14 – Es hat noch nie geschadet, sich gut mit dem Chef zu verstehen

Franz Werfel und sein Verleger Kurt Wolff

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Obwohl Wolff mit Werfels Meinung nicht übereinstimmt, versucht er nicht, ihn aktiv an seinem Vorhaben zu hindern. Er gibt lediglich freundschaftliche Empfehlung und das obwohl es hier um eine Angelegenheit geht, die zwei Autoren des Kurt Wolff Verlages, Franz Werfel und Karl Kraus, betrifft.

Doch wieso stellt sich Kurt Wolff eher auf die Seite von Franz Werfel? Aus übergroßer Sympathie? Findet Kurt Wolff Karl Kraus und sein ständiges Gerede über seine Zeitschrift „Die Fackel“ anstrengend und möchte sich irgendwie rächen? Oder hat er den Streit zwischen Werfel und Kraus völlig missverstanden und gedacht, dass es schon nicht so schlimm werde? Wir analysieren und sehen: Werfel hatte die älteren Rechte.

1911 veröffentlicht der 21-jährige Franz Werfel als Erstling „Der Weltfreund“ beim Axel Juncker-Verlag in Berlin, was im Literatenkreis Aufsehen erweckt. So auch bei Kurt Wolff, der stiller Teilhaber des Ernst Rowohlt Verlages in Leipzig ist.

Die Bewunderung Wolffs gegenüber Werfel wird schon von Anfang an deutlich. So sagt er in einem Vortrag: „Der junge Franz Werfel in dieser Vorkriegszeit war in meinen Augen der Poet schlechthin, unfaßbar der Gedanke, er würde je in seinem Leben etwas anderes als Gedichte schreiben. Dichter, Seher, Kind war er: blind für Wirklichkeit, linkisch, unbeholfen, ungeschickt, erfüllt von Versen und Musik… Man spürte: nicht er dichtete, es dichtete in ihm wie es in ihm auch ständig musizierte. Er segelte die Straßen entlang, Verdi-Arien singend oder summend und merkte nicht, daß die Leute sich nach ihm umdrehten, sich an die Stirn faßten.“

Er holt ihn nach Leipzig und gibt ihm, um den besorgten Vater Rudolf Werfel zu beruhigen, eine Stelle als Verlagslektor. Jemand, der als „blind für Wirklichkeit“ und „unbeholfen“ bezeichnet wird, ist eigentlich nicht der passende Lektor eines solchen Verlages. Aber mit seinen Freunden zusammenzuarbeiten ist lustiger und macht mehr Spaß, darin kann man Kurt Wolff nur zustimmen.

Kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges werden beide Männer zum Militär eingezogen. Die Tätigkeit als Lektor muss Werfel aufgeben und er arbeitet nur noch als Autor. Wolff übergibt die Leitung seines Verlages bis zu seiner Rückkehr nach Kriegsende an Georg Heinrich Meyer. Dieser ist fleißig und definierend für eine der erfolgreichsten Epochen des Kurt Wolff Verlages.

Seine Beziehung zu Werfel ist angespannt. Dieser ist durch den Krieg „die letzte Zeit hindurch so müde und von starker Apathie geplagt, daß [er seine] ganze Arbeit unterbrechen mußte.“ Er liefert in Meyers Augen zu wenige Werke und diese auch noch unpünktlich ab.

Aber Werfels Freundschaft zum Verleger zahlt sich aus: „Sie wissen, daß es keine Phrase ist, wenn ich Ihnen sage, daß von allem dem vielen Nützlichkeiten und Unnützen, Schönen und Unschönen, was heute nach den sieben ersten Jahren (ich glaube, es waren die sieben mageren Jahren, denen die sieben fetten nun folgen sollen) der Begriff Kurt Wolff Verlag umschließt, mir Franz Werfel und sein Werk das liebste und wichtigste ist.“ Er genießt im Verlag viele Vorteile: „Anstatt der im ersten Vertrag festgelegten Rente von

M 200,- erhalten Sie monatlich M 300,-“. 1922 erfragt Werfels damals noch Freundin Alma Mahler bei Kurt Wolff die Einnahmen von Werfel. Dabei wird deutlich, dass Vorschüsse nicht zurückgezahlt werden müssen, neue, große Werke nach Auflage honoriert werden, ältere Werke Abschlagzahlungen bekommen und Werfel eine Rente erhält. Im Zeitraum von einem Jahr bekommt er somit M 114.000,-. Obwohl auch in Wien zu diesem Zeitpunkt die Inflation herrscht, weil das Durchschnittseinkommen allgemein sehr niedrig ist, lebt Werfel objektiv betrachtet recht gut.

Werfel ist bis zur Auflösung des Verlages 1929 durch Kurt Wolff dabei, als deutsche Expressionisten längst nicht mehr zum Beuteschema des Verlegers gehören, und wird dann zum Paul Zsolnay Verlag vermittelt. Alles war rosig, alles war schön?

Bis auf den Streit zwischen Werfel und Kraus. Die beiden streiten leider schlecht dokumentiert meist mündlich oder erzählen gemeine Geschichten übereinander, vielleicht eine Mischung aus gekränktem Stolz und einer Übermenge an Testosteron.

1911 druckt Kraus noch selbst drei Gedichte Werfels in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ ab und trägt zwei Gedichte von ihm in Wien vor. Später im selben Jahr treffen sie sich das erste Mal und werden Freunde, es liegt sogar an Werfel, dass Kraus zum Kurt Wolff Verlag kommt. Wie diese vielversprechend begonnene Freundschaft so schlecht enden konnte, ist nicht überliefert. Vermutlich lag es an einer Frau.

