Esel-Geschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen

In Deutschland gibt es nur einige Hundert Esel. Ihre Zahl in Sachsen ist nicht bekannt. Vor allem sind es Zoo- und Liebhabertiere, die mit verantwortungsvoller Fürsorge gehalten werden. Dazu will auch die "Interessengemeinschaft für Eselfreunde in Deutschland e.V." (DIGEF) beitragen, deren 10jähriges Bestehen am 15./16. August 1998 in Forst bei Bruchsal gefeiert wurde. Dort haben sich Esel- und Mulifreunde getroffen und ihre Tiere präsentiert und Erfahrungen ausgetauscht. Am 17.September 1997 strahlte das MDR-Fernsehen in der Sendereihe Telethek einen Beitrag zum "Eselstammtisch Ost" aus, der ähnliches beinhaltet.
Da Sachsen-Esel äußerst interessant, aber nicht leicht auffindbar sind, soll nachfolgend in einem ersten Teil über ihre Entdeckung in Machern und Umgebung berichtet werden und später in einem zweiten und dritten Teil über Internet-Eseleien und über einige Auslandsesel.

Teil 1: Entdeckungen sächsischer Esel in Machern und Umgebung

Familien-Esel

Die Geschichte von "Max": Geht man die Straße von der Macherner Bahnbrücke aus in Richtung Zeititz, so ergeben sich zwei Möglichkeiten, auf den einzigen Esel von Machern zu stoßen: Entweder befindet er sich rechts am Robinienweg hinter dem Kindergarten auf der Weide und grast geruhsam mit seiner Stallgefährtin, der Trakehner Stute "Kriemhild", oder er ist linksseitig etwas weiter auf dem Zeititzer Weg im Hofauslauf bei seinen "Futtergebern", der Familie Wagner, zu finden. "Max" ist inzwischen 20 Jahre alt. Bald wird auch Wagners Enkelchen noch seine Freude mit ihm haben, vielleicht genauso, wie Wagners Tochter und Sohn damals in ihrer Kindheit mit einem anderen Esel, der "Katja". Diesen hatte Hartmut Wagner 1970 gerade zu diesem Zweck aus Bulgarien mitgebracht. Denn der gewünschte Umgang der Kinder mit Pferden, hier speziell mit "nervigen" Turnierpferden, war den Eltern doch zu riskant. Beide, Hartmut und Angela Wagner, waren ein Leben lang passionierte und auch sehr erfolgreiche Turnierreiter und sind bis heute nie ohne Pferde ausgekommen. So entschieden sie sich damals für einen Esel als Reit- und Wagentier für ihre Kinder.
"Katja", eine braungetönte Bulgarische Eselin, lebte 27 Jahre, davon 19 Jahre zusammmen mit "Max", dem typisch grauen Deutschen Hausesel mit dem dunklen Aalstreifen auf dem Rücken und dem Schulterkreuz. Beide bescherten den Wagners in dieser Zeit nicht nur 7 muntere Eselfohlen und zusätzliche Arbeit, sondern auch viel Unterhaltung und Freude, wobei die Eselkutschfahrten für den Kindergarten nicht zu vergessen sind. In Sachsen gibt es wohl keine andere Gemeinde so wie Machern, wo Kindergartenkinder frühzeitig und fast täglich mit einem der ältesten Haustiere und einem der bekanntesten Märchentiere Aug in Aug Kontakt auf nehmen können. Bleibt noch anzuführen, daß Hartmut Wagner heute und schon seit langem seine großen Erfahrungen und Kenntnisse im Reit- und Turniersport als Vorsitzender der Abteilung Reiten des Macherner Sportvereins SV 90 e.V. an Jüngere weitergibt.

Ranch-Esel

Die Geschichte von "August": "August", rechts im Bild, ist ein kastrierter männlicher Esel mit Familie. "Mama", in der Mitte des Bildes, ist seine Eselfrau und die zweijährige "Schönheit", daneben ihrer beider Kind aus der Zeit, wo "August" noch seine volle männliche Potenz besaß. Bettina Stolle hat die Gruppe aus Holzhausen für ihre "Little Stone Hill Ranch" in Kleinsteinberg erwerben können. Hier sorgt die Eselfamilie zusammen mit vielen anderen Haustierarten für das Westernflair nicht nur bei Country-Feten mit Cutting und anderen Attraktionen, sondern auch im allgemeinem. Eindrucksvoll sind für Ranchbesucher immer wieder Beobachtungen der Verhaltensreaktionen der Esel, die in der Koppel mit den Pferden gemeinsam weiden. Kommt die Pferdegruppe zur Tränke, wo sich die Esel gerade den Durst stillen, dann verlassen diese sofort, jedoch nicht angstvoll, sondern eher bedächtig den Platz, ohne dabei ihre großen Vettern auch nur eines Blickes zu würdigen. So etwas ähnliches in einer anderen Beziehung muß Wilhelm Busch zu dem nachfolgenden Gedicht inspiriert haben:

Der Esel

Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr,
Der käute sich sein Bündel Heu
Gedankenvoll und still entzwei.

