Tag 15 – Fußnoten. Ein Auszug

Fußnoten. Als im April 1996 im Moskauer Puschkin-Museum nach einem halben Jahrhundert die Schätze des Priamos wieder zu sehen waren, die Heinrich Schliemann im neunzehnten Jahrhundert in Kleinasien ausgegraben und die die Sowjetunion als Kriegsbeute 1945 gen Osten entführt hatte, schrieb der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein in seinem Magazin die Titelstory über den »Troja-Schwindel«.

Wenige Tage später behauptete der deutsche Bestsellerautor Philipp Vandenberg in einem Interview mit der Hamburger Bild am Sonntag, Augstein habe weite Passagen seines Artikels aus seinem 1995 erschienenen Buch Der Schatz des Priamos abgeschrieben, ohne die Quelle zu nennen. Deutlich sei dies besonders an Zitaten aus Originalbriefen Schliemanns, die er verändert habe, um sie verständlicher zu machen. »Und genau mit diesen Änderungen stehen sie auch im Spiegel«, sagte Vandenberg. Der Spiegel und sein Herausgeber reagierten prompt. Eine technische Panne habe dazu geführt, daß Vandenbergs Buch nicht als Quelle für die einzelnen Textaussagen genannt sei. Das Magazin teilte mit: »Durch ein technisches Versehen während der Produktion sind in der Titelgeschichte von Rudolf Augstein die Textnoten entfallen.« Der Autor und sein Verlag akzeptierten die Entschuldigung (in der Regel wird dies mit einer stillschweigenden Abstandszahlung erledigt). Für den Verlag wie für den Autor war das eine willkommene Werbung, da die Nachrichtenagenturen und viele Tageszeitungen darauf eingingen und auf Vandenbergs Buch verwiesen.

Nur wenige Tage später schrieb der Göttinger Germanist und Publizist Heinz Ludwig Arnold einen Leserbrief an die Hamburger Wochenzeitung Die Woche (24. April 1996). Er reagierte auf die Berichterstattung in diesem Blatt mit den Anmerkungen: »Als ich Rudolf Augstein im Spiegel anläßlich des hundertsten Geburtstages von Ernst Jünger las, hatte ich den merkwürdigen Eindruck, das alles schon einmal sehr genau zur Kenntnis genommen zu haben. Bis ich auf die Idee kam, meine eigenen Arbeiten zu Ernst Jünger zu konsultieren. Und siehe da, die merkwürdigsten Übereinstimmungen in Wertung, Stil, Sinn – und sogar Wortlaut – zeigten sich da. Ich erlaubte mir, diese Feststellung dem Herausgeber des Spiegel in einem Brief mitzuteilen. Postwendend erreichte mich ein Anruf seines Büros. Herr Augstein habe den Jünger-Artikel im Urlaub geschrieben, und auf dem Wege zwischen Urlaubs- und Druckort seien die Fußnoten, in denen der Herausgeber auf seine Quellen habe hinweisen wollen, auf mirakulöse Weise verschwunden.« #Zitate, teure

L: vgl. Peter Rieß: Prolegomena zu einer Theorie der Fußnote. Münster 1995; Anthony Grafton: Tragische Geschichte der deutschen Fußnote. Berlin 1995

 

Gaunerstück. Der Roman Herr der Fliegen (1954) des Nobelpreisträgers William Golding sei »eines der großen Gaunerstücke unserer Zeit«, sagte Truman Capote 1985 im Gespräch mit Lawrence Grobel. »Alles abgeschrieben aus A High Wind in Jamaica. Er hat buchstäblich das ganze Thema, die Handlung und praktisch auch die Figuren aus A High Wind in Jamaica gestohlen, hat eine Horde kleiner Jungen daraus gemacht und das ganze auf einer Insel angesiedelt. Ansonsten ist es genau derselbe Roman.« Der Roman A High Wind in Jamaica von Richard Hughes war 1929 erschienen, in den USA zuerst unter dem Titel The innocent voyage. Hughes erzählt die Geschichte von sieben Jungen und Mädchen, die auf der Rückfahrt nach England von Piraten entführt werden und sich zur Wehr setzen. #Plagiat

L: Truman Capote: »Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.« Ein intimes Gespräch mit Lawrence Grobel. Zürich 1986

 

Literatur

Schmitz, Rainer: Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was sie über Literatur nicht wissen. Frankfurt/Main: Eichborn 2006. München: Wilhelm Heyne 2008

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. (München 2014)