Wundersame Tiergeschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen

1. Die ungewöhnliche Ausfahrt von Moritz, einem kleinen Kater

Unter der Motorhaube 100 km unfreiwillig nach Dresden

Moritz ist ein schwarzweiß gefleckter Kater. Er war gerade 3 Wochen alt, als er 1999 zur Freude der beiden 4- und 8jährigen Kinder in die vierköpfige Familie L in einem Dorf bei Leipzig aufgenommen wurde. Er sollte nur außerhalb des Einfamilienhauses gehalten werden. Nachts gefiel es ihm ganz gut in seinem Körbchen in der Garage. Und tags erkundete er mehr und mehr das gesamte Anwesen, wobei er durchaus auch öfters im Haus umherschlich und sich dabei schon mal ins weiche und warme Bett vom Papa genüßlich knurrend verirrte. Draußen im Garten tollte er herum und probierte ausgiebig an den Blumenstauden und Sträucher seine Kletterkünste aus.
In der Garage erkundete er auch eingehend die Unterseite des Autos. Eines Tages erschien Moritz nicht, wie gewohnt, zur morgendlichen Fütterung und Liebkosung. Wo war er geblieben? Die Ungewissheit über seinen Verbleib ließ Traurigkeit entstehen. Doch die verschwand blitzschnell, als schon nach drei Stunden ein phänomenaler Telefonanruf aus einem Dresdener Tierheim den gegenwärtigen Aufenthalt von Moritz kundtat. Tierfreunde aus Dresden hatten das auf dem dortigen Parkplatz an den Elbwiesen herumirrende Kätzchen an sich genommen und dem Tierheim übergeben. Jetzt sollte es baldigst abgeholt werden.
Rätselraten enstand darüber, wieso Moritz plötzlich nach Dresden gekommen ist und auf welche Weise er den 100 km langen Weg bis dorthin zurückgelegt hat. Es gab dafür wohl nur eine Erklärung. Moritz hat sich morgens unerkannt unter die Motorhaube von Papas Passat geschlichen und ist dort, als es auf einmal los ging, erschrocken sitzen geblieben und so nach Dresden mitgenommen worden. Erst an den Elbwiesen wurde angehalten und geparkt. Papa ging seiner Arbeit in der Stadt nach, ohne Moritz auch nur bemerkt zu haben. Der hat sich dann zurück auf den Erdboden begeben und und war froh, dass er diese teuflische Fahrt ohne weiteren Schaden für Leib und Seele, wie man so sagt, gut überstanden hatte.
Papa holte den kleinen Moritz am nächsten Tag aus dem Tierheim zurück. Und zu Hause waren sie alle froh, ihren Liebling wieder in ihrer Mitte zu haben. Mama bemerkte hinterher stolz, dass es doch gut von ihr gewesen ist, dem jungen Kätzchen gleich ein Halsband mit der heimatlichen Telefonnummer umgebunden zu haben.

