Tag 21 – Ist es ein Verbrechen, wenn Bücher unter falschem Namen erscheinen?. Ein Auszug

Ghostwriter. Alexandre Dumas père ist bekannt für seine ungeheure literarische Produktivität. Er schrieb mit einer kaum zu überbietenden Leichtigkeit. Als seine Bücher dann in Mode waren, die Verleger und Zeitschriften nach Nachschub schrien, Dumas’ aufwendiger Lebensstil immer mehr Geld erforderte, er selbst jedoch an seiner Leistungsgrenze angelangt war, ließ er andere für sich schreiben. Nach seinem eigenen Eingeständnis (Mes Mémoires. 1852/54) hat er eine Reihe der unter seinem Namen erschienenen Schriften, besonders die Erzählungen, nicht selbst oder nur teilweise allein verfaßt. Dumas entwickelte nur noch die Erzählstränge und Charaktere. Zeitweise, so hat Joseph M. Quérard recherchiert, arbeiteten mindestens vierundsiebzig Lohnschreiber für ihn, deren Namen teilweise bekannt sind. (Les supercheries littéraires devollées. Zweite Auflage Paris 1869/89. Spalten 1022 bis 1176). Die plünderten schamlos die kleineren und größeren Veröffentlichungen von Zeitgenossen aus, darunter Werke von Chateaubriand, Gosselin, Thierry und anderen Tagesgrößen. Das blieb natürlich nicht lange verborgen. Und Dumas rechtfertigte sich: »Nicht die Einzelpersönlichkeit erfindet. Die Masse Mensch in ihrer Gesamtheit tut es. Ein jeder kommt zu seiner Zeit an die Reihe, nimmt das von seinen Vätern Bekannte in Besitz, verwebt es in sein Werk unter Hinzuziehung neuer Kombinationen, dann stirbt er, nachdem er einige Errungenschaften der Summe der menschlichen Erkenntnisse hinzugefügt hat. Die völlige Neuschöpfung einer Sache ist nach meinem Dafürhalten unmöglich. Gottvater selbst, als er den Menschen schuf, konnte oder wagte nicht, etwas Neues zu erfinden. Er schuf ihn nach seinem Bilde.« #Plagiat

So kaufte Dumas der Ältere einem armen Schriftsteller namens Auger ein Manuskript ab, das der mit Kameliendame betitelt hatte. Doch damals war jener Frauentyp, die Heldin hörte ursprünglich auf den Namen Fernande, noch nicht hoch notiert, trug weder Kamelien noch Tantiemen ein. Das Manuskript blieb liegen und ging auf den Sohn über. Der brachte 1852 den Text zum berühmten Knalleffekt, indem er den jungen Armand Duval sagen läßt: »Sie alle sind Zeugen, daß ich dieses Weib bezahlte und ihr nichts mehr schuldig bin.« (Raoul Deberdts in Revue des Revues 1898)

Es dauerte aber noch anderthalb Jahrhunderte, bis bekannt wurde, daß selbst die Polizei von Paris Dumas’ Romanfabrik zugearbeitet hat. Anfang des Jahres 1999 berichtete der Leiter des Archivs der Pariser Polizei, Claude Charlot, in einer hausinternen Zeitung über die Entdeckung von Aufzeichnungen eines seiner Vorgänger. Danach hat der 1760 geborene Archivar Jacques Peuchet verschiedene Novellen verfaßt. Unter ihnen befindet sich eine, in der die authentische Geschichte eines Mannes erzählt wird, der sieben Jahre unschuldig im Gefängnis verbringen muß, nach der Entlassung Reichtum erwirbt und sich rächt. Das war die Quelle, aus der Alexandre Dumas für seinen erfolgreichsten Roman Der Graf von Monte Christo geschöpft hat.

Unter Dumas’ Mitarbeitern finden sich bekannte Namen wie Gérard de Nerval und der Historiker und Schriftsteller Auguste Maquet, der bis 1851 für ihn tätig war. Viele seiner bekanntesten Bücher (insgesamt dreihundert Bände) hat Dumas gar nicht selber geschrieben. So etwa »seinen« berühmtesten Roman Die drei Musketiere. Der stammt vermutlich ganz aus der Feder von Auguste Maquet, der bei dem Stoff aber wiederum auf die Memoiren des Musketiers d’Artagnan zurückgriff, die ein Courtilz de Sandras erfunden hatte. Maquet soll auch die zweite Hälfte des Grafen von Monte Christo geschrieben haben. Aus der Werkstatt von Dumas stammen, so wird vermutet, ebenfalls die Tagebücher der Pariser Henkersfamilie Sanson.

 

Literatur

Schmitz, Rainer: Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was sie über Literatur nicht wissen. Frankfurt/Main: Eichborn 2006. München: Wilhelm Heyne 2008

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. (München 2014)