Nun kommen da und bleiben stehn
Der naseweisen Buben zween,
Die auch sogleich, indem sie lachen,
Verhaßte Redensarten machen,
Womit man denn bezwecken wollte,
Daß sich der Esel ärgern sollte.

Doch dieser hocherfahrne Greis
Beschrieb nur einen halben Kreis,
Verhielt sich stumm und zeigte itzt
Die Seite, wo der Wedel sitzt.

Ziegenhof-Esel

Die Geschichte von "Muck": Im Juli 1997 verschaffte Landrat Dr. Gerhard Gey dem gerade geborenen Eselhengstfohlen des Ziegenhofes Fremdiswalde eine besondere Würdigung mit der durch ihn persönlich als Oberster Dienstherr des Muldentalkreises vorgenommenen Taufe auf den Namen "Muck".Auf dem Bild ist "Muck" fast ein Jahr alt. Zusammen mit seiner Mutter "Lisa", einem Europäischen weißen Esel, weidet er etwas getrennt von den auf dem Ziegenhof von Christiane Schumann und Peter Köditz noch vorhanden zwei Eseln. Es sind dies die vielerorts durch ihr geschmücktes Auftreten bei Festen und durch Ziegenhofbesichtigungen besonders bei Kindern bekannte "Sulaika", eine 25 Jahre alte helle Bulgarische Eselstute, und der Neuzugang aus Mölkau, bei dem es sich um die 10 Monate alte "Gini" handelt , eine dunkle Katalanische Riesenesel-Stute, die schon jetzt eine beträchtliche Größe aufweist. Genauso wie "Muck" und seine Mutter weiden auch sie hier zusammen mit Shetlandponys. Rundherum sieht man Ziegen über Ziegen, wohl an die 100 Stück, von denen 70 gemolken werden . Daneben gibt es noch viele andere Haustiere . Einige sind fast als Exoten zu bezeichnen, wie die Pfauen und das Stachelschwein. Den Clou stellt aber das im Mai diesen Jahres auf dem Ziegenhof geborene Maultier-Mädchen mit dem vorläufigen Namen "Winzling" dar, worüber an anderer Stelle berichtet werden soll.

Ökologiegut-Esel

Die Geschichte von "Peter": Der "Peter" ist ein 6jähriger Katalanischer Riesen- oder Reitesel mit typischer "Mehlnase und weißen Augenringen". Zusammen mit der gleichaltrigen Eselstute "Susi", im Bild hinter ihm, bildet er in echtes reinrassiges Eselpaar, das auf dem Gut Mölkau, einem Betriebsteil der Ökologischen Stadtgüter Leipzig sein zu Hause gefunden hat. "Peter" machte bereits in dreierlei Hinsicht von sich Reden. So gebar ihm "Susi" seine reinrassige Tochter "Gini", die jetzt auf dem Ziegenhof Fremdiswalde lebt. Weiterhin ist er der Vater des im diesjährigen Mai geboren Maultierfohlens "Pandora". Und drittens wurde er ob seiner besonderen Qualitäten im Umgang mit Pferdestuten als Beschäler zur Maultierproduktion ins Brandenburgische ausgeliehen. Den beiden Katalanischen Rieseneseln geht es auf dem Gut Mölkau unter der Leitung von Maître Gerhard Wieck bestens. Dort sind sie wie die anderen Haustiere begehrte Schauobjekte für die vielen Besucher, die besonders an den Wochenenden und an Feiertagen in den neu und modern gestalteten Guts- und Parkanlagen Entspannung und Erholung bei gleichzeitiger unaufdringlicher ökologisch-landwirtschaftlich-biologischer Bildung suchen.

Teil 2: Internet-Eseleien

"Help mein Esel ist schwanger"

Diese Geschichte gehört zur Kategorie "Schmunzeln im Internet" und berichtet von einem E-mail-Wechsel des Autors mit einem Anonymus. Der Autor erhielt von ihm folgenden elektronischen Brief per Internet (E-mail):

"VMedia4444@aol.com schreibt zum Gegenstand 'Help mein Esel ist schwanger': Hallo, können sie mir sagen, wie lange ein Esel tragend ist??? Habe schon viel gehört von 9-14 Monate. Danke für die Antwort."

Die Antwort lautete:

"Hallo, Anonymus 4444, wie das so in der Biologie ist, weist auch die Tragezeit beim Esel tatsächlich einen Schwankungsbereich auf. Und dazu, wie das auch so ist, gibt es dann noch unterschiedliche Angaben, gleichermaßen auch für den Durchschnittswert. Einmal wird letzterer mit 380 Tagen und der Schwankungsbereich mit 360-390 Tagen, einandermal mit 360 Tagen bzw. mit 348-377 Tagen angegeben. Ob darin auch die entsprechenden Zeiten für eine mit einem Pferdehengst fremdgegangene Eselstute enthalten sind, kann nicht eindeutig von mir benannt werden. Bestimmt passen sie aber in den von Ihnen angegebenen weiträumigen Schwankungsbereich noch hinein. Probieren Sie es doch mal mit Ihrem Esel aus. Jetzt lassen Sie erst einen Esel austragen und nächstes bzw. übernächstes Jahr einen Maulesel. Es grüßt Sie Prof. H. Mielke."

