300 Jahre Breitkopf & Härtel: Ein Leipziger Musikverlag im “Tausendjährigen Reich“

300 Jahre Breitkopf & Härtel: Ein Leipziger Musikverlag im “Tausendjährigen Reich“ – eine Ausstellung der Buchwissenschaft Leipzig.

Die feierliche Ausstellungseröffnung findet am Donnerstag, den 14. Februar 2019 | 18 Uhr im Ariowitsch-Haus (Salon) – Hinrichsenstraße 14, 04105 Leipzig –  statt.

Die Ausstellung ist bis zum 7. April 2019, jeweils Montags bis Donnerstag, in der Zeit von 9 bis 17 Uhr zu besichtigen.

 

24 – Eislauf

Der folgende Beitrag ist vollständig Rainer Schmitz’ Nachschlagewerk „Was geschah mit Schillers Schädel“ entnommen. Wir bedanken uns herzlich für die Erlaubnis, das Werk für unseren Adventskalender nutzen zu dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Klopstock gehörte zu den Wegbereitern des Eislaufs. Schon im Jahre 1751, als der junge Dichter nach Kopenhagen berufen wurde, warf er sich mit solcher Begeisterung in die Sportart, daß [sic] er alle seine Freunde aufforderte, seinem Beispiel zu folgen. „Mit der Salbung eines Heidenbekehrers“, so berichtet etwa Helfrich Peter Sturz, „predigte Klopstock uns Eislauf. Und welche Wunder bewirkte er, denn selbst mich, der ich mit meiner beleibten Statur nicht gerade zum Schweben gebaut bin, hat er aufs Eis argumentiert. Alle kleinen Wasseransammlungen um Kopenhagen waren ihm bekannt, und er liebte sie nach der Reihe, wie sie später oder früher zufroren. Mit hohem Stolze sah er auf alle Verächter der Eisbahn herab, und eine Mondnacht auf dem Eis war ihm eine Festnacht der Götter:

‚Nur ein Gesetz: wir verlassen nicht eher den Strom, / Bis der Mond am Himmel versinket.‘

Doch wehe mir, wenn ich sein Gesetz durch eine Glosse verdrehte, mit welchem Hohngelächter rügte er meine Sünde!“

Klopstock verführte Matthias Claudius, der 1764 nach Kopenhagen kam, ebenso zum Eislauf, wie den jungen Goethe zur „beschwingten Kunst Tialfs“. Der aber rühmte sich, bereits als Kind „dieser Lust unmäßig nachgegangen“ und ein „leidenschaftlicher Schlittschuhfahrer“ gewesen zu sein. Der poetische Eisläufer erlebte in winterlicher Natur bei Vollmond auf überfrorenen Wiesen „Ossianische Szenen“, bei Tage war er auch auf der Weimarer Eisbahn, dem „Versammlungsort guter Gesellschaft“. Auch kannte Goethe sich gut mit dem Gerät für die entsprechenden Lauftechniken aus. Die „hohen, hohlgeschliffenen“ Schlittschuhe nahm er zum Ziehen von Kreisen und Achten. Fürs Schnellaufen [sic] bevorzugte er die „flachgeschliffenen, friesländischen Stähle“. Wie vieles andere geriet Goethe selbst der Eislauf zum Lebensgleichnis, weil dabei „das Vorwärtsdringen“ stets „dem zurückbleibenden Fuße zukommt“.

Auf Klopstock aber schrieb Goethe die berühmte Ode „Der Eislauf“, in welcher er gemahnt:

Du kennst jeden reizenden Ton
Der Musik, drum gib dem Tanz Melodie!
O Jüngling, der den Wasserkothurn
Zu beseelen weiß, und flüchtiger tanzt,
Laß der Stadt ihren Kamin! Komm mit mir,
Wo des Kristalles Erbe dir winkt!

