6 – Vom Lesen auf der Toilette

HALLO! Willkommen in meinem Adventskalendertürchen, willkommen im Nikolaus!

Bevor du diesen Text lesen kannst, müssen einige Vorbereitungen getroffen werden. Schnappt euch euer Smartphone, euren E-Reader, Laptops oder druckt den Text einfach aus. Aber bitte das ökologisch wertvolle Papier verwenden.

Jetzt geht ins nächstgelegene Badezimmer.

– ich gebe euch kurzen Moment dazu –

Atmet tief durch, öffnet den Toilettendeckel und nehmt Platz. Dann kann es ja losgehen:

Habt ihr schon gehört, dass Lesen auf der Toilette ungesund sein soll? Proktologen warnen vor einem erhöhten Risiko für Hämorrhoiden. Das quetsche die Hämorrhoiden so richtig nach unten, wenn man länger als fünf Minuten sitzen bleibe. Naja, ein paar Minuten habt ihr ja noch.

Ob Instagram, Facebook, Zeitungen, Comics, Epik, Dramatik, Lyrik oder Sachbücher. Es wird viel und lang gelesen auf den Toiletten. So mancher verbringt weit über sein Geschäft hinaus einige Zeit an diesem stillen Örtchen. Die Klolektüre mutiert zu einer Tradition, einem Kult, einer Lebenseinstellung. Hier kann ich, ganz und gar ich, und nur für mich sein – ein ruhiger Ort zum Lesen. Es ist anzunehmen, dass sich die Leselust auf dem Klo weit über Bücher hinaus geht und sich analog auf Smartphones und Laptops übertragen lässt.

Bevor sich euer Weihnachtstürchen wieder schließt und ihr in den Nikolaus entlassen seid, hier noch ein Stück Lyrik, das sich dem eigentlichen Sinn des Toilettengangs widmet. Ich hoffe ihr habt noch genügend Zeit:


Die Scheisse

Immerzu höre ich von ihr reden
als wäre sie an allem schuld.
Seht nur, wie sanft und bescheiden
sie unter uns Platz nimmt!

Warum besudeln wir denn
ihren guten Namen
und leihen ihn
dem Präsidenten der USA,
den Bullen, dem Krieg
und dem Kapitalismus?

Wie vergänglich sie ist,
und das was wir nach ihr nennen
wie dauerhaft!
Sie, die Nachgiebige,
führen wir auf der Zunge
und meinen die Ausbeuter.
Sie, die wir ausgedrückt haben,
soll nun auch noch ausdrücken
unsere Wut?

Hat sie uns nicht erleichtert?
Von weicher Beschaffenheit
und eigentümlich gewaltlos
ist sie von allen Werken des Menschen
vermutlich das friedlichste.
Was hat sie uns nur getan?


Text: Lars Rummel
Gedicht aus: Enzensberger, H.M., 1999: Gedichte, Band 4. Berlin: Suhrkamp.
Bild: Ingmar Stange