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Ernst Bloch in seinem Garten (Privatarchiv, Frau Süßens, Westerstede)

 

Ernst Bloch
Denken ist Überschreiten

Eine Ausstellung der Kustodie der Universität Leipzig in
Zusammenarbeit mit der Fakultät für Sozialwissenschaft und Philosophie, dem Zentrum für Höhere Studien und dem Universitätsarchiv

GALERIE IM HÖRSAALBAU
13. Mai bis 17. Juli 2004
verlängert bis 31. Juli
Eröffnung am 12. Mai um 19:00 Uhr

Öffnungszeiten
Montag 12-17 Uhr
Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr
Samstag 9-12 Uhr

Publikation zur Ausstellung
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Familie Bloch in den USA, 1. Geburtstag von Jan Robert (Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen)

 

 

 

 


Deutsche Begegnung der Geistesschaffenden in Berlin 1954 (Bundesarchiv)

 

 

 

 


Verleihung des Nationalpreises an Ernst Bloch durch Präsident Pieck 1955 (Bundesarchiv)

 

 

 

 


Bloch mit Hans Mayer und Inge Jens in Leipzig 1960 (Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen)

 

 

 

 


Bloch mit Freunden (Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen)

 

 

 

 


Seminar in Tübingen 1965 (Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen)

 

 

 

 


Ernst und Karola Bloch im Strandkorb (Privatarchiv, Frau Süßens, Westerstede)

 

 

Leben und Werk des Philosophen Ernst Bloch (1885–1977) entfacht noch Jahrzehnte nach seinem Tod hitzige Debatten. Kündet seine Biographie einerseits von den Verwerfungen deutscher Geschichte im Spannungsfeld totalitärer Ideologien, verdeutlicht sie andererseits das Ringen eines marxistischen Denkers um seine Integrität. Immer wieder zwingen politische Überzeugungen Bloch zum Ortswechsel: freiwilliges Exil in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs, Judenverfolgung unter den Nazis mit erneuter Emigration, dabei Exil in der Schweiz, Österreich und zuletzt den USA. Im Jahre 1949 remigrierte er nach Ostdeutschland im Zuge einer Berufung als Philosophieprofessor nach Leipzig, verblieb im Zusammenhang des Mauerbaus im August 1961 dann aber in der BRD.
In diesem Kontext sind Blochs Leipziger Jahre deshalb besonders signifikant, weil sie den Konflikt zwischen marxistischer Theorie und Praxis zeigen, der das 20. Jahrhundert prägt: Nachdem sich Bloch anfangs offenbar als Vordenker eines utopisch orientierten Marxismus in der DDR gesehen hatte, traten ab 1956 zusehends Divergenzen mit der offiziellen Parteilinie der SED zu Tage. Diese warf Bloch ihrerseits »Revisionismus« vor, betrieb seine Emeritierung und drangsalierte zahlreiche seiner Schüler, die zum Teil ins Gefängnis kamen. Nachdem Bloch – bespitzelt von der Stasi und weitgehend isoliert – noch einige Jahre weitergearbeitet hatte, zerstörte der Mauerbau 1961 die letzten Illusionen hinsichtlich der weiteren Entwicklung: Bloch beschloss, in der Bundesrepublik zu bleiben. Nach der Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit in Tübingen entfaltete Blochs Hauptthema »Hoffnung« eine weitreichende Wirkung insbesondere unter der Studentenschaft, nicht zuletzt der Studentenbewegung 1968.


Berufung nach Leipzig

Als Bloch 1948 im amerikanischen Exil eine Professur in Leipzig angeboten wurde, bedeutete dies eine wichtige Wende in seinem Leben: Eine solche Stelle eröffnete erstmals eine solide Basis für ein stärker öffentlichkeitsorientiertes Wirken. Geboren im Jahre 1885 in Ludwigshafen, war er nach Studien der Philosophie, Physik und Musik in München und Heidelberg vor allem als Publizist und Privatlehrer tätig gewesen. Nach den Exiljahren in der Schweiz 1917 bis 1919 erschien mit Geist der Utopie ein erstes Buch, das allerdings keine Breitenwirkung entfaltete. Das Exil in den USA ab 1938 bot zwar Sicherheit und gute Arbeitsmöglichkeiten, verdammte ihn aber weiter zur Wirkungslosigkeit: Als weitgehend isolierter Fremdkörper in der damals noch deutlicher angelsächsisch geprägten Kultur Amerikas schrieb er nach wie vor auf Deutsch. Seine dritte Frau Karola ernährte die Familie durch ihre Arbeit als Architektin. Obschon Bloch 1946 in dem zusammen mit anderen Exilanten in New York gegründeten Aurora-Verlag ein weiteres Buch publizierte, wurde deutlich, dass sein eigentlicher Adressatenkreis in Europa, vor allem in Deutschland lag. Unter den Bedingungen des Exils musste daher auch die Herausgabe des damals verfassten Hauptwerks Prinzip Hoffnung mehr als zweifelhaft erscheinen.

Das Angebot aus Leipzig löste mehrere Probleme auf einmal: Aus der Sicht des marxistischen Denkers Bloch musste der östliche Teil als die bessere Hälfte Nachkriegsdeutschlands erscheinen. Eine hervorgehobene Position an der Universität ermöglichte die lange versagte Öffentlichkeitswirkung in Vorlesung und Publikation. Außerdem hegte er zweifellos die Hoffnung, an der weltanschaulichen Fundamentierung des sich neu konstituierenden – sozialistischen – Gemeinwesens mitzuwirken. Aus der Sicht der Universität Leipzig jedoch war die Berufung Blochs keineswegs ausgemacht: Innerhalb der Fakultät wurde diese sehr kontrovers diskutiert und am Ende abgelehnt. Seine Ernennung verdankte Bloch dem dirigistischen Eingreifen des Ministeriums für Volksbildung, das ihn am 25. Mai 1948 per Dekret als Professor und Direktor des Instituts für Philosophie der Universität Leipzig einsetzte. Ein Jahr später hielt er seine Antrittsvorlesung mit dem Titel »Universität, Marxismus, Philosophie«.