Die positiven Gefühle ändern sich schnell ins negative, und wie äußern gute Schriftsteller nun mal ihre Emotionen? Sie schreiben darüber. Im Fall von Karl Kraus geschieht dies durch polemische Texte, in denen er Werfel, den Expressionismus und die komplette junge Prager Literatur kritisiert. Einer davon war „Elysisches. Melancholie an Kurt Wolff“ mit folgender Strophe am Ende:

„Und geklagt sei es dem ewigen Gotte,
daß der Literaten heutige Rotte
ihr Elysium
findet, denn wer nur am Worte reibt sich,
wird gedruckt bei Drugulin in Leipzich.
Edler Jüngling Wolff, ich klage drum.“

 

1917 schreibt Werfel einer Freundin: „Hast Du die Fackel gelesen. Der Mann tut mir aufrichtig leid.“  Und „er ist nicht böse, er ist nur so grenzenlos auf falschem Grund gebaut“. 1920 dann der Höhepunkt des Streits und Gegenschlag Werfels. Er veröffentlicht „Spiegelmensch“, Kraus kontert mit „Aus der Sudelküche“. Schwer zu sagen, wer gewonnen hat.

Am meisten Schuld sieht Kraus allerdings bei Wolff. Dieser hätte, ohne Rücksicht auf den „Eingriff in die künstlerische Schöpfung“, das Recht und die Pflicht gehabt, „sich dagegen zu wehren, einer Beleidigung mitschuldig zu sein“. Karl Kraus verlässt daraufhin den Verlag.

Der Verleger schreibt ihm 1921: „Sie haben und hatten Recht: daß ich als Inhaber des Verlages der Schriften von Karl Kraus nicht gleichzeitig Verleger der jungen deutschen Literatur sein kann und darf. Ich habe es schmerzlich genug einsehen gelernt. In Ihren Schriften und in den Büchern des >>Verlags der Schriften<< sind naturgemäß immer wieder Angriffe auch gegen Autoren erfolgt, die dem Kurt Wolff Verlag angehören. Auf die Dauer blieb nichts übrig, als den Widerstand gegen Angriffe auf Sie aufzugeben.“

Jahrzehnte später sagt Wolff über Kraus: „Meine innere Beziehung zu ihm und seinem Werk änderte sich nie.“ Wolff bewunderte zeitlebens beide Autoren, hatte sich aber letztendlich  dem Team Werfel angeschlossen.

Tamina Porada


Literatur:

Fischer, J. (2011, 06. August). „Scheinmenschtum, in Reue wie in der Sünde“. welt.de. Zugriff am 01.09.2018. Verfügbar unter https://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13529546/Scheinmenschentum-in-der-Reue-wie-in-der-Suende.html.

Leubner, M. (Hrsg.). (1996). Karl Kraus‘ Literatur oder Man wird doch da sehn: Genetische Ausgabe und Kommentar. Göttingen: Wallstein-Verlag.

„Kurt Wolff – Die digitale Ausstellung“. Zugriff am 01.09.2018. Verfügbar unter  http://home.uni-leipzig.de/buchwissenschaft/kurtwolff/?page_id=103

Otten, E. & Zeller, B. (1966). Kurt Wolff Briefwechsel eines Verlegers 1911-1963. Frankfurt am Main: Verlag Heinrich Scheffler GmbH & Co.

 

< Türchen 13                    Türchen 15 >

13 – Die wir doch groß und ewig einsam sind

Hugo von Hofmannsthal und sein Verleger Anton Kippenberg

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Es ist das Jahr 1918 und Hugo von Hofmannsthal schreibt diesen Brief in einer der dunkelsten Stunden seines Lebens. Als am 11. November der Waffenstillstand das Ende des ersten Weltkrieges markiert, wird damit auch der Fall Österreich-Ungarns besiegelt und die geliebte Heimat des Dichters verschwindet in ihren Umrissen noch im gleichen Jahr von der Landkarte. Auf den Schultern Hofmannsthals lastet die Unsicherheit künftiger politischer Entwicklungen ebenso schwer wie die Gewissheit, die eigene Lebensmitte erreicht und dabei so viele Projekte noch nicht oder nur halb begonnen zu haben. Es ist der Wunsch, wieder auf die literarische Öffentlichkeit zu wirken, die den Dichter dazu bewegen, sich im Dezember 1918 an seinen Verleger zu wenden.

Er geht ohne bestimmten Anlass den Schritt auf Anton Kippenberg zu, versichert ihm seine Freundschaft und deutet zugleich an, gemeinsame Unternehmungen ähnlich denen während des ersten Weltkrieges wieder aufnehmen zu wollen. Überschattet wird diese Hoffnung jedoch von einem bereits gescheiterten Projekt der beiden in der Vergangenheit, der Herausgabe der Österreichischen Bibliothek. 1915 als ein langfristig gleichrangiges Seitenstück der Insel-Bücherei geplant, erscheinen in der Buchreihe unter anderem die Werke „Radetzky. Sein Leben und sein Wirken“, „Alpensagen“ und „Der Landsknecht“ von Fürst Friedrich zu Schwarzenberg. Ausbleibender Erfolg und geringe Verkaufszahlen führen jedoch bereits zwei Jahre später zur Einstellung des Projektes. Mit den gescheiterten Plänen um die entworfene Buchreihe wandelt sich auch das bisher so herzliche Verhältnis zwischen Autor und Verleger. Der freundschaftliche und liebevolle Briefwechsel der Vorkriegsjahre weicht einem zunehmend distanzierten, deutlich auf das Geschäftliche fokussierten Ton, der die Korrespondenz nach 1918 bestimmt.