2. Der respektlose Ausflug von Sultan, einer alten Landschildkröte

Durch Grasgestrüpp 800 m freiwillig nach Süden

Kaum waren 8 Wochen seit der "Sonder-Ausfahrt" von Moritz nach Dresden ins Land gegangen, da machte sich das zweite Heimtier der Familie L unerlaubt, aber voller Energie und mit tierischem Tatendrang auf ziellose Wanderschaft. Es war Sultan, eine über 50 Jahre alte Schildkröte. Die letzten 25 Jahre ihres Lebens gehörte sie zu der Sippe, zu der auch Mama, die Mutti der beiden Kinder gehört. Mama und ihre Zwillingsschwester hatten Sultan damals als Kinder und später als Jugendliche zur sorgfältigen Haltung und Pflege als nicht krachmachendes und pflegeleichtes Heimtier überantwortet bekommen. Nach ihnen betreute dann der Sohn der Zwillingsschwester, die Schildkröte, und vor zwei Jahren erhielten sie die beiden Kinder zur Betreuung, die besonders das 8jährige übernahm. In den Sommerferien hatten sie Sultan mit zu ihren Cousinen genommen. Deren Hund Basko verstand sich zur Freude aller gut mit Sultan.
Wieder zu Hause im Dorf bei Leipzig, blieb Sultan während eines Freiganges im Garten einige wenige Augenblicke ohne Aufsicht, die in diesem Falle Mama übernommen hatte. Und plötzlich war er weg. Er konnte nur unter dem Zaun hindurch zu den Nachbarn rechts oder links oder gar geradeaus ins hohe struppige Gras am dort schrägabfallenden Wassergrabendamm gekrochen sein. Eine halbe Stunde wurde mit vereinten Kräften der Eltern, Kinder, Großeltern und Nachbarn gesucht. Aber die Suche blieb ergebnislos. Sultan wurde nicht gefunden. Mama machte sich bittere Vorwürfe: ein Moment der Unachtsamkeit führte zu diesem schweren Verlust eines geliebten Sippentieres. Zwar war die Betreuung der Schildkröte im Freien seit einigen Wochen neu und schwieriger geworden, da das Loch in ihrem Schildpanzer durch zu heftiges Zerren von Sultan an der Anbindeschnur durchgerissen war und nicht mehr zum Anbinden genutzt werden konnte. Doch war das keine Entschuldigung für Mama, die sich in "tierischer" Sippenschuld sah.
Als 10 Tage vergangen waren, glaubte in der Familie keiner mehr an ein Wunder wie bei Moritz. Und doch trat es ein. Bei einem Gastwirt in 800 m Entfernung vom Ausreißort hatten Gäste der nahen Klinik die dort gefundene Schildkröte abgegeben. Eine Nachbarin hörte zufällig davon und gab die freudige Nachricht an die Familie L weiter. Als Papa dann den Sultan abholen wollte, musste er erst einmal vom Gastwirt hören, dass da schon einige Kinder "ihren" Besitz an Sultan gelten gemacht hatten und wieso ihm denn die Schildkröte gehöre? Papa hatte keine Schwierigkeiten mit dem Besitznachweis. Der Hinweis auf das Loch im Schildpanzer genügte. So wurde ihm dann auch der vor 14 Tage ausgerissene Langstreckenwanderer wohlbehalten ohne Schaden für Leib und Seele, wie man so sagt, übergeben. Zu Hause wurde er von allen freudig begrüsst.


Sultan mit seinen Freunden Moritz und Basko

3. Die erstaunliche Wanderung einer jungen Schwanenfamilie

Auf Asphalt 1,6 km instinktvoll vom Brutteich zurück zum Heimatteich

Gerade erst 14 Tage alt, hatten fünf kleine Dunenschwänchen am 1. Juni 1998, es war der Pfingstmontag, mit ihren beiden Eltern eine schwierige Wasser-Land-Wasser-Wanderung von den Deubener Teichen (3) diesseits der B 6 bis zum Dorfteich (1) in Altenbach jenseits der B 6 zu absolvieren und damit eine Wegstrecke von ungefähr 1,6 km zurückzulegen. Erst dannach waren ihre Eltern offenbar beruhigt. Hatten sie doch nun ihr altes liebgewonnenes, heimatliches Gewässer wieder. Vor 9 bis 10 Wochen wurde ihnen dort von bösen Buben der Nestbau verwehrt, so daß sie für die Brutzeit ein Ersatznest auf der Insel in einem der Deubener Teiche (2) bauen mußten.
Nach dem Schlupf gaben sie ihren Kleinen auf dem vorderen großen Deubener Teich (3) noch 10 Tage Zeit zur körperlichen Kräftigung. Dann aber zog das Heimweh die Elternschwäne in Richtung Altenbach. Aus menschlichem Ermessen ist das Nachfolgende kaum vorstellbar: Über die B 6 ging es in das grüne Flächenbiotop (4) mit den zwei kleinen Teichen vor der Geflügelanlage und dann weiter im Graben aufwärts bis zur Straße am Reiterhof Kunze (5).
Hier fand sie Frau Weidlich aus Altenbach. Beherzt trieb sie die Gruppe mit einem Besen, der ihr Hilfe und Sicherheit gab, in Altenbach auf der Straße unter der Bahnbrücke hindurch, dann links rum und dann rechts rum in die Pausitzer Straße, wie es der führende Schwan wollte, bis hin zum Großen Teich (7). Alle 5 bis 10 m legten die Elternschwäne dabei eine Pause ein, um ihre Kleinen nicht beim Watscheln zu überfordern. Anderthalb Stunden dauerte so diese Straßenwanderung. Im Wasser des Großen Teiches (8) schwammen sie guten Mutes davon.
Und am nächste Tag wurden sie auf dem nahen Dorfteich (1) gesichtet und am 3. 6. fotografiert. Wahrscheinlich hatten sie als Weg dorthin den Verbindungsgraben benutzt. Bei allen fünf Dunenschwänen handelt es sich um Immutabilis-Mutationen, die von Beginn an weiß sind.
(Die Zahlen in den Klammern beziehen sich auf den Landkartenausschnitt.)


