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Gilgamesch, gesehen von
Reinhard Minkewitz
Ein mesopotamischer Mythos zwischen
Keilschrift und zeitgenössischer Kunst

Eine Ausstellung der Kustodie und des
Altorientalischen Instituts der Universität Leipzig

AUSSTELLUNGSZENTRUM KROCH-HAUS
7. April bis 3. Juni 2006

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 10 – 17 Uhr
Samstag 10 – 13 Uhr
Montag, Sonntag und an feiertagen geschlossen

Wissenschaftliches Begleitprogramm
Begleitpublikationen
Pressedownload


 


11. Tafel des Gilgamesch-Epos,
Kopie von Andrew George

 


Keilschrifttafeln aus Mesopotamien,
ca. 2000 v. Chr.

 


Keilschrifttafeln aus Mesopotamien,
ca. 2000 v. Chr.

 


»Ishtar trommelt«, 2005, Reinhard Minkewitz, Kohle und Tusche auf Japanpapier, 965 x 630 mm

 


»Enkidu wittert Shamhat«, 2005, Reinhard Minkewitz, Öl auf Leinwand, 900 x 1700 mm

 


»Die Gefährten«, nach der Rekonstruktion der Skyllagruppe durch Andreae und Bertolin, 2005, Reinhard Minkewitz, Öl auf Leinwand, 1700 x 1400 mm

 

Der Ursprung der Schrift

Die Suche nach den Ursprüngen unserer modernen Kultur führt in den alten Orient, den Geburtsort der Schrift: Dort entstanden zum Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends die ältesten uns bekannten Texte der Welt, in Keilschrift mit Griffeln aus Schilfrohr in feuchten Ton geschrieben. Diese Schriftform entwickelte sich im Laufe der Zeit von Piktogrammen zu immer stärker abstrahierten Zeichen, die sich aus Keilen zusammensetzten. Sie wurde über Jahrtausende weitertradiert, bis sie im Verlauf des ersten vorchristlichen Jahrtausends zugunsten von Alphabetschriften aufgegeben wurde.

Zunächst handelte es sich bei den niedergeschriebenen Texten hauptsächlich um kurze Verwaltungsnotizen, und erst ab der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends sind Königsinschriften und erste literarische Texte bekannt. Die insgesamt bisher publizierten Keilschrifttexte mit grob geschätzt ca. 12.000.000 Worten umfassen beinahe jegliche vorstellbare Textgattung: Schriften aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Recht, Lehre und Wissenschaft (u.a. Medizin, Mathematik und Astronomie), aber auch poetische, religiöse und magische Texte, wie Ritualanweisungen, Beschwörungen und Gebete sowie „Literatur im engeren Sinn“, z.B. Mythen und Epen, Hymnen und Klagelieder.

Hauptschriftträger für die Keilschriftliteratur war Ton, allerdings gibt es auch Inschriften in Stein, Elfenbein, Metall und Glas. Außerdem wurden zusammenklappbare Holz- und Elfenbeintafeln gefunden, die mit einer dünnen Schicht Bienenwachs bedeckt waren und mehrfach beschrieben werden konnten.
 

Eines der ältesten literarischen Werke der Menschheit

Das babylonische Gilgamesch-Epos entstand im 3. Jahrtausend vor Christus. Es ist ein aus 12 Tontafeln bestehender Zyklus, der seit dem 19. Jahrhundert in mühevoller wissenschaftlicher Arbeit aus Bruchstücken wiedergewonnen wurde. In den vergangenen 130 Jahren brachten Ausgrabungen im Vorderen Orient neue Textfragmente hervor, welche die Lücken im Text zu schließen halfen. Doch noch immer ist das Epos ein Torso: Die neueste wissenschaftliche Edition von Andrew George aus dem Jahr 2003 enthält nur rund ein Drittel der ursprünglich 3300 Verse der jüngsten, im I. Jahrtausend v. Chr. entstandenen Version. Allerdings kennt man heute auch bis zu 1000 Jahre ältere Versionen des Epentextes in babylonischer, sumerischer und hethitischer Sprache, die helfen, fehlende Passagen der jüngeren Version zu füllen.

