BuWision 2018

Die Vorbereitungen zur BuWision 2018 laufen bereits auf vollen Touren. Student_innen des Projektseminars rund um die Leipziger Buchmesse unter der Leitung von Prof. Dr. Siegfried Lokatis werden auch in diesem Jahr ausgesuchte Schaufenster der Leipziger Innenstadt mit ausgewählten Büchern bereichern. Die Schaufenster mit ihren wirkungsvoll arrangierten Büchern – neben den zahlreichen Veranstaltungen der Leipziger Buchwissenschaft am Stand Studium rund ums Buch (Halle 5 / Stand E510) auf der Messe und in der Innenstadt sowie den Buchblog Leipzig lauscht – werden so und einmal mehr zu echten Hinguckern, nicht nur für Messegäste. Einen ersten Eindruck können aktuell die Fenster der ehemaligen Buchhandlung an der Thomaskirche | Burgstraße 1-5, 04109 Leipzig vermitteln.

 

24 – Die Sache mit dem Weihnachtsmann – 2/2

»Hagio-was? Nein, was ist das?« Connie legte den Kopf leicht schief. Die Kälte in ihren Augen schien langsam zu schmelzen.

»Siehst du, das habe ich mich auch gefragt. Hagiophobie beschreibt im Grunde die Angst vor heiligen Personen oder heiligen Dingen. Wozu ja auch Weihnachten zählt. Und in gewissem Sinne auch der Weihnachtsmann.«

Ich sah ihr an, dass sie gelacht hätte, wäre sie nicht so verdutzt gewesen. »Ist das dein Ernst oder denkst du dir das gerade aus?«

»So was Beklopptes kann man sich doch gar nicht ausdenken. Wenn du mir nicht glaubst, dann schmeiß Google an und lies es nach.« Ich schnappte mein Smartphone vom Nachttisch und hielt es ihr hin. Doch sie schüttelte den Kopf.

»Schon gut, ich glaub’s dir. Aber wenn du wirklich dieses Hagio-Dings hast–«

»Hagiophobie.«

»Hagiophobie, okay. Was ist dann mit anderen Sachen? Es gibt ja noch eine ganze Handvoll weitere heilige Personen neben dem Weihnachtsmann.«

»Du meinst so was wie Jesus oder den Papst? Nein, das ist es ja eben, deshalb bin ich mir ja auch nicht sicher, ob das wirklich mein Problem ist. Kirchen oder Kreuze stören mich schließlich auch nicht. Aber die Sache mit dem Weihnachtsmann…«, ich schüttelte den Kopf, »da ist es aus.«

»Und wie lange hast du das schon?« Sie fragte es vorsichtig, als wäre sie nicht sicher, wie fest das Eis war, auf das sie sich begab.

»Nicht so lange wie man glauben könnte. Als Kind war es jedenfalls noch nicht da.«

»Wirklich? Viele Kinder haben ja Angst vor dem Weihnachtsmann – vielleicht hast du es einfach nur vergessen?«

»Nein, nein, Connie. So war das nicht.«

»Möglicherweise ein verdrängtes Ereignis, das unterbewusst aber noch da ist und dir irgendwie zu schaffen macht? Ich hab doch auch keine Ahnung von solchen Sachen.«

Es half nichts. Sie würde es nur verstehen, wenn ich ihr alles erzählte. »Es ist mal was passiert und daran erinnere ich mich noch sehr genau. Doch da war ich schon kein Kind mehr.« Ich schluckte schwer. »Entschuldige, gib mir eine Sekunde, okay?«

Connie nahm mich bei den Händen. Diesmal umklammerte sie mich nicht fest, sondern mit einer Geborgenheit, die fühlbar aus ihren Fingern abstrahlte. Nachdem ich einige Minuten mit mir gerungen hatte, sprach ich weiter: »Um es zu verstehen, muss ich etwas ausholen. Wahrscheinlich wirst du erst mal verwundert sein, denn der Zusammenhang wird nicht gleich klar.«

»Verwundert bin ich ohnehin schon. Erzähl, wie du es für richtig hältst.«

Ich räusperte mich, weil mein Hals so unglaublich ausgetrocknet war. »Erinnerst du dich, was ich dir von meinem Vater erzählt habe? Wie er gestorben ist, meine ich?«

»Aber natürlich. Oh Gott, ich krieg schon Gänsehaut, wenn ich nur dran denke. Diese schreckliche Geschichte.«

Ich nickte. »Also den Einbrecher, den er damals überrascht hat, von dem alle glaubten, er wäre ihm allein begegnet … Na ja, so war es aber nicht … Wenn du so willst, gab es noch einen Zeugen. Ich habe den Typen nämlich auch gesehen.«

