Pfadfinder in Machern

Die Ritterburg  war ihr Landheim

Diese aufschlussreiche Geschichte ereignete sich in den 1920er Jahren. Ein Bericht  und ein Gedicht künden 1929 davon in der Zeitschrift des Deutschen Pfadfinderbundes "Der Pfadfinder"  und bilden Grundlage und Anlass für die nachfolgenden Darlegungen. Der genannte Bericht ist überschrieben mit "Turmbau zu Machern 1924" und wurde kürzlich vom Leipziger "Stamm Leo" im "Bund deutscher Pfadfinderinnen und Pfadfinder" ins Internet gelegt. Aus ihm geht hervor, dass 1924, also vor 80 Jahren, Leipziger Pfadfinder im Macherner Park die dortige Ritterburg als ihr Landheim nutzen konnten. Ihre Schirmherrin war Hildegard Schnetger, die Frau von Paul Schnetger, dem dortigen Ritterguts-, Schloss- und Parkbesitzer. Einleitend heißt es in dem  Bericht zur damaligen Situation wörtlich: "Die Tage der Revolution und noch mehr die nachfolgende Inflation waren an Machern nicht spurlos vorüber gegangen. Einbrüche waren an der Tagesordnung. So gibt es wohl heute vom unterirdischen Gang bis hinauf zur Plattform mit ihrer herrlichen Fernsicht, keine Stelle im Turm, die nicht eine oder mehrere mehr oder weniger spannende Verbrechergeschichten erzählen könnte."
Es war  Pfingsten 1924, als die Pläne der Leipziger Pfadfinder, die selbst keine Mittel hatten, langsam anfingen in Erfüllung zu gehen. Denn die Schirmherrin hatte Mittel und Wege gefunden, dass die notwendige  gänzliche Erneuerung der Ritterburg von der Plattform bis zur Panzerplatte am Eingang in Angriff genommen werden konnte, und zwar mit Hilfe der Pfadfinder. Das waren besonders 15 sogenannte Wölflinge im Alter von 9 bis 12 Jahren, die ihr Pfadfindertreffen im Bundeslager bei Kassel tauschten mit dem Rittersaal der Ritterburg als ihre nunmehrige Baubude für die nächsten Monate. Die Verpflegung kam aus der Schlossküche.


Die Macherner Ritterburg als Landheim Leipziger Pfadfinder um 1924

Ein Gedicht beschreibt ihr aktives Mitwirken (s. unten): Nach den Säuberungsarbeiten auf der Plattform wurde als erstes unter der leitenden Mitwirkung der beiden Maurer Hildebrand und Franke die Plattformdecke um einen halben Meter gehoben. Dadurch entstand aus dem Zwischengeschoss, das vormals der Plattformentwässerung diente, ein bewohnbares Stockwerk.

(Der Autor dieser Zeilen hat am 27. 4. 2004 mit Erlaubnis der verantwortlichen Geschäftsführerin die Raumhöhe dieses Raumes nachgemessen. Sie beträgt im Vorraumteil 304 cm und im Hauptraum 260 cm und ist damit 60 cm höher als die aus Zeichnungen von W. E. Glasewald von 1798 errechnete  und  auf einer Weimarer Bauzeichnung von 1988 für Restaurierungsarbeiten an der ausgebrannten Ritterburg zu Grunde gelegte. Somit hat eine Turmerhöhung der Macherner Ritterburg 1924 tatsächlich stattgefunden.)

Dieser Raum, vom Rittergutsbesitzer Paul Schnetger zu Ehren der Schirmherrin "Hildegardkemenate" getauft, wurde getäfelt und mit Wandschränken und Sitztruhen versehen. Die "Hildegardkemenate" war von der Schirmherrin der 6. Abteilung der Leipziger Pfadfinder als dem eifrigsten Bautrupp zur Nutzung zugesprochen worden.
Auf der dem Bericht beigefügten Zeichnung von der Ritterburg (s. oben) wird die "Hildegardkemenate" als Neues Zimmer ausgewiesen. Auch die anderen Räume tragen andere, teilweise funktionelle, meistens dem Nutzungszweck der Pfadfinder als Landheim entsprechende Namen, andere als die heutigen aus der Entstehungszeit der Ritterburg her gebräuchlichen Namen, wie Zwischengeschoss, Balkonzimmer, Rittersaal, einfaches Zimmer und Burggefängnis mit Burgverlies (s. unten).