Die Jungschwäne entwickelten sich in den folgenden Monaten prächtig und übten zum Zeitvertreib auch weiterhin den aufrechten Gang auf der Straße am Dorfteich .

4. Der ereignisreiche Ausgang von Flora, einem Wildschwein/Hausschwein-Mischling

Durch Wald und Feld 1000 m selbstgesteuert zum Frischen in die Natur und zurück mit großer bunter Familie

Im Januar/Februar 1999 wurde die 11 Monate alte Flora von Dieter Preiß aus Gleisberg bei Rosswein in Sachsen zum Presse- und Fernsehstar bei RTL und Pro7. Sie ist ein Wildschwein/Hausschwein-Bastard mit 3/4 Blutanteilen von Keilern und 1/4 von einer Hängebauchsau. Letztere ist ihre Großmutter. Auf die Gene der Großmutter deuten noch der etwas tiefhängende Bauch und die kurzen Beine sowie der Vorderbuckel hin. Ansonsten sind Habitus und Borsten Wildschwein-ähnlich.
Im August 1999 traute Dieter Preiß seinen Augen nicht, als seine Flora mit 8 quicklebendigen, fast drei Wochen alten Frischlingen in den Stall zu ihm zurückkehrte. Bislang folgte Flora ihrem Herrn Dieter Preiß wie ein Schoßhund. Täglich ging er mit seiner Flora ,,Gassi" (LVZ berichtete am 19.1.1999). Im Juli war Flora jedoch "ausgerissen" und hatte 1000 m entfernt im nahen Wald unter einer Brombeerhecke gefrischt und dort ihre Kleinen in den ersten Lebenswochen alleine versorgt. Der Vater der Frischlinge ist ein in Knobelsdorf bei Waldheim gehaltener Wildschweinkeiler. Zu ihm war Flora in der Zeit der Rausche (Brunst) gebracht worden. Ihrer beider Nachkommen tragen 87,5 % Blutanteile vom Wildschwein und 12,5 % vom Hängebauchschwein.
Vier der Frischlinge sind längsgestreift, wie es bei Wildschweinen typisch ist, allerdings farblich unterschiedlich. So sind zwei im Grundton dunkler als ihre beiden rotbräunlichen Streifen-Geschwister. Bei den vier anderen sind auf heller Haut unregelmäßig schwarze Flecken verteilt.
Floras Herr und Beschützer hat jetzt ein Problem zu lösen: Als sein Lieblingstier noch ein Frischling war, paßte es bequem in die Latzhosentasche und erkundete gemeinsam mit Dieter Preiß per Fahrrad oder Moped die Welt. Später entwickelte Flora eine Vorliebe fürs Trabifahren - Mitfahren wohl gemerkt. Ähnliche Autofahrten aber mit der 9köpfigen Flora-Familie würden vermutlich eine Lincoln Stretch Limousine erforderlich machen.

In den vergangenen Monaten seit August haben sich die Frischlinge gut entwickelt.Die juvenile Längsstreifung ist erwartungsgemäß verschwunden. Sie sind jetzt nur noch zu sechst mit Flora zusammen, da zwei an Verwandte verschenkt wurden.

Jetzt sind nur noch zwei Tiere aus der bunten Flora-Nachkommenschaft mit ihrer Mutter zusammen. Diese schwarzgefleckten erinnern an Schweine der Rasse Bunte Bentheimer, allerdings hier mit langem Wildschweinrüssel. Mutter Flora hat sich in ihrem Verhalten sichtbar verändert. Sie ist unberechenbarer geworden und zu keinen vertraulichen Gemeinsamkeiten wie Ausgang oder etwa gar Auto-Ausfahrt mit ihrem für sie einmal dominanten Herrn und Beschützer Dieter Preiß bereit.

Das Zustandekommen der unterschiedlich gefärbten Ferkel im Flora-Wurf ist wegen der ungenügenden Kenntnisse des genetischen Hintergrundes der Tiere bei der Bastardisierung nicht zufriedenstellend deutbar. Professor Kühn beschäftigte sich am Institut für Tierzucht der Universität Halle mit der Farbvererbung bei Schweinekreuzungen. Im dortigen Museum für Haustierkunde gibt es heute von ihm noch seine Sammlung verschieden gefärbter Ferkel als Präparate aus der Zeit vor 1914, wie sie auf dem abschließenden Bild zu sehen ist.

Das Kleine unten ist Kühn's Sparschwein.

Machern, 22. 11. 1999/Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated: 04. 05. 2003