Hiermit wurde ein Problem der Fortpflanzungsbiologie des Esels angesprochen, das die berechtigten unterschiedlichen Angaben über die Tragezeiten berührt. Diese sind in hohem Maße der Vielfalt und Vielzahl ungelenkter Eselkreuzungen anzulasten, die früher und auch jetzt noch ohne ein bestimmtes Zuchtziel mit Eseln unterschiedlichster Herkunft stattfanden und -finden.

Teil 3: Auslandsesel

Der Hausesel kam von Südeuropa in deutsche Lande und war hier im Mittelalter weit verbreitet. Er spielte eine gewisse wirtschaftliche Rolle , die jedoch unter den hier herrschenden Klimabedingungen nicht die Bedeutung erlangte wie die des Hauspferdes. Der Hausesel war besonders ein Transportmittel für Müller, Krämer, Kleinhändler und andere. Der etwas kräftigere Thüringer-Wald-Esel leistete gute Dienste bei der Arbeit in den bergigen Waldgebieten und transportierte am Wartburgberg das Wasser auf die Burg. Das alles gibt es heute nicht mehr. Allerdings sind an der Wartburg Esel noch in der Tourismusbranche tätig. Als traditionelle Attraktion schaffen sie nicht das Wasser, sondern fidele Kinder den Berg hinauf.
Durch das weltweite Vordringen der Benzin-, Diesel- und Elektromotoren ist die Bedeutung des Esels gegenwärtig auch in den südländischen Esel- Haupthaltungsgebieten stark zurückgegangen. Dort, wo der Flair des Esels stets größer war als in Deutschland, ist er es aber auch heute noch.

Bulgarische Esel als Zug- und Reittiere

Von Deutschland südostwärts Reisende können den dunklen Bulgarischen Esel mit "Mehlnase, Mehlbauch und weißen Augenringen" ab und an und hier und dort als Einspänner vor den kleinen Eselwagen bulgarischer Kleinbauern oder auch auf den Traditionellen Eselmärkten sichten. In den bergigen Regionen Bulgariens dient der Esel im übertragenem Sinne als sehr wertvolles "Motorrad".

Marokkanische Esel als Last- und Reittiere

In Fes zieht eine vierköpfige Packesel-Karawane und an anderer Stelle ein berittener Esel schnellen Schrittes durch die engen Gassen der Medina. Wehe dem, der den Ruf des Eseltreibers oder Eselreiters: "Weg frei!" nicht beachtet. Denn die Esel trippeln ungeachtet beweglicher Hindernisse unbeirrt vorwärts, angeführt bei der Karawane von ihrem "sturem" Leitesel. Alle diese Esel tragen auf ihrem Rücken dicke Polsterdecken. Darauf liegen dann die Gurte der beidseitig herabhängenden Lastentragetaschen oder direkt sperrige oder große Lasten.
Leichter haben es die marokkanischen Esel, die ihrem Besitzer den Lebensunterhalt in Touristenzentren verdienen helfen, wie vor der Herkuleshöhle am Riff bei Tanger, wo sie als Reit- und Streicheltiere für die Kinder der Besucher da sind.

Zyprische Esel als Reit- und Hütetiere

Die Zyprischen Esel sind in Größe und Aussehen den Katalanischen Rieseneseln und auch den Bulgarischen Eseln sehr ähnlich. Ihre Zahl beträgt auf Zypern etwa 180, bei ungefähr 3500 Mulis (Maultieren und Mauleseln) und 1800 Pferden. Die Esel dienen als Reit- und Lasttiere, sie helfen den Bauern beim Hüten ihrer Schafe- und Ziegenherden, und sie werden für die Muli-Produktion benötigt. Das Bild zeigt Andreas Methodiou auf seiner vierjährigen Eselstute "Margherita" zusammen mit ihrem 6monate alten Eselfohlen "Jorgulla". Andreas arbeitet als Helfer auf der Veterinär-Service- Station in Ormideia und ist passionierter Hobbytierhalter von Ziegen und Eseln.

Mit diesen drei Geschichten über Auslandsesel wurden südeuropäische und nordafrikanische Regionen berührt, die mit zu den Herkunftsländern der in Deutschland gehaltenen Esel gehören. Esel tragen alle, wo sie auch leben, das Erbe ihrer kargen Heimatgebiete insich, wo sie bei spärlicher Nahrung und unwirtlichen Bodenverhältnissen ihre Entwicklung genommen haben.

Am Schluß sei herausgestellt, daß der Esel an sich ein anhängliches, intelligentes und feinfühliges Tier mit einer ausgeprägten Persönlichkeit ist, das gegenwärtig wieder mehr und mehr angemessene Beachtung findet und auch weiter finden soll.


Alle Bilder mit Unterschriften


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Machern, 18.06.1998/ Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated: 16.07.2000