Für Anton Kippenberg verliert Hugo von Hofmannsthal mit dem Fall Österreich-Ungarns jene repräsentative Stellung, die der Verleger als wichtige Absatzmöglichkeit für den Insel-Verlag kalkuliert hat. Hinzu kommt eine gewisse Taktlosigkeit des Publizisten, auf unsensible Art seine Hoffnung auf einen Anschluss Österreichs an Deutschland zu äußern. So schreibt er in einem Brief vom 17. Februar 1919 an den Autor:

„Meine Frau grüßt mit mir herzlich. Wir wünschen uns sehr, daß wir Sie bald einmal wieder bei uns verehren dürfen, dann wohl als Bürger des großen Deutschen Reichs.“

Hofmannsthal muss in diesem zunehmend angespannten Verhältnis häufig unter großem Zeitdruck für Kippenberg arbeiten, bekommt nicht genug Bearbeitungszeit für Projekte eingeräumt und empfindet den Aufwand seiner Arbeit als vom Verlegerpaar Kippenberg unterschätzt. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigen Hugo von Hofmannsthal besonders seine vielen begonnen Werke, unvollendeten Projekte und zu Papier gebrachte Ideen. Schon kurz nach Kriegsende sieht der Dichter seinen Einfluss auf die Kippenbergs nur noch als gering an, auch auf die vorbehaltlose Zustimmung von Publikum und Kritikern kann er nicht mehr bauen. Und so schreibt der Dichter noch in seinem Sterbejahr Zeilen, in denen Trauer ebenso schwer mitschwingt wie die nüchterne Erkenntnis über die eigene Ratlosigkeit.

„Ich befinde mich in einer seltsamen, schwer begreifbaren, schwer ertragbaren Lebensperiode; ich bin noch nicht alt, ich hätte, wenn ich auch größere poetische Leistungen kaum mehr von mir erwarten darf, Zeit zu manchen Dingen, aber niemand fordert mich auf, niemand will, niemand erwartet etwas von mir.“

Er selbst stirbt nur zwei Tage nach dem Selbstmord seines ältesten Sohnes in seiner geliebten Heimat Österreich. Die Grabstätte zieren die Worte: „Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens schlanke Flamme oder schmale Leier“, man mag sie als bezeichnend für das Leben des Dichters erkennen.

Hugo von Hofmannsthal und Anton Kippenberg gelang es in den Nachkriegsjahren nicht, einen angestrebten „ähnlichen Zustand“ des vormals so freundschaftlichen, liebevollen Verhältnisses wieder aufleben zu lassen. Der über 1100 Dokumente umfassende Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und dem Insel-Verlag hält einen deutlich distanzierten Schreibstil in den Jahren nach 1918 fest, der auch die menschlichen Differenzen zwischen Autor und Verleger nicht verbergen kann. Eine spürbare Disharmonie scheint die Entfernung zwischen Leipzig und Rodaun bei Wien noch zu vergrößern, eine Annäherung findet bis zum Tod des Dichters 1929 nicht statt.

Leah-Sophie Neubert


Literatur

DPA (2013): Ende des Ersten Weltkriegs. Der Waffenstillstand von Compiègne, WELT. [Artikel] Abgerufen von https://www.welt.de/geschichte/article160308117/Der-Waffenstillstand-von-Compiegne.html.

Hamann, B. (2009). Österreich, München: Beck.

Kruse, W. (2013). Das Ende des Kaiserreichs. Militärischer Zusammenbruch und Revolution. [Artikel] Abgerufen von http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155331/das-ende-des-kaiserreichs.

Kucher, P.-H. (2016). Hugo von Hofmannsthals Kriegsziel-Notizen im Kontext deutscher und österreichischer Süd-Ost-Europa-Konzepte im Ersten Weltkrieg, Zagreber germanistische Beiträge, 25, 29–44.

Schuster, G. (1985). Hugo von Hofmannsthal-Briefwechsel mit dem Insel-Verlag: 1901-1929, Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung GmbH.

Thiel, T. (2014). Hugo von Hofmannsthal im Ersten Weltkrieg: Requiem auf eine zerbrechliche Idee, Frankfurter Allgemeine Zeitung. [Artikel] Abgerufen von http://www.faz.net/1.2901657.

Volke, W. (1972). Neue Deutsche Biographie, Band 9 (Hofmannsthal, Hugo von). Abgerufen von https://www.deutsche-biographie.de/pnd118552759.html#ndbcontent.

 

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12 – Innere Welt nach Außen

Franz Kafka und sein Verleger Kurt Wolff

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Franz Kafka. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Es ist ein milder Oktobertag im Prag des frühen 20. Jahrhunderts. Das Prager Tageblatt titelt in der Morgenausgabe groß „Die U-Boote an der Küste Amerikas“. Franz Kafka jedoch hat ganz andere Probleme im Kopf als den Ersten Weltkrieg, der Europa in Atem hält. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm liegt die angekommene Post. Neben mehreren Karten von seiner bald wieder Verlobten Felice Bauer ist auch ein (heute verschollener) Brief seines Verlegers Kurt Wolff. In diesem äußert Wolff vermutlich Zweifel an der Veröffentlichung von Kafkas neuem Text „In der Strafkolonie“. Wolffs Brief setzt Kafkas Laune nur noch zusätzlich negativ zu. Diese war sowieso schon nicht die Beste gewesen, da es einen Disput mit Felice gab, weil er deren Mutter keine Postkarte zum jüdischen Neujahrsfest geschickt hatte.
Der Leipziger Verleger Wolff schreibt von einem Punkt in Kafkas Geschichte, die ihm unangenehm ist. Der erste Weltkrieg ist im vollsten Gange und Wolff, der gerade selbst erst vom Wehrdienst freigestellt wurde, möchte keine Texte mit Bezug zu Krieg, Folter oder ähnlichen Themen veröffentlichen. In Kafkas Geschichte jedoch wird die sehr brutale Bestrafung eines Verurteilten einer Strafkolonie geschildert.