»Was? Ich dachte, du hättest geschlafen?«

»Das habe ich der Polizei erzählt. In Wahrheit bin ich durch den Krach wachgeworden und musste zusehen, wie der Kerl mit einem Hammer auf meinen Vater eingeprügelt hat. Damals war ich fast 17, doch schon ziemlich kräftig. Wahrscheinlich hätte ich den Typen überwältigen können, wenn ich mich von hinten angeschlichen hätte. Doch es ging nicht. Als ich ihn sah, erstarrte ich plötzlich. Mein Körper war wie taub, als wäre ich in mir selbst gefangen.«

»Mein Gott, Nils, das war der Schock.« Sie nahm mich in den Arm und ich sank mit dem Kopf gegen ihre Brust.

»Seltsamerweise hat der Kerl mir kein Haar gekrümmt, obwohl er mich eine Ewigkeit angestarrt hat, nachdem er mit meinem Vater fertig war. Er ist dann einfach gegangen.«

»Weißt du was für ein Glück du hattest? Er hätte dich auch umbringen können.«

»Darüber habe ich so oft nachgedacht. Manchmal nächtelang. Doch ich kann’s mir nicht erklären. Nur dass er mich vielleicht absichtlich am Leben gelassen hat, damit ich noch mehr leide und in ständiger Angst lebe. Seit damals sind mir einige Theorien durch den Kopf gegangen, aber das sind eben nur Spekulationen… Wie auch immer – lass mich mal den Bogen zum Anfang spannen. Du fragst dich bestimmt schon, was diese Sache mit meiner Angst vor Weihnachten zu tun hat, oder?«

»Vielleicht weil du nur noch deinen Vater hattest, nachdem deine Mutter gestorben war? Weil er deine Familie war und Weihnachten ja das Fest der Familie ist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Die Sache ist viel eindeutiger.«

»Nämlich?«

»Dieser Typ. Der Einbrecher. Er war verkleidet – als Weihnachtsmann. Nur sein Gesicht war halt mit einer roten Sturmhaube verhüllt, an die aber so komische Bommeln drangenäht waren. Total krank. Das war irgendein Wahnsinniger, der zur Adventszeit in Wohnungen eingebrochen ist und dort alle Leute erschlagen hat. Völlig wahllos. Es stand in allen Zeitungen.«

Nach all der Zeit war es endlich raus. Ab dem Moment brachte ich keinen klaren Satz mehr zustande, sondern weinte nur noch sehr lange in Connies Armen. Sie hielt mich fest, streichelte mich, weinte mit mir, bis weit in die Nacht.

»Ich weiß, der Weihnachtsmann im Einkaufszentrum ist nur irgendein Typ im Kostüm«, sagte ich später. »Wahrscheinlich ein Arbeitsloser, der vom Jobcenter verdonnert wurde, den Kindern etwas vorzuspielen. Vielleicht sitzt er gerade in einer Kneipe und versäuft seinen Lohn. Und trotzdem… Der Verrückte von damals ist nie gefasst worden. Seitdem erwarte ich ihn zur Weihnachtszeit an jeder Ecke.«

»Hättest du nur früher was gesagt, dann wäre ich doch nie so ekelig zu dir gewesen«, sagte Connie. »Mach dir wegen morgen keine Sorgen. Ich gehe mit Pauli. Du musst nicht mitkommen, wenn du das nicht schaffst.«

»Das wäre besser. Nicht dass unser Sohn später genauso gestört ist wie ich, weil er miterleben muss, wie sein Vater beim Anblick des Weihnachtsmanns in Heulkrämpfe ausbricht.«

»Du bist nicht gestört, du hast nur etwas Schlimmes erlebt. Aber wenn dich diese Sache so fertig macht, solltest du dir wirklich mal den Rat eines Fachmanns einholen.«

Meine Finger kneteten die Bettdecke durch. »Ich weiß nicht, ob ich das kann.«

»Es nagt schon zu lange an dir. Da muss ein Spezialist ran.«

Irgendwann schliefen wir ein. Ich versank in einen langen, traumlosen Schlaf.

*

Am nächsten Tag gingen Connie und Paul allein ins Einkaufszentrum. Paul steckte seinen Wunschzettel ein und verabschiedete sich mit einem Kuss von mir. Auch Connie küsste mich. Die Haustür ging zu und ich war wieder allein. Diesmal, so schien es, für immer.

