Tag 22 – Über die Liebe zu Büchern. Die Stadt der Träumenden Bücher

Ein Artikel von Carolin Panthen

 

CoverIn Walter Moers‘ Roman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ offenbart sich die Liebe zu Büchern allein schon durch die von ihm erschaffene Stadt „Buchhaim“. „Schon von weitem kann man sie riechen. Sie riecht nach alten Büchern. Es ist, als würde man die Tür zu einem gigantischen Antiquariat aufreißen (…). Ein leichter Anflug von Säure, der an den Duft von Zitronenbäumen erinnert. Das anregende Aroma von altem Leder. Das scharfe, intelligente Parfüm der Druckerschwärze. Und schließlich, über allem, der beruhigende Geruch von (…) Papier.“ Die Romanfigur Hildegunst von Mythenmetz stammt zudem von der „Lindwurmfeste“, deren Bewohner – die Lindwürmer – sich allesamt der Schriftstellerei verschrieben haben. Zusätzlich zu den über fünftausend Antiquariaten existiert eine unterirdische Welt – die Katakomben von Buchhaim. In diesen Katakomben befinden sich die vergessenen und aus den Regalen der Antiquariate verbannten „Träumenden Bücher“: Antiquarische Bestände, die darauf warteten und davon träumten, „von suchender Hand ergriffen und aufgeschlagen, (…) erworben und davongetragen [zu werden]“ und „zu neuem Leben [zu] erwachen.“ Genau diesen Wunsch möchte man am liebsten erfüllen. Man möchte jedes einzelne von ihnen verschlingen und an einem ihm angemessen Platz präsentieren.

Doch die Suche nach Büchern in den Katakomben birgt auch Gefahren: Bücherjäger machen auf ihrer Suche nach Raritäten, die ihnen ein kleines Vermögen einbringen, vor nichts halt. Aber auch die Bücher an sich können zur Gefahr werden. Die Bücherjäger haben sogenannte Fallenbücher erschaffen – Bücher, mit tödlichen Mechanismen, um die Konkurrenz auszuschalten, Literaturfeinde entwickelten eben diese zu analphabetistischen Terrorbüchern weiter – zu Buchbomben, die ganze Antiquariate sprengen konnten. Und zu guter Letzt haben die Buchimisten mit ihren alchemistischen Experimenten an Büchern lebendige Bücher und Toxinbücher erschaffen – Bücher, die krabbeln, fliegen und beißen können oder durch die kleinste Berührung vergiften und töten. Die Angst vor diesen Verbrechern und gefährlichen Büchern sitzt einen beim Lesen im Nacken.

In den Katakomben leben jedoch ebenfalls die Buchlinge – ein Volk kleiner Buchretter, die in liebevoller Arbeit Bücher restaurieren. Jeder von ihnen lernt außerdem das gesamte Lebenswerk eines großen Schriftstellers wie „Ojahnn Golgo van Fontheweg“ auswendig und macht so die Literatur unvergessen. Mit vielen Zitaten und Gedichten berühmter Dichter und Autoren, deren reale Namen man um jeden Preis erraten will, erheitern die Buchlinge die Reise durch die Katakomben auf eine ganz entzückende Weise.

Die Bücherliebe in Moers‘ Roman gipfelt jedoch im eigentlichen Grund für Hildegunsts Reise nach Buchhaim – der Suche nach der verloren gegangenen, absolut perfekten, lebensverändernden Geschichte: „An der Art zu schreiben war alles richtig, derart vollkommen, daß mir die Tränen kamen (…). Das war gigantisch, so überirdisch, so endgültig! Ich schluchzte hemmungslos und setzte meine Lektüre durch den Tränenfilm hindurch fort, bis mich plötzlich ein neuer Gedanke solchermaßen erheiterte, daß meine Tränen abrupt versiegten und ich einen Lachkrampf erlitt. (…) Dies waren unter geistigem Hochdruck konzentrierte Gedanken, mit wissenschaftlicher Präzision berechnete, gespaltene, geschliffene und polierte Worte, zusammengefügt zu Preziosen von kristallener Vollkommenheit (…). Das war Denken, Schreiben, Dichten in seiner reinsten Form – niemals zuvor hatte ich etwas auch nur annähernd so Makelloses gelesen.“ In den eigenen Gedanken manifestiert sich daraufhin nichts mehr als der sehnlichste Wunsch, eine solch vollkommene Lektüre ebenfalls lesen zu dürfen. Man giert danach, diese Emotionen beim Lesen ebenfalls zu empfinden. Diese Begierde veranlasst den Leser dazu, immer neue Bücher zu ergreifen und zu verschlingen – stets auf der Suche, nach der perfekten Wortkunst.

 

„Bücher sind Schokolade für die Seele. Sie machen nicht dick.

Man muß sich nach dem Lesen nicht die Zähne putzen. Sie sind leise.

Man kann sie überall mitnehmen, und das ohne Reisepaß.

Bücher haben aber auch einen Nachteil: Selbst das dickste Buch hat eine letzte Seite, und man braucht wieder ein neues.“

(Richard Atwater)

Literatur und Abbildung

Walter Moers (2004): Die Stadt der Träumenden Bücher. München: Piper Verlag GmbH.