Tag 20 – Büchermörder. Ein Auszug

Büchermörder. Eine Mordserie löste im Barcelona des Jahres 1836 eine Panik aus. Sämtliche Opfer, insgesamt zehn, entstammten gebildeten Ständen und waren auf die gleiche Art erdolcht worden. Niemandem fehlte Geld oder Wertgegenstände. Ein Raubmord schien daher ausgeschlossen. Gerüchte machten sich breit, daß die Geheime Inquisition ihre Finger im Spiel hätte. Die Polizei begann in dieser Richtung zu recherchieren. Sie stieß bald auf den entlaufenen Mönch Don Vincente. Der war zur Zeit der Klosterplünderungen aus einem Tarragoner Kloster nach Barcelona geflohen, wo er ein Buchgeschäft eröffnete, das den anderen Antiquaren der Stadt bald zur Konkurrenz wurde. Aber Don Vincente hatte keine bibliophilen Neigungen, aber ein sicheres Gespür für Raritäten. Und von denen konnte er sich nicht trennen. So versuchte er, potentiellen Kunden den Kauf auszureden oder setzte den Preis abschreckend hoch an. Die Geschäftskollegen schlossen sich daraufhin zusammen und trieben auf Auktionen den Preis für seltenere Stücke derart hoch, daß Don Vincente nicht mehr mithalten konnte. So mußte er, als aus dem Nachlaß eines Rechtsanwaltes ein Unikat – ein Verordnungsblatt von 1482 aus der spanischen Palmart-Druckerei – zur Versteigerung gelangte, bei einer außerordentlich hohen Summe passen. Die unvergleichliche Rarität gelangte in den Besitz des Buchhändlers Patxot. Doch der konnte sich seiner Beute nicht lange erfreuen. Denn schon eine Woche später brach in seinem Laden ein Feuer aus. Patxot wurde als verkohlte Leiche gefunden. Er hatte, so lautete die behördliche Feststellung, im Bett geraucht und war eingeschlafen. Dann fand man in einem Stadtgraben den Leichnam eines Landpfarrers, der mit Messerstichen umgebracht worden war, ein paar Tage darauf einen jungen deutschen Gelehrten, der auf die gleiche Weise sterben mußte.

Als die Polizei den Buchladen von Don Vincente durchsuchte, fand sie jenes seltene 1482 von Palmart herausgegebene Unikat. Don Vincente gestand, daß er den Laden des Patxot angezündet hatte, nachdem er ihn erwürgt und das seltene Buch in Sicherheit gebracht hatte. Das erste der erstochenen Opfer war der Landpfarrer, der wegen einer Rarität bei ihm war, sich nicht hatte von dem hohen Preis abschrecken lassen und mit dem Buch davonzog. Er sei ihm gefolgt, habe ihm einen noch höheren Rückkaufpreis angeboten, was dieser abgelehnt habe. Daraufhin habe er ihn erstochen.

Als der Richter ihn fragte, wie er imstande gewesen sei, so viele Menschenleben zu vernichten, antwortete Don Vincente: »Die Menschen sind sterblich. Sie werden ohnehin, die einen früher, die anderen später, vor den Herrn gerufen. Die guten Bücher aber sind unsterblich, sie muß man behüten.«

Don Vincente wurde zum Tode verurteilt. Das hat ihn vielleicht viel weniger geschmerzt, als die Recherchen seines Verteidigers. Der hatte nämlich herausgefunden, daß die Palmart-Inkunabel von 1482 gar kein Unikat war. In dem Katalog eines Pariser Antiquars hatte er ein weiteres Exemplar angeboten gefunden. Das hätte aber durchaus auch Don Vincentes Exemplar sein können. Doch der resignierte: »Das hilft mir nichts mehr. Ich bin das Opfer eines fatalen Irrtums geworden. Mein Exemplar ist kein Unikat!« Und Don Vincente, genannt das »Ungeheuer von Barcelona«, ließ sich willenlos zum Schaffott führen. Er starb ohne geistlichen Beistand durch die Garotte (Halsschraube).

L: István Ráth-Végh: Die Komödie des Buches. Budapest 1967

 

Literatur

Schmitz, Rainer: Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was sie über Literatur nicht wissen. Frankfurt/Main: Eichborn 2006. München: Wilhelm Heyne 2008

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. (München 2014)