Vom Fenster aus sah ich den beiden nach, wie sie die Straße entlang zur Innenstadt spazierten und dabei Spuren im Schnee hinterließen. Als sie um eine Hausecke verschwanden, schloss ich die Manuskriptdatei auf dem Laptop, an der ich vorgegeben hatte zu arbeiten und verließ die Wohnung. Im Treppenhaus grüßte ich unsere alte Nachbarin Frau Klein, die gerade mit Einkaufstüten in ihrer Wohnung verschwand und stieg dann bis in den Keller hinab. Dort unten gab es für jeden Mieter eine kleine Parzelle, in denen alter Krempel vor sich hin staubte. Ich sperrte unsere Holztür auf und schob einen maroden Sessel beiseite, um in die hinterste Ecke zu gelangen. Dort stapelte sich ein Turm aus Umzugskartons, in denen ich alte Belegexemplare der Kitschromane aufbewahrte, mit denen ich unseren Lebensunterhalt erschrieb. Ich arbeitete mich zur untersten Kiste vor, die vom Gewicht der übrigen Kartons schon ganz eingedrückt war und klappte den Pappdeckel auf. Sie enthielt keine Bücher, sondern ein Haufen alter Plastiktüten quoll daraus hervor. Alle leer, bis auf eine. Ich nahm sie und zog das heraus, was darinnen steckte: Ein roter Mantel, an dessen Kragen mit einer Sicherheitsnadel eine rote Sturmhaube befestigt war. Die Bommeln, die an die Sturmhaube angenährt waren, schwangen bei jeder Bewegung. Ich schüttelte die Sachen aus und streckte sie auf Armeslänge weg, um sie zu betrachten.

Der Weihnachtsmann, all die Jahre hatte er in diesem Karton auf mich gelauert. Seiner Meinung nach viel zu lange. Verborgen in der Dunkelheit.

Ich streifte Mantel und Haube über – beide passten noch. Ein schwerer Gegenstand beulte eine der Innentaschen aus. Der Hammer, an dem noch trockenes Blut klebte. Inzwischen so braun, dass es wie Rost aussah.

Ich behielt die Klamotten an, als ich unsere Parzelle wieder absperrte und hoch in die Wohnung ging. Anscheinend würde der Weihnachtsmann dieses Jahr doch noch kommen.


Text: Tim Reischke

23 – Die Sache mit dem Weihnachtsmann – 1/2

»Papa, der Weihnachtsmann!«, rief Paul. Mein Puls beschleunigte sich schlagartig, als er mich zu einem Podest zerrte, das umringt von Kindern war. Der Weihnachtsmann saß auf einem goldenen Thron, während ein Junge von seinem Schoß aufschaute und ehrfürchtig einen Wunsch äußerte.

»Ich will auch. Darf ich Papa? Darf ich?«

»Jetzt nicht, wir müssen nach Hause, sonst zieht Mama uns die Ohren lang.«

»Ach, Mann. Das ist unfair.«

Mit einem Schmollmund trottete Paul hinter mir her. Ich fühlte mich wie ein Spielverderber und würde später mindestens so wütend auf mich sein, wie Paul es gerade war. Doch im Moment wollte ich nur weg hier.

Er war ganz aufgeregt, als er seiner Mutter zu Hause erzählte, er habe den Weihnachtsmann gesehen.

»Hast du ihm deinen Wunschzettel gegeben?«, fragte Connie.

Paul schüttelte den Kopf. »Hatte ich nicht dabei, der liegt noch auf meinem Schreibtisch. Aber das war egal, weil Papa gesagt hat, wir müssen nach Hause gehen.«

Ich saß mit dem Smartphone im Wohnzimmer und tat, als wäre ich völlig in eine E-Mail von meinem Verlag vertieft. Dabei strich Connies Blick wie eine Böe über mich hinweg, die einen aufkommenden Schneesturm ankündigt.

»Dann frag den Papa doch, ob er jetzt noch mal mit dir ins Einkaufszentrum geht. Der Weihnachtsmann ist bestimmt noch da.«

Mein Magen verkrampfte sich.

Paul schrie begeistert und rannte zu mir. Er warf sich halb über die Lehne meines Sessels und grinste mich an.

»Na, mein Freund. Alles klar?« Meine Stimme klang gelassener als ich dachte.

»Können wir zum Weihnachtsmann gehen? Biiitte!« Seine Kulleraugen funkelten voller Vorfreude.

