommerz eingetreten. Denn nur noch der 8. Teil des früher gebrauten Bieres wird erzeugt. Das hat dann die noch "contributabel" (zwangsabgabefähig) bleibenden Bürger und Einwohner so entkräftet, dass sich die Stadt bei der alljährlichen Fertigung der "Contributions-Catasterie" (Zwangsabgabeliste) kaum noch zu helfen weiss.
2. In beiden Wurzener Stadtmühlen (in der Ober- und in der Untermühle) wurde immer nur in Wurzen gebrautes Bier eingelagert und hauptsächlich an Mahlgäste ausgeschenkt. Das war schon der Fall, als die Mühlen noch zum Amte Wurzen gehörten, also Landesherrenbesitz waren, wie auch danach, als sie 1701 vom damaligen Besitzer der Rittergüter Machern und Zeititz, Wolf von Lindenau, erworben wurden und als Pertinenzstücke (zugehörige Erbstücke) in diese Güter eingingen. 1702 wird Wolf von Lindenau Amtshauptmann von Wurzen. Er stirbt 1710. Sein Sohn Gottfried Anshelm bekommt die Güter mit den Mühlen, die nach dessen Tod 1749 an seinen Sohn Heinrich Gottlieb übergehen. Der verkauft 1752 die beiden Mühlen an Christian Dietrich, dessen Ableben und der Tod seines unverheirateten Sohnes Adam Gottlob Dietrich dazu führen, dass beide Mühlen 1774 wieder an die Rittergüter Machern und Zeititz zurückfallen. Der Besitzer ist noch Heinrich Gottlieb von Lindenau, nun aber schon Reichsgraf, Oberstallmeister und Wirklicher Geheimer Rat in Chursachsen.
3. Aus vorgenannter Situation sollte auch der Stadt Wurzen das Privilegium der bekannten Rechtsregel zustehen, das besagt, dass innerhalb bis zu einer Meile Weges (also 7,4 km) rings um die Stadt kein anderes als in Wurzen gebrautes Bier ausgeschenkt werden darf: "Somit müsste man dem Besitzer des Rittergutes Machern wohl verwehren können, Machernisches Bier allda einzulegen und zu verschenken."
4. Auch ist zu verhindern, dass der besondere Umstand eintritt und die umliegenden Stiftsdörfer wie Schmöln, Pausitz und Bach dann ihr benötigtes Bier aus der Lindenauischen Neumühle (Obermühle) holen und kein Wurzener Bier weiter verlangen und kaufen würden und Wurzen einen neuen Verlust seines Biervertriebes erlitte.

Nach vielem Hin und Her in diesem Geschäftskrieg weist die "Acta" aus:
"dass sie , die bierbrauende Bürgerschaft von Wurzen, in Rücksicht auf ihre Ohnmächtigkeit, sich in kostbare Weitläufigkeiten einzulassen, auch der hier vorwaltenden besonderen Umständen, und er, der Rat von Wurzen in Betracht der Arbitzii (Entscheidungen), in wie weit gnädigste Landesherrschaft eine oder die andere Schankgerechtigkeit verstatten wolle, und der Wohltat, die der Supplicant (Bittsteller) durch die beiden Mühlen hiesiger Stadt zum Verdienst und Nahrung vorzüglich hat angedeihen lassen und sein vorher auf beide Mühlen gerichtetes Suchen, lediglich auf die Neumühle eingeschränkt habe, dem Supplicanten gefällig zu sein und von ihren Rechten keinen vollständigen Gebrauch machen".
Sie erklären daher,
- "dass derselbe die erwähnte Neumühle mit dem auf seinem Rittergut Machern gebrauten Bier verlegen und solches allda verschenken lassen könne,
- jedoch mit der Bedingung, dass es lediglich bei der erwähnten Neumühle verbleibe und es lediglich den Mahlgästen gereicht und allda eine förmliche Schankstätte nicht eingerichtet werde."
Das kann aber alles nur solange stattfinden, wie diese Neumühle sich als Pertinenzstück bei dem Rittergute Machern befindet. Die bierbrauende Bürgerschaft der Stadt Wurzen verlangte schliesslich noch vom Grafen von Lindenau eine jährliche Entschädigung für die entstehenden Schankverluste.

Zwei Jahre später läuft dann schon der "Ölkrieg" in Wurzen, bei dem das dortige Seilerhandwerk auf der einen und der Besitzer der beiden Wurzener Stadtmühlen, der Graf von Lindenau, auf der anderen Seite stehen. Letzterer wollte auf seinen Wurzener Mühlen den Einzelverkauf von Leinöl realisieren. Dagegen wehrte sich aber das Wurzener Seilerhandwerk. In einer im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden dazu vorhandenen "Canzley-Acta" von 21.1.1786 übergibt Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau alle Vollmachten in diesem ihn betreffenden Streitfall dem Churfürstlich-Sächsischen Finanzprokurator August Wilhelm Schrotsen eidesunterschriftlich. Über den Ausgang dieses Streites ist nichts bekannt.

Das Grafenwappen an der Wurzener Stadtmühle

Von Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau sind in Machern 3 gut erhaltene Grafen-Wappen mit der neunzackigen Krone, dem Lindenbaum und dem Löwen vorhanden: Über 230 Jahre alt, schmücken zwei, in Stein gehauen, das Hauptportal (links) und den Altan des Schlosses und weiterhin eins, in Eisen gegossen, den Ofen in der Herrschaftskapelle der Kirche. Durch Brand stark beschädigt wurde ein viertes Grafenwappen. Es ist auch in Stein gehauen und wies in Wurzen auf den gräflichen Mühlenbesitz hin. Bis zum großen Mühlenbrand im Jahre 1917 befand es sich mehr als 140 Jahre als Tür-Schlussstein über dem Eingang zur Wurzener Stadtmühle. Jetzt lagert es, damals aus dem Brandschutt geborgen, als Anschauungsstück (rechts) im Kulturgeschichtlichen Museum von Wurzen und ist überzeugender Beweis dafür, dass der Graf von Lindenau, der Churfürstliche Oberstallmeister und Exzellenz in Sachsen, der Rittergutsbesitzer auf Machern, Zeititz und Gotha und der Besitzer von Auerbachs Keller in Leipzig auch Besitzer der Stadtmühlen in Wurzen war.

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Machern, 03. 01. 2001/Prof. Dr. Heinz Mielke