Tag 16 – Über die Liebe zu Büchern. Das Papierhaus

von Carolin Panthen

 

Cover Das Papierhaus-page-001

„[Weißt] du denn nicht, wie gefährlich Bücher sind?“, ermahnt die deutsche Großmutter den Erzähler in „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez“, „Bücher verändern das Schicksal der Menschen“. Den Auftakt des Werkes bildet Bluma Lennons Schicksal, welches auf die tragischste Weise von einem Buch beeinflusst wird: In der eben erworbenen Lektüre „Gedichte“ von Emily Dickinson lesend, wird Bluma von einem Auto überfahren. Beim Lesen der Erinnerungen des Ich-Erzählers an weitere buchbeeinflusste Schicksale stellen sich einem aufgrund der erschreckend banalen Unfallhergänge die Nackenhärchen auf. Man wird geradezu neurotisch, wirft argwöhnische Blicke auf die eigene Büchersammlung und erwartet beinahe deren Angriff. Doch nicht alle Menschen werden zu Opfern von Büchern: Einige werden durch sie in ihrer Berufswahl beeinflusst, andere in der Entscheidung für eine Religion und wieder andere werden von ihnen aus ihrer Hilflosigkeit gerettet. Man kann seinen Puls also wieder zur Ruhe kommen lassen und getrost weiterlesen.

Die Liebe zu Büchern, die in „Das Papierhaus“ beschrieben wird, kommt vielen sehr bekannt vor: „Niemand hat es gern, wenn ihm ein Buch abhanden kommt. Lieber verlegen wir einen Ring, eine Uhr oder unseren Schirm als ein Buch, das wir vielleicht nicht mehr lesen werden, das aber mit dem vertrauten Klang seines Titels ein altes, vielleicht verloren gegangenes Gefühl in uns wach ruft.“ In der Angewohnheit, sich nicht von Büchern trennen zu können, ganz egal, ob man sie jemals wieder aufschlägt, findet man sich ebenfalls wieder: „Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb ich Bücher für einen eventuellen Gebrauch in ferner Zukunft aufhebe (…). Aber, wie könnte ich mich beispielsweise vom ‚Ruf der Wildnis‘ trennen, ohne eine der wenigen Erinnerungen aus meiner Kindheit zu verlieren (…). Häufig ist es schwerer, ein Buch loszuwerden, als es zu bekommen.“ Auch die begrenzte Kapazität, bei der man sich den Kopf zerbricht, wo man die neuen Errungenschaften noch unterbringen soll, ist uns nur allzu vertraut. Die Akribie, mit der die Bücher in „Das Papierhaus“ aufbewahrt werden – hinter gläsernen Vitrinen vor Staub geschützt und in Regalen bestehend aus dem einzigartigen riss- und spaltenfreien Lapacho-Holz, um jeglichen Schädlingsbefall zu verhindern – rührt einen zu Tränen.

Dennoch stellt Carlos María Domínguez den fließenden Übergang zur Bibliomanie in seinem Werk besonders heraus. Wenn das Sammeln schöner und kostbarer Bücher damit endet, dass selbst in Flur, Küche, Schlafzimmer und Bad kein Platz mehr für weitere Bücherregale ist und gar das Auto verschenkt wird, um in der Garage Platz zu schaffen, wurde die Grenze zwischen Bücherliebe und Bücherwahn meilenweit überschritten. Angeblich kann man diese regelrecht suchtartige Leidenschaft für Bücher sogar an der leicht pergamentartigen Haut des Sammlers erkennen. Das enorme Ausmaß einer derartigen Büchersammlung und die damit verbundenen Kosten und Mühen, dem Verfall der Bücher vorzubeugen und der Ordnung solch einer umfangreichen Bibliothek Herr zu werden, kann einen Menschen um den Verstand bringen. Wohin das führt, zeigt Carlos María Domínguez in „Das Papierhaus“ auf sehr extravagante Weise.

 

Zitate und Abbildung

Carlos María Domínguez: Das Papierhaus. Frankfurt am Main: Eichborn AG. 2004