Der Prager Schriftsteller nimmt seine Feder zur Hand und beginnt eine Antwort an Wolff zu verfassen. Er ist von dessen Ablehnung überrascht und versucht, seine Strafkolonie zu verteidigen. Für ihn selbst sind das Unangenehme und der Krieg allgegenwärtig.
Aber auch auf persönlicher Ebene ist für Kafka nicht alles friedlich. Der innige Bezug zu seinen Texten und das Zweifeln an der Veröffentlichung vermitteln ihm regelmäßig ein unangenehmes Gefühl. Denn er verarbeitet darin sehr häufig seine innere Welt und offenbart sich, auch wenn das für die allgemeine Leserschaft schwer zu entschlüsseln ist.
Jahre später sagt Wolff dazu:

„Nie hatte ich den geringsten Zweifel, daß diese Ambivalenz zwischen Furcht vor der Veröffentlichung und dem Wunsch nach Veröffentlichung ur-aufrichtig in Kafkas Wesen begründet war; ja die Abwehr erschien mir stärker ausgeprägt und ich empfand sie nicht nur als Abwehr einer literarischen Publizität, vielmehr als eine Abwehr der Außenwelt überhaupt.“

Bei der Strafkolonie scheint zumindest an diesem Oktobertag 1916 der Wunsch nach Veröffentlichung zu dominieren. Während Kafka den Brief an Wolff schreibt, ist der von ihm genannte Termin einer öffentlichen Lesung in München bereits fest eingeplant. Auch dort werden ihn zumeist negative Kritiken erwarten und doch wird er sich von diesen nicht entmutigen lassen. Ganz im Gegenteil. Die bestürzten Reaktionen werden Kafka anspornen und er wird kurz darauf in Prag seine zweite große Schaffensphase beginnen.

Zum Zeitpunkt des Briefwechsels sind sich Wolff und Kafka nur dreimal kurz begegnet und es werden auch keine weiteren Treffen folgen. Ihr gesamter Kontakt beruht auf einigen wenigen Briefen, in welchen beide immer höflich, aber distanziert miteinander umgehen. Beide versuchen einander in ihren Briefen nicht zu bedrängen, was die Zusammenarbeit jedoch nicht gerade erleichtert. Oftmals vermitteln deswegen Dritte wie Kafkas Prager Autorenfreunde Franz Werfel und Max Brod, mit welchem er eine innige Freundschaft führte. So ist es ein paar Jahre zuvor eigentlich Max Brod zu verdanken, dass es überhaupt zu einem Kontakt zwischen Kafka und Wolff kam. Auf einer gemeinsamen Reise, die auch über Leipzig führte, stellte er Kafka im Verlag vor. Und nun scheint Kafka Wolffs Brief an Brod zu kennen, deutet er doch an, zu wissen, was der Verleger Brod gegenüber zu seinem Novellenbuch äußerte.
Im Jahr 1916 arbeiten die beiden nun seit vier Jahren zusammen. Dabei geht es nie wirklich um Geld. Zwar erhält Kafka ein Honorar für seine Texte, verhandelt aber nicht. Viel wichtiger ist ihm die Gestaltung seiner Werke. Aus diesem Grund äußert Kafka auch im Brief vom 11. Oktober seine Meinung darüber, dass die Strafkolonie nicht in die eher einfach gestaltete Buchreihe „Der Jüngste Tag“ kommen soll.

Franz Kafka und Kurt Wolff mögen nicht die engste Autoren-Verleger-Beziehung haben. Sie waren keine Freunde. Aber sie schätzten den jeweils anderen und wussten, was sie an ihm hatten. So ist Franz Kafka auch keineswegs enttäuscht, als er am 11. Oktober schließlich seine Unterschrift unter das Antwortschreiben setzt und den Brief auf Reise nach Leipzig schickt.

Julia Voigt


Literatur:

Heller, E. & Born, J. (Hrsg.). (2009). Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit (Fischer-Taschenbücher, Bd. 1697, 11. Aufl.). Frankfurt am Main: Fischer.

Unseld, J. (1984). Franz Kafka. Ein Schriftstellerleben; die Geschichte seiner Veröffentlichungen; mit einer Bibliographie sämtl. Drucke und Ausgaben der Dichtungen Franz Kafkas 1908 – 1924 (Fischer-Taschenbücher, Bd. 6493). Zugl.: Berlin, Techn. Univ., Diss., 1981 u.d.T.: Unseld, Joachim: Franz Kafka, die Geschichte seiner Publikationen. Frankfurt am Main: Fischer.

Wolff, K. (2004). Autoren – Bücher – Abenteuer. Beobachtungen und Erinnerungen eines Verlegers (Wagenbachs Taschenbuch, Bd. 488, 1. Aufl.). Berlin: Wagenbach.

Zeller, B. & Wolff, K. (1980). Briefwechsel eines Verlegers. 1911 – 1963 (Fischer-Taschenbücher, Bd. 2248, Lizenzausg., erg. Ausg). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

 

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11 – Der großzügige Freund

Rainer Maria Rilke und sein Verleger Anton Kippenberg

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Rainer Maria Rilke. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Rainer Maria Rilke hatte zeitlebens einen wanderlustigen Lebensstil. Ob in Paris bei Bildhauer Auguste Rodin oder auf Schloss Duino bei Prinzessin Marie von Thurn und Taxis – Rilke hält es nie lang an einem Ort aus. Dieser ständige Wohnortwechsel wird ihm vor allem durch seinen großzügigen Verleger Anton Kippenberg ermöglicht.

1905 wird Kippenberg die Leitung des Leipziger Insel-Verlags zugetragen, in den er Rilke sofort aufnimmt. Die anfangs geschäftliche Beziehung entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer tiefen Freundschaft. Rilke, der Zeit seines Lebens finanzielle Schwierigkeiten hat, ist dabei stets der Hilfesuchende, obgleich es sich um Bitten nach Geld oder Rat handelt. Der nur ein Jahr ältere Kippenberg, fürsorglich und dennoch herzlich distanziert, stellt im Verhältnis der beiden den Weisen, Mahnenden dar.

