Tag 2 – Libri amici. Libri magistri. Teil I

Eine Kurzgeschichte von Bianca Kusterer

 

Wuuuusssschhh! Wie jeden Morgen beamte ihn der DC650 zur Arbeit ins Gerichtsgebäude. Jeden Morgen das gleiche eintönige Geräusch. Die gleiche eintönige Arbeit. Die gleichen eintönigen Gesichter. Jeden Tag die gleiche eintönige Eintönigkeit. Er war von seinem Leben zu Tode gelangweilt. Als Angestellter im Gericht war er sozusagen das Mädchen für alles für die Hexe. Eigentlich war sie Richterin, doch er nannte sie so, weil er sie noch kein einziges Mal hatte lächeln sehen – und das während seiner fast hundertjährigen Dienstzeit.

Er war 2014 geboren und im Jahr 2034 hatten Forscher den natürlichen Alterungsprozess austricksen können. Genauso wie die meisten Krankheiten, die Schwerkraft und die menschliche Sinneswahrnehmung. Deshalb saß er nun hier, hielt seine Augen vor den KAISFA (Knowledge and Information Scanner for Adults) und ließ sich all seine Aufgaben direkt ins Gehirn pflanzen. Es hatte eine Zeit gegeben, da musste man Informationen bewusst von sogenanntem Papier ablesen, daran konnte er sich allerdings kaum mehr erinnern. Das Erinnerungsvermögen vor der „Verbesserung der Menschheit“ hatten die Forscher nämlich nur zu geringen Bruchstücken retten können.

Nachdem er nun einige Gedanken-Mails versendet und den riesigen Haufen virtueller Ablage erledigt hatte, begab er sich auf den Weg zum Mittagessen. Er stellte sich vor den „Think and eat“-Automaten und ließ den Scanner seine Essenswünsche direkt aus seinem Gehirn ablesen. Zwei Sekunden später konnte er seine Pizza aus dem Ausgabefach entnehmen. Zu Beginn seiner Arbeitszeit fand er dies noch super, ziemlich bald jedoch konnte er einen gravierenden Nachteil feststellen. So wünschte er sich am Angang immer sein Lieblingsessen – Schweinebraten mit Kartoffelklößen. Mit der Zeit ähnelte dadurch langsam aber auch seine Figur eher einem Kartoffelkloß als dem athletischen jungen Mann, der er einst gewesen war. Außerdem – und hierin spiegelte sich seit Langem sein komplettes Leben wider – war es doch recht eintönig, wenn man sofort bekam, was man wollte. Kein Ärger über die falsche Entscheidung, allerdings auch keine Freude, die richtige Wahl getroffen zu haben, keine Überraschungen, keine unvorhergesehenen Ereignisse. Nichts, was ihn aus seiner Lethargie herausreißen könnte.

Den Rest seiner Mittagspause konnte er mit V-Sports oder V-TV verbringen, wobei das „V“ für virtuell stand. Virtueller Sport, eingespannt in eine Maschine, um die Muskeln nicht völlig verkümmern zu lassen, während im Kopf ein Sportszenario eigener Wahl ablief. Oder virtuelles Fernsehen, wo ähnlich dem KAISFA Wissen und Informationen direkt ins Gehirn eingepflanzt wurden, ohne den Umweg über Augen und Ohren zu nehmen.

Er machte sich auf den Weg zu den Fitnessräumen, während er gedankenverloren mit seinen Manschettenknöpfen spielte.

„Kloooong!“ dröhnte es laut auf dem gefliesten Boden der Eingangshalle. Einer der Knöpfe landete auf dem Boden und sprang unaufhaltsam die Treppen in Richtung Kellergewölbe hinunter. Hastig rannte er hinterher und versuchte, den abtrünnigen Knopf wieder einzufangen. Keine Chance. Schnell wie der Blitz rollte das verdammte Ding in einen der zahllosen Gänge des Gewölbes und wurde von der Dunkelheit verschluckt. Fluchend stolperte er hinterher und versuchte, in der Finsternis seinen Knopf ausfindig zu machen. Immer tiefer geriet er in das Wirrwarr der Kellerräume, bis er schließlich vollkommen die Orientierung verloren hatte. Auch das noch. Wie er seiner Hologramm-Uhr entnehmen konnte, endete seine Mittagspause in genau zwei Sekunden und er steckte irgendwo tief unter der Erde fest. Die Hexe würde toben.

Fortsetzung folgt…