Weitere wundersame Tiergeschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen

Weitere wundersame Tiergeschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen

1. Die jahreszeitliche Kopf-Metamorphose des Damhirsches John 1999

Der Hirschgarten des Macherner Schlossparks ist mit Damwild, Pfauen und Perlhühnern besetzt. Die Tiere leben dort in trauter Gemeinsamkeit, jede Art auf ihre Weise. Der Hirschgarten ist als Schaugatter angelegt, das von drei Seiten schöne Einblicke und gute Beobachtungen der Tiere gewährleistet. So konnte man 1999 beim dortigen Damwild-Chef, beim Hirsch John, die aus Büchern zwar bekannte, in der Natur jedoch oft nur selten direkt zubeobachtende Metamorphose des Damhirsch-Kopfes im Wechsel der Jahreszeiten miterleben.


Im verschneiten Februar sieht man ihn im dunkelgraubraunen Winterhaarkleid mit noch kleinem, als sogenannter 2. Kopf gut gebildetem Kniepergeweih, das Ansätze zur Schaufelausbildung zeigt. John lebt das zweite Jahr mit 3 Damtieren im Hirschgarten des Macherner Schlossparks zusammen. Zwei wurden von ihm in der Brunftzeit im Oktober 1998, eins erst zwei Monate später beschlagen. Sie setzten nach 8 Monaten je ein Kalb.


Im Mai beginnt der Wechsel des Winterhaarkleides. Vor drei Tagen, am 30. 4. 1999, hat John die linke und vor zwei Tagen die rechte Geweihstange abgeworfen. Man sieht bei ihm auf der Stirn die Gebiete der Rosenstöcke, auf denen sie gesessen hatten. Diese werden nun von Haut überwachsen, die jetzt ständig die Aufbaustoffe für das Wachstum des neuen Geweihs überbringt. In der Zeit des Geweihabwurfes zeigte sich John verschämt und verharrte meistens liegend an einem geschützten Ort, besonders als er nur noch eine Stange trug. Das Geweih ist ein Knochengebilde, das jährlich abgeworfen wird und danach erneut wächst. In dieser Kolbenzeit ist es von Bast, einem gutdurchbluteten Hautgewebe überzogen.


Im Juli konnte man Hirsch John beim Schieben, das heisst beim Wachsen seines in Bast gehüllten neuen Geweihs wieder selbstsicher als der Chef seiner drei Damtiere mit nun schon vorhandenen zwei Kälbern beobachten. Sein Sommerhaarkleid ist glänzend hellrot mit den typischen weißen Fleckenreihen versehen.


Im September nach dem Fegen, das heisst nach der Bastentfernung durch Schlagen an Sträucher und Bäume sieht man den weitgehend ausgewachsenen 3. Kopf mit den Augen- und Mittelsprossen sowie mit den altersgerecht schmalen, aber fast formfehlerfreien Schaufeln. Damit und mit dem prachtvoll punktierten Haarkleid ist er ganz und gar der stolze Damhirsch John, der seine drei Damtiere mit nun drei Kälbern führt und wohl auch schon der neuen Brunftzeit im Oktober erwartungsvoll entgegensieht. Dann wird sein grunzender und schnorchelnder Brunftschrei wieder verhalten durch den Macherner Schlosspark tönen. Seinen 3. Kopf behält er über den Herbst und Winter bis ins Frühjahr hinein. Ende April 2000 erfolgt dann wieder auf Grund von biologisch gesteuerter Luftblaseneinlagerung in den Rosenstockgebieten die Lockerung und der Abwurf des Geweihs.


Das sind die beiden Stangen des Schaufelgeweihs vom Damhirsch John, die er um den 28. April 2000 herum abgworfen hat. Die Stangenlänge beträgt mehr als 50 cm und entspricht damit einem normalen 3. Kopf.


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Machern, 15. 05. 2000/Prof. Dr. Heinz Mielke