Das Gilgamesch-Epos liefert ein beeindruckendes Zeugnis von den elementaren Problemen, gesellschaftlichen Strukturen und der Denkweise der Menschen im Zweistromland vor ca. viertausend Jahren. Die Erzählung berührt aber auch Grundfragen des menschlichen Daseins, wie Kampf und Freundschaft, Liebe und Tod. Das Epos rankt sich um den sagenhaften Gilgamesch, König von Uruk, der nach zahlreichen Abenteuern und leidvollen Erfahrungen die Fähigkeit erwirbt, seinem Volk ein guter Herrscher zu sein. Der junge König will seine Kräfte mit der ganzen Welt messen. Die Götter beschließen, ihm einen im Kampf ebenbürtigen Gegner zu erschaffen - einen in der Steppe lebenden Wildmenschen Namens Enkidu. Ein Zweikampf zwischen Gilgamesch und Enkidu endet mit der Erkenntnis beiderseitiger Kräftegleichheit und aus der Rivalität entwickelt sich Freundschaft. Gemeinsam bestehen sie Abenteuer und bezwingen Ungeheuer. Doch die Götter verurteilen Enkidu zum Tod - er wird krank und stirbt. Gilgamesch, verzweifelt über den Tod seines Freundes, verlässt Uruk und macht sich auf die Suche nach Uta-napischti – einem Menschen, dem es gelang, unsterblich und ein Gott zu werden. Uta-napischti erzählt von der göttergewollten Sintflut, die die Menschheit auslöschen sollte. Durch den Bau eines Schiffes überlebte er und erlangte nachträglich die Unsterblichkeit. Nach vielen weiteren Prüfungen stellt sich heraus, dass es für Gilgamesch unmöglich ist, unsterblich zu werden. So kehrt er, zu Einsicht und Weisheit gelangt, nach Uruk zurück und widmet sich seinen Aufgaben als König. Das Gilgamesch-Epos ist einem modernen Entwicklungsroman vergleichbar, der von den Grundfragen des menschlichen Daseins handelt.
 

Gilgamesch - Meilenstein der Forschung

Die neuzeitliche Geschichte des Gilgameschepos beginnt 1857: In diesem Jahr wurde die Keilschrift entziffert, so dass es endlich möglich wurde, die in den Jahren zuvor aus Ninive nach London gelangten Texte zu lesen. 1863 wurde der Autodidakt George Smith Assistent am British Museum. Smith arbeitete an den Ninivitischen Tafeln und entdeckte in der 11. Tafel des Gilgamesch-Epos Fragmente eines Flutberichtes, den er inhaltlich mit der biblischen Sintflut in Verbindung brachte. 1872 berichtete Smith erstmals bei der Society of Biblical Archaeology öffentlich über seine Entdeckung. Dies erregte einen Sturm der Begeisterung, meinte man nun den Ursprüngen der biblischen Texte nahe zu kommen. Nachdem der Daily Telegraph einen Fond zur Auffindung der „fehlenden Stücke“ des Textes ausgesetzt hatte, konnte Smith 1873 und 1874 auf zwei Grabungen weitere Fragmente des Epos finden.

In den nachfolgenden Jahren machte die Identifikation der Textabschnitte solche Fortschritte, dass sie 1884/91 erstmals im Zusammenhang veröffentlicht werden konnten. Im Jahre 1900 wurde das Epos von Jensen erstmals vollständig transkribiert und übersetzt herausgegeben. Damit war eine Grundlage für die inhaltliche und traditionsgeschichtliche Erforschung gegeben.
 

Gilgamesch-Rezeption in der modernen Kunst

Seit seiner Entdeckung im späten 19. Jahrhundert hat der mesopotamische Gilgamesch-Mythos nicht nur seine Leser in den Bann geschlagen, sondern darüber hinaus immer wieder Maler und Bildhauer zu bildnerischen Auseinandersetzungen inspiriert. Angeregt durch eine archaische Bildwelt und Charaktere voll urtümlicher Direktheit schufen die Künstler zeitgenössische Evokationen, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Erzählung hervorhoben. Die Rezeption des Stoffes in der zeitgenössischen Kunst macht deutlich, wie aktuell die Kerninhalte des Mythos auch heute noch sind.

