Dialektik

zum 125. Geburtstag von Kurt Tucholsky

von Siegfried Lokatis

 

„Tucholsky habe ich nie begutachtet.“ Der letzte Zensurgutachter des Amtes für Literatur erinnert sich nicht, sondern sackt zusammen und verfärbt sich. Was sagen die Akten? Arno Hausmann zensierte Tucholsky im Geist eines fürsorglichen Erbsachwalters, nicht etwa „nur wegen der uns obliegenden politischen Aufgaben“, sondern auch „aus der Achtung, die wir dem Andenken Tucholskys schulden.“ „Eine unkritische, womöglich vollständige Neuherausgabe all dessen, was Tucholsky schrieb“, sei, so Hausmann 1955, „nicht denkbar“: „Lebte er heute noch, so würde er gewiss vieles aus dieser 1919 zusammengestellten Auswahl herausstreichen, wie er damals schon vieles beiseite legte, was nicht mehr taugte. Wir sollten es wie Tucholsky machen.“

Ob Tucholsky selbst seinen legendären, von Heartfield ausgestatteten Bildband „Deutschland, Deutschland über alles“ zwölf Jahre lang unterdrückt hätte, ist zu bezweifeln. Hausmann fand darin die „Glossierungen der SU“ – etwa die Ironisierung der Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee in der Satire „Der Kriegsschauplatz“ – „keineswegs zu billigen“. Grundsätzlich war seit 1952 Pazifismus „problematisch“, all jene „Stellen“, die „den Erziehungsgrundsätzen der NVA“ widersprachen. Doch „das negative Urteil“, so Hausmann, träfe nicht etwa Tucholsky, sondern den Verlag „Volk und Welt“ und den Herausgeber Fritz J. Raddatz, der deshalb in allen seinen fünf in der DDR
erschienenen Tucho-Bänden zu diversen Streichungen verdonnert wurde und nur mit Mühe, durch das Versprechen, eine Tucholsky-Biographie zu schreiben, die Pein eines kommentierenden Nachworts vermeiden konnte. Bekanntlich entzog sich Raddatz dieser Pflicht im Winter 1958 durch die Republikflucht, um schließlich das Ziel einer Tucholsky-Gesamtausgabe in Westdeutschland zu verwirklichen.

Dort, in der frühen Bundesrepublik wurde Tucholsky eher als „Humorist“ und „dicker Komiker“ rezipiert. Erst die von Raddatz betriebene Politisierung führte dazu, dass „Die Zeit“ 1963 den Autor der kleinen „Weltbühne“ für den Untergang der Weimarer Republik verantwortlich machte. In der DDR setzte Roland Links das Werk von Fritz J. Raddatz fort. Für seine Tucholsky-Ausgabe standen ihm statt der geplanten zwölf nur sechs Bände zur Verfügung, denn sie durfte keinesfalls den Umfang der Werke Johannes R. Bechers übertreffen. Links löste das Problem, indem er einerseits 1965 den Sonderband „Von Rheinsberg bis Gripsholm“ gleichsam auslagerte, und andererseits den Umfang der einzelnen Bände auf bis zu 750 Manuskriptseiten erweitern ließ. Während die westdeutschen Tucholsky-Ausgaben chronologisch geordnet sind und stets die Erstausgabe der Weltbühne als Vorlage benutzten, orientierte sich Links an den von Tucholsky für die Buchfassung von „Mit 5 PS“, „Das Lächeln der Mona Lisa“, „Lerne lachen, ohne zu weinen“ usw. zusammengestellten und überarbeiteten Texten – angeblich einem Wunsche Mary Tucholskys folgend, in Wirklichkeit aus taktischen Gründen: Denn durch dieses Verfahren vereitelte er jeden Versuch der Zensur, unbequeme Gedichte und Essays zu unterdrücken. Da im Westen inzwischen Raddatz‘ Rowohlt-Ausgabe vorlag, wäre das Herausbrechen einzelner Fragmente blamabel gewesen.

Zudem verstand es Links, die Edition durch historisierende Kommentare abzusichern, die Tucholsky als Prototyp des politisch „Schwankenden“ entschuldigten, was ihm weitgehend Narrenfreiheit bescherte. Der bemerkenswerte Erfolg dieser Methode wird deutlich, wenn man Arno Hausmanns Gutachten der 50er-Jahre zum Vergleich heranzieht, die penibel jedes einzelne einstmals unpublizierbare Stück verzeichneten: „8 Uhr Abends“, „Achtundvierzig“, „Dämmerung“, „Der letzte Ruf“, „Dienstunterricht für den Infanteristen“, „Die Zentrale“, „Gruß nachvorn“, „Nachher“, „Politische Satire“, „Weihnachten“, „Wir Negativen“, „Zwei Erschlagene“ – all diese ausgeklammerten Texte konnten die Leser jetzt bei Volk und Welt nachlesen.

In der DDR konnte sich 1973 (im Band 6, Schloß Gripsholm, Auswahl 1930-1932) nur Tucholsky leisten, Trotzki positiv zu zitieren („Die Zeit“), die theoretischen Grundannahmen des Marxismus mit Freud zu kritisieren („Replik“) und der „kommunistischen Theologie“
den Gebrauch des Wortes „Dialektik“ zu verbieten („B.Traven“). Von der Beliebtheit der Ausgabe zeugt eine Gesamtauflage von 150 000.

Ist dieser Erfolg, dialektisch betrachtet, nicht letztlich Arno Hausmann zu verdanken?