6 – „Der Weg von Ihrem Herzen bis zu Ihrer Tasche ist sehr weit“

Heinrich Heine und sein Verleger Julius Campe

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heinrich Heine. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Wir schreiben das Jahr 1826 und befinden uns mitten im kritischen Vormärz. An einem kalten Januartag jagt Schneesturm durch die Hamburger Bohnenstraße. Genau hier beginnt eine gemeinsame, fast dreißigjährige Erfolgsgeschichte: Heinrich Heine (1797- 1856), wohl allen bekannt als Dichter der Liebe und Begleiter der Revolution, gilt als „Prototyp des modernen Berufsschriftstellers“. Julius Campe (1792- 1867), der wagemutige „Odysseus des deutschen Buchhandels“, zählt zu den bedeutendsten Verlegerpersönlichkeiten Deutschlands. Der Briefwechsel der beiden ist geprägt von Honorardiskussionen, verspäteten Manuskriptlieferungen und der leidigen Zensurfrage.

„Lieber Campe!“- allein diese bescheidene Anrede ist für Heine unüblich und zeigt seinen Zorn. Mit „mißhelligkeiten [sic]“