»Weißt du, ich glaube, der Weihnachtsmann ist schon wieder weg. Es gibt so viele Kinder auf der Welt, da kann er immer nur ganz kurz an einer Stelle bleiben. Sonst schafft er es bis Weihnachten gar nicht alle Wünsche einzusammeln.«

»Ja eben«, sagte Paul. »Er hat meinen Wunschzettel noch nicht, woher soll er wissen, was er mir schenken soll?«

»Genau, woher soll er das wissen, Nils?«, sagte Connie. Sie stand mit in die Hüften gestemmten Fäusten da und lächelte mich an. Doch nur ihr Mund lächelte, ihre Augen waren so kalt, als könnten sie Eisstrahlen verschießen.

»Na ja… wir könnten den Wunschzettel mit der Post schicken«, schlug ich vor.

»Aber dann kriegt er den vielleicht nicht mehr rechtzeitig. Ich will ihm den Zettel lieber selbst geben.«

»Also, ich bin sicher…«

»Nun mach schon«, fauchte Connie.

»Ich wollte jetzt eigentlich noch mal los«, sagte ich. »Die vom Verlag haben geschrieben… wegen des Buchs, sie meinten–«

»Du bist unmöglich!«, schnitt Connie mir das Wort ab. »Komm Pauli, lass Papa hier, wir gehen allein.«

»Ja! Ich hol’ nur schnell den Wunschzettel.«

Die Wohnungstür flog mit einem Krachen ins Schloss und die Stimmen der beiden verklangen langsam im Treppenhaus. Stille verschleierte die Wohnung. Ich stützte mein Kinn in die Hand, sah aus dem Fenster, hinter dem die ersten Schneeflocken durch die Straßen wehten und hätte fast geheult.

*

Als sie zurückkamen, schimmerten Tränen auf Pauls roten Wangen und die Augenbrauen schoben sich zusammen, bis eine Zornfalte zwischen ihnen entstand. Er knallte Jacke und Schuhe in den Flur und setzte sich dann mit verschränkten Armen auf das Sofa.

»Du hattest recht«, sagte er. »Der Weihnachtsmann war schon weg. Was soll ich denn jetzt machen, Papa?«

Connie legte ihren Mantel ab und sammelte Pauls Sachen vom Boden auf.

»Darüber haben wir doch schon gesprochen, Schatz«, sagte sie. »Der Weihnachtsmann ist morgen wieder da. Dann gehen wir noch mal hin.«

»Aber wenn er nicht kommt? Wenn er lieber die anderen Kinder besucht, wie Papa gesagt hat?«

»Er kommt, das verspreche ich dir. Und wir gehen gleich hin, wenn ich dich aus der Kita abgeholt habe. Jetzt lass uns aber erst mal was essen. Ich mache dir Pfannkuchen, wenn du willst.«

Für den Rest des Abends ignorierte Connie mich. Erst als wir ins Bett gingen, schien ich wieder zu existieren.

»Und, wie war’s beim Verlag? Hast du den Millionendeal unterschrieben?«

»Äh … das hat sich erledigt. Sie…«

»Hältst du mich eigentlich für bescheuert? Das war total mies von dir, du weißt genau wie sehr Paul sich auf den Weihnachtsmann freut.«

Ich nickte und zupfte nervös an der Bettdecke herum.

»Mehr hast du nicht zu sagen?«

Sie versuchte mich wieder mit dem Eisköniginnenblick zu gefrieren. Ich schlug die Decke zurück und wollte aus dem Bett springen, doch Connie packte mich am Handgelenk.

»Was willst du hören?«, sagte ich, versuchte mich aber nicht aus ihrem Griff zu befreien. »Dass ich mich beschissen fühle? Dass ich unseren Sohn enttäuscht habe? Dass ich als Vater nichts tauge?«

»Es würde mir schon reichen, wenn du nicht wieder wegrennst, sondern mir endlich erklärst, was für ein Scheiß Problem du mit Weihnachten hast? Jedes Jahr dieses Theater. Ich darf keinen Baum aufstellen, Weihnachtsschmuck ist verboten und Paul bekommt nie Besuch vom Weihnachtsmann. Was soll das? Ich versteh’s nicht.«

»Ich habe meine Gründe…«

»Na, da bin ich aber gespannt.«

Mir war klar, dass wir dieses Gespräch eines Tages führen mussten. In den vergangenen Jahren war es einige Male fast soweit gewesen, doch bisher hatte ich es immer abwenden können. Diesmal jedoch schien Flucht unmöglich. Nicht weil Connie mich festhielt oder stärker nachbohrte als sonst, sondern weil mir einfach die Kraft fehlte, mich dagegenzustemmen.

