Tag 18 – Vom Zerstören und Erhalten

Ein Artikel von Juliane Seifert

 

Dr. Mackert, Leiter des Handschriftenzentrums und stellvertretender Bereichsleiter Sondersammlungen der Universitätsbibliothek in Leipzig, zeichnete uns im Rahmen eines Vortrages das Verbrechen der Dekontextualisierung auf.

Dekontextualisierung bedeutet, dass Bücher in einzelne Teile zerlegt wurden, wobei dies auch im Sinne einer Bucherhaltung stattfand. Aus der damaligen Sicht der Buchmacher wurden aus nicht mehr zu gebrauchenden Büchern alte Seiten heraus gerissen. Sie wurden entweder aus Papierknappheit überschrieben, nachdem der ursprüngliche Text in einem aufwendigen Verfahren entfernt wurde, oder sie wurden als Verstärkung bzw. „Zierde“ in die Buchdeckel geklebt, um Ränder der umgeschlagenen Einbände zu verdecken.

Aber es gibt auch viele Negativbeispiele von sogenannten Bibliomanen, die zum eigenen Vergnügen Seiten aus alten Handschiften heraustrennten. Ein besonders schwerer Fall ist der des Leipziger Universitätsprofessors Wilhelm Bruno Lindner (1814 – 1876). Er sammelte besonders aufwendig verzierte Seiten, Initialen und Buchrücken, die er teilweise durch selbst angefertigte Kopien ersetzte. Sein hohes Ansehen als Theologieprofessor verhalf ihm zu einem Deckmantel, der aufflog, als er anfing, in seinen Augen zweitklassige Illustrationen und Blätter Antiquaren zum Kauf anzubieten. Seine bloße Habgier ließ ihn das Eigentum der Universitätsbibliothek zerstören. Viele der aufgefundenen Einzelseiten lassen sich heute nur noch schwer zuordnen, zum Teil existieren die Bücher nur noch als Fragmente.

Dr. Mackert sieht das größte Verbrechen in Bezug auf das Sammeln von Büchern in mutwilligen Zerstörungen: „… denn während Bücher im Lauf der Geschichte ihre Relevanz für die jeweilige Zeit verlieren können und deshalb quasi in einem natürlichen Prozess untergehen, richten sich Bücherzerstörungen wie z. B. Bücherverbrennungen etc. gezielt gegen Bücher, die andere Zeitgenossen als relevant ansehen – und richten sich damit gegen diese Personen/Gruppen.“

Dr. Mackert beschrieb glaubhaft die Aktivität der heutigen Bibliomanen, die einzelne Seiten von alten Handschriften im Internet zum Kauf anbieten. Besonders solche alten Bücher sind unersetzbar, denn mit Glück sind, wenn überhaupt, nur noch wenige Exemplare eines Titels zu finden. Darum sieht er eine ordnungsgemäße Restauration als wichtigen Bestandteil der Erhaltung an und damit, betont er, ist nicht die Modernisierung der Bücher gemeint – sondern die liebevoll, detaillierte und dem Alter des Buches entsprechende geschichtliche Aufbereitung.

Sammler, die im Besitz solcher Raritäten sind, sollten andere daran teilhaben lassen, denn: „Eigentum verpflichtet“, so Dr. Mackerts Einschätzung. „Kulturelles Erbe sollte der Allgemeinheit gehören und zugänglich sein. Wenn es sich in Privatbesitz befindet, sehe ich den Besitzer in der Pflicht, eine Zugänglichkeit, z.B. durch Digitalisierung oder Ausstellungen, zu ermöglichen. Der Staat sollte in solchen Fällen die Aufgabe haben, kulturelles Erbe in Privatbesitz unter Schutz zu stellen (z.B. gegen Ausfuhr, Zerstörung o. ä.).“

 

 

Der Prozeß gegen Dr. Wilhelm Bruno Lindner wegen Diebstahls. Nach den Ergebnissen der von dem königl. Bezirksgericht zu Leipzig vom 27. bis 29. Februar stattgefundenen öffentlichen Hauptversammlung zusammengestellt; nebst vollständigen Reden der Königl. Staatsanwaltschaft und der Vertheidigung (1860). Leipzig: Sturm und Koppe.