Geschichte

Fakten, Fakten und noch mehr Fakten

Die Weise von Liebe und Tod

Zur Gründung der Insel-Bücherei wurde der Verleger Anton Kippenberg von Stefan Zweig inspiriert, der die Hymnen Verhaerens übersetzte und das Nachwort schrieb. Emile Verhaeren, einer der führenden Symbolisten, kam als Pazifist 1914 auch bei Ernst Haeckels und Wilhelm Ostwalds freidenkerischen Monisten aus der Mode.

- Schon das Vorkriegsprogramm wirkt morbide und unheilsschwanger – „schwarze Bücher“ der Kultautoren Binding, Rilke und Hofmannsthal.

- Zu der Kriegsproduktion der Insel-Bücherei im Ersten Weltkrieg zählen auch Titel belgischer Autoren. Der Verleger Anton Kippenberg war in Gent Besatzungsoffizier, entdeckte und übersetzte sie manchmal selbst.


Kortwichs „Friesennot“ über den Kampf in Russland versprengter Germanen um die Rassereinheit war eine besonders in SS-Kreisen beliebte Lektüre. Nur ein Ausrutscher? Jedenfalls das einzige Inselbuch auf der Liste der verbotenen Literatur, 1965 in Leipzig durch die Nr. 447 (2), Mittelalterliche Brakteaten ersetzt und hier von Künstlerhand (Johannes Strugalla 2012, Sammlung Julia Vermes) zugenäht.

Buchkunst Ost. Kunstbuch West.

Die ostdeutsche IB war berühmt für die Präsentation von Buchkunst und konnte sich dabei auf die Professoren und Absolventen der Leipziger HGB wie Günter Blochberger, Tamara Ebert, Egbert Herfurth, Karl-Georg Hirsch, Christa Jahr, Albert Kapr, Christiane Knorr, Joachim Kratsch, Rolf Kuhrt, Rolf Felix Müller, Peter Muzeniek, Helga Paditz, Heiner Vogel, Irmgard Zoll und last not least auf den langjährigen ersten Hersteller des Verlags Hans-Joachim Walch stützen.

Bis 1974 wurde zwischen den Insel-Verlagen in Frankfurt und Leipzig abgesprochen, wer welche Nummern übernahm. Zum Streit kam es um die Belegung des Jubiläumsbandes Nr. 1000. Danach wurden auch westdeutsche Titel der fünfziger Jahre von Leipzig mit neuen Nummern besetzt. Zu einer Annäherung kam es erst wieder beim 75. IB-Jubiläum 1987. Der Westen trumpfte mit der größeren Jubiläums-Kassette auf, die auch Herbert Kästners in Leipzig verfasste Bibliographie enthielt- allerdings von Siegfried Unseld um das Vorwort des Herausgebers gekürzt.

- Im Westen erschienen schon in den fünfziger Jahren Kunstbücher, die in der DDR noch als formalistisch und „dekadent“ galten. Eine Kuriosität ist der Grieshaber-Band: Das einzige Inselbuch ohne aufgedruckte Nummer!
[Ein Hinweis erreichte uns an dieser Stelle von Gerd Zimmermann, einem sehr aufmerksamen Leser und Insel-Freund: Die IB-Nummer 849 steht unten auf der Buchrückseite (außer bei einer Sonderausgabe in sehr kleiner Auflage, wo sie wirklich fehlt – weil eben Sonderausgabe).]

Finanzierung in der DDR

In der DDR mussten die Insel-Bücher weit unter dem Herstellungspreis angeboten und hoch subventioniert, durch die Gewinne im Hardcover-Bereich querfinanziert werden (Bundesarchiv Berlin, DR-1 (Ministerium für Kultur) 8429). Der seit 1944 gültige Preis von 1,25.- blieb bis 1989 eine heilige Kuh der Kulturpolitik. Die äußerst beliebten Bücher waren schon beim Erscheinen vergriffen, um zum mehrfachen Preis antiquarisch verkauft zu werden. Eine Aushilfe boten die mit einem „D“ auf dem Rücken gekennzeichneten Doppelbände zu 2,50.- Besonders kostspielig war die Praxis, die Titel- und Rückenschilder in Handarbeit aufkleben zu lassen. Paradoxerweise führte deshalb der Druck der Cranach-Zeichnungen in einer viel zu hohen Auflage (1983: 129. Tausend) zu einem finanziellen Desaster.


Die Akte ist aus dem Bundesarchiv Berlin, Bestand Ministerium für Kultur, HV Verlage und Buchhandel. An diese Literatur- (und Zensurbehörde) mußten die Verlage berichten.

Die "West-Insel" passt sich dem Markt an

Auf den ostdeutschen Inselbuch-Sammler wirken die westdeutschen Zwillingsbrüder mit gleicher Nummer oder sogar mit demselben Titel , die hier paarweise vorgestellt werden, leicht fremdartig, wie gar keine richtigen Inselbücher. Sie waren (und sind noch heute für den Sammler) teurer, in viel kleinerer Auflage, meist um die 3000 Stück gedruckt und mussten im Westen mit bunten Taschenbuchreihen konkurrieren: daher der Trend zum bebilderten Einband. Die Plakate profitieren davon und versöhnen die beiden Traditionslinien zu einer gesamtdeutschen Reihe.

Ein Buch, das es nicht gibt

Das Buch, das es nicht gibt – eine mysteriöse Lücke bildet die nicht vergebene Nummer 1332.


Herbert Pfeiffer – Wende-Köpfe. Von der Kunst der drehbaren Bilder.
Auch der Titel des Buches, das in zwei Richtungen zu lesen ist, so dass die Seiten auf dem Kopf stehen, wirkte wenige Jahre nach der politischen Wende doppelsinnig.

Rainer Maria Rilke – Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke
Dass Rilkes Cornet, erstmals illustriert von Karl-Georg Hirsch, neuerdings mit der Nr 1350 ausgeliefert wird, hat unter Sammlern Irritationen ausgelöst.

Zwischenschritte

Hier eine kleine Übersicht über wichtige Eckdaten der Entwicklung der Insel-Bücherei. Die Angaben sind nicht vollständig und sollen einen Abriss über die Geschichte geben.

1. Oktober 1901

Gründung des Insel Verlags in Leipzig

23. Mai 1912

Das Erscheinen der Insel-Bücherei wird erstmalig im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels angekündigt

2. Juni 1912

Die ersten zwölf Insel-Bände erscheinen in den Buchhandlungen

1914

Gesamtauflage aller Insel-Bändchen erreicht Millionengrenze

April 1945

Gründung der Zweigstelle Wiesbaden

25. Februar 1947

Nach der Erteilung der Lizenz kann der reguläre Verlagsbetrieb in der SBZ wiederaufgenommen werden

5. Oktober 1960

Wiesbadener Zweigstelle zieht nach Frankfurt/Main

1991

Inselbücherei erscheint wieder als einheitliche Reihe des wiedervereinigten Insel Verlags Frankfurt am Main/Leipzig

2009

Schließung der Leipziger Zweigstelle

2010

Umzug nach Berlin

2012

Die Insel-Bücherei feiert 100-jähriges Bestehen. Mittlerweile sind über 1650 Titel erschienen.