»Nils bitte, Paul ist schon fünf und durch den Kindergarten geistern bereits die ersten Gerüchte, dass nicht der Weihnachtsmann, sondern die Eltern die Geschenke bringen. Nächstes Jahr zerplatzt der Traum vielleicht schon. Tu es nicht für mich, tu es für ihn.«

Sie ließ mich los und ich seufzte schwer, als ich mich ins Kissen zurücksinken ließ. »Ich habe das noch niemandem erzählt… Es ging nicht. Dabei zerfrisst es mich. Jeden Jahr ein bisschen mehr.«

Connies Augenbrauen hoben sich. »Was es auch ist, du weißt, du kannst mir vertrauen.«

»Mir war es einfach zu peinlich mit jemandem darüber zu reden. Darum bin ich auch nie bei einem Arzt oder Psychologen oder so gewesen. Ich habe lediglich ein wenig im Internet geforscht, aber schlau wurde ich daraus auch nicht, im Gegenteil.«

»Und worauf bist du gestoßen?«

»Auf nichts Greifbares. Auf… auf… na ja, die einzige Sache, die im Zusammenhang mit meiner Haltung zu Weihnachten steht, hat mit einer Angststörung zu tun. Wahrscheinlich hast du davon noch nie gehört. Sie nennt sich… Hagiophobie.«


Text: Tim Reischke

22 – Leidenschaften

„Während das triviale Sammeln im Rahmen von Kunst und der Präsentation in Museen in der Regel gesellschaftliche Anerkennung und Zuspruch findet, wird das in den Alltag eingelagerte triviale Sammeln, welches alle Gesellschaftsschichten durchzieht, vorschnell in die Banalität abgedrängt. Sammeln ist demnach nicht  gleich Sammeln. Es gibt deutliche Unterschiede bezüglich der Funktionen, des  Ansehens und der Bewertung des trivialen Sammelns.“

Denise Wilde

Und sammelt nicht jeder irgendetwas? Platten, CDs, Souvenirs, Pflanzen oder gar Gewürze? Wovon haben Sie eine beträchtliche Anzahl in den Tiefen ihrer Schränke? Und würden sie es unter einem Schmunzeln als eine banale Sammlung abtun, oder wäre es eher etwas, von dem Sie gesellschaftliche Anerkennung erwarten würden?


Text: Catharina Rittmann
Bild: Ingmar Stange

Quelle:
Wilde, D., 2015: Dinge sammeln. Annäherungen an eine Kulturtechnik. Bielefeld: transcript, S.37.

 

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Lutz Lewejohann, ohne dessen freundliche Bereitstellung der Sammlungen dieser Beitrag nicht zustande gekommen wäre.

21 – Der Kampf um die „Brigade der sozialistischen Arbeit“

Das Archiv der Buchwissenschaft in der Hainstraße beherbergt ein paar dieser Brigadetagebücher, die von den Höhen und Tiefen einzelner Kollektive des Volksbuchhandels zeugen.

Das Brigadetagebuch diente zur literarisch-dokumentarischen Präsentation der Entwicklung eines Arbeitskollektivs in der DDR. Es war in vielen Betrieben und Einrichtungen vorzufinden. Vor allem die Bemühungen zur Erfüllung im sozialistischen Wettbewerb, und schließlich auch ihre Ergebnisse, wurden teilweise sehr liebevoll und detailliert niedergeschrieben oder gezeichnet. Der Brigade war in der Gestaltung keine Grenzen gesetzt und so finden sich sowohl kurze Notizen, Mitteilungen, Erlebnisberichte, statistische Zusammenfassungen, lyrische Ergüsse oder auch Zeichnungen oder Collagen.

Das System der Brigade, das nach 1958 das traditionelle Meistersystem in der Industrie und später  in anderen Bereichen ablöste, förderte das kollegiale Miteinander und oft entwickelten sich enge Freundschaften unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines Kollektivs. In den Verlagshäusern wurden Brigaden in der Mitte der 1960er Jahre eingeführt. Stets im Wettbewerb mit anderen Brigaden, konkurrierten die Kollektive um die beste Planerfüllung und um hohe Prämien oder begehrte Urlaubsplätze.

Durch Fotos und Belege von gemeinsamen Freizeitaktivitäten oder Exkursionen bemühten sich die Brigaden um den Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“, wozu selbstverständlich auch eine gute Planerfüllung gehörte; ganz nach der Devise: „sozialistisch arbeiten, lernen und leben“.

Einen Einblick in andere Brigadetagebücher findet sich hier.


Text: Carolin Haynert
Bild: Ingmar Stange

 

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Lutz Lewejohann, ohne dessen freundliche Bereitstellung der Sammlungen dieser Beitrag nicht zustande gekommen wäre.