Tag 13 – Eine Aufgabe fürs Leben

Ein Artikel von Juliane Seifert

 

Die eigene Bibliothek zu vervollständigen bzw. ein besonderes Exemplar zu ergattern, ist das höchste Bestreben eines jeden leidenschaftlichen Sammlers. Damals wie heute steht die Insel-Bücherei stellvertretend für eine Vielzahl an „Sammelwütigen“. Mehr als hundert Jahre hat die Insel-Bücherei alle Höhen und Tiefen des deutschen Buchmarktes überstanden. 1912 erschienen die ersten zwölf von heute über 1.600 Titeln. Mit seinen hochwertigen Ausstattungen „mit farbigem Überzugspapier, die jedem einzelnen Band Individualität verleihen, und die bekannte und unbekanntere Werke namhafter Autoren der Weltliteratur enthalten“[1] üben sie eine Faszination aus, der schwer zu widerstehen ist. Ursprünglich von dem Verleger Anton Kippenberg gedacht, um „kleinere Werke, Novellen, Gedichtgruppen, Essays (…) die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind“ zu erhalten, oder Texten „denen wir eine besondere aktuelle Wirkung zu geben beabsichtigen. Und gelegentlich auch illustrierte Bücher“[2], sind heute sogar als Geschenk-Büchlein sehr beliebt. Die Insel-Bücherei steht für „Lebendigkeit und Dauer“, durch „ihre geschmackvolle, zeitlose Ausstattung und ihre zuverlässigen Texte aus der Literatur der Vergangenheit und Gegenwart.“[3]

Eine große Lücke stellte bis vor Kurzem noch die fehlende Nummer 1332 dar. „Ein Buch, das es nicht gibt“ titelt die Leipziger Buchwissenschaft auf ihrer Seite, aber der Suhrkamp-Verlag (nun in Besitz des Insel Verlags) will diese nun mit „»Seismograph« – Kurt Wolff im Kontext“ schließen.[4] Viele Sammler atmen auf, darunter vielleicht auch Hermann Bresinsky. Er veröffentlicht seine Sammlung der Insel-Bücher online, um eine Dokumentationsgrundlage zu haben und den Überblick zu behalten. „Der zweite Grund ist schlicht Besitzerstolz. Da sich das eine oder andere seltene Exemplar bei mir findet, freut es mich, das auch mitteilen zu können.“ Es scheint, als teile er gerne seine Sammlung (wenn auch nur symbolisch), um mit anderen Sammlern ins Gespräch zu kommen, sich austauschen zu können und mehr zu erfahren. Auf meine Frage, wann und warum er zu sammeln begonnen hat, antwortet er zögernd: „Ihre Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. In den sechziger Jahren bekam ich zwei Bände geschenkt: „Der Cornet“ von Rilke und „Sankt Nikolaus in Not“ von Timmermans. Da zeigte sich schon die literarische Bandbreite der Sammlung. Bald entdeckte ich weitere interessante Bände, erstmal war nur der Inhalt wichtig. Dann wurde mir die Vielfalt der Gestaltung bewusst: Die Einbandpapiere, die verschiedenen Schriftarten, die Seitengestaltung und dann natürlich auch die Illustrationen. Immer alle Bestandteile zu kleinen bibliophilen Schätzen komponiert. Damals waren viele Bibliographien noch nicht erschienen und es war sehr mühsam und nur in Annäherung möglich, die Erscheinungsjahre der einzelnen Auflagen zu bestimmen, dazu kamen dann die parallelen Erscheinungsorte der Nachkriegsausgaben Leipzig, Wiesbaden oder dann Frankfurt. Als mir klar wurde, dass auch in einer einzelnen Auflage noch Variationen vorkamen, im Einbandpapier oder in der Gestaltung der aufgeklebten Titel- und Rückenschilder, war es endgültig passiert: Der Jäger- und Sammlerinstinkt war geweckt. In den späteren Jahren konnte ich mir dann auch die lange begehrten Bibliographien finanziell leisten und mich damit weiteren Fragen nähern, z.B. welche Künstler eigentlich die Einbandpapiere entworfen hatten.“

Doch den eigentlichen Grund zu sammeln benennt er mit dem schlichten Satz: „Weil die Bücher schön sind!“

Es geht um viel mehr als das Besitzen von Wertvollem. Es ist das Hegen und Pflegen, das Lieben von Etwas, welches bewahrt und beschützt werden muss. Etwas, das ihm und vielen Gleichgesinnten sehr viel Freude bereitet, auf das er auch stolz ist und stolz sein kann. Darum wird er weiter sammeln: „Ich besitze noch nicht alle Variationen. Dass das vermutlich nie eintreten wird, ist kein Hinderungsgrund, man muss sich dem Ideal halt immer weiter annähern. Der Weg ist das Ziel.“

 

Literatur

[1] Suhrkamp: Die Landschaft der Insel-Bücherei heißt Weltliteratur. suhrkamp.de. Online: http://www.suhrkamp.de/reihen/insel-buecherei_24.html [Letzter Zugriff: 12.12.2014]

[2] Krause, Nele: 100 Jahre Insel-Bücherei. soundcloud.de. Online: https://soundcloud.com/buchwissenschaftle/100-jahre-insel-b-cherei [Letzter Zugriff: 12.12.2014]

[3] Bresinsky, Hermann. Online: www.bresinsky.de [Letzter Zugriff: 12.12.2014]

[4] Fellinger, Raimund: „Seismograph“. Kurt Wolff im Kontext. Berlin: Insel Verlag. 2014