Tag 19 – Gekürzte Audiobooks. Buchverbrechen oder künstlerische Freiheit?

Ein Essay von Vanessa Walter

 

Die stabilen Umsatzzahlen von Audiobooks belegen, was vielen Kritikern ein Dorn im Auge ist: Audiobooks treffen den Nerv der Zeit. Es handelt sich bei Audiobooks demnach nicht um eine zu vernachlässigende temporäre Randerscheinung des Buchmarktes, sondern mittlerweile mit einem Anteil von 4% um einen festen Bestandteil des Umsatzgeschäfts.

Ein Audiobook oder auch Hörbuch stellt die vorgelesene oder gesprochene Form eines Textes mittels eines Tonträgers dar. Dieser Beitrag bezieht sich auf Audiobooks, die auf einem literarischen Werk basieren, welches bereits veröffentlicht wurde. Das Hörbuch ist hierbei nach Hennig als „ein von einem oder mehreren Sprechern vorgelesene[r] Text, der auch in gedruckter Form ein vollständiges Kunstwerk (…) darstellt.“ zu verstehen. „Kurze musikalische Einspielungen zur Kapiteltrennung oder aus thematischen Gründen (…) sind erlaubt.“ Es trennt sich von Hörspiel, Kinderkassette und Sprachlehrkassette ab.

In der durch Schnelllebigkeit und Zeitmangel geprägten Gegenwart erlauben Audiobooks den Konsum von Büchern auch ohne dabei andere Tätigkeiten einstellen zu müssen. So wird es mithilfe des Audiobooks möglich, während der Autofahrt oder der Erledigung von Haushaltsaufgaben Literatur zu rezipieren. Ein Audiobook kann zudem problemlos von mehreren Hörern gleichzeitig genutzt werden. Es präsentiert sich somit als flexible Alternative zum Buch und erfreut sich wachsender Beliebtheit.

Zahlreiche Verlage reagieren derzeit auf den Wandel des Buchmarktes und nehmen Audiobooks in ihr Repertoire auf, um eine breitere Leserschaft bzw. Hörerschaft anzusprechen. Allerdings bleibt bei der Veröffentlichung eines Buches in Form eines Audiobooks eines häufig nicht aus: Die Kürzung des Originalwerkes. Wie bei der Inszenierung eines Theaterstücks ist auch bei der Aufbereitung eines Textes zum Zwecke der Vertonung als Audiobook eine Modifikation des Werkes erforderlich, um den Bedingungen des Trägermediums gerecht zu werden.

Damit die Produktionskosten in einem wirtschaftlich sinnvollen Verhältnis zu den Absatzchancen des Audiobooks stehen, gehören Kürzungen vor allem von umfangreichen Werken mittlerweile zum regulären Produktionsablauf.

Bereits durch die Vermittlung einer bestimmten Atmosphäre sowie durch Stimmlage, Tempo, Pausen und Lautstärke des Sprechers entsteht ein Szenario vor dem geistigen Auge des Zuhörers, das eine Kürzung des Originaltextes um 10% bis 30% zulässt.

Ähnlich wie Akronyme und Emoticons einem Text in der SMS- und internetbasierten Kommunikation eine bestimmte Richtung verleihen und dadurch Missverständnisse verhindern, kann das Vorlesen eines literarischen Textes die nonverbalen Informationen zur Gefühlslage des Protagonisten oder zu ironischen oder sarkastischen Aussagen liefern und dadurch zu einem besseren Verständnis des Textes beitragen. Allein durch die Stimmlage des Sprechers kann der Hörer sich Informationen erschließen, die das Vorlesen bestimmter Passagen eines Buches entbehrlich machen können.

Stellt die Kürzung eines Originalwerkes einen derartigen Einschnitt in das Werk eines Autors dar, dass es als Buchverbrechen bezeichnet werden könnte oder handelt es sich hierbei um eine legitime Änderung, die der speziellen Form des Mediums Audiobook und seinen Umsetzungsmodalitäten geschuldet ist?

Fraglich ist, ob es sich bei der Kürzung eines Werkes für die Veröffentlichung als Audiobook zwangsläufig um einen Qualitätsverlust handeln muss. Die Veränderung des Originals kann unterschiedlich bewertet werden und unterliegt nicht zuletzt subjektiven Kriterien.

Des Weiteren handelt es sich nicht nur bei der Kürzung des Textes sondern auch bei der Vertonung eines Buches immer auch um eine Interpretation. Sprechweise und -tempo, die Betonung und das Einspielen von Musik und Geräuschen führen dazu, dass eine Veränderung des Werkes stattfindet.

