Tag 17 – Ohne Eigenschaften. Ein Auszug

Eigenschaften, ohne. Anfang der Jahres 1968 schickte die Satire-Zeitschrift Pardon unter dem Namen eines fiktiven Autors, des »écrivain literaire« »Bob Hansen«, ein Manuskript an vierzehn deutschsprachige Literaten und zweiunddreißig Verlage. Die acht Schreibmaschinenseiten waren als Auszug aus dem Erstlingswerk eines jungen Mannes deklariert. Der fragte zaghaft an, ob Aussichten auf Veröffentlichung bestünden.

Es hätte gar nicht besser erfunden werden können: Das Ergebnis war einfach niederschmetternd. Niemand erkannte den Text. Selbst die beiden Berliner Professoren Peter Wapnewski und Walter Höllerer rochen den Braten nicht. Und die Verlage hatten auch nur vernichtende Urteile zur Hand. »Was Sie schreiben, stimmt mit unseren Vorstellungen von Literatur nicht überein«, befand der Suhrkamp Verlag. Bei S. Fischer war man auf den fertigen Roman überhaupt nicht neugierig. »Die Thematik ist etwas eng, die Erfahrung, aus der Sie schreiben, ist es vielleicht auch«, stellte der Schweizer Walter-Verlag fest. Er sähe daher leider auch keine Möglichkeit, ein solches Werk zu publizieren. Bertelsmann schloß völlig aus, daß der Verlag sich dafür einsetzen könnte, und bemängelte vor allem die »allzu sentimentalen Stellen«. Biederstein hielt dem Autor »primitive Ausdrucksweise und falsche Sentimentalität« vor. Diederichs befand die erotische Schilderung als »abschreckend desillusionierend«. Bei Claassen entdeckte man, daß »stilistisch so viel zu wünschen übrigbleibt«. Und selbst Robert Neumann, als Parodist ein großer Kenner zahlloser originaler Vorlagen, konstatierte einen »Stilkrampf«. Ein Verlagsleiter gab gar den guten Rat: »Sie sollten noch eine Reihe guter Romane aus Vergangenheit und Gegenwart lesen.«

Pikant an der Geschichte ist eines: Bei dem Manuskript des jungen Autors handelte es sich um einen Auszug aus den eintausendachthundertzweiunddreißig Seiten von Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, darunter der einzigen erotischen Szene. Nur die Namen waren geändert. Doch selbst der Rowohlt Verlag in Reinbek, bei dem die Musil-Werke heute noch erscheinen, zeigte sich nicht interessiert. Das eingesandte Werk, so teilte er dem fiktiven Autor mit, eigne sich nicht für sein »spezifisch literarisches Programm«!

L: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. Mai 1968

 

Literatur

Schmitz, Rainer: Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was sie über Literatur nicht wissen. Frankfurt/Main: Eichborn 2006. München: Wilhelm Heyne 2008

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. (München 2014)