Leipziger Jahre 1949–1961

Die folgenden Jahre waren besonders fruchtbar. Bloch hielt vielbeachtete Vorlesungen und Seminare. Im Aufbau-Verlag erschienen verschiedene Bücher, darunter die ersten beiden Bände des Prinzip Hoffnung. Ab 1953 gab er zusammen mit anderen die »Deutsche Zeitschrift für Philosophie« heraus. Das Jahr 1955 schließlich – Bloch feierte seinen 70. Geburtstag – markierte den äußerlichen Höhepunkt staatlicher Anerkennung in der DDR: Er wurde ordentliches Mitglied der Ostberliner »Deutschen Akademie der Wissenschaften«, erhielt den »Vaterländischen Verdienstorden« in Silber sowie den »Nationalpreis II. Klasse der DDR«. Kurz darauf jedoch traten Blochs Differenzen mit dem SED-Marxismus, u. a. mit Walter Ulbricht selbst, immer deutlicher zu Tage und führten zum Zerwürfnis mit der Partei sowie zu seiner Brandmarkung als »Revisionist«. Am 1. September 1957 wurde Bloch – mit seinem Einverständnis aber wohl gegen seinen Willen – emeritiert. Seine Schüler wurden angehalten, sich von ihm zu distanzieren. Mancher, der sich widersetzte, landete im Gefängnis. Obschon Bloch innerlich offenbar an der DDR festhielt, fühlte er sich in die Enge getrieben, wurde sein Verbleib immer schwieriger. Im Jahr 1959 schloss er einen Vertrag mit dem westdeutschen Suhrkamp-Verlag über eine Gesamtausgabe des Prinzip Hoffnung, deren dritter Band erst darauf hin auch in der DDR erschien. Im folgenden Jahr hielt er Vorträge in Tübingen, Heidelberg und Stuttgart, die in das Angebot einer Gastprofessur in Tübingen mündeten. Als am 13. August 1961 schließlich die Mauer gebaut wurde, beschloss Bloch, der sich damals zu einer Vortragsreise und anschließendem Urlaub in der Bundesrepublik aufhielt, nicht in die DDR zurückzukehren. Ein regimekritisches Schreiben an den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften führte zu Blochs dortigem Ausschluss.


Späte Blüte in Tübingen 1961–1977

Nachdem in Tübingen für Bloch kurzfristig eine Professur für Philosophie eingerichtet worden war, entfaltete er hier – mittlerweile hochbetagt – nochmals eine weitreichende Wirkung. Sein Publikum fand Bloch dabei weniger unter den Fachkollegen als vielmehr unter den Studenten. Der Utopismus seines Denkens inspirierte nicht zuletzt die Studentenbewegung von 1968, wobei ihn mit Rudi Dutschke eine persönliche Freundschaft verband. Die Wertschätzung Blochs umfasste aber auch durchaus offizielle Kreise der Bundesrepublik und brachte ihm zahlreiche Ehrungen ein, neben verschiedenen Ehrendoktorwürden im In- und Ausland u. a. den Kulturpreis des Deutschen Gewerkschaftsbundes (1962), den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1967), die Ehrenbürgerschaft in seiner Geburtsstadt Ludwigshafen (1970) sowie den Siegmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (1975). Am 4. August 1977 starb Bloch zweiundneunzigjährig in Tübingen.


Bemerkungen zur Ausstellung

Obschon den Leipziger Jahren Blochs 1949 bis 1961 innerhalb seiner Biographie zentrale Bedeutung zukommt, sind sie bislang vergleichsweise wenig untersucht worden. Nie waren sie Gegenstand einer eigenen Ausstellung. Die Erforschung dieser Periode stellt nicht zuletzt deshalb eine besondere Schwierigkeit dar, weil der Großteil von Blochs Nachlass aus der Zeit vor 1961 offenbar von den Organen der SED-Diktatur zerstört wurde. Vom Inventar seiner Leipziger Wohnung in der Wilhelm-Wild-Str. 8 beispielsweise fehlt jede Spur. Eine wichtige, bislang noch nicht hinreichend ausgewertete Quelle bilden dagegen die Stasi-Akten der Jahre 1956 bis 1963. Besondere Unterstützung erfuhr das Projekt vom Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen sowie von Jan Robert Bloch in Berlin. Die hier vorgestellte Ausstellung ist historisch bzw. biographisch orientiert und sucht Blochs Leipziger Jahre anhand von Dokumenten, Fotografien und Zeitzeugenberichten zu beleuchten. Ihr kommt aus den genannten Gründen der Charakter einer Spurensuche zu, die in der Folge hoffentlich weitere Funde und Forschungen zeitigen wird. Diese Arbeit ist um so wichtiger, als die Bloch-Rezeption in der DDR nach seinem Weggang weitgehend abbrach. Blochs Leipziger Jahre sind jedoch auf das Engste mit der Geschichte der DDR verquickt und zeigen, wie anfängliche Hoffnungen auf einen Neuanfang nach dem faschistischen Debakel zusehends enttäuscht und zerschlagen wurden.

R.H.v.G.

 


 





Publikation zur Ausstellung

 

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