Tag 10 – Bücherjagd. Teil II

Eine Kurzgeschichte von Sabine Theiß

Aus besonderem Anlass zieht Amalia sich eine frische Bluse und Hose an. Sie muss seriös wirken. Heute geht es nach Bayern. Neben der Haustür steht ihre Tasche, gepackt mit dem Nötigsten und ihrem Werkzeug, darauf liegt ihr Mantel mit den extra großen Innentaschen, die sie eingenäht hat. Sie schaltet die Alarmanlage ein, verriegelt die Tür und steigt in ihren alten Mercedes.

Nach drei Stunden Fahrt ist sie angekommen. Am Eingang der Staatlichen Bibliothek zeigt sie ihren Universitätsausweis vor, den sie niemals abgegeben hat. Sie sei für Nachforschungen hier, ob sie denn in die Sondersammlung dürfe.

„Gehen Sie in den fünften Stock, dort wird Ihnen jemand weiterhelfen.“

Amalia muss ihre Tasche einschließen, doch nicht bevor sie ihre Werkzeuge in ihre Manteltaschen gesteckt hat. Dann läuft sie die Treppenstufen in den fünften Stock hinauf. An der Theke nennt sie einem Mitarbeiter die gewünschten Titel, zehn Stück sind es. Er bittet sie zu warten und verschwindet. Hinter der Theke erspäht Amalia einen Schlüsselbund. Sie schnappt ihn sich und geht ein Stockwerk höher zur Abteilung mit den wertvollsten Beständen der Bibliothek. Dort ist kein Zugang für Nichtmitarbeiter. Sie probiert die Schlüssel durch, bis sie den passenden gefunden hat. Diesen dreht sie vom Bund und steckt ihn in ihre Hosentasche. Dann hastet sie die Treppe nach unten. Hoffentlich ist er noch nicht zurück! Voller Angst späht sie um die Ecke. Keiner da. Schnell legt sie den Schlüsselbund wieder zurück. Zehn Sekunden später kommt der Bibliotheksmitarbeiter mit einem Stapel Bücher um die Ecke. Ihr Herz schlägt so wild, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Sie darf sich nichts anmerken lassen.

Er legt die Bücher auf einen der Tische. „Bitteschön.“

Sie zwingt sich zu einem Lächeln und bedankt sich.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragt er.

„Doch, doch. Ich muss mich nur hinsetzen. Danke.“

Alleine gelassen, nimmt sie das erste Buch vom Stapel. Die Eck-Bibel, eine Erstausgabe. Vorsichtig blättert sie Seite um Seite um und bestaunt die bunten Malereien. Ein wahres Meisterwerk. Und so gut erhalten! Diese Bibel muss sie besitzen!

Sie verliert sich in den Büchern. Eins ums andere durchblättert sie, bis fast vier Stunden vergangen sind. Jetzt steht sie auf, legt die Bücher auf den Tisch und verabschiedet sich. Heute ist nicht der Tag zum Bücherstehlen.

Amalia hat die Adresse eines Schlüsseldiensts am anderen Ende der Stadt aufgeschrieben, wo sie den Schlüssel nachmachen lässt. Mit dem Zweitschlüssel im Gepäck fährt sie vierzig Minuten mit dem Auto bis zum Haus ihres Bruders, bei dem sie heute übernachten wird.

„Liebste Schwester, tritt ein!“ Konrad begrüßt sie mit einem Küsschen auf jede Wange. „Hast du Hunger? Du musst was auf die Rippen bekommen, du bist ja ganz dürr!“

„Nein danke, ich habe vorhin schon gegessen“, lügt Amalia.

„Aber ein Gläschen Wein wirst du mit mir trinken, oder?“

Sie nickt. Im Wohnzimmer machen sie es sich auf dem Sofa gemütlich. Amalia zittert. Die Wände des Raums sind so nackt. Nur ein einziges Bücherregal steht neben dem Fernseher, gefüllt mit billigen Kriminalromanen.

„Dann erzähl mal, wie komme ich zur Ehre deines Besuchs?“ fragt Konrad und nippt an seinem Pinot Noir.

