Johanniter in Machern

Nachweislich waren zwei Rechtsritter des Johanniterordens in Machern gewesen, und zwar Carl Heinrich August Graf von Lindenau (1755-1842) und Major a. D. Friedrich Wilhelm Ludwig (Fritz) von Lindenau (1883-1965). Beide gehörten dem ältesten, heute noch aktiven Ritterorden der Welt an. Während der erste vor 1800 direkt mit Macherner Geschichte verbunden war, indem er sie mitgestaltete, hat der zweite nach 1900 die Geschichte des Lindenau-Adels akribisch zusammengetragen, geordnet und sie 1945 vor der Vernichtung durch Kriegseinwirkungen gerettet. Heute sind auch nichtadlige Herren beim Johanniterorden, der aber kein beliebiger Verein oder Club ist, in den man sich um Aufnahme bewerben kann. Die Herren werden vom Orden selbst exspektiert (ausersehen) und dann investiert (aufgenommen), wenn sie die aus den Ordensregeln, den Ordenssatzungen und der Verpflichtungserklärung abgeleiteten Kriterien erfüllen: Kampf für den Glauben und Dienst an den "Herren Kranken".
 
 

Carl Heinrich August Graf von Lindenau

Er wurde 21. 2. 1755 in Machern als Sohn des 1764 in den Grafenstand erhobenen Kurfürstlich-Sächsischen Oberstallmeister Heinrich Gottlieb von Lindenau (1723-1789), Rittergutsbesitzer auf Machern und Zeititz, geboren (Biografisches von beiden). Er diente als Offizier und Kammerher im kurfürstlichen Sachsen und trat 1786 in preußische Dienste, wo er erst als Reisestallmeister und dann als Oberstallmeister sowie als Major und Flügeladjutant der Kavallerie bei den Königen Friedrich Wilhelm II. und III. agierte und besonders die preußische Pferdezucht in Schwung brachte. Als sein Vater starb, erbte er Machern, wo er in den folgenden Jahren den heute noch genau so wie damals berühmten Schlosspark als Landschaftsgarten mit den interessanten Parkbauten (u. a. künstlich angelegte Ritterburg und Gräfliches Mausoleum ) und im Schloss die Ritterstube in Grisaille-Totalausmalung mit den vier polychromen Evangelisten-Bildern gestalten ließ. Das Gräfliche Mausoleum, die Pyramide, und Eingang und Turm der Ritterburg zu Machern sind nachfolgend in zwei Bildern dargestellt.
Der Baumeister E. W. Glasewald, der im Auftrag von Carl Graf von Lindenau 1795/96 die Ritterburg erbaut hat, formulierte seine damaligen Gedanken in seiner 1799 verfaßten "Beschreibung des Gartens zu Machern", speziell zur Ritterburg wie folgt: "Man dünkt sich hier in jene finsteren Jahrhunderte des Faustrechts versetzt, die bei aller Barbarei doch ein ungemeines Interesse haben! Diese Ritterzeiten, welche in den Fortschritten jedes Volkes zur Kultur vorkommen, bleiben immer eine merkwürdige Erscheinung der Menschennatur! Wir sehen den kraftvollen Ritter selbst handeln, seine Taten fließen aus seinem persönlichen Charakter. Die zunehmende Kultur hat diese Persönlichkeit verwischt und die öffentliche Meinung an ihre Stelle gesetzt. Jetzt wird es unmöglich zu bestimmen, ob eine Handlung aus dem Charakter des Handelnden, oder aus der öffentlichen Meinung entspringt, der er wider Willen huldigt."

1802 verabschiedete er sich durch Verkauf von Rittergut, Schloss und Park zu Machern vollends von Sachsen und zog mit seiner Frau auf das neugekaufte Gut Klein-Glienicke bei Potsdam, wo er dann um 1808 den 1786 begonnenen königlich-preußischen Dienst quittiert und sich als Gutsbesitzer auf den jeweils neu erworbenen Gütern, ab 1810 in Büssow (Neumark) und ab 1819 in Bahrensdorf bei Beeskow, fast nur noch der Landwirtschaft und der Pferdezucht widmete.
Hervorzuheben sind aber noch seine verdienstvolle Tätigkeit als Generaldirektor der unter seiner Leitung 1790 geschaffenen Königlichen Thierarzneischule Berlin bis 1806 und sein militärisches Engagement in den Freiheitskriegen und weiter bis 1820, wobei er bis zum Generallieutnant aufstieg.

Schon in jungen Jahren war Carl Heinrich August am 14. 9. 1776 als Johanniter-Ritter exspektiert worden. Seine Investitur als Johanniter-Ritter erfolgte am 11. 9. 1790 durch den Herrenmeister Prinz August Ferdinand von Preußen in der Johanniter-Ordenskirche zu Sonnenburg, etwa 10 km östlich von Küstrin. Seit 1945 gehört diese kleine Stadt zu Polen und heisst Slonsk. Die ehemalige Johanniter-Ordenskirche (Bild o. l., von 2002) wird seitdem katholisch genutzt. Die Kanzel ist die alte mit den 7 Johanniterkreuzen (Bild o. r., von 2002).
 