Nur einmal in der langjährigen Freundschaft weist Rilke Kippenberg zurecht. Das Streitthema betrifft – wie so oft – Rilkes finanzielle Lage. Nachdem er im Juli 1914, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach Deutschland reist, erhält er 20.000 österreichische Kronen von einem anonymen Geldgeber. Rilke erfährt nie, dass es sich dabei um den Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein handelt, der bedürftige Künstler unterstützt. Kippenberg ist in Anbetracht der seit 1912 anhaltenden Schaffenskrise Rilkes und des schwindenden Absatzes seiner Bücher erleichtert über die Zuwendung. Er schlägt Rilke vor, die Verwaltung seines Vermögens zu übernehmen. Rilke besteht indes immer wieder auf die Auszahlung größerer Summen – etwa um den Aufenthalt bei der Künstlerin Lou Albert-Lazard in München zu finanzieren. Bereits im Oktober des Jahres 1915 ist die Wittgenstein-Schenkung beinahe vollständig aufgebraucht. Als Rilke in dieser Situation von der Versteigerung seines Hausstandes in Paris erfährt, erzürnt er und gibt Kippenberg die Schuld an seiner Misere. Im Brief schreibt Rilke über das vergangene Wiedersehen mit der „Herrin“. Hiermit bezieht er sich auf Katharina Kippenberg, die Frau seines Verlegers. Als Prokuristin des Insel-Verlags pflegt auch sie seit 1910 Briefkontakt mit Rilke. Anders als ihr Mann wahrt Katharina jedoch keine geschäftliche Distanz, sondern verehrt und umwirbt den Dichter. Dies schmeichelt Rilke, weshalb sie Freunde werden.

Im Brief vom 16. August 1915 hatte Kippenberg Rilke mitgeteilt, dass er fortan in Belgien die Herausgabe der „Kriegszeitung der 4. Armee“ leite. Dazu gratuliert Rilke Kippenberg in seinem Schreiben. Katharina übernimmt in dieser Zeit alle verlegerischen Tätigkeiten im Insel-Verlag, weshalb der Briefwechsel zwischen ihr und Rilke zunimmt und nun auch Angelegenheiten umfasst, die er vorher nur mit Kippenberg selbst besprochen hatte.

Rilkes Klagen thematisieren neben seiner Geldnot auch die Pfändung seines Pariser Hausstandes, bei der er seine wenigen Besitztümer verliert. Katharina Kippenberg sagt einmal, Besitz habe „so wenig ‚zu diesem heiligen Dichtertum [gepasst], daß er [Rilke] es gelassen hinnahm, als das Schicksal ihn noch von dem verlieren ließ, was er an ererbter und liebgewordener Habe besaß“. Daran wird deutlich, dass Rilke und Kippenberg ihre Auseinandersetzungen untereinander klären und Katharina dabei völlig außenvorlassen – sonst wüsste sie, dass Rilke angesichts der Pfändung seines Pariser Besitzes völlig aufgebracht war.

Die dem Insel-Verlag zufällig zugeflossene Schenkung habe Kippenberg laut Rilke dazu verleitet, nur die große Geldsumme zu sehen und die Notlage des Schriftstellers völlig auszublenden. An dieser Stelle sieht Rilke allerdings nicht, dass Kippenberg mit der Wittgenstein-Schenkung auch Rilkes Frau Clara sowie deren gemeinsame Tochter Ruth versorgt und Vorschüsse für seine Werke finanziert sowie Rücklagen für ihn anlegen will.

Kippenbergs Antwortbrief zeigt, wie sehr Rilkes Vorwürfe ihn verletzen. So empfindet er Rilkes Brief „weder lästig noch kränkend, nur schmerzlich, sehr sehr schmerzlich, wie selten ein Brief […]“.

Die vorgestellten Briefe sind bezeichnend für die Beziehung Rainer Maria Rilkes zu seinem Verleger Anton Kippenberg. Während Rilke impulsiv und fordernd gegenüber Kippenberg auftritt, bewahrt dieser stets einen kühlen Kopf, ohne dabei seine Herzlichkeit zu verlieren. Obgleich die beiden grundsätzlich verschieden sind, verbindet sie ihre Leidenschaft zur Literatur. Auch die „Herrin“ Katharina Kippenberg spielt im Verhältnis des Autors zu seinem Verleger keine unwesentliche Rolle, denn sie hat nicht nur Einfluss auf ihren Mann, sondern auch auf Rilke und stellt somit eine Art Anker in der Freundschaft von Autor und Verleger dar.

Caroline Siegel


Literatur:

Fleissner, E. M. (1930). Rainer Maria Rilke: Eine Anregung. The German Quarterly, 3, 95. https://doi.org/10.2307/400398.

King, M. (2009). Pilger und Prophet: Heilige Autorschaft bei Rainer Maria Rilke. Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 2008. Palaestra: Vol. 330. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Rilke, R. M., Kippenberg, A., Schnack, I., & Scharffenberg, R. (Eds.). (1995). Briefwechsel mit Anton Kippenberg 1906 bis 1926. Frankfurt am Main: Insel.

Schnack, I., Rilke, R. M., & Kippenberg, A. (Eds.). (1995). Briefwechsel mit Anton Kippenberg: 1906 bis 1926. Frankfurt am Main: Insel-Verlag.