Zeichnungen des Turminneren der (künstlichen) Ritterburg  im Schlosspark von Machern aus dem Jahre 1799 von E. W. Glasewald
(erbaut wurde sie unter Carl Heinrich August Graf von Lindenau 1795/96 durch E. W. Glasewald)

Leider ist nicht bekannt, wie lange die Leipziger Pfadfinder die Macherner Ritterburg als Landheim nutzen konnten und, wie beschrieben, immer einen 100 Liter fassenden Wasserwagen in der Grotte stehen hatten und von der Plattform schwärmten mit ihrer Fernsicht, mit den Sonnenbädern und allem Zauber der Natur: "Hier ist ein Sonnenaufgang ein Erlebnis, und das Herz weitet sich in Liebe zur schönen deutschen Heimat", heisst es dazu in dem Bericht.

Das Gedicht vom Turmbau

In der Zeitschrift des Deutschen Pfadfinderbundes "Der Pfadfinder" wurde 1929 ein  Gedicht mit 4 Bildern veröffentlicht, das hier  wiedergegeben wird mit ganz geringgradiger Kürzung:

"Turmbau zu Machern 1924"

Dicht bei Leipzig trotzt dem Sturm der berühmte Machern-Turm.
Jeder weiß: feudale Sache! Fünf Geschosse bis zum Dache!
Rittersaal – gemalte Fenster – Burgverlies – des Nachts Gespenster,
oben Zinne – unten Gang, unterirdisch, finster, lang.
Noch im Jahre vierundzwanzig zeigt' er nicht in diesem Glanze sich:
Regen strömte durch das Dach, und es fehlt` ein Wohngemach.
Also faßt man Baubeschluß: stöhnend zahlt man Obulus,
milde Stifter sind gewonnen, unverzüglich wird begonnen!


Eines Tages treten an schwerbeladen fünfzehn Mann,
steigen mit Geschick und Krach auf das alte Ziegeldach.


Erstlich räumte man hinweg viele Zentner Dohlendreck!
(Nester waren auch dabei: flammendes Protestgeschrei!)
Man zerklopft mit Hochgenuß, was dem Neubau weichen muß.
Hierauf legt man oben quer Eisenträger, zentnerschwer.


Ziegel, Holz, Zement und Sand fährt man an mit eigener Hand.

Alles dieses wird nach oben mit dem Kran emporgehoben.
Ohne Pause, immer wieder, steigt der Eimer auf und nieder,
unten schwitzt der Mann am Seile, oben wächst der Bau in Eile.


"Mäurer Franke"  stellt sich ein, mauert sachte Stein auf Stein,
und zur inneren Auferbauung predigt er uns Weltanschauung.
Sonst jedoch gibt`s nichts zu lachen, denn des Turmvogts Blicke wachen!
Ach, die Führer sind gerieben: Leute, die zu bummeln lieben,
stellt man an beim Ziegeltreiben, wo sie in Bewegung bleiben.

Hochbetrieb, Radau, Gewimmel, Staub in Wolken steigt gen Himmel,
Führer fluchen,  Jungen schwitzen, Felsen fall`n auf Fingerspitzen,
und es gibt nach saurem Fleiß angebrannten Apfelreis.
Doch die Menschenschinderei war noch lange nicht vorbei:
Als der Rohbau unter Dach, da verdoppelt sich der Krach!
Dröhnend knallen Hammerschläge, steinerweichend kreischt die Säge,
Balken werden hoch bugsiert, manches Hemd mit Gips beschmiert.
Bretter werden zubereitet, kunstvoll wird die Wand verkleidet,
manch solides Möbelstück kunstgetischlert mit Geschick.
Unverwüstlich im Gebrauch, dutzendschläfrig, mammuthaft.
Endlich hatten wir`s geschafft.

