Kuh-Geschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen

Die Kuh - die Milch

Im Deutschen Hygienemuseum Dresden fand vom 6. Juni bis 19. Oktober 1997 die für jederman anschauenswerte und besonders für Jugendliche und Kinder sehr lehrreiche Sonderausstellung "Die Kuh - Die Milch" statt. Die Exposition informierte über fast alles rund um die Kuh und über fast alles rund um die Milch. So wurde in drei Räumen über die Biologie und die Nutzung der Kuh und über den weiten Weg der Milch von der Kuh in den Kühlschrank sowie deren Nutzung und Verarbeitung zu Nahrungsprodukten mit gut ausgewählten Exponaten, Bildern, Videos und Geräten zur Selbstbetätigung umfassend informiert und aufgeklärt. Die Internet-Information des Hygienemuseums zu dieser Sonderausstellung unterstrich noch besonders, daß Milch heute zu einem modernen Produkt wurde, das Frische, Gesundheit und Sportlichkeit verheißt. Sie ist eben kein Getränk unter vielen, sondern "ein ganz besonderer Saft". Das meinen wohl auch die beiden sächsischen Staatsministerien mit dem Aufkleber "Milch macht müde Leute munter". Gegenwärtig werden in Sachsen etwa 250 000 Kühe gehalten. 5 Millionen sind es in Deutschland und 1,3 Milliarden Rinder auf der ganzen Welt, darunter die 190 Millionen "heiligen Kühe" in Indien.
Ein ständiger Rückgang der Kuhzahl in Europa bei gleichzeitigem Anstieg der Milchleistung der Kühe liegt ganz offensichtlich im Trend. Die Milchwirtschaft kann zweifelsohne als die stärkste Branche der deutschen Ernährungsindustrie bezeichnet werden.

In einem Bericht über die bisher sehr erfolgreich laufende und gelaufene Ausstellung bringt Rüdiger Dillo (Die Zeit Nr.25/97) neben dem rundum Positiven sein Bedauern darüber zum Ausdruck, daß der Ausstellung das lebende Exponat in Form einer braven sächsischen Schwarzbunten fehlt, am besten mit zwei Kälbchen, draußen auf der großen Wiesenfläche vorm Museum zum Fühlen des weichen Felles und des warmen Euters. Dem einem fehlte eben dies, dem anderen fehlte noch das, wie zum Beispiel ein Exkurs zur "Die Kuh in der Kunst" als kulturgeschichtliche Abrundung der Ausstellung. Inspiriert durch die Dresdener Ausstellung soll dieser Exkurs nachfolgend als zweite Kuh-Geschichte mit den durch gebotene Kürze notwendigen Einschränkungen versucht werden.Das zweite Bild und und das Endbild davon waren auf der Ausstellung als reale Exponate vorhanden gewesen.

Die Ausstellung wird künftig weiter existieren, und zwar als Wanderausstellung. So zeigt sie der Sächsische Landeskontrollverband e.V. vom 10. bis 27.3.1998 in Lichtenwalde im Freistaat Sachsen .

Die Kuh in der Kunst

Kulturgeschichtlich-variabel

Die Darstellungen der Kuh in der Kunst sind zahlreich, aber nirgends ausreichend zusammengestellt worden. Da machen die "Studien zur Kulturgeschichte des Milchentzuges" von D. Parau (Volkswirtschaftlicher Verlag Kempten 1975) eine Ausnahme. Die Broschüre enthält in einer fleißigen Zusammentragung über 30 Bilder. Das Titelbild "Kuh, ihr Kalb säugend" zeigt eine Elfenbeinarbeit aus dem 8. Jahrhundert v. d. Z., in Syrien gefunden, jetzt im Louvre in Paris. Sie soll den künstlerischen Fundus der Broschüre hervorheben, der hier aber weiter nicht ausgewertet werden kann.

Wissenschaftlich-lehrreich


Die "Gläserne Kuh" stand in der Ausstellung auf exponiertem Platz in Eingangsbereich. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Erich Schwarze, damaliger Direktor des Veterinär-Anatomischen Institutes der Leipziger Universität, wurde sie 1957 von den Mitarbeitern des Deutschen Hygienemuseums Dresden technisch geschaffen (60 km Draht und 123 Glühlampen) und künstlerisch modelliert (Aluminium und Plaste). Auf der Weltwirtschaftsausstellung 1959 in Neu-Delhi war sie die Sensation für über eine Million Besucher. Vor ihr stand auch Nehru, der indische Ministerpräsident. Nun war sie 1997 nach weiteren Ausstellungen, wie auch 1978 auf der AGRA in Leipzig-Markkleeberg, wieder Hauptattraktion in Dresden unter neuer wissenschaftlicher Beratung von Prof. Dr.Günther Michel, einem Nachfolge-Direktor von Prof. Schwarze.

