Tag 8 – Bücherjagd. Teil I

Eine Kurzgeschichte von Sabine Theiß

Ein einzelner Lichtstrahl fällt durch die Jalousie auf ihr Gesicht. Amalia reibt sich den Schlaf aus den Augen. Sie atmet den modrigen Geruch des Raumes ein, tastet nach dem Buch unter ihrem Kopf und lächelt. Es gibt nichts Schöneres für sie, als zwischen ihren Schätzen zu erwachen. Einen Moment bleibt sie liegen und betrachtet die bis zur Decke reichenden Regale, die sich gegen die Wände pressen und die Last tausender Bücher tragen. Wie viel hat sie gezittert, um manche in ihre Sammlung aufnehmen zu können. All ihren Schweiß und ihre Mühen hat sie in die Jagd nach ihnen gesteckt. Es war keine leichte Arbeit, aber bisher hat sie sie alle bekommen. Doch fertig ist sie noch lange nicht.

Amalia schlägt das Laken zurück und geht zur Toilette. Sie stolpert nicht über die Bücher, die sich links und rechts des Flurs wie kleine Türme stapeln. Sie weiß im Schlaf, wo sich welches Buch befindet. Sie wäscht sich das Gesicht und richtet ihre zerzausten Haare. Ihr Spiegelbild zeigt eine schmächtige Frau, das Gesicht eingefallen. Die Kleider sind schmutzig und hängen lose an ihrem Körper.

In der Küche findet sie einen Müsliriegel, den sie hastig verschlingt, dann geht sie ins Wohnzimmer. Auch hier werden die Wände von Regalen verdeckt. In der Mitte des Raumes steht der Esstisch, auf dem Amalia neben ihrem Laptop die Ergebnisse ihrer Recherchen ausgebreitet hat. Doch der wichtigste Gegenstand auf dem Tisch ist das Buch. Sanft streichen ihre Fingerkuppen über den braunen Ledereinband. Sie hebt es an, presst ihre Nase daran und holt tief Luft, saugt den Geruch auf. Ihre neueste Eroberung. Sie öffnet den dicken Band und liest die handschriftliche Eintragung auf der ersten Seite. Die Tinte ist verblasst und an manchen Stellen abgegriffen, doch noch deutlich zu erkennen:

Wer dies Buch stiehlt oder zurückbehält, dessen Hand soll absterben. Die Angst soll ihn heimsuchen, er soll sein Augenlicht verlieren und bis ans Ende seiner Zeit im Dunkeln sitzen. Wenn seine letzte Stunde schlägt, dann soll ihn der Teufel holen und das Höllenfeuer ihn verzehren.

Ein Bücherfluch. Als würde sie sich davon abschrecken lassen. Er macht das Buch zu etwas Seltenem, Kostbarem.

„Du sollst nicht stehlen“. Früher hat sie einmal daran geglaubt.

Es fing harmlos an. Auf Flohmärkten stöberte sie durch die Bücherkisten und bezahlte die drei, vier Euro für ein Buch, das ihr gefiel. Irgendwann merkte sie, dass sie an den größeren Ständen unbeobachtet war und ließ die Bücher unauffällig unter ihrer Jacke verschwinden. Damals hatte sie kein System, sie nahm das mit, was schön und aufwendig aussah, was alt war. Doch eines haben alle ihre Bücher gemeinsam: sie enthalten mindestens eine Illustration, seien es Exlibris, aufwendig gestaltete Initialen, Holzschnitte, Kupferstiche oder Malereien; selbst ihre Kinderbücher schmücken gedruckte Bilder.

Sie besitzt auch eine eigene Sammlung an Exlibris und Initialen, die sie zunächst im Internet ersteigert und später selbst aus Büchern herausgetrennt hat. Vieles hat sie aus der eigenen Universitätsbibliothek, wo sie vortäuschen konnte, die Bücher zu Forschungszwecken zu gebrauchen, und so ungehindert die verzierten Initialen herausschneiden konnte. Das Sammeln macht süchtig und der Jagdinstinkt ist schwer zu unterdrücken.

Amalia nimmt das Buch und geht zurück nach oben. Im ursprünglichen Bibliothekszimmer hat sie noch einen besonderen Platz frei. Hier, direkt neben der Tür stehen ihre allerersten Bücher, wertlos und vergessen, aber nicht aussortiert. Es sind Märchenbücher mit bunten Bildern, die Einbände abgegriffen und die Seiten geknickt, so oft hat sie sie als Kind angeschaut. Daneben stehen ihre ersten Bibeln, eine Kinderbibel mit vielen erklärenden Illustrationen und eine kleine, billige mit dicht bedruckten Seiten. Diese Bibeln gehören genauso zu ihrer Sammlung wie die B 42, die Gutenberg-Bibel, einer ihrer wertvollsten Schätze.

Im Nachbarregal stehen die paar Bücher, die ihrem Ehemann gehört haben. Er hatte nichts an ihrer Sammlerei gefunden, hatte sie jedoch gewähren lassen und ihr das größte Zimmer als Bibliothek zur Verfügung gestellt. Er hatte teure Regale für sie einbauen lassen, in der Hoffnung sie werde ihn dadurch mehr lieben. Doch geliebt hatte sie ihn nie. Anfangs hatte sie ihn bewundert, aber die Bewunderung ging mit der Zeit verloren. Sie hatte Doktor Biedenstein an der Universität kennengelernt, als sie mit 23 begann, für ihre Doktorarbeit in Theologie zu recherchieren. Er war angehender Juniorprofessor und begeistert von dieser jungen begabten Frau. Er half bei ihren Nachforschungen und irgendwann wurden aus den beruflichen private Treffen. Schließlich hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht und Amalia hatte angenommen – weil es vernünftig war, weil ihre Eltern es wollten, weil es die besten Perspektiven für sie bot.

Sie hatte ihre Pflicht erfüllt, hatte versucht, ihm einen Erben zu schenken, doch er konnte keine Kinder zeugen. Nach der Diagnose entfernten sie sich voneinander und lebten ihre Leben nebeneinander her. Sein plötzlicher Herztod war eine große Erleichterung für Amalia. All sein Vermögen ging auf sie über und seitdem kann sie sich voll und ganz ihrer Sammlung widmen. Doch die Sammlung stiehlt ihre Zeit. Sie muss sich um den Erhalt der Bücher und um Neuerwerbungen kümmern und so hat Amalia ihre Arbeitsstelle an der Universität Heidelberg aufgegeben.

Sie recherchierte im Internet, was wertvoll und aufwendig gestaltet war und besuchte Antiquare im ganzen Land. Manchmal erhielt sie ihre Neuerwerbungen per Post, doch dies war ihr ungeheuer. Sie hielt ihre Schätze lieber direkt in den Händen, nachdem sie Geld dafür bezahlt hatte. Sie trieb sich auf Auktionen rum und schon bald schwand ihr Erbe. Teure Bücher kann sie sich nicht mehr leisten, sie braucht das Geld für Essen, Heizung und Strom. Aber besondere Bücher sind nun mal teuer und sie ist süchtig danach geworden. Niemals würde sie an die Uni zurückkehren. Doch es gibt andere Möglichkeiten…

Amalia stellt das Buch an den für es vorgesehenen Platz neben die anderen Handschriften. Jetzt bleibt noch eine einzige Lücke. Und sie weiß genau, was dort hinein soll.

 

Fortsetzung folgt…