Geschichtliches von den Pfadfindern

1900: In Deutschland entstehen die ersten Wandervögelgruppen als Form jugendlicher Selbstorganisation. 1908: Der Engländer Baden-Powell veröffentlicht sein Buch "Scouting for Boys", in dem er seine pfadfinderische Methode beschreibt und weltweit Gehör und Nachahmungen dafür findet. 1911: "Deutscher Pfadfinderbund" (DPB) gegründet. Nach 1919/20: viele Neugründungen und Abspaltungen in der Pfadfinderarbeit in Deutschland. 1926: "Bund der Wandervögel und Pfadfinder" gegründet, nennt sich später "Deutsche Freischar" (DF), setzt sich schon frühzeitig mit der HJ (Hitlerjugend) auseinander und entgeht einer Eingliederung. 1933: Auflösung der deutschen Pfadfinderbewegung, teilweise auch Eingliederungen in die HJ. 1945: Die Pfadfinderei lebt in Westdeutschland rasch auf, verschiedene Bünde und Verbände entstehen, später auch wieder Spaltungen. 1956: Ein Pfadfinderhöhepunkt ist der Besuch der World Chief Guide, Lady Baden-Powell, im Bundeslager  Immenhausen. 1975: Zusammenschluss des "Bundes  Deutscher Pfadfinderinnen" mit dem "Bund der Pfadfinder" zum interkonfessionellen Jugendverband "Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V. (BdP), der heute zusammen mit den konfessionellen Verbänden "Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg" (DPSG), Pfadfinderinnen Sankt Georg" (PSG) und "Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder" (VCP) Mitglied im "Deutscher Bundesjugendring" und in der Weltorganisation der Pfadfinderinnen und Pfadfinder ist. 1990: In Naumburg Treffen von 15 Aufbaugruppen aus dem Gebiet der damaligen DDR mit Vertretern des BdP. Gründung eines  (östlichen) gemeinsamen Landesverbandes, aus ihm entstehen selbständige Landesverbände.

Hinweis
: Der um 1923 aufgekommene Begriff "Bündische Jugend" war eine Sammelbezeichnung für alle politisch unabhängigen und nicht konfessionellen Jugendbünde in der Weimarer Republik. Die größtenteils aus dem Bürgertum stammende Bündische Jugend versuchte als eigenständige Selbsterziehungsgemeinschaft ihr Leben neben Elternhaus, Schule, Kirche und Beruf frei zu gestalten. Mit ihren 15 000 Mitgliedern bildete die DF den Kernbund der Bündischen Jugend.


Zur Situation 2004: In Machern keine Pfadfinder (s. aber Nachtrag). In Leipzig, Oststraße Nr. 183, ist das Heim der Pfadfinder des Stammes Leo im Landesverband Sachsen des BdP  mit Wölflingen (6-11 J.), Jungpfadfindern (11-13 J.), Pfadfindern (13-16 J.) und Ranger und Rover (ab 17 J.). Sie tragen als Kluft blaue Hemden mit gelb-blauem Halstuch. In Panitzsch auf der ehemaligen Trabrennbahn ist das Heim der Pfadfinder aus Borsdorf/Panitzsch des Stammes Störmthal (Jungen) und des Hag Lipsia (Mädchen) vom "Deutschen Pfadfinderbund e.V."  (DPB). Sie tragen als Kluft blaue Hemden mit silbergrau-rotem Halstuch.

Nachtrag zu Machern (31. August 2010):
Nach einem Jahr Vorbereitungszeit wurde am 22. 8. 2009 eine konfessionelle Pfadfindergruppe eingesegnet, wobei  18 Kinder zum  Pfadfinderstamm Sankt Jakobus Nepperwitz kamen, der  sich mit diesem Datum unter dem Dach des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP)  in Machern neu gegründet hatte. Somit gibt es seit 2009 in Machern wieder Pfadfinder. Ihnen gehören inzwischen neben Kindern aus der Kirchgemeinde Machern und ihrer Schwesterkirchgemeinde Püchau-Bennewitz auch Kinder aus der Region zwischen Borsdorf, Taucha, Böhlitz bis Trebsen an.
Der Stamm Sankt Jakobus Nepperwitz trifft sich 14-täglich in Püchau und monatlich in Nepperwitz bzw. an anderen Orten (Leiter  und Ansprechpartner ist Kantor Friedhelm Bretschneider, Machern).


Machern, 25. 08. 2004 /Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated: 31. 08. 2010