Im November 1770 kehrte Klopstock von Kopenhagen nach Hamburg zurück. Hier hatte der sechsundfünfzigjährige Eissport-Altmeister, wie er seinem Freunde Gleim nach Halberstadt berichtete, „eine ganz große, erhabene, gewichtige, schwere Sache vor! Ich will (doch ich möchte nichts davon gesagt haben, weil man mit solchen kühnen Projekten ja auch leicht scheitern kann!) unsere leichtesten und jüngsten Damen zu Schlittschuhläuferinnen machen!“ Bis zu seinem dreiundsiebzigsten Jahr huldigte der rüstige Dichter dem Eislauf. Als er schließlich darauf verzichten musste, seufzte er traurig:

Also muß ich auf immer Kristall der Ströme dich meiden?
Darf nie wieder am Fuß schwingen die Flügel des Stahls?
Wasserkorthun, du warest der Heilender einer; ich hätte
Unbeseelt von dir, weniger Sonne gesehen!“

Ein originales Paar seiner Schlittschuhe ist erhalten geblieben und heute im Klopstock-Museum zu Quedlinburg ausgestellt. Begünstigt wurde die beliebte Fortbewegungsart durch eine kleine Zwischeneiszeit in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

[…]


Literatur:

Schmitz, R. (2006). Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen, Frankfurt am Main: Eichborn AG.

< Türchen 23

23 – „… kein lebendiges Wort mehr herausbringen.“

Christa Wolf und ihr Verleger Elmar Faber

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Beitrag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein mysteriöses Zitat, für dessen Veröffentlichung Christa Wolf verbissen kämpft – ein Kampf der schließlich zu einer Grundsatzdebatte über das Schreiben, die Zensur und die Sorge um die Zukunft der Menschheit führt. Worum handelt es sich und wie können wir diesen Brief verstehen?

1986: Es ist Herbst in Ost-Berlin und die international bekannte DDR-Schriftstellerin Christa Wolf – zu diesem Zeitpunkt 57 Jahre alt – ist empört. Im vergangenen Jahr hatte sie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur verliehen bekommen und ihre Dankesrede für einen radikalen Vergleich genutzt:

„Die arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaften müssen die Fähigkeiten, Strebungen und Wünsche ihrer Mitglieder nach ähnlichen Gesichtspunkten als ‚nützlich‘ oder ‚unnütz‘ selektieren wie die KZ-Bewacher die ihnen ausgelieferten Häftlinge als ‚noch brauchbar‘ oder ‚lebensunwert‘.“

Erscheinen sollte die Rede ursprünglich in „Die Dimension des Autors“, einer zweibändigen Sammlung von Aufsätzen, Gesprächen und Essays der Schriftstellerin. Abgegeben hatte Wolf das Manuskript schon im Januar ’86 und es ist September, als ihr Verleger Elmar Faber sie darum bittet, zwischen zwei umformulierten Varianten zu wählen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Autorin bereits einer abgemilderten Passage zugestimmt. Ihr Antwortbrief fällt dementsprechend deutlich aus: Sie fordert gute Begründungen für Streichungen in ihren Schriften, pocht auf ihr Recht der freien Meinungsäußerung und betont den Wert der Freiheit des Schreibens als Lebensbedingungen für sie und Ihresgleichen. Es folgen harsche Kritik an Faber für seine Parteilinientreue an falscher Stelle, große Worte über Literatur sowie ein düsterer Ausblick auf deren Ende, nicht zuletzt die unterschwellige Drohung, eine öffentliche Debatte anzufachen. Wolf rechtfertigt die Ernsthaftigkeit ihres Schreibens mit der Sorge um einen drohenden Werteverfall und die Erinnerung an schlimme, vergangene Zeiten.

Ihre Motive, ihre Ahnungen und Befürchtungen erscheinen verständlich, doch was verwandelt den Brief in eine derart ernste und bittere Abrechnung?

