X. Kongress des Frankoromanistenverbands

Universität des Saarlandes, Saarbrücken

28. September - 1. Oktober 2016

 

"Grenzbeziehungen - Beziehungsgrenzen"

Sektion:

Performative, hybride und nomadische Grenzen-Peoduktivität

Diasporische, Identitäts-, Gender, transmediale Prozesse

in der franko- und hispano-maghrebinischen Literatur und Kultur


Verantwortliche: Prof. Dr. Alfonso de Toro / Dr. Annegret Richter / Dr. Juliane Tauchnitz


Konzept der Sektion:

Einleitung / Ziele der Sektion

Das Hauptziel der Sektion besteht in der Analyse von Konstruktionen und Re­präsentationen von neuen performativen Diasporas und performativen Identitäten in den franko- und hispano-maghrebinischen Literaturen und Kulturen im Zeitalter der Globalisierung und ferner in der Beschreibung, wie neue, d.h. performative Diasporas und performative Identitäten, anders als die traditionellen, vielfältige sozio-kulturelle Relationen bilden, die ambivalente Gefühle und Einstellungen unterhalten. Gastfreundschaft, Zugehörigkeit, Emotion, Körper, Begehren sind die Grundpfeiler dieser performativen Diasporas und performativen Identitäten, weil sie eine zentrale Rolle in einem dynamischen Prozess kultureller Wertun­gen, Handlungen und Verhand­lungen spielen. In diesem Kontext strebt die Sektion an, das Konzept der Integration, das die herkömmliche, lineare Vorstellung und Praxis von Migration beinhaltet, durch das der wechselseitigen dynamisch-sozialen Interaktion und das der geteilten Verantwortung und Kultur in einem gemeinsamen, teilhabenden Raum zu ergänzen, gar zu ersetzen. Die daraus resultierenden neuen Diasporas sollen im Kontext eines Situationsimperativs beleuchtet werden, indem sie ihren eigenen Raum, ihre eigene Geschichte und Identitätspraktiken konstruieren.

             All diese bereits im Titel enthaltenen Kernbegriffe, Phänomene und Prozesse haben ‚Bewegung‘, also Entterritorialisierungen und Reterritorialisierungen gemeinsam und damit die Produktion von Literatur, Kultur und neuen Gemeinschaftsformen und Identitätskonstruktionen an verschiedenen Schnittstellen, also an Grenzen. Es wird von einem Konzept der ‚Grenze‘ als einen produktiven und innovativen Ort der Generierung von Wissen und Lebenspraxis sowie der dort stattfindenden unterschiedlichen Vorortungen, Konkretisationen und unterschiedlichen Repräsentationsformen ausgegangen, also von der Produktivität diasporisch-migratorischer Prozesse, die sich in unterschiedlichen Gender- und medialen Darstellungsstrategien in den franko- und hispano-maghrebinischen Literaturen und Kulturen niederschlagen.

             Das Konzept ‚Grenze‘ betrifft demzufolge - im Kontext der Sektion und der Ziele der Tagung - nicht nur kulturelle Migrationsprozesse, die als transkulturell, als Translatioprozesse zu bezeichnen wären. Gemeint sind zudem all jene Phänomene, die sich an Schnittstellen ereignen und so durch eine prinzipielle Ambivalenz, Oszillation und Reibung charakterisiert sind, sowie Genderprozesse, also die Konstruktion von unterschiedlichen Genderformen, die in traditionellen Mustern nicht zu erfassen und zu beschreiben sind. Aber im gleichen Maße ist auch der Einsatz unterschiedlicher Medien gemeint, was als transmediale Konstruktionen definiert werden kann.

             Die Sektion behandelt diese Phänomene zwar auf der Basis von literatur- und kulturwissenschaftlichen Kompetenzen mit einem entsprechenden Korpus, aber sie legt gleichzeitig größten Wert auf einen transdisziplinären, transkulturellen und transmedialen Ansatz, gestützt auf vier zentrale Mikro-Aspekte der aktuellen globalisierten Gesellschaften und der laufenden kultur­theoretischen sowie der politischen Debatte:

  • Die Konstruktion und Repräsentation von performativen-hybriden Diasporas: Zugehörigkeit und Gastfreundschaft ausgehend von den Bereichen Literatur, Kultur, Film und Institutionen:
    Bei den neuen Diasporas wird der Fokus auf die Oszillation zwischen Differenz und Verhandlung von Identitäten als spannungsvoller Prozess neuer ökonomischer, sozialer, kultureller und religiöser Praktiken gelegt sowie auf die Herausbildung diasporischer Formationen, die auf plurikulturellen sozialen Konstellationen fußen. Beschrieben werden unterschiedliche identitätsstiftende Konstellationen und unter­schied­liche diasporische Bewusstseinsausprä­gungen. In der Sektion wird von einer mehrfach kultu­rell kodierten Identität ausgegangen. Identitätsentwürfe (und auch Diaspora-Entwürfe/Praktiken) sind Konstruktionen, die immer Situationsimperativen, dem Vergehen der Zeit und der Performativität unterworfen sind. Ein weiterer zentraler Ansatz für die Diskussion performativ-hybrider Diasporas ist Derridas Position, der eine sog. „prothèse d’origine“ ablehnt und in seinem Buch Le monolinguisme de l’autre (1996) durch einen „trouble de l’identité“, also durch eine prinzipielle Performativität ersetzt.

  • Transmediale Ausdrucksformen in Verbindung mit urbanen Räumen: Bewegung und Verortung: Untersucht werden sollen spezifische Strategien und mediale Translationsprozesse, die sich durch Subversion und Transgression von medialen Grenzen charakterisieren, die aber zu keinen Vereinheitlichungen von medialen-, kulturellen und Genderdifferenzen führen, sondern zu deren Potenzierung und zur Aufrechterhaltung ihrer Autonomie. Wichtig ist nicht, die inzwischen weitverbreitete Überlagerung von eingesetzten Medien zu untersuchen, sondern die erzielten Effekte, Wirkungsmöglichkeiten und Funktionen bei der Darstellung von Diaspora-, Identitäts-, und Genderkonstruktionen, auf der Basis von neueren Ansätzen aus dem Bereich Translation und Transmedialität. Ganz besondere Aufmerksamkeit genießt die Untersuchung der Vermittlung und Darstellung diasporischer Prozesse bei der Gestaltung von städtischen Lebensräumen in ihrer Dimension als sozio-kulturelle und symbolische Verortungen und Verstädterung und als Ort von Verhandlungen und Lebenspraktiken unter Berücksichtigung ihrer individuellen und kollektiven Ge­schichten und über herrschende Machtverhältnisse.

  • Jenseits traditioneller Maskulinitäts- und Feminitätskonzepte. Diasporische, performative-hybride Gender- und Queerkonstruktionen: Diasporische Prozesse beim Dasein von Migrant/innen erfassen in ganz besonderer Weise neue Konstruktionen von, etwa die Modifizierung individueller Vorstellungen von Maskulinität/Feminität in Bezug auf herrschende Modelle und soziale Klassifikationen sowie auf ihre Objekte des Begehrens in einem diasporischen Kontext. Von Bedeutung werden hier sein, a) die Repräsentation des privaten Raums in einem von der kulturellen Differenz markierten öffentlichen Raum und die daraus entstehenden Schwierigkeiten sowie die resultierende Span­nung zwischen Einzelnem und Gemeinschaft, Nähe und Distanz, Fremdheit und Vertrautem im Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen sowie b) die Analyse der Migrant/innen-Körper und des Migrant/innen-Be­gehrens, des sexuellen Verhaltens, der sexuellen Selbstbestimmung, Auskunft über Verände­rungen des sexuellen Verhaltens gibt.

  • Performative-hybride Grenzen: Im Einklang mit dem Hauptthema der Tagung und mit dem dargelegten Grenze-Konzept greift die Sektion auf den US-mexikanischen Performer und Kultur­theoretiker Guillermo Gómez Peña zurück, der ein neues Verständnis des ‚border‘-Begriffs und damit dessen, was Heimat und Identität sind, einführt. Aufgrund des nomadischen Status von Kultur und der großen Migrations­wellen werden Konzepte wie Nationalstaat, Grenze und Identität neu definiert, so dass ein essentialistisch-ontologisches Konzept von Ethnizität hinter sich gelassen werden kann. Im Kontext einer neuen Diaspora ist ‚border‘/‚borderland-culture‘ äquivalent mit dem Konzept von ‚home‘ als einer offenen, von Linien gebildeten nomadisch-rhizomatischen Kartographie. Die Kategorie ‚border‘ ist ein Enuntiationsort und ein Ort der kulturellen Produktion. ‚Border‘ ist ein diasporischer Ort des Aushandelns kultureller Identitäten, ein Ort par excellence der Performativität, des Experiments, des Neube­wohnens, der Reinventionen und Rekodifizierungen, wie es bei einer Möbiusfläche der Fall ist.

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