„Ich war in der Stadt, Nachforschungen für die Universität anstellen.“

„Ach, du arbeitest wieder?“

„Ja, das Geld wird knapp. Zum Glück hatten sie noch eine Stelle für mich.“ Schon wieder eine Lüge.

„Wieso verkaufst du nicht ein paar deiner Bücher? Du hast doch mittlerweile so viele, die kannst du doch gar nicht alle lesen.“

Niemals würde sie einen ihrer Schätze verkaufen. Vorher würde sie sich umbringen.

Sie schaut ihn böse an. „Davon hast du keine Ahnung.“ Ihr Bruder konnte nie verstehen, was sie an den ganzen Büchern findet. „Ich bin müde, ich geh jetzt lieber schlafen.“

Am nächsten Morgen frühstückt sie mit ihrem Bruder, dann macht sie sich erneut auf den Weg zur Bibliothek. Sie schließt ihre Tasche ein. Ihren Mantel mit den großen Taschen lässt sie allerdings an. In der Sondersammlung lässt sie sich wieder Bücher bringen, fünf vom vorherigen Tag und fünf andere. Während der Mitarbeiter für sie unterwegs ist, schiebt sie den entwendeten Bibliotheksschlüssel wieder zurück an den Bund.

Sie schaut sich um. Im Lesesaal ist niemand zu sehen, die Mitarbeiter unterhalten sich zwischen den Regalen. Sie türmt die anderen Bücher hinter der Eck-Bibel auf, dann holt sie eine Rasierklinge aus der Tasche. Mit ihrem linken Arm schirmt sie die Seite ab, mit ihrer rechten Hand führt sie die Klinge unter das Sicherheitsetikett, bis es sich löst. Sie steckt es ein und holt Schmiergelpapier hervor, mit dem sie über die Bibliotheksstempel reibt, bis sie langsam verblassen. Plötzlich hört sie Schritte. Sie ballt ihre Hand zu einer Faust, das Papier darin verborgen und gibt vor, zu lesen.

Am Nachmittag ist Schichtwechsel. Amalia ergreift die Gelegenheit und steckt die Eck-Bibel unbeobachtet in ihre Manteltasche. Die restlichen Bücher legt sie auf den Rückgabetisch. Der neue Mitarbeiter wird nicht wissen, was sie sich angeschaut hat. Und das fehlende Buch wird ihm bestimmt nicht auffallen. Dann geht sie ins Erdgeschoss, wo sie durch das offene Magazin schreitet. Sie sucht einen abgelegen Platz zwischen den Regalen, fernab von Kameras und lästigen Bibliothekaren. Sie holt die Bibel aus den Tiefen ihres Mantels und öffnet sie auf der hinteren Seite. Sie sammelt Speichel in ihrem Mund und leckt über den Sticker mit dem Identitätsbarcode. Dies wiederholt sie immer und immer wieder, bis sich der Sticker vom Papier lösen lässt. Sie knüllt ihn zusammen und lässt ihn zusammen mit dem Sicherheitsetikett im nächsten Regal hinter den Büchern verschwinden. Dann kritzelt sie mit Bleistift einen Preis auf die vorderste Seite. Am Eingang holt sie ihre Tasche aus dem Schließfach und sucht nach einem Bonbon, um den Klebstoffgeschmack zu vertreiben. Dann steckt sie unauffällig das Buch in die Tasche zwischen ihre Mappen. Langsam schlendert sie zurück zum Eingang und geht lautlos durch die Sicherheitsschranken. Als sie in die Sonne tritt, wird ihr schwindelig und sie muss sich einen Moment an einem Laternenpfahl festhalten. Vielleicht sollte sie etwas trinken. Erst jetzt bemerkt sie, dass ihre Kehle ausgetrocknet ist. Die Straße runter befindet sich eine Bäckerei. Sie bestellt eine Flasche Wasser und eine Brezel.

„Ach Gott, Sie sind ja ganz blass!“ entfährt es der Verkäuferin, als sie ihr die Tüte reicht.

Dann wird Amalia schwarz vor Augen.

Fortsetzung folgt…