 

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10 – Erdbeben und Seismograph

Karl Kraus und sein Verleger Kurt Wolff

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Karl Kraus. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Vulkane besitzen die Kraft, urplötzlich die Welt zu erschüttern, sie zu zerstören, die Geschichte zu beeinflussen. Was nach dem Ausbruch bleibt, ist fruchtbare Vulkanerde, auf der eine neue Stadt, eine neue Zukunft aufgebaut werden können. Mit ihren „literarischen Ausbrüchen“ können Autoren die Welt ebenfalls verändern, in dem sie etwa aktuelle Zustände kritisieren, veraltete Dogmen einreißen und so einen kulturellen Nährboden für neue Ideen und Denkweisen schaffen. Kurt Wolff ordnete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Verleger die Aufgabe zu, diese expressionistischen Autoren zu erkennen und sie für die Ewigkeit zu konservieren, auf dass ihre Ideen und Werke nie vergehen würden. Jener „Seismograph“ besaß nicht zuletzt verstrickte und konfliktreiche Beziehungen zum österreichischen Schriftsteller Karl Kraus…

Um die Vulkanmetapher herum ranken sich die Konflikte, die während der Zusammenarbeit der beiden Männer sprossen und gediehen. Der hier beschriebene Konflikt entstand aus der Polemik Kraus gegen Kurt Hiller aus dem Kurt-Wolff-Verlag, der im Brief mit den Initialen „K.H.“ anonymisiert wird. Kraus und Hiller beleidigten sich und ihre Arbeiten, woraufhin Kraus sich gezwungen fühlte, aus Wolffs Verlag auszutreten. Wolff antwortete auf Kraus‘ Gesuch mit einem äußerst anbiedernden Brief.

Ein klares Machtgefälle kennzeichnet die Struktur des Briefes: Kraus steht auf einem „Podest“ und Wolff blickt zu ihm hinauf. Mit seinen „jungen 26 Jahren“ stellt er sich als dumm und naiv dar und plädiert auf verminderte Schuldfähigkeit. Bewunderung, Reue, Ergebenheit bekundet er seinem „Vulkan“ und mit fast schon zu schmeichelnden Worten hebt Wolff ihn vom Podest in den Himmel. Nur in einem Punkt widerspricht Wolff dem Autor, nämlich wie der Verleger zu arbeiten hat. Während Kraus, selbst Gründer einer Zeitung, auch den Verlag als Zeitung mit kongruentem Programm ansieht, schlägt Wolff eine neutrale Richtung ein. Ein Verlag kann, im Gegensatz zu einer Zeitung, Werke von Autoren veröffentlichen, deren Inhalte sich widersprechen oder ausschließen, denn ein Verleger muss, im Vergleich zu einem Zeitungsherausgeber, auf keine „redaktionell einheitliche[]“ Struktur achten. Mit den weisen Worten „Seismograph nicht Seismologe sein“ beweist Wolff somit trotz selbstauferlegtem Jünglingsstatus einen hohen Grad an Verständnis für seinen Beruf.

Die Erfahrungen, die er aus dem Intermezzo Kraus und „K.H.“ gezogen hat, waren überaus wertvoll für Wolff, denn drei Jahre später schaffte er es, Kraus erneut für sich zu gewinnen, indem er exklusiv für den Autor einen eigenen Verlag gründete.

Kraus‘ Arbeit brachte den Seismographen Wolff so stark zum Ausschlagen, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als dafür zu kämpfen, dieses Potenzial festzuhalten und in die Öffentlichkeit zu tragen. Acht Jahre fand Kraus sich erneut in einem Streit mit Franz Werfel wieder. Hier führte er allerdings zu einer endgültigen Trennung zwischen Verleger und Autor. Eine solch „völlige Lösung“ konnte von Wolff im Jahre 1913 noch abgewendet werden, wobei der vorliegende, äußerst verführerische Brief von Wolff an Kraus zweifellos dazu beigetragen hat.

Josephine Michl


Literatur

Otten, E./ Zeller, B. (1966). Kurt Wolff – Briefwechsel eines Verlegers 1911-1963, Frankfurt am Main: Verlag Heinrich Scheffler.

Pfäfflin, F. (2007). Zwischen Jüngstem Tag und Weltgericht – Karl Kraus und Kurt Wolff Briefwechsel 1912-1921, Göttingen: Wallenstein Verlag.

 

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9 – „Schleunige Hülfe! Sonst gehe ich in’s Wasser!“

Richard Wagner und sein Verleger Franz Schott

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Richard Wagner. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Richard Wagner, der wohl größte Dramatiker der Musikgeschichte, war bekannt für seine Selbstvergottung, seine unausstehliche Besserwisserei und seine Abhängigkeit vom Luxus, unter der besonders sein Verleger zu leiden hatte.

Franz Schott leitete zu Lebzeiten Wagners den Mainzer Musikverlag Schott’s Söhne und wurde 1859 auf Empfehlung Heinrich Essers, Schotts lebenslangem Musikberater, auf den Komponisten aufmerksam. Dass Wagner die Zusammenarbeit jedoch nicht ganz einfach machte, beweisen die Briefe vom 20. und 21. Oktober 1862 so gut wie keine anderen.

Der gesamte Briefwechsel ist durchzogen von schamlosen Bitten um Vorschüsse. Nicht umsonst warnte Esser den Verleger vor Wagners schlechtem Charakter: „So schließen Sie nur Ihre Säcke fest zu und überziehen Sie ihr Herz mit einem doppelten Panzer, sonst verschwindet wieder etwas in dem Schlunde, der nie auszufüllen ist und so große Summen zu verschlingen mag.“ Dabei schrak Wagner auch nicht vor drastischen Mitteln zurück. Er stiftete Freunde dazu an, Schott zu einem höheren Honorar zu überreden, versuchte mit allen Mitteln der Kunst Mitleid bei Schotts Ehefrau Betty zu erwecken oder drohte damit, den Verlag zu verlassen. Schott ließ das meist kalt. Denn Wagner überspitzte seine finanzielle Lage gerne und verschwieg andere Geldgeber. Sein Leben lang war er abhängig von befreundeten Sponsoren wie seinem Schwiegervater Franz Liszt und König Ludwig II. von Bayern, dessen Beihilfe Schott in seinem Oktober-Brief bereits vorhersagte. Doch obwohl der junge König Wagners Geldsorgen für immer aus dem Weg räumte, scheute Wagner sich weiterhin nicht davor, Schott um Unsummen an Vorschüssen zu bitten. Selbst das bis dahin höchste Honorar eines Musikverlages von 100 000 Talern für sein Werk Parsifal genügte ihm nicht.

