Die Lindenaus als adlige Rittergutsbesitzer in Machern (2)

Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen:
bedeutender Dichter der Barockzeit
und Schwiegersohn von Wolf von Lindenau

Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen, der sich kürzungsmäßig H.A.V.Z.U.K. nannte, lebte vom 6.1.1663 bis zum 8.9.1697. Er war ein erfolgreicher und schaffensfreudiger Dichter, Historien- und Romanschreiber der Barockzeit, dessen Werke sich im 19.Jahrhundert einer grossen Nachfrage erfreuten. Er arbeitete hauptsächlich auf den Schlössern seiner Rittergütern in Podelwitz bei Colditz und in Alt-Kötitz bei Calbitz als Schriftsteller sowie bei der Stiftsregierung in Wurzen als chursächsischer Beamter. Hier bekleidete er von 1689 bis 1697 das Amt des Stiftsrathes. Am 6. August 1685 heiratete er in Dresden Dorothea Sabina von Lindenau, die Tochter von Wolf von Lindenau auf Machern, Rittergutsbesitzer von Machern, Zeititz, Polenz und Gotha, und damals gerade auch Ober-Küchenmeister der verwittweten sächsischen Churfürstin in Dresden.

Seine Frau und seine Familie

Sabina von Ziegler und Kliphausen, geb. von Lindenau lebte vom 14.10.1661 bis zum 5.5.1709. Sie rückte erst nach dem Tode ihres Mannes in die heimatgeschichtsbezogene Öffentlichkeit. Denn nun war sie Rittergutsbesitzerin, Erb-, Lehn- und Gerichtsfrau sowie Kirchenpatronin in Liebertwolkwitz, wohin sie mit ihrem Mann und den Kindern zwei Monate vor seinem Tode gezogen war. Zwei wichtige Dokumente aus dieser Zeit wurden von der Liebertwolkwitzer Ortschronistin Charlotte Müller in Archiven entdeckt. Einmal handelt es sich um das Protokoll einer Gerichtverhandlung vom 26.11.1697 über "Branntweinbrennerei und Blasenzins", aus dem die Namen von Sabinas noch lebenden 5 Kinder aus der Ehe mit Heinrich Anshelm zuersehen sind, nämlich Hennriette Sabine, Wolff Heinrich, Christiane Elisabeth, Charlotte Wilhelmine und Carl Gottlob. Zwei ihrer 7 Kinder waren 1690 in Wurzen verstorben und in der adligen Kirchengruft von Machern beigesetzt worden: Gustav Anshelm und Ferdinand Adolph. Wichtig für die noch folgenden Darlegungen ist der Name und die Person von Christiane Elisabeth.
Das zweite Dokument wurde schon im "Liebertwolkwitzer Wasserturmboten" im April 1998 ausgewertet und betrifft den Neubau des Kirchturmes in Liebertwolkwitz um 1700. Als Gutsherrin, Gerichtsherrin und Kirchenpatronin hatte Sabina unter Zuziehung des Pfarrers und zweier Kirchenväter befunden und initiiert, dass der alte bauffällige Kirchturm beseitigt und ein neuer höherer gebaut wird. Dieser neue steht nun seit 1702 und enthält in der Blechkapsel seines vergoldeten Knopfes ein Schriftstück über den Bau, unterschrieben und gesiegelt von der Kirchenpatronin. So kann der Liebertwolkwitzer Kirchturm als eine besondere Art von Denkmal für Sabina von Ziegler und Kliphausen geborene von Lindenau angesehen werden und darüber hinaus auch als Erinnerungsmal an ihren Mann, den bedeutenden Barockdichter, dessen Leben hier in Liebertwolkwitz zu Ende ging.
Sabina ist 1706 mit ihren 3 Töchtern auf das elternliche Rittergut nach Machern zurückgekehrt, nachdem sie ihr Gut an Frau verw. von Fullen auf Störmthal verkauft hatte. Die beiden Söhne waren kurz zuvor verstorben. 3 Jahre später endete auch ihr Leben in Machern. Von ihren Töchtern ist wenig bekannt. Das Macherner Kirchenbuch berichtet, dass das "Wohlgeborene Fräulein Christiane Elisabeth, Tochter des Herrn Stiftsrath Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen" am 24.9.1710 Taufpatin bei einem Gärtnersohn wurde. Am 22.7. 1711 heiratete sie Wolf Friedrich von Nostiz auf Malschwitz. Ihr Name gab später noch Anlass zu einer unverständlichen Verwechslung durch Pastor Samuel Schneider aus Gerichshain, der sie 1754 in einer Hochzeitsrede, die durch Druck noch existent ist, als Frau von Gottfried Anshelm von Lindenau, dem Stiefbruder ihrer Mutter Sabina, bezeichnete. Das stimmt aber nicht, da dieser zwar eine Adlige gleichen Namens, aber anderer Herkunft geheiratet hat.