Christa Wolf wird oft als kritische Zeitgenossin rezipiert, die sowohl mit dem offiziellen Parteikanon als auch mit der vorgegebenen, „erlaubten“ Sprache ihre Probleme hatte. Dennoch war sie vierzig Jahre lang überzeugtes, wenn auch kritisches Mitglied in der SED. So wurde sie denn auch im Westen als Fremde erkannt: „Christa Wolf ist als Sozialistin zu Besuch in einem nichtsozialistischen Land.“

Um ihr Verhältnis zur Zensur richtig zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass sie niemals den kulturpolitischen Instanzen die Alleinschuld für die Schwierigkeiten und den Druck des Schreibens geben wollte und konnte. Tatsächlich sah Wolf ihren ärgsten Feind in ihrer „Selbstbewachung“, dem Wissen um die Macht der Worte, das dazu führte, dass sie oft mehrere Jahre brauchte, um Bücher von wenigen hundert Seiten fertigzustellen. Heinrich Böll schrieb einige Jahre zuvor treffend: „Autorschaft setzt permanente Überprüfung […] der eigenen Position, des Zustandes der Welt, der Gesellschaft, des Staates, in dem einer lebt, voraus.“

Damals wie heute.

Tabea Speder


Literatur:

Drescher, A. (Hg.) (1990). Christa Wolf. Ein Arbeitsbuch. Studien, Dokumente, Bibliographie. Frankfurt am Main: Luchterhand-Literaturverlag.

Nowojski, W. (1987). Berlin – ein Ort für den Frieden. internationales Schriftstellergespräch anläßlich des 750jährigen Jubiläums der Stadt, 5. – 8. Mai 1987. Berlin: Aufbau-Verlag.

Wolf, C. (2016). Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952-2011, hg. v. Sabine Wolf. Berlin: Suhrkamp Verlag.

 

< Türchen 22                    Türchen 24 >

22 – Über einen leeren Schreibtisch voll von Träumen oder davon, wie man das Leben zu seinem Knecht macht

Wolfgang Koeppen und sein Verleger Siegfried Unseld

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Buchhändler. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Wolfgang Koeppen (1906-1996) brachte der Literaturwelt das Warten bei und schenkte seiner Umgebung die Gabe der Geduld, während er sich friedlich in Luftschlössern von Ideen, Fantasien und unvollendeten Texten herumtrieb.

Hunderte von Briefen verfasste er an seinen Verleger Siegfried Unseld, deren Kern nur eines zu sein scheint: Ausreden, Erklärungen und Gründe für das Nichtschreiben. Das Werk eines wahren Meisters der Prokrastination. Dabei scheint es von Anfang an so, als hätten Koeppen und Suhrkamp einen stillen, ungeschriebenen Vertrag geschlossen, bei dem Koeppen dazu verpflichtet war immer wieder falsche Versprechen abzugeben, während Unseld sich blind stellen und die Hoffnung auf neue Romane geduldig bewahren sollte. Der vorgestellte Brief: ein erstklassiges Beispiel.

Seiner Nachkriegstrilogie und seinen Reiseberichten verdankte er seinen Ruhm, einen Vertrag mit dem Suhrkamp Verlag und sich daraus ergebend Unmengen an Geld. Koeppen brauchte nur darum zu bitten, hier und da ein paar annehmbare Gründe zu benennen, sich ausgedehnt zu bemitleiden und dem Gewidmeten seiner Briefe eine Prise Hoffnung auf neue Werke zu schenken. Das war seine Formel für das Schreiben schwarzer Zahlen auf seinem Konto. In den ersten zwei Arbeitsjahren zauberte er sich so bis zu 80.000 DM. Ein Betrag, dessen Höhe zu diesen Zeiten keinem anderen Autor vorgeschossen wurde. Hilfreich dabei war sein umfassendes Repertoire an Ausreden über Krankheiten, Ängste, Sorgen, Umzüge und ausgedehnten Reisen. Der Lieblingssündenbock: seine 20 Jahre jüngere, alkoholsüchtige und suizidgefährdete Frau Marion, welche ihn angeblich vom Vollenden abhielt. Seitenlang und minutiös entfaltet er in Briefen seine spannungsreichen Erzählkünste – berichtet dabei von ihr und ihrem kunstzerstörerischen Benehmen. Wie viele von den Szenarien der Wahrheit entsprachen…darüber können wir heute nur spekulieren.