„Ich kann dann nicht wie ein Hund leben.“

Sobald Wagner in die Arbeit vertieft war, nahm sein Luxusbedürfnis suchtartige Formen an und es zeigte sich, wie wenig der Komponist mit Geld umzugehen wusste. Goldene Uhren, teure Möbel mit Samtbezügen, kristallene Kronleuchter und eine erlesene Auswahl der besten und teuersten Weine: Ein niedrigerer Standard wäre dem Genie nicht zumutbar gewesen. „Ich kann nicht wie ein Hund leben“, schrieb er an Franz Liszt, „(…) meine stark gereizte, feine ungeheuerlich begehrliche, aber ungemein zarte und zärtliche Sinnlichkeit muss irgendwie sich geschmeichelt fühlen (…). Ich brauche, um mich in volle Ruhe und Gleichgewicht zu setzen, drei- bis viertausend Taler.“

„Somit nenne ich Sie mit gutem, herzlich erwogenem Grunde meinen Freund.“

Wagner beteuerte immer wieder, als welch wertvollen Freund er Schott zu schätzen wisse. Allerdings folgte das Ehepaar Schott selten den Einladungen zu seinen Vorstellungen und als Schott später nicht einmal zu seiner Hochzeit mit Cosima von Bülow erschien, war Wagner sichtlich gekränkt. Es verwundert also kaum, dass die so oft zwischen Verleger und Künstler entstehende Freundschaft im Falle Wagner und Schott ausblieb. Zu Recht, wenn man auch hier Heinrich Esser Glauben schenkt: „Wagner hat die fatale Eigenschaft, dass er die Leute, so lange er glaubt, dass sie ihm nützlich sein können, mit seiner Freundschaft beehrt, die aber nur so lange dauert, bis die Zitrone ausgepresst ist“.

Celine Stöckle


Literatur

Altmann, W. (Hrsg.) (1911). Richard Wagners Briefwechsel mit seinen Verlegern, Bd. II. Leipzig: Breitkopf und Härtel.

Geck, M. (2004). Richard Wagner, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Hansen, W. (2006). Richard Wagner, München: dtv.

 

< Türchen 8                    Türchen 10 >

8 – Ein Hertzliches Miteinander

Theodor Fontane und sein Verleger Wilhelm Hertz

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Geboren 1819 in einer Apothekerfamilie schien es Theodor Fontanes Schicksal, in seines Vaters Fußstapfen zu treten und eine Lehre als Apotheker zu beginnen. Lang hält er an diesem Gedanken fest, arbeitet zwischendurch sogar als Gehilfe in der noch heute existenten Adler Apotheke in Leipzig. Mit 29 Jahren fasst er letztlich den Beschluss, sich hauptberuflich dem Schriftstellertum zu widmen.

Wilhelm Hertz verlegte den Großteil der Werke Fontanes ab 1859. Zeitlebens verbindet Verleger und Autor eine höflich-freundschaftliche Partnerschaft. Es kommt zur geschäftlichen Korrespondenz, als Fontane mit Hilfe eines Freundes ein Gesuch an Hertz verfasst, ob dieser seine „Bilder und Briefe aus Schottland“ sowie gesammelten Balladen publizieren könne. Hertz willigt ein und es folgt ein regelmäßiger brieflicher Austausch, was verwundert, da beide in Berlin leben. Fontane begründet dies damit, dass er sich „mündlich […] leicht bestimmen [lasse] und hinterher ist [ihm´s] leid [wäre]”.

Als harmoniebedachter Mensch schien es Fontane ein Gräuel, Konflikte auszulösen, weshalb er Hertz nie offen kritisierte und Störnisse, die er beispielsweise in Hertz knauseriger Art sah, eher gegenüber seinen Freunden erwähnte, zumal sein Verleger Fontane vorerst als mittelmäßigen Schriftsteller sah.

Doch trotz manch einer Disharmonie verband beide eine gewisse Art der Freundschaft. Ersichtlich ist dies auch in den letzten Zeilen des Briefes, in dem Fontane sich Hertz gegenüber auf humoristische Weise nach einem gemütlichen Beisammensein bei Biere erkundigt, da die Strohwittwerschaft sich dem Ende neige. So trafen sich beide gelegentlich in privater Runde, meist zusammen mit ihren Ehefrauen. Fontanes saloppe Schlusswendung „Never mind!“ spiegelt gut das freundschaftliche Verhältnis beider wider sowie auch Fontanes Liebe zu England und seiner Sprache. Oftmals verwendete er in seinen Briefen englische Floskeln, aber auch teilweise lateinische und französische.

Damit in Einklang steht Fontanes Werk „Sittah, die Zigeunerin“, erschienen 1844, welches er im oberen Drittel des Briefes erwähnt. Das Werk ist beispielhaft für seine Liebe zu England, Schottland und dem Reisen allgemein. So unternimmt er auch öfter gemeinsame Touren zusammen mit Hertz, welche er davor detailgetreu plant.

Wie die meisten Kunstschaffenden war Fontane perfektionistisch veranlagt. Seine Änderungsvorschläge bezüglich der Ballade um Sittah sind kennzeichnend dafür. Stets suchte er nach Möglichkeiten, seine Werke zu optimieren. So sagt Fontane über sich selbst, dass er an der „‚immer besser Machungs wollen‘ – Krankheit bis zu einem gewissen Grade laborire“. Auch bei seinem bekannten Werk der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ änderte er stetig seine Meinung über die Anzahl der zu erscheinenden Teile, bis er zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gelangte.

