Inhalt

Julius Rodenberg wandte sich 1942 mit einem hoffnungsfrohen Satz an seine Leserschaft : „Die folgende Darstellung versucht zu zeigen, wie die vielfältigen Erscheinungen des Kulturlebens in den Erzeugnissen der Druckkunst wie in einem Spiegel aufgefangen werden – unmittelbar, indem sie mit weit größerem Fassungsvermögen, als es die Handschrift vermag, das geistige Schaffen auf allen Gebieten festhält – mittelbar, indem sie in den Formen der Buchstaben und in der äußeren Gestaltung ihrer Erzeugnisse den Stempel der Kulturepochen trägt, die sie durchlaufen hat“.1
Diese Feststellung gilt in besonderem Maße für hebräisch gedruckte Bücher (d.h. auf Hebräisch, Jiddisch oder Ladino), die das jüdische Leben in Europa über mehr als vier Jahrhunderte formten. Wenn man die Aufgabe der gläubigen Juden betrachtet, sich ihr Leben lang mit der Lehre und dem Glauben zu befassen2, so übernahmen die gedruckten Bücher in der (männlichen) jüdischen Gesellschaft eine neue, gewichtige Rolle, denn sie waren günstiger und verfügbarer als Handschriften und ersetzten zunehmend die orale Überlieferungstradition. Hier wurde dem gedruckten Buch eine weitaus größere Rolle beigemessen als in den die jüdische Kultur umgebenden Gesellschaften.
Die Buchherstellung mit beweglichen Lettern ermöglichte eine weitreichende Verbreitung der Drucke und somit die Prägung der jüdischen Kultur und Tradition.3 Von 1512 bis 1938 wurden die Bücher zumeist im deutschsprachigen Raum4 herausgegeben. Die Jahre 1945 bis 1955, in denen noch einmal unregelmäßig hebräisch gedruckte Bücher in Deutschland erschienen, beendeten das Phänomen und besiegelten den endgültigen Zusammenbruch einer Kultur, zumindest für den europäischen Raum.5 Ab diesem Zeitpunkt kommt es hauptsächlich in Israel zu einer verstärkten Hinwendung zu dieser Buchkunst.


Bis zum jetzigen Zeitpunkt fehlt die Darstellung des hebräisch gedruckten Buches in Lexika und mehrbändigen Werken zur Buchkultur6 nahezu vollständig. Die im Projekt erhobenen spezifisch buchdruckgeschichtlichen Daten, die hier zum ersten Mal zusammengetragen und miteinander verglichen werden, erlauben die genauere Beschreibung der hebräischen Druckkultur in ihrer Gesamtheit überregional sowie für längere Zeiträume.
Dabei dient die Seitengestaltung (verwendete Druckschriften, proportionale Verhältnisse der textlichen Bausteine auf der Doppelseite) als eine Art Leitfaden, um die Entwicklung zu beschreiben und somit eine Typisierung der buchdrucktechnischen Objekte zu ermöglichen. Von Bedeutung ist dabei immer auch der Zusammenhang zwischen der Textgattung und seiner Gestaltung. Von großer Wichtigkeit ist es hierbei, zwischen den verschiedenen Gattungen zu unterscheiden.
Durch die drei Arten (aschkenasisch, sephardisch und Amsterdam Letter) und die drei Stile (Quadratletter, Halbkursive und Kursive) der hebräischen Druckschriften, die in einem Vorgängerprojekt „Hebräische Typographie im deutschsprachigen Raum“ von Dr. Tamari bestimmt wurden, stehen Kriterien zur Definierung und Typisierung der verwendeten Druckschriften zur Verfügung. Die Entstehung und Entwicklung von regionalen und lokalen Besonderheiten der hebräischen Typographie sollen anhand der Druckproduktion von 13 ausgewählten Druckstätten dokumentiert und analysiert werden.

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Projektziel
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Methodisches Vorgehen
Praktische Umsetzung


1. Julius Rodenberg: Die Druckschrift als Spiegel der Kultur. In fünf Jahrhunderten. Berlin, 1942. S. 3.

2. Das Zitat „Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht…“ aus dem Buch Josua 1,8 dient als einer von mehreren Belegen in den jüdischen Quellen für die ununterbrochene Beschäftigung mit der Lesung und dem Studieren der jüdischen Lehre.

3. Vgl. Johann Maier: Das Judentum. Von der biblischen Zeit bis zur Moderne. Zürich 1980. „Zu den bedeutendsten Wandlungen am Ausgang des Mittelalters zählt die Erfindung des Buchdrucks. Die Juden […] machten auch in einer für die Umwelt ungewöhnlichen Breite und Intensität von der neuen Errungenschaft Gebrauch.“ S. 615. Hinzu kommt das bekannte Phänomen, dass mit dem Einzug gedruckter Liturgien und ähnlicher Texte in einer Gemeinde die früheren örtlichen Bräuche verschwanden, zumal diese oftmals nicht schriftlich dokumentiert waren. So wird durch Gedrucktes die jeweilige Tradition vereinheitlicht und infolgedessen in ihrer Vielfalt ärmer.

4. Die Bezeichnung „deutschsprachiger Raum“ ist hier nicht deckungsgleich mit dem „aschkenasischen“. In Orten, die nicht zu diesem kulturellen Raum gehörten, wie z. B. Paris, Vilnius oder Amsterdam, lebten aschkenasische Juden, welche die Komponente dieses kulturellen Raumes als „portative Heimat“ mit sich trugen. Gerade für Aschkenasim war das Herausgeben und Produzieren von Büchern seit dem 16. Jhdt. essenziell.

5. Vgl.: Anne-Katrin Henkel und Thomas Rahe (Hrsg.): Publizistik in jüdischen Displaced-Persons-Camps im Nachkriegsdeutschland. Charakteristika, Medientypen und bibliothekarische Überlieferung. Frankfurt am Main 2014.

6. z. B. The Cambridge History of the Book in Britain, Simon Eliot: Literary Cultures and the Material Book. London 2007 oder Leslie Howsam (ed.): The Cambridge Companion to the History of the Book. Cambridge 2015.