Die Atmosphäre, die jeden Leser seiner Briefe umhüllt, ist erfüllt von bedrückender Verzweiflung und Beklommenheit. Wie in einem Kopfkino passieren die geschilderten Szenen vor dem inneren Auge und lassen an dem Geschehen teilhaben. Besonders begeistert von Koeppens bildhaften Darstellungen war immer wieder sein treuer Verleger, welcher tiefer in das Chaos hineinblicken durfte. Er (über-)schätzte Koeppens fesselnde Art zu schreiben: „als ich Ihren Brief vom 18. August las, dachte ich, welch ein Brief, welch ein Dokument, welch ein Schreiber“ – so beschrieb er mit eigenen Worten seinen Autor und Schreiben in einem Antwortbrief vom 31. August 1967.

Auch Ermutigungen und viel Verständnis gehörten zur konstanten Choreografie der Partner. Auf jede Absage Koeppens erfolgte ein ‚Motivationsbrief‘ Unselds. Weiter antwortete der Suhrkamp-Chef: „Ich sah Ihre Situation, die Sie so schilderten, wie dies in einem ‚Roman‘ nie möglich wäre, und war doch ratlos. Ich folgte gespannt den Wendungen dieser Tragödie ohne Katharsis, ohne sie begreifen zu können, ich spürte die Verzweiflung, Ihre Verzweiflung, ohne einen Sinn zu sehen.

Seitdem ich Ihren Brief las, verfolgten mich seine Worte und Begebenheiten. Es ist mir, als könne ich das nie vergessen. Die Worte, die meine Sprache dafür findet, sind unzulänglich. […]“.

Unseld versuchte sich als Fan, Freund und Facharzt. Sein endgültiger Befund lautet: „Sie haben Schwierigkeiten beim Schreiben von Literatur, weil Sie diese Literatur in einer Hautnähe erleben, die Ihrem Schreiben keinen Atem lässt. […] Nur Sie selbst können sich am eigenen Schopfe herausziehen. Und nur indem Sie aus Ihrer Riesenschwäche ein Problem machen, dessen Subjektivität durch Besessenheit und Ausschließlichkeit ins Objektive und Rezipierbare umschlägt. Sie müssen sich selber schreiben. Sie müssen sich umgraben mit eigenem Wort. Ihr Brief zeigt mir, dass Sie sich vertrauen können. Sie sind stärker, als Sie wissen!“.

Dreißig Jahre lang tanzten sie zur gleichen Musik. Alle Briefe im gleichen Ton, mit der gleichen Melodie, von Unseld jedoch wie einzigartige Kunstwerke behandelt. Der Schreiber wird dementsprechend belohnt und gerühmt, bis an sein Lebensende. Koeppen beherrschte eben die besondere Kunst, andere für sich arbeiten und sorgen zu lassen, Sponsoren und Unterstützer für sich zu gewinnen, wie ein Hätschelkind behandelt zu werden – das Leben zu seinem Knecht werden zu lassen.

Sarah Belen Ekkel


Literatur:

Estermann, A. & Schopf, W. (Hrsg.). (2006) „Ich bitte um ein Wort“. Der Briefwechsel. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Häntzschel, H. (2016, 12. März). Einblicke in den Schriftstellernachlass. Bayerischer Rundfunk. Zugriff am 10.09.2018. Verfügbar unter https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/bayerisches-feuilleton/wolfgang-koeppens-nachlass-haentzschel100.html.

Schneider, W. (2006, 23. Juni). Der Tanz um das ungeschriebene Buch. deutschlandfunkkultur.de. Zugriff am 10.09.2018. Verfügbar unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-tanz-um-das-ungeschriebene-buch.950.de.html?dram:article_id=134116.

 

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