Nachdem sich in der Vergangenheit unter anderem Josef Hegenbarth (1884-1962) und Willi Baumeister (1889-1955) mit dem Epos auseinandergesetzt hatten, hat der Text jüngst auch den Leipziger Künstler Reinhard Minkewitz (geb. 1957) zu einem umfänglichen Zyklus angeregt. Bemerkenswert ist, wie stark die Künstler die Erzählung in die jeweils eigene Stilsprache übersetzt haben. Stilistisch dem heraufziehenden Expressionismus nahestehend, erzählte Hegenbarth den Mythos in ausdrucksstarken schwarzen Pinselzeichnungen auf ockerfarbenem Papier. Baumeister dagegen übertrug die Erzählung in mehr oder minder abstrakte Zeichen, die aber immer wieder Figuren oder Teile von Figuren anklingen lassen und dadurch fremd und urzeitlich wirken. Dabei scheint das Augenmerk des Künstlers mehr auf dem Phänomen der Zeichenhaftigkeit als auf der Erzählung selbst zu liegen.
 

Reinhard Minkewitz

Der Künstler Reinhard Minkewitz beschreitet einen gänzlich anderen Weg, indem er sich vor allem auf die Einzelfiguren des Mythos konzentriert und diese mit den Mitteln der Kunst zu charakterisieren sucht. Dies betont die existenzielle Dimension der Erzählung. In ausgewählten Fällen werden dann besonders schicksalsträchtige Begegnungen zweier Figuren thematisiert, z. B. in dem Gemälde »Enkidu wittert Shamhat«. Ausgangspunkt der künstlerischen Annäherung ist dabei die Zeichnung, insbesondere die Kohlezeichnung, die Minkewitz teilweise auch auf großformatigen Leinwänden ausführt, wie etwa bei dem Werk »Wilder Mann« (170 x 160 cm). Die Varianten der Strichführung reichen von ganz weich fließenden Konturen, etwa bei dem Blatt »Gilgamesch beweint Enkidu«, über aus kürzeren Strichen zusammengesetzten, immer noch vergleichsweise weichen Konturen, etwa bei der Arbeit »Fangwerk des Weibes«, bis hin zu eher kantigen Umrissen bei dem erwähnten »Wilden Mann«. Mehrfigurige Kompositionen wurden verschiedentlich zu Ölgemälden ausgearbeitet, etwa bei dem Bild »Die Gefährten« (170 x 140 cm). Mit dem Laser in Stahlplatten geschnittene Figuren sowie mit Stempelprägungen versehene Tontafeln runden die Werkgruppe ab.

Reinhard Minkewitz hat sich dem Gilgamesch-Epos über Jahre genähert und den Stoff in Form von Zeichnung, Malerei und Skulptur visualisiert. Er entwickelt dabei seine Lineaturen nicht aus der Bildgeschichte sondern von der Gestik her. An einer sparsamen Personage arbeitet er über streng gebaute Volumen immer wieder Grundkonflikte heraus. Es entsteht etwas, was Minkewitz selbst »Gleichnisse für Welt, Urgestalten, die sich aus dem Leben der Menschen ergeben« nennt; er zielt auf Archetypen.

 


 



 

Wissenschaftliches Begleitprogramm

25. April, 20.00 Uhr · Die Elemente feuer und Wasser
»Das Gilgamesch-Epos« gelesen in der Neuübersetzung von Stephan M. Maul Literaturcafé im Haus des Buches
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig

06. Mai, 20.00 Uhr · »Gilgamesch«
Szenische Lesung in der Ausstellung im Kroch-Haus von Studenten des Altorientalischen Instituts


 


 



 

Begleitpublikation

Die Ausstellung wurde im November/Dezember 2005 mit einem anderen thematischen Schwerpunkt in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz gezeigt.

Dazu erschien der Katalog »Das Gilgamesch-Epos, gesehen von drei Generationen«, hrsg. von der Akademie der Wissenschaften Mainz und der Kustodie der Universität Leipzig, 2005.


 


 



 

Pressedownload

Hier finden Sie eine Auswahl an Bildern in druckbarer Qualität. Bitte beachten Sie stets unsere Anmerkungen zu den Bildrechten.

Keilschrifttafeln (zip, 29 MB)
Kunstwerke von Reinhard Minkewitz (zip, 21,8 MB)


Hier können sie die Pressemitteilung lesen.

 
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