Die früher hier vorhandenen Wappenschilde der vielen Johanniter-Ritter wurden nach 1946 von Polen an Schweden übergeben. Heute hängt nur noch ein einziges dort, nämlich das von Julius Graf von Wartensleben, Stadtgerichtsrat aus Berlin, der 1809 in Klein-Wirsewitz bei Guhrau in Schlesien geboren wurde (Bild o. l.).

 Im Zusammenhang mit der Investitur von Carl Graf von Lindenau in den Johanniterorden änderte er das Lindenauische Grafenwappen. Der Schild wurde zweigeteilt: in der einen Hälfte der Lindenbaum und die drei Rosen des alten Wappens, in der anderen Hälfte neu das achtzackige weiße Johanniterkreuz auf dunklem Grund (Bild o. r.), mit dem die Johanniter auf die 8 Glückseeligpreisungen der Bergpredigt (Matthäus, K 5.) hinweisen (Bild a. E.).

Auf dem Portraitbild (o.) trägt der Graf das Johanniterkreuz an seiner linken Brust. Man sieht dort noch ein weiteres achtzackiges Kreuz, das er am Halsband trägt. Es ist dies der preußische Militärorden Pour le merite, den Friedrich Wilhelm II. ihm für seine Verdienste im Gefecht von Toutois in Frankreich 1792 verliehen hat.

 Dieser Orden war 1740 von Friedrich II. gestiftet worden und besteht aus einem blauen goldgeränderten Johanniter/Malteser-Kreuz, auf dem sich das Bild einer Krone und die Aufschriften "F" und "Pour le merite" und in den vier Winkeln vier goldene ungekrönte Adler befinden. Er ist auch an seinen Wappen angehängt zu sehen (o. r.).

Fritz von Lindenau

Er wurde in Straßburg geboren. Sein Vorfahre Wolf Gottlob von Lindenau ist der in Machern geborene, 2 Jahre ältere Bruder von Heinrich Gottfried Graf von Lindenau, also der Onkel von Carl Heinrich August Graf von Lindenau. Er war aktiver Offizier und danach Druckereibesitzer in Berlin. Er verbrauchte viel Zeit und Geld für die Lindenauische Ahnenforschung, bei der er auch 1928 und 1933 in Machern weilte. 1926 war seine Investitur als Johanniter-Rechtsritter. Eine Nachgestaltung seines daraufhin geänderten Lindenau-Ritterwappens wird in der Lindenau-Ausstellung im Schloss zu Machern gezeigt, zu der seine Enkelin Margitt von Reclam-Schlee aus Berlin schon vor fünf Jahren viel beigesteuert hat wie auch dieses Wappen. Im Schild des Wappens sind in diagonaler Anordnung je zweimal der Lindenbaum mit drei roten Rosen und auf rotem Grund das weißes Johanniterkreuz zu sehen (Bild o. r. neben dem Titel).

Geschichtliches von den Johannitern

1099: Die Heere der christlichen Kreuzfahrer nehmen Jerusalem ein und schließen sich unter Meister Gerhard dort einer schon vorhandenem Laienbrüderschaft an, die barmherzige Dienste an armen und kranken Pilgern verrichtet.
1113: Es entwickelt sich daraus der geistliche militärische Ritterorden, genannt "Orden St. Johannis vom Spital zu Jerusalem". Danach beginnt seine wechselvolle Geschichte mit Ordenssitzen auf Zypern, Rhodos und Malta. Von Malta 1798 weggehend, teilt sich der Orden in den evangelischen Johanniterorden mit Sitz in der Mark Brandenburg (Balley Brandenburg des ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem) und in den katholischen Malteserorden mit Sitz in Rom.
1810: Friedrich Wilhelm III., Preußens König, löst den Johanniterorden auf und zieht den Besitz zur Finanzierung von Kriegsschäden ein.
1852: Friedrich Wilhelm IV. stellt den Orden wieder her.
1945: Verlust aller in Ost- und Mitteldeutschland liegenden Johanniterordenswerke.
1947: Wiederaufbau des Johanniterordens (Balley Brandenburg ...) mit seinen Genossenschaften in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands.
1951: Gründung der Johanniter-Hilfsgemeinschaft (JHG).
1952: Gründung der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH).
Ab 1990: Einführung der JHG und JUH in den neuen Bundesländern und Rückübertragung der dortigen ehemaligen Ordenshäuser in die Trägerschaft der Genossenschaften. Der hier einst verbotene Orden faßt wieder Fuß. Weltweit umfasst der Johanniterorden heute in 18 deutschen und 5 ausländischen Genossenschaften (Kommenden) 3 300 Ritter.
Weiteres ist unter "Der Johanniterorden" zu finden.



Machern, 04. 12. 2002/Prof. Dr. Heinz Mielke