Tag 11 – Über die Liebe zu Büchern. Tintenherz

von Carolin Panthen

 

„Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“ – Cicero


Bücher sind etwas Wundervolles. Sie können so viel Gutes bewirken und haben so viel Macht. Sie sind nicht nur eine Quelle des Wissens, aus der wir lernen können. „Ein Buch ist ein Freund, der deine Fähigkeiten aufdeckt, es ist ein Licht in der Finsternis und ein Vergnügen in der Einsamkeit; es gibt, und nimmt nicht.“ (Mosche Ibn Esra) Bücher sind Ratgeber in schwierigen Zeiten, eine willkommene Ablenkung vom stressigen Alltag oder eine Möglichkeit, den eigenen Sorgen in andere Welten zu entfliehen. Humoristische Werke amüsieren und entlocken uns ein Lachen, Thriller und Krimis fesseln, Horrorbücher verursachen Gänsehaut und bei Schmökern wird uns warm ums Herz. Tapfere Helden geben uns Kraft und Hoffnung, in Momenten, in denen wir selbst keine finden und schlussendlich „[verscheucht Nichts] böse Träume schneller als das Rascheln von bedrucktem Papier.“ (Cornelia Funke) Bücher sind eine Bereicherung unseres Lebens. Dr. Carl Peter Fröhling hat ausgesprochen passend formuliert: „Ein Leben ohne Bücher ist wie eine Kindheit ohne Märchen, ist wie eine Jugend ohne Liebe, ist wie ein Alter ohne Frieden.“

Jeder Mensch, der um die Schätze der Bücher weiß, ist ein Stück reicher in seinem Leben. Die Liebe zu Büchern ist etwas wahrhaft Einzigartiges. Hat man einmal begonnen, Bücher zu lesen, kann man sich ihrem Bann nur schwer entziehen. Man dürstet nach mehr Lesestoff und so beginnt die Leidenschaft für Bücher. Aus dieser Leselust entsteht bald darauf die Leidenschaft des Büchersammelns, denn: „Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muß es besitzen.“ (Friedrich Nietzsche)

Doch es ist auch Vorsicht geboten, denn zwischen Bibliophilie und Bibliomanie existiert nur ein schmaler Grat: Bücher können süchtig machen und Bücher bergen Gefahren. „Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand.“ (Erasmus von Rotterdam)

Die Liebe zu Büchern und der damit eng verbundene Bücherwahn sind auch in Büchern von großer Bedeutung und werden auf verschiedenste Art und Weise in ihnen aufgearbeitet:

Cover TintenherzLiebevoll, gar zärtlich und mit viel Phantasie behandelt Cornelia Funke diese Themen in ihrem Buch „Tintenherz“. In diesem Werk ist die Bücherliebe nahezu greifbar. Man spürt regelrecht, mit welcher Sanftheit der Protagonist Mortimer Bücher in die Hand nimmt, als zerfielen sie bei der kleinsten Berührung. Daraufhin hält man die eigene Lektüre unvermeidlich selbst sanfter in den Händen. Man kommt ebenso nicht umhin, Mortimers Bedürfnis, Bücher zu retten und zu restaurieren, nachzuempfinden. Man verfällt in Ehrfurcht bei der Beschreibung der fantastischen Bibliothek von Elinor, der Tante von Mortimers Frau: „Die Regale (…) reichten bis hinauf zu einer himmelblauen Decke, von der winzige Lampen wie angebundene Sterne hingen. Schmale Holztreppen, versehen mit Rollen, standen vor den Regalen, bereit, jeden begierigen Leser hinauf zu den oberen Borden zu tragen. Es gab Lesepulte, auf denen aufgeschlagene Bücher lagen, angekettet mit messinggoldenen Ketten. Es gab Glasvitrinen, in denen Bücher mit altersfleckigen Seiten (…) die wunderbarsten Bilder zeigten.“ Es bricht einem beinahe das Herz, mit welcher Gnadenlosigkeit jene Bücher zerstört werden. Die Krönung der Bücherliebe bilden die wunderbaren Zitate aus berühmten Werken, die jedes Kapitel einleiten. Diese Zitate verführen augenblicklich dazu, die entsprechenden Bücher als Nächstes lesen zu wollen.

An Elinor kann man jedoch ebenfalls erkennen, dass das Büchersammeln leicht zur übersteigerten Leidenschaft werden kann: „[Wo] andere Menschen Tapeten haben, Bilder oder einfach ein Stück leere Wand, hatte Elinor Bücherregale. In der Eingangshalle (…) waren es weiße Regale, die sich bis zur Decke streckten, in dem Zimmer, das sie danach durchquerten, waren sie schwarz (…), ebenso wie in dem Flur, der darauf folgte“ und „unter dem Dach (…) stapeln sich inzwischen auch überall die Bücherkisten.“

rauslesenLetztlich möchte man dennoch nichts lieber, als selbst so Vorlesen zu können, wie es Mortimer gelingt: Er beginnt, „die Stille mit Worten zu füllen. Er [lockt] sie von den Seiten, als hätten sie nur auf seine Stimme gewartet – lange und kurze, spitznasige und weiche, schnurrende, gurrende Wörter. Sie [tanzen] durchs Zimmer, [malen] Bilder aus buntem Glas und [kitzeln] auf der Haut.“ Doch hier offenbart sich sogleich die Gefahr: Durch seine außerordentliche Kunst des Vorlesens erweckt Mortimer die Geschichten zum Leben. Die Figuren lösen sich von ihrer Buchwelt und fallen in Mortimers Welt ein. Den aus dem Buch entsprungenen Schurken gilt es, mit wohl bedachten machtvollen Worten gegenüber zu treten. Aber damit nicht genug! Für jedes Wesen, das den Büchern entspringt, entschwindet unbeeinflussbar ein beliebiges Gegenstück aus Mortimers Welt in die Bücher. Doch wie hält man die geliebten Menschen in der eigenen Welt, wenn man gezwungen wird, Elemente aus Bücherwelten herauszulesen?

 

Literatur und Abbildung

Funke, Cornelia: Tintenherz. Hamburg: Dressler Verlag. 2003