Religiös-verehrt

In seiner tierärztlichen Dissertationsschrift "LA VACHE SACRE: MYTHES ET REALITES" veröffentlichte der Franzose Desoutter-Lefevre (Paris-Alfort) 1980 das Bild "Heilige Kuh mit Blütenkranz" zusammmen mit dem Ausspruch von Gandhi "Die Kuh ist ein Poem des Mitgefühls". Gandhi lehrte die Hindus einst, die Kühe für Güte und Sanftmut zu verehren. Sie werden in Indien fast nur zur Milchgewinnung und als Zugtiere gebraucht. "Man mag um die Zukunft Indiens bangen. Aber nichts ist so entwaffnend wie der Anblick einer Kuh mit einer Krähe auf dem Rücken, wie sie mitten auf einer großstädtischen Kreuzung im tosenden Feierabendverkehr symbolträchtig dasteht, ein unverwundbarer unerschütterlicher Felsen im Fluß vergänglicher Zeit". (Luise Crome)

Mythologisch-verliebt

Eine fast zärtliche Kuhdarstellung schuf F.E. Adam 1754 mit der Skulpturengruppe "Jupiter mit der in eine Kuh verwandelten Jo" an der Großen Fontäne im Potsdamer Park von Schloß Sanssouci. Es versinnbildlicht die mythologische Geschichte von dem in die schöne Jo, Tochter des Königs Argos, verliebten Jupiter, der sie zum Schutz vor seiner eifersüchtigen Frau in eine weiße Kuh verwandelte. Juno, argwöhnisch geworden, ließ Jo durch eine Bremse stechen. Das trieb die Kuh Jo in den Wahnsinn und voller Unruhe in die Welt. So kam sie über die nach ihr benannte Furt (Kuhfurt = Bosporus) nach Asien und Ägypten. Rückverwandelt, gebar Jo dann dem Zeus noch einen Sohn. Aus dieser Geschichte wird der wissenschaftliche Begriff für die Brunst abgeleitet: Östrus. Denn lateinisch heißt Bremse "oestrus". Sie führte zu der "mythologischen Unruhe und Raserei".

Barock-geruhsam

Auf dem Bild "Die Melkerin" von Paulus Potter (1625 - 1654) sieht man eine Kuh gelassen- konzentriert beim Melken in ländlich-schalkhafter Szene: die Melkerin bespritz neckend ihren sich nähernden "Galan" mit einen Strahl Milch. Das Gemälde hängt im Staatlichen Museum Schwerin.

Expressionistisch-springend

Franz Mark (1880 -1916) malte 1911 "Die gelbe Kuh", wie sie in den Bergen seiner bayrischen Heimat umherspringt. Sie ist eine seiner zahlreichen expressionistischen Tierdarstellungen und befindet sich im New Yorker S.R. Guggenheim Museum.

Modernistisch-fliegend

"Die fliegendeKuh" über einer Großstadt bei Mondschein und Sternenlicht und die Aufschrift "a cow a moon a big city - New York" auf dem kunstvollen T-Shirt des Autors beim Stammtisch vermögen so richtig die Tierliebe der New Yorker nachzuvollziehen: "Wo sehen sie schon mal Kühe? Bestimmt nur nachts im Traum. Dann aber bitte fliegend."

Q-Look und Milk-Manie

In der Milchbar als abschließender Teil der Ausstellung "Die Kuh - Die Milch" waren in einem Regal mehrere "Schöpfungen im künstlerischen Q-Look" aufgestellt. Davon gab es in der Ausstellung noch weitere Exponate. Der Ausstellungskatalog versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum Q-Look? "Kühe sind so gutmütige und nützliche Haustiere. Ihr freundlicher Charakter macht sie bei den meisten Menschen beliebt. Die schwarz-weißen Flecken identifizieren die Kuh eindeutig, so daß man einem Gegenstand allein durch das grafische Muster ein positives Image geben kann. Für die Werbung ist der Q-Look daher ein willkommenes Stilelement. Irgendwann wird sich der Q-Look ausgetobt haben: Die Milk-Manie allerdings könnte immer weiter gehen: Milch ist in. Und es gibt keinen Grund, warum dies jemals anders werden sollte." Dazu sind aber weiterhin Kühe nötig.

