Tierärzte in Machern

Tierärzte in Machern

Wegen eines Macherner Gemäldes kam es um 1930 zwischen dem Macherner Pfarrer Ernst Rosenthal und dem Berliner Ahnenforscher Fritz von Lindenau einerseits und zwischen Fritz von Lindenau und der Leitung der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig andererseits zu einem bemerkenswerten Briefwechsel. Bei dem Gemälde handelt es sich um das etwa 2 m hohe Kunstwerk des berühmten Anton Graff, der 1770 den Macherner Rittergutsbesitzer Heinrich Gottlieb Reichsgraf von Lindenau in Rüstung mit roter Exzellenzschärpe auf Kupfer porträtiert hat. Es befindet sich seit 1843 in der Macherner Kirche. Carl Heinrich August Graf von Lindenau, der Sohn des Reichsgrafen, hatte es 1838 der Kirche seiner Heimatgemeinde als Andenken an seinen Vater vererbt. In Machern standen einst des Vaters und auch seine Wiege.

Vater und Sohn waren keine Tierärzte, aber in ihrer hohen Tätigkeit als Oberstallmeister beim sächsischen Kurfürsten (der Vater) beziehungsweise beim preußischen König (der Sohn) eng mit Pferden, mit der Landwirtschaft und mit Rossärzten verbunden. Der Vater gründete 1780 in Dresden die Churfürstlich-sächsische Tierarzneischule, der er 7 Jahre in seiner Funktion als Oberstallmeister vorstand. Der Sohn tat 1790 gleiches in gleicher Bestallung, aber in Berlin beim preußischen König und war bis 1806 der Generaldirektor der dortigen Königlich-preußischen Tierarzneischule.


Vater: Heinrich Gottlieb Graf von Lindenau...Sohn:Carl Heinrich August Graf von Lindenau Kurfürstlich-sächsischer Oberstallmeister.......Königlich-preußischer Oberstallmeister

Im Verlaufe von mehr als 200 Jahren haben sich daraus die heutige Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig und der heutige Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin entwickelt. Sie bilden in Ostdeutschland tierärztlichen Nachwuchs aus. So gesehen, könnte den beiden Lindenau-Grafen eigentlich der Titel "Tierarzt ehrenhalber" zugeordnet und ihr Wiegenort Machern als eine Art "Wallfahrtsort" für Tierärzte und Pferdezüchter gepriesen werden. Gibt es doch hier viele Andenken an beide: das Schloss mit der Ritterstube, die drei Grafen-Wappen und die Lindenau-Ausstellung wie auch den Landschaftsgarten mit seinen Parkbauten und Plastiken. Aber auch die Kirche mit der Lindenau-Gruft und den alten Ritterwappen der Lindenaus einschließlich des genannten Lindenau-Gemäldes von Anton Graff .

Obwohl Pfarrer Ernst Rosenthal bereits 1925 in einem Brief mitteilte, daß das Gemälde der Macherner Kirche gehört und unverkäuflich ist, bemühte sich Fritz von Lindenau dennoch in Briefen um die Verwirklichung des von ihm erwünschten Gleichklanges. So wie das Gemälde vom preußischen Oberstallmeister Carl Graf von Lindenau repräsentiv im Rektorzimmer der Berliner veterinärmedizinischen Ausbildungsstätte hängt und von dem besonderen Ruhm derer von Lindenau aus Machern kündet, so soll es auch das Graff-Gemälde vom sächsischen Oberstallmeister Heinrich Graf von Lindenau in der Leipziger veterinärmedizinischen Ausbildungsstätte tun. Daraus ist aber bis heute nichts geworden. In einem Schreiben aus dem Jahre 1931 von Geheimrat Prof. Dr. Oskar Röder, einem hoch angesehenen und erfolgreichen Wissenschaftler, Lehrer und Klinikleiter an der Leipziger Veterinärmedizinischen Fakultät, heißt es:
"Die Mittel der Fakultät sind nämlich sehr beschränkt und es ist fraglich, ob jetzt Geld für den Ankauf des Bildes zur Verfügung steht. Möglicherweise ist der Kaufpreis verhältnismäßig hoch, weil es sich um ein Gemälde von Anton Graff handelt. Ich persönlich würde es sehr begrüßen, wenn das Bild in den Besitz der Fakultät käme, denn Graf Heinrich Gottlieb von Lindenau ist der eigentliche Schöpfer der ehemaligen Dresdener Tierarzneischule. Er war ein weitschauender Mann, der trotz des damaligen Geldmangels in der Staatskasse doch noch die Gründung der Tierarzneischule durchsetzte. Er wußte genau, daß er mit der Errichtung einer derartigen Anstalt der Landwirtschaft und der Viehzucht und damit auch dem Staat außerordentlich nützte." (Thüringisches Staatsarchiv Altenburg)
Soweit der Briefauszug, in welchem Graf Lindenau-Vater eine hervorhebenswerte Anerkennung durch die tierärztliche Koryphäe Geheimrat Röder (1862-1954) erfährt.
Dieser stellte sich 1946 beim Neubeginn nach dem Krieg, als Not am Mann war, seiner ehemaligen Fakultät nun schon 84jährig, zur Verfügung und leitete wieder die Chirurgische Tierklinik und hielt Vorlesungen, was 1980 mit für die Stiftung einer Oskar-Röder-Ehrenplakette ausschlaggebend war, deren eine Seite sein Porträt trägt:

Sie wird von der Leipziger veterinärmedizinischen Ausbildungsstätte verliehen "Für Verdienste um die Gesundheit der Tiere". Ein Enkel von Geheimrat Röder, der Sozialpädagoge Ulrich Röder, wohnt seit 1956 in Machern und ist u. a. hier gegenwärtig auch als Parkführer tätig.


Die Seniorengruppe der Tierärzte des Regierungsbezirkes Leipzig der Sächsischen Landestierärztekammer beim Besuch in Machern 1996. Hier haben sie sich auf der Freitreppe von Schloss Machern unter dem Wappen des Grafen Heinrich Gottlieb von Lindenau versammmelt.

Ohne "Wallfahrtsort" zu sein, besuchte in den vergangenen Jahren eine große Anzahl von Tierärzten das schöne Machern, mit Angehörigen, allein oder in Gruppen. Sie wurden vom Autor geführt. Es waren dabei ehemalige Professoren aus Leipzig und Berlin (1994 und 1996), Prof. Dr. Heinrich Karg aus München/Freising-Weihenstephan (1995), die Seniorengruppe des Regierungsbezirkes Leipzig der Sächsischen Landestierärztekammer unter Leitung von Prof. Dr. Günther Michel bei Anwesenheit des Kammer-Präsidenten Dr. Hans-Georg Möckel (1996), 3 Semestergruppen von älteren Absolventen der Leipziger tierärztlichen Ausbildungsstätte (1996, 1997, 1998) sowie:


eine internationale Gruppe von über 20 Tierärzten aus 5 Staaten im Rahmen ihres Workshops während des 1. Leipziger Tierärztekongresses (1998). Letztere wurde vom Autor in der Ritterstube willkommen geheißen (Bild).

Dazu gehört aber auch die große Gratulantengruppe mit vielen Tierärzten , die der Autor in diesem Jahr anläßlich seines 70. Geburtstages im Bankett- und Tagungsraum des Macherner Kavalierhauses "auf Lindenaus Spuren" begrüßen konnte. Dieser Raum befindet sich in einem Nebengebäude und wurde prachtvoll aus dem ehemaligen Kuhstall umgebaut, den der Graf Lindenau-Vater etwa um 1780 errichten lies, wahrscheinlich von Bauinspektor Wolfgang E. Glasewald, der dann auch ab 1792 im Auftrage von Graf Lindenau-Sohn als Baumeister der Pyramide und der Ritterburg sowie anderer Parkeinrichtungen in Machern tätig war.

Und nun zu den Tierärzten in Machern, wie man sie themabezogen vordergründig wohl erwartet. Gegenwärtig praktiziert in Machern nur der hier seit 1975 sesshafter Tierarzt Dr. Jürgen Bufe, und zwar im Eichenweg.


Das Logo seiner Tierarztpraxis

Leider viel zu früh verstarb 1999 Dr. Wolfgang Strehle, der seit 1965 in Machern wohnte und seit dieser Zeit auch hier praktizierte. Während Dr. Bufe hobbymäßig ein angesehener Windhundzüchter und von 1971 bis 1980 Vorsitzender des Leipziger Windhunde-Zuchtvereins und Rennvereins war, engagierte sich Dr. Strehle außerberuflich stark beim Fußball und war zuletzt Präsident des Sportvereins SV Machern 90.

In Machern wohnhaft sind noch zwei weitere Tierärzte, die in der Forschung und Lehre an der Veterinärmedizinischen Fakultät in Leipzig tätig waren: Prof. Dr. Armin Bergmann als Mikrobiologe und Epidemiologe bis 2001 und Prof. Dr. Heinz Mielke als Veterinärphysiologe bis 1992. Letzterer war von 1976 bis 1990 Vorsitzender des Vorstandes der Bezirkssektion Leipzig der Veterinärmedizinischen Gesellschaft der DDR. In einem Ortsteil von Machern, in Gerichshain, wohnt die Tierärztin Prof. Dr. Monika Krüger. Sie ist 1993 von der Berliner veterinärmedizinischen Ausbildungsstätte als Bakteriologin an die Leipziger Veterinärmedizinische Fakultät berufen worden. Gegenwärtig bekleidet sie das hohe Amt der Prorektorin für Lehre und Studium an der Universität Leipzig mit etwa 25 500 Studenten, darunter etwa 1 100 angehende Tierärzte.



Machern, 09. 12. 2002/Prof. Dr. Heinz Mielke