H.A.V.Z.U.K. - der Dichter, Stiftsrath und Rittergutsbesitzer

Jugendliche und Podelwitzer Schaffensperiode

Der Ausschnitt des Kupferstiches von Sperling zum "Historischen Labyrinth der Zeit" (links) zeigt den Dichter H.A.V.Z.U.K. als Geschichtsschreiber, umgeben von Gestalten der Geschichte.
Aus einer sächsischen Adelsfamilie stammend, wurde er in Radmeritz geboren, das rechtsseitig an der Neiße, 10 km südlich von Görlitz liegt. In Görlitz besuchte er von 1679 bis 1682 das Gymnasium, wo er sich mit 3 Schülerarbeiten hervortat und eine solide rhetorische Ausbildung erhielt. Dann studierte er in Frankfurt/O. Jura, Geschichte, Sprachen und Poesie. Mit dem Tod seines Vaters im Zusammenhang stehend, brach er dieses 1684 ab und widmete sich von nun an der Verwaltung und Vermehrung des ererbten Besitzes, vordergründig wohl aber der Schriftstellerei. Auch Übersetzungen aus dem Italienischen fertigte er an wie "Der tapfere Heraclius" (1687). Bereits 1688 erschien sein erstes großes Werk, die "Asiatische Banise", das ihn berühmt gemacht hat und viele Nachauflagen und flutartige Nachahmungen bewirkte.

In dieser Zeit erwarb er das Rittergut Podelwitz an der Freiberger Mulde in der Nähe von Colditz, auf dem er mit seiner Familie einige Jahre lebte und schöpferisch arbeitete. Hier wurde die "Asiatische Banise" fertiggestellt und die Heroiden-Dichtung "Helden-Liebe der Schrift Alten Testaments mit 16 anmutigen Liebesbegebenheiten" abgeschlossen. Die Familie lebte wohl schon in Wurzen, als er am 3. April 1691 das in Podelwitz dazu verfasste Schlusswort unterschrieb. Im selben Jahr noch erschien das Buch in der Leipziger Verlagsdruckerei von Moritz Georg Weidmann. In Podelwitz wurden nachweislich seine beiden Söhne Wolf Heinrich (1687) und Gustav Anshelm (1688) geboren und in der Kirche zu Colmen getauft. Taufpate war jedesmal sein Schwiegervater Wolf von Lindenau auf Machern. Podelwitz wurde 1691 an Ulrich Maximilian von Rechenberg verkauft.

Wurzener Schaffensperiode

In seiner 1717 gedruckten "Historie der Chursächsischen Stifts-Stadt Wurzen" gibt Christian Schöttgen an, dass Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen ab 1. Oktober 1689 das Amt eines Stiftrathes in Wurzen bekleidete. Aus der in Leder gebundenen, 79 Seiten umfassenden und ebenfalls im Kulturgeschichtlichen Museum Wurzen vorhandenen Handschrift "Wurzen vom 13./14. bis 19. Jahrhundert: Zur Stadt-, Siedlungs- und Domgeschichte" erfährt man dazu weiterhin: "Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen als Stiftsrath roniquirt (ausgeschieden) 1697, ist kurz darauf gestorben. Er hat den Schauplatz der Zeit und andere Bücher geschrieben."
Und das Taufregister des Pfarramtes der Evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Wurzen enthält Angaben zu der Geburt seines Sohnes Ferdinand Adolph am 27.8.1690 in Wurzen. Hier hat er mit seiner Familie auf dem Domgelände ein sogenanntes Freihaus bewohnt, das 1880 abgerissen wurde. Das geht aus dem Zusatz zu einem Artikel über ihn im "Rundblick" 1962 hervor. Die Familie wohnte damals zeitweise auch auf seinem Besitz im Schloss des Rittergutes Alt-Kötitz bei Calbitz, etwa 20 km von Wurzen entfernt, wo er in Ruhe und Abgeschiedenheit seinen dichterischen Aufgaben und Zielen nachgehen konnte. Zwischen 1691 und 1696 erblickten hier auch seine drei letzten Kinder das Licht der Welt: Christiane Elisabeth, Charlotte Wilhelmine und Carl Gottlob. Diese Fakten zeugen zusammen mit seinen Werken davon, dass der Dichter, Historien- und Romanschreiber H.A.V.Z.U.K. zur Wurzener Kulturgeschichte gehört und stärker als bisher in sie einbezogen werden sollte. Immerhin war er 9 Jahre "Churfürstlich Sächsischer Rath und Assessor des hohen Stiffts Meißen zu Wurtzen".
An dieser Stelle soll nun die Wurzener Schaffensperiode kurz beleuchtet werden. Im Killy Literaturlexikon liest man: "Zwei historische Kompendien beschließen das schriftstellerische Werk von Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen. Das erste, 'Täglicher Schauplatz der Zeit' (Leipzig,1695), stellt ein riesiges polyhistorisches Kuriositäten-Kabinett dar, das auf rund 1500 Folioseiten für jeden Tag des Jahres die 'merkwürdigsten Begebenheiten / so sich vom Anfange der Welt / biß auff diese ietzige Zeiten / andemselben zugetragen / vorstellig machet". Hier sei das Zitat unterbrochen und eingefügt, dass er das Vorwort zu diesem umfangreichen Buch unterzeichnete hat mit: "Alt-Kötitz, den 13. Tag des Wintermonats im Jahr 1694 untertänigst-gehorsamst und treust-gewiedmester Knecht". Es folgte sein vollausgeschriebener Name. Jetzt weiter im Zitat "Das zweite ist eine ähnliche, zwar ungeordnete, aber durch ein dreifaches Register erschließbare Fundgrube weiterer historischer Fakten und Kuriosa jeder Art, in der Tat ein 'Historisches Labyrinth der Zeit' (1352 Folioseiten)."
Sein Tod durch Schwindsucht verhinderte die Vollendung dieses Werkes. Es erschien postum 1701 in der Endbearbeitung von Philipp Balthasar Sinold und hat ein schönes Kupferstich-Vortitelblatt, das den Dichter als schreibenden Histiographen umgeben von Gestalten der Geschichte zeigt (siehe vorn).