In ihrer Gesamtheit war die Beziehung zwischen Fontane und seinem Verleger sehr harmonisch. Beide schrieben sich bis zu Fontanes Tod fast monatlich. Neben geschäftlichen Themen gab es stets auch einen privaten Austausch, der ihre gegenseitige Zuneigung füreinander ausdrückt. Letztlich lassen sich beide als gute Partner betrachten, deren geschäftliche Verbundenheit als Basis für eine Freundschaft diente.

Henriette Röhl


Literatur

Blume, D. (2014). Theodor Fontane. dhm.de. Zugriff am 10.09.2018. Verfügbar unter https://www.dhm.de/lemo/biografie/theodor-fontane.

Schreinert, K. (Hrsg.) (1972). Briefe an Wilhelm und Hans Hertz: 1859 – 1898. Stuttgart: Ernst Klett Verlag.

 

< Türchen 7                    Türchen 9 >

7 – Der Verlegerfreund Salomon Hirzel

Gustav Freytag und sein Verleger Salomon Hirzel

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Nachdem der gelernte Buchhändler Salomon Hirzel seit 1830 mit der Weidmannschen Buchhandlung erste verlegerische Erfahrungen sammelte, gründete er 1853 den Salomon Hirzel Verlag, welchem schon bald auch Gustav Freytag angehören sollte.

Autor und Verleger teilten nicht nur den literarischen Stützpunkt Leipzig, sondern auch die Sammelleidenschaft, welche die Basis einer starken, mit den Jahren anwachsenden Verbundenheit schaffen sollte. Freytag legte eine Sammlung an Gelegenheitschriften zu Tagesereignissen an, während sein Verleger Hirzel alles rund um Goethe hortete (besagte Sammlung befindet sich heute im Besitz der Universität Leipzig).

Mit der Zuneigung zu Hirzel hielt Freytag nicht hinter dem Berg und schrieb ganz offen: „Meine Verbindung mit ihm wurde eine so innige, wie sie nur irgend zwischen Schriftsteller und Verleger bestehen kann. Dass wir nebeneinander wohnten, kam dem Tagesverkehr zu Gute. Er war der aufmerksamste, zartsinnigste Freund […].“

Bei unmittelbaren Nachbarn erscheinen Briefwechsel recht überflüssig. Warum also mussten sich Autor und Verleger schriftlich über das Tagesgeschehen austauschen? Die Erklärung ist einfach: Freytag hielt sich lediglich im Winter in Leipzig auf.

Dies wurde nötig, weil er schon früh unter stetigen Atem- und Hustenproblemen litt und ihm ärtzlicherseits ein Stadtverbot für die Sommermonate erteilt wurde. Stattdessen verordnete man dem Autor die frische Landluft von Siebleben bei Gotha. So wurde (sehr reger) Briefkontakt zwischen Hirzel und Freytag nur im Sommer notwendig.

Aber auch andere Gründe hielten Freytag hin und wieder auf Distanz zu Leipzig. Hier namentlich Lampenfieber und die damit einhergehende Aufschieberei; womöglich der Grund für den fehlenden Bescheid darüber, dass Die Journalisten, eines seiner bedeutendsten Stücke, in Leipzig aufgeführt wurde. Ebenso war Freytag zu diesem Zeitpunkt vertieft in das Schreiben seines Romans „Soll und Haben“, an dem er, wie er schreibt, nun seit acht Wochen tüchtig arbeite, wohl aber noch zehn weitere Wochen brauche. Tatsächlich hatte Freytag Hirzel schon Mitte Juli 1854 um vier weitere Wochen gebeten, woraus vierundzwanzig geworden waren. Freytag beklagt sich über seine Schwierigkeiten mit dem Projekt und dem Schriftstellerdasein allgemein: „Die Arbeit ist mir jetzt nicht unlieb, wenn nur das Schreiben selbst nicht wäre.“

Nach Leipzig kehrt er jenen Winter nicht zurück, stattdessen verbleibt er in Gotha. Einerseits, weil er dort „ganz ungestört“ arbeiten kann, andererseits, weil Freytag um 1853 seine preußische Staatsbürgerschaft verliert und nun von seinem geliebten Preußen verfolgt wird – sollte man ihn auffinden, wird man ihn inhaftieren. Schutz sucht er beim Herzog Ernst III. Dieser ernennt Freytag zu seinem Vorleser, wodurch er gothaischer Staatsbürger wird und die Verfolgung der preußischen Polizei ihn nicht mehr zu befürchten hat.

Was Freytag zu jenem Zeitpunkt noch nicht weiß: „Soll und Haben” wird sechs Bücher und 128 Auflagen hervorbringen. Wenn auch das Werk damals zu den bedeutendsten bürgerlichen Romanen des 19. Jahrhundert zählte, ist es heute umstritten, da ihm antisemitistische Züge vorgeworfen werden. Doch es ist nicht verwunderlich, dass sich bei einer so erfolgreichen Schriftsteller-Verleger Beziehung auch eine innige Freundschaft entwickelte.

Sicilia Shehata


Literatur

Galler, M. und Matoni, J. (1994). Gustav Freytags Briefe an die Verlegerfamilie Hirzel. Teil 1. 1853 – 1864, Berlin: Mann Verlag.

Otto, N. (2015, Juli). Gustav Freytag – eine biographische Skizze. Abgerufen von https://www.gustav-freytag.info/index.php/biographisches/58-gustav-freytag-eine-biographische-skizze.

Sternburg, W. (2016). Gustav Freytag – Der Erfinder der braven Deutschen. Das Plateau, 156, Stuttgart: Radius-Verlag.

 

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