Tag 4 – Libri amici. Libri magistri. Teil II

Eine Kurzgeschichte von Bianca Kusterer

 

Dunkelheit umgab ihn wie einen Mantel und er begann panisch zu werden. Was, wenn er niemals hier herausfinden würde? So langweilig und grau sein Leben auch sein mochte, in den uralten Kellergewölben seiner Arbeitsstätte zu verrotten – so hatte er sich sein Ende nicht vorgestellt. Plötzlich ließ ihn ein Geräusch herumfahren. Was war das? Zitternd hielt er inne und horchte in die Finsternis hinein. Kein Laut war zu hören. Er musste sich getäuscht haben.

„Reiß dich zusammen und denk logisch!“ befahl er sich selbst. „Wie schwer kann es sein, den Weg wieder zurückzufinden? Ich muss nur einen Lichtschein finden, dann finde ich wieder zurück nach oben.“ Leichter gesagt als getan. Alles um ihn herum war stockdunkel. Auf einmal spürte er einen leichten Luftzug auf der Haut. Wo Luft herzog, musste doch auch ein Ausgang sein? Hoffnungsvoll stolperte er in die Richtung, aus der er den Hauch verspürt hatte. Dabei drückte er immer wieder auf den kleinen Knopf an seiner Hologramm-Uhr, die immerhin so viel Licht ausstrahlte, dass er seine eigenen Füße erkennen konnte. So lief er Gang um Gang der finsteren Gewölbe entlang, ohne auch nur den geringsten Lichtschimmer oder einen Treppenaufgang zu finden, bis…

Da! Da hatte etwas reflektiert! Suchend drehte er sich im Kreis. Ja, eindeutig! Dort hinten! Hastig rannte er in Richtung der Reflexion, achtete dabei jedoch nicht mehr auf seine Füße und knallte der Länge nach auf den kalten Steinfußboden. Fluchend rappelte er sich auf. Laut und unheimlich hallten seine Verwünschungen von den Wänden wieder. Wo war die Reflexion? Hektisch drückte er wieder und wieder auf den Knopf an seiner Uhr.

Da! Gottseidank! Langsamer jetzt und vorsichtiger schob er sich weiter den Gang entlang. Er musste gleich da sein. Schließlich stand er vor einer schweren gusseisernen Tür ohne Griff.

Mutlos rutschte er mit dem Rücken an der Tür hinunter und blieb in sich zusammengesunken sitzen. Er würde nie wieder aus diesem Labyrinth herausfinden. Vielleicht würden sie irgendwann seine knochigen Überreste finden und sich fragen, was er hier verloren hatte. Viel wahrscheinlich aber war, dass er für immer hier unten verschollen bleiben würde. „Nein!“, dachte er. „So leicht gebe ich nicht auf!“

Mühsam rappelte er sich hoch und begann, die Tür mit den Fingern vorsichtig abzutasten. Vielleicht gab es ja doch eine Möglichkeit, das Ding zu öffnen. Die Tür bestand nicht aus einer glatten Oberfläche, vielmehr glitten seine Finger über Wölbungen und Unregelmäßigkeiten, die sich andauernd zu wiederholen schienen. So nah wie möglich hielt er seine Hologramm-Uhr an die Tür, um das seltsame Muster genauer zu betrachten. Das waren Buchstaben! Ja eindeutig! Erst vor Kurzem hatte er sich im V-TV eine Geschichtsdokumentation ins Gehirn projizieren lassen, in der von eben diesen Buchstaben die Rede gewesen war.

Libri amici. Libri magistri.

Was mochte das wohl bedeuten? Er tastete weiter die Tür ab. Und da – plötzlich – war die Reflexion wieder! Hastig setzte er seinen Finger genau an diese Stelle, um sie nicht zu verlieren. Die massive Tür gab unverhofft nach und er kippte nach vorne. Verwirrt setzte er sich auf. Wo war er gelandet? Erneut drückte er den Lichtknopf an seiner Uhr und beleuchtete so gut es ging seine Umgebung. Da standen Regale. Hunderte von ihnen, so weit das Auge reichte. Zögerlich machte er einen Schritt in den Raum hinein. Die Regale waren von oben bis unten mit ähnlichen, länglichen Gegenständen gefüllt. Erstaunt trat er näher. Er hatte so etwas schon einmal gesehen. Jedoch konnte er sich weder an den Namen dieser Gegenstände erinnern, noch daran, wozu sie zu gebrauchen waren. Sie ähnelten sich stark in ihrer Machart und doch waren alle unterschiedlich.

Zögerlich streckte er die Hand nach einem besonders großen Exemplar direkt vor ihm aus. Es fühlte sich hart an, staubig und unbekannt und dennoch meinte er, so etwas schon einmal in der Hand gehalten zu haben. Behutsam zog er das Ding aus dem Regal und betrachtete es von allen Seiten. Es war rechteckig und bestand aus vielen dünnen Schichten. Außen zwei dicke, innen sehr viele dünnere und – auch hier wieder – Buchstaben überall. Neugierig beugte er sich dichter über den Gegenstand, um ihn genauer zu betrachten.

„Haaatschi!“

Dem Staub nach zu urteilen war hier unten sehr lange niemand mehr gewesen. Er betrachtete die dünnen Schichten des Gegenstands. Nicht nur Buchstaben, auch Bilder befanden sich auf einigen von ihnen. Zwei Kinder in einem dunklen Wald. Ein Haus komplett mit Süßigkeiten bedeckt. Eine alte Frau mit hässlicher Warze im Gesicht. Nur: wie sollte ihm das helfen, den Weg zurück nach oben zu finden?

Frustriert pfefferte er das Ding zurück ins Regal. Er würde hier unten sterben. Allein und verlassen nach einem eintönigen Leben als Angestellter im Gericht, das ihm nun auch noch als letzte Ruhestätte dienen sollte. Hoffnungslos ließ er den Blick über die Gegenstände schweifen und blieb an einem Buchstabenverbund hängen, der ihm bekannt vorkam.

Fortsetzung folgt …