Die Macherner Kühe und die Musen und Aktuelles

Die Macherner Parkdirektion hatte 1990 einen interessanten Brief aufgefunden, in dem der bekannte Buchhdrucker und Verleger Georg Joachim Göschen aus Grimma am 29. Oktober 1800 an den Weimarer Gymnasialdirektor Karl August Böttiger, den späteren Direktor der Dresdener Antikensammlung, folgendes witzig schrieb: "Jetzt zum Schluß ein Exempel, wie sehr die Aesthetik in unserem Vaterlande sich ausbreitet. Ich komme gerade von einem Geschäft in Machern. Der Graf von Lindenau hat seine Kühe mit den Namen der neun Musen belegt, die über jedem Trog geschrieben stehen. Die Urania hatte vor wenigen Wochen gekalbt, die ahle Schinderkröt Thalia hatte die Kuhpocken bekommen, Euterpe wurde gemolken, Calliope hatte gerindert und die übrigen fünf wurden ausgemistet, als ich da war, wie mir die Mägde erzählten. Seit die Musen in den Stall gekommen sind, scheint das Vieh ihre ehemaligen Plätze eingenommen zu haben. Es mag traurig auf dem Olymp aussehen, zumal wenn dort die Stallfütterung eingeführt wird."

Wie kam es wohl im sächsischen Machern zu solchen mythologisch-romantisch-sentimentalen Namensgebungen für die gräflichen Kühe?. Carl Graf von Lindenau, Besitzer des Macherner Rittergutes bis 1802, war von 1786 bis 1808 bei den preußischen Königen in Potsdam und Berlin erst als Reisestallmeister, dann als Vice-Oberstallmeister und ab 1788 als Oberstallmeister tätig. Hier machte er auch die ihn geistig stark beeinflußende Bekanntschaft mit dem Park von Sanssouci und dessen vielen, von großen Meistern geschaffenen antikisch-mythologischen Skulpturen. Das Musenrondell mit den ehemals acht, nach einer Entwurfszeichnung Knobelsdorffs von Christian Friedrich Glume 1752 geschaffenen Musen hatten ihn wahrscheinlich besonders berührt und zu den Namensgebungen für seine Macherner Rittergutskühe inspiriert.
In einer "Bildparade" können die 1995 vorhanden gewesenen sieben Musenskulpturen betrachtet werden (Clio fehlte und Urania war fürs Musenrondell nicht konzipiert worden).

Diese Namensgebungen waren wohl mehr der Ausdruck einer zutiefst sentimental-romantischen Empfindsamkeit der damaligen Zeit, wie sie gleichfalls im Macherner Schloß- und Parkbereich auf die verschiedenste Art und Weise verwirklicht wurde. Damals wie heute hatten und haben Macherner Kühe aber als vorrangige Aufgabe, wie anderenorts die Kühe auch, möglichst viel Milch zu bilden.

Das bäuerlich-gutsherrschaftliche Dorf Machern in Sachsen besaß um 1800 etwa 110 Kühe. 1950 waren es 120 Kühe bei 18 Alt- und 18 Neubauern. Die Entwicklung in der Landwirtschaft der DDR führte danach zur Konzentrierung der landwirtschaftlichen Betriebe, Nutzflächen und Viehbestände, so daß es in Machern selbst 1980 keine Kühe mehr gab, wie auch heute. Aber der jetzige Betrieb, die Machern Landwirtschaft GmbH & Co. KG hält als Großraumeinrichtung auf 5000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche der Großgemeinden Machern, Brandis, Beucha und Bennewitz mit Stammsitz in Grubnitz immer noch 800 Kühe in den Ställen von Püchau und Bach. Sie haben eine durchschnittliche Jahresmilchleistung von 6000 kg pro Kuh, gegenüber von 3700 kg der 2200 Kühe vor 10 Jahren im damaligen Vorläuferbetrieb, in der Landwirtschaftlichen Kooperation Wurzen-West mit 6000 Hektar.
Das Abschlußbild zeigt die Kuh Nr. 39936 , eine der besten Kühe im Stall Püchau, mit 7800 kg Jahresmilchleistung.



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Machern, 16.11.1997/ Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated: 12.03.1998