Tierkreuzungsgeschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen


Teil 1: Graf Lindenaus Jumarren und die Kamromschnucke von Schloß Machern

Von Heinz Mielke

Jumarren

In seiner Tätigkeit als Oberstallmeister bei den preußischen Königen Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III. hatte sich der Macherner Carl Heinrich August Graf von Lindenau 1786 bis 1808 große und nachhaltige Verdienste bei der Schaffung einer soliden preußischen Landespferdezucht und auch im Zusammenhang mit der von ihm initiierten Gründung und der Leitung der Königlich-preußischen Tierarzneischule zu Berlin erworben. Er besaß eine hohe Allgemeinbildung, die mit großen Spezialkenntnissen besonders in Pferdezucht und Reiten gepaart war. In seinem Verantwortungsbereich, dem Preußischen Oberstallamt mit den königlichen Marställen und Gestüten, hat er als Sachse oft "preußischer als ein Preuße" gehandelt, was aus vielen der von ihm erlassenen Gestütsorder hervorgeht. Offensichtlich war das auch so bei einer Order für das damals in Litauen gelegene Königlich-preußische Hauptgetüt Trakehnen, nach der Versuche zur Erzeugung von Jumarren durchgeführt werden mußten. In der Schrift des späteren Landstallmeisters in Trakehnen, von Burgsdorf (1814-1840), findet sich folgende Anmerkung: "Welche Verwirrungen in der Paarung selbst so ein verständiger Mann wie der Graf von Lindenau begehen konnte, erhellt wohl einer seiner Befehle, wonach 6 Jahre lang, von 1787 bis 1793, in Trakehnen die Paarung von Stier mit Stute und Eselin, von Pferde- und Eselhengst mit Kühen, jeweils mit 6 Individuen versucht werden mußte, um ein fabelhaftes Geschlecht sogenannter Jumarren zu erzielen, wovon ein Exemplar in einer Menagerie zu Cassel gezeigt worden sein sollte."
Graf Siegfried Lehndorf, Landstallmeister in Trakehnen von1922 bis 1931, schreibt in seinen Memoiren "Ein Leben mit Pferden", daß er an Hand des alten Trakehner Deckregisters die Richtigkeit der Angaben der obigen Anmerkung und die Erfolglosigkeit dieser Paarungen feststellen konnte.
Es ist beschwerlich, in deutschsprachigen Büchern eine Deutung des Wortes "Jumarren" zu finden. Die "Große französische Enzyklopädie" von 1895 enthält das Wort "Jumart" mit der Erläuterung, daß es die früheren Zoologen in Vorschlag für Produkte gebracht hatten, die aus der Kreuzung von Hengst mit Kuh und Stier mit Pferdestute entstehen können. Das französische Wort "jument" bedeutet deutsch "Stute", das Wort "art" entsprechend "Kunst". Aus "jumart" entstand damals, verdeutscht und in die Mehrzahl gebracht, "Jumarren".

Kamromschnucken

Unter Kamromschnucken sollen hier Bastarde von Kamerunschafen und Romschnucken (50% Romanovschaf und 50% Graue Gehörnte Heidschnucke) verstanden werden. Ein derartiger innerartlicher weiblicher Bastard (50% Kamerunschaf, 25% Romanovschaf und 25% Gehörnte Graue Heidschnucke) existiert seit 8.4.1998 im Streicheltiergatter beim Schloß in Machern, wo schon seit August 1997 zwei Romschnucken (1x kastriert männlich und 1 x weiblich) und drei Kamerunschafe (1x männlich und 2 x weiblich, davon 1 x weiblich verstorben) friedlich zusammenleben. Der Kamerunbock hatte nicht nur das Kamerunschaf sondern auch die Romschnucke zu gegebener Zeit erfolgreich befruchtet, so daß nach der 5monatigen Tragezeit erst das Kamromschnucken- und 13 Tage später das reinrassige Kamerun-Lämmchen, beide weiblich, komplikationslos geboren wurden. Entwicklung und Wachstum der beiden Halbgeschwister verliefen bisher zu voller Zufriedenheit der Schloßherrin und der Tierpflegerin wie auch der vielen Kinder, Tierliebhaber und Parkbesucher, die sich an diesen Streicheltieren erfreuen.

Auf dem linken Bild weidet die 7 Tage alte Kamromschnucke am Macherner Schloß mit Mutter-Romschnucke in voller Wolle (l.) und Vater-Kamerunbock mit beginnendem Haarwechsel (r.). Auf dem rechten Bild ist die Kamromschnucke 4 Monate alt. Man sieht sie hier im Kreise der Schloßschafe bei der Tierpflegerin neben ihrer Mutter hinten rechts. Vor ihr steht ihre 14 Tage jüngere Halbschwester, ein reinrassiges Kamerunschaf.

Es wird abzuwarten und ein interessanter öffentlicher Beobachtungsgegenstand sein, wie sich die Hybridisation und eventuell sichtbar werdende Heterosiseffekte (Überlegenheitseffekte) bei dieser innerartlichen Drei-Rassen-Kreuzung gegenüber den Elterntieren weiter auswirken werden. Bisher scheinen die wachsenden Hörner (!) mit den Genen der Grauen Gehörnten Heidschnucken verknüpft zu sein. Denn beide Geschlechter der Romanovschafe und das weibliche der Kamerunschafe sind hornlos. Die Grauen Gehörnten Heidschnucken tragen dagegen alle Hörner: bei den Böcken sind es Schnecken, bei den Muttern mit den Spitzen nach hinten gerichtete Sicheln.
Die Behaarung der Kamromschnucke entspricht mehr der der Grauen Gehörnten Heidschnucken und der Romanovschafe. Während die Kamerunschafe bekanntlich Haarschafe mit kurzem, grobem Deckhaar, wenig Flaumhaar und regelmäßigem Haarwechsel sind, gehören die Grauen Gehörnten Heidschnucken und die Romanovschafe zur Gruppe der nordischen Kurzschwanzschafe und sind mischwollige Landschafe mit grober Wolle ohne periodischen Haarwechsel. Sie müssen also geschoren werden. Ihr Kopf, Hals und die Beine sind schwarz, der Körper ist grau. Beim Kamerunschaf überwiegt eine leuchtende braune Farbe, an den Beine kommen weiße Stellen vor. Bei der noch wachsenden Kamromschnucke sind am Kopf und an den Beinen braune Stellen vorhanden, die auf Genwirkungen vom Kamerunschaf hindeuten.


Teil 2; Teil 3; Teil 4; Teil 5



Machern, 05.01.1999/ Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated: 17.01.1999