Auf diese beiden großen Werke aus der Wurzener Schaffensperiode kann auch im Kulturgeschichtlichen Museum Wurzen zugegriffen werden.1696 wurde am Weißenfelser Hof die Oper von Johann Philipp Krieger "Die Lybische Telestris" aufgeführt, zu der H.A.V.Z.U.K. das Libretto geschrieben hatte.

Tod in Liebertwolkwitz

Ein Hinweis von der Liebertwolkwitzer Ortschronistin Charlotte Müller führte zum 37. Band der "Deutschen National-Literatur", in dem der Literaturwissenschaftler Felix Bobertag aus Breslau 1883 folgende Charakterisierung von Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen gibt: "Er war von Natur schwächlich und hypochondrisch, und durch die viele Stubenarbeit schadete er seiner Gesundheit, so daß ihn der Tod schon am 8. September 1697 zu Liebertwolkwitz ereilte." Da war er erst 34 Jahre alt und gerade vor zwei Monaten mit seiner Familie (5 seiner 7 Kinder lebten noch) auf seinen neuen Besitz gezogen, auf das Rittergut Liebertwolkwitz, das er vom Hofrat Dr.Ludwig Lenz gekauft hatte. In Liebertwolkwitz gedachte man 1997 in der Kirche mit Vortrag, Orgelmusik und Ausstellung dem 300. Todestages des Dichters. Und im darauffolgenden Jahr erschienen von Charlotte Müller im "Liebertwolkwitzer Wasserturmbote" von Januar bis März drei Berichte über ihn und zwei seiner Werke.

Abschließend zwei von den "so viel saubern Kupfer" aus der "Helden-Liebe".

Den linken Stich unterschrieb H.A.V.Z.U.K. mit: "So fährt die keusche brunst zur krone himmel an weil ihre Tugenden kein grab bedecken kan." Der rechte Stich zeigt die "Fahrt in die Hölle".

Nachtrag (von Januar 2009):

Der Strelitzer Heimatverein aus Neustrelitz wünschte im November 2008 Unterstützung und Hilfe bei der Klärung des für ihn wichtigen Literaturhinweises "Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen: Der Brand des Mecklenburger Residenzschlosses in Strelitz am 25. Oktober 1712". Die Richtigkeit der Quelle wurde erst als zweifelhaft angesehen, da Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen schon 1697 verstorben war (s. o.). Recherchen ergaben , dass 1718 tatsächlich unter seinem Namen ein 1400 Seiten umfassendes Buch in Folio-Format in Leipzig erschienen ist mit dem Titel "Continuirter historischer Schau-Platz und Labyrinth der Zeit" (s. Bild). Auf den Seiten 852 und 853 ist der  ausführliche Bericht über diesen Schlossbrand enthalten. Leider gibt es in dem Buch keine Angaben über den oder die eigentlichen Autoren.


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Machern, 02. 01. 2001/Prof. Dr. Heinz Mielke