Das Audiobook stellt demnach nicht nur eine andere Erscheinungsform des Buches dar, sondern sollte vielmehr wie der Film oder das Theater als eigenständiges Medium angesehen werden.

Wie jedes andere Medium unterscheiden sich auch einzelne Audiobooks unter qualitativen Gesichtspunkten. Während sich bei Büchern die Schreibstile der Autoren, ihre Sichtweisen und auch die Genauigkeit der Recherche unterscheiden, so unterscheiden sich bei Audiobooks neben diesen Aspekten die Stimmen und Betonungen der Sprecher, die Auswahl der Hintergrundakustik und nicht zuletzt auch die Kürzung der Texte.

Sicherlich existieren Audiobooks, bei denen wichtige Passagen aus Originalwerken fehlen oder der Inhalt bzw. die Botschaft eines Buches eine unerwünschte Veränderung erfährt. Hierin wird der von Kritikern befürchtete „Betrug am Kunden“ oder „Eingriff in die Autorenhoheit“ deutlich. An dieser Stelle sollte jedoch erwähnt werden, dass die Möglichkeit für Autoren besteht, eine Kürzung ihrer Werke vertraglich zu unterbinden. In der Veröffentlichung eines Buches als Audiobook – zumindest muss dies für lebende Autoren gelten – ist somit immer auch die Zustimmung des Autors selbst zu der Präsentation seines Werkes in Form eines Audiobooks enthalten. Der befürchtete Eingriff in die Autorenhoheit kann somit allenfalls für die Werke bereits verstorbener Autoren gelten. Zudem gibt es Verlage, die eine Kürzung der Originalwerke grundsätzlich ablehnen.

Finden Kürzungen statt, sollte dies gekennzeichnet werden. Einschnitte in das Originalwerk eines Autors werden auf diese Weise transparent gemacht und es obliegt dem Hörer zu entscheiden, ob eine Abwandlung des Originalwerkes mit seinen Ansprüchen und Vorstellungen übereinstimmt. Der Leser bzw. Hörer hat so im Vorfeld die Möglichkeit zu entscheiden, ob er eine gekürzte Fassung des Originalwerkes als legitim empfindet. Sollte der Hörer trotz der Kenntnis der Kürzung zu dem Schluss kommen, dass elementare Passagen des Werkes fehlen, so ist dies zwar eine bittere Enttäuschung, stellt jedoch keinen Betrug am Kunden dar. Anders verhält es sich mit Hörern, die das Originalwerk nicht gelesen haben, denn sie wissen nicht, ob entscheidende Teile des Werkes fehlen.

Zudem sollte der Aspekt der illegalen Beschaffung von Audiobooks übers Internet nicht außer Acht gelassen werden. Im Jahre 2010 belief sich der Anteil illegal heruntergeladener Audiobooks auf knapp 50%. Hierbei ist es kaum möglich zu kontrollieren, ob eine Kennzeichnung der Kürzungen eines Textes erfolgt. Es besteht dadurch die Gefahr, dass eine Vielzahl von Audiobooks verbreitet wird, bei denen es sich ohne das Wissen der Hörer um gekürzte Texte handelt.

Kritisch zu betrachten ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass viele Audiobooks ausschließlich in gekürzter Form veröffentlicht werden. Dieses ist vor allem dann schwierig zu bewerten, wenn sie für Blinde, Kranke oder sehbehinderte Menschen als Alternative zum Buch dienen. Diese haben nicht die Möglichkeit, das Buch zu lesen, sollten sie mit der Kürzung des Originalwerks nicht einverstanden sein.

Im Hinblick auf den wachsenden Downloadmarkt von Audiobooks wäre es daher wünschenswert, wenn Audiobooks grundsätzlich auch als ungekürzte Versionen veröffentlicht werden würden. Anders als bei dem Erstellen von CDs sind die Produktionskosten eines Downloads überschaubar. Es wäre somit mit weit weniger Kosten verbunden, auch eine ungekürzte Version eines Buches als Download zu produzieren und letztendlich dem Hörer die Entscheidung zu überlassen, ob er das klassische Werk oder eine erneuerte Form des ausgewählten Buches rezipieren möchte.

 

Literatur

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Freis, Gerlinde (2008): Der Hörbuchmarkt im deutschsprachigen Raum. Struktur und Ökonomie einer vielversprechenden Branche. Hamburg: Diplomica Verlag GmbH

Hennig, Ute (2002): Der Hörbuchmarkt in Deutschland. Münster: Monsenstein und Vannerdat

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