Tierkreuzungsgeschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen


Teil 3: Tauf-, Reit- und Tragmulis in Sachsen und Bayern

Von Heinz Mielke

Maultiere

Maultiere (Mulis) sind die Bastarde von Eselhengst und Pferdestute, dagegen Maulesel (Hinnis) die von Pferdehengst und Eselstute. Sie gehören zu den bestbekanntesten Artbastarden der Welt. Die männlichen Tieren sind absolut und die weiblichen Tiere meistens unfruchtbar. Neue Tiere können nur durch entsprechende Kreuzungen von Pferd mit Esel erzeugt werden. Aus diesem Grund tritt in der Natur auch kein freier Genfluß von diesen Bastarden auf: Die Entstehung einer neuen Art ist somit nicht möglich. Denn nach der modernen Artdefinition ist die Art als Gruppe von sich fortpflanzenden Populationen anzusehen, die von anderen solchen Gruppen reproduktiv isoliert ist.
Eine Isolierung wird biologisch durch sogenannte präzygotische und postzygotische Bastardierungsschranken gewährleistet. Bei ersteren verhindern die Unterschiede im Brunstverhalten, in der Brunstzeit und im Bau des Geschlechtsapparates der verschiedenen Tierarten eine Paarung. Sollte diese dennoch mit Ausbildung einer Hybridzygote (fremdartbefruchtete Eizelle) stattgefunden haben, dann treten die postzygotischen Bastardierungsschranken auf den Plan. Sie können zum Absterben der Hybridzygote in irgendeinem Embryonalstadium auf Grund genetischer Unverträglichkeit führen, oder es entwickeln sich nach der Geburt sterile, nicht fortpflanzungsfähige Bastarde, wie es bei Maultieren und Mauleseln der Fall ist. Diesen behindernden Faktoren stehen die positiven Seiten von Bastardierungen gegenüber, die sich durch Heterosiseffekte (Luxurierungen) ergeben . Sie sind bei Maultieren und Mauleseln ausgeprägt vorhanden, wie zum Beispiel Zunahme an Größe und Stärke, Verbesserung der Anpassung, Widerstandsfähigkeit, Langlebigkeit und Leistungskraft und Steigerung der Zuverläßigkeit sowie Erhöhung der Trittsicherheit im Vergleich zu den Elterntieren.
"Maultiere und Maulesel sind heute in Deutschland eine Seltenheit, es gibt einige Import- oder Zufallsprodukte", so wird die Situation von der "Deutschen Interessengemeinschaft der Eselfreunde" (DIGEF) eingeschätzt.

Taufmulis

Die Geburt einer Maultiertochter des Eselhengstes "Ali" und der Shetlandpony-Stute "Isabell" im Mai1998 auf dem Ziegenhof in Fremdiswalde ist so ein sächsisches Zufallsprodukt. Es wurde im Oktober 1998 bei einem Ziegenhoffest durch den sächsischen Landwirtschaftsminister Dr. Rolf Jähnichen ehrenvoll auf den Namen "Wendy" getauft. Das Taufmuli also.

Das damals14 Tage alte Maultierfohlen "Wendy" tummelt sich hier zusammen mit seiner Mutter und Ziegenfreunden auf Fremdiswalder Weide im Muldentalkreis.

Reitmulis

Ein mehr gewolltes sächsisches Zufallsprodukt ist die Geburt von "Pandora", der Maultiertochter des Katalanischen Riesenesel-Hengstes "Peter" und der Reitpony-Stute "Little Lady", am 28.4.1998 auf dem Ökogut Mölkau bei Leipzig. Aus ihr könnte später einmal ein prächtiges Reitmuli entstehen. 1998/99 befindet sie sich zur Entwicklungstärkung im Brandenburgischen.

Das 10 Tage alte Maultierfohlen "Pandora" weidet mit seiner Mutter auf einer Koppel des Mölkauer Ökogutes

Tragmulis

Von den Maultieren weiß die Geschichte zu berichten, daß sie schon seit 3000 Jahren gehalten werden. Die Römer schätzten sie sehr. Das kommt darin zum Ausdruck , daß im 4. Jahrhundert die "mulomedicina" ("Maultiermedizin") gleichbedeutend für "ars veterinaria" ("Veterinärkunst") galt. Später blieb den Maultieren solche Anerkennung allerdings verwehrt, obwohl sie große Bedeutung als genügsame Zug-und Tragtiere in allen möglichen Bereichen menschlicher Tätigkeit hatten, auch in Deutschland. Noch in den beiden Weltkriegen mußten sie bei den Gebirgstruppen ihr Bestes geben, oft das Leben.
Auch heute stehen sie bei den Gebirgsjägern in treuen Diensten. Wie die Presse Anfang Oktober 1998 mitteilte, besuchte Bundespräsident Roman Herzog in den bayrischen Alpen die Gebirgsjäger und damit das umweltfreundlichste "Waffensystem" der Bundeswehr mit seinen 54 vierbeinigen "Stars", darunter 36 Maultiere, die alle aus italienischen und spanischen Zuchtgebieten stammen: Die Tragmulis.
Man sieht hier Maultiere in Feldstellung bei den Gebirgsjägern. Unter ihnen "Baron", der kein Maulesel ist, wie die Leipziger Volkszeitung am 2. 10.1998 berichtete, sondern nach Mitteilung vom dortigen Chef des Einsatz- und Ausbildungszentrums für Gebirgstragtierwesen, dem Oberfeldveterinär Dr. Noreisch, auch ein Maultier ist.

Teil 1; Teil 2; Teil 4; Teil 5



Machern, 05.01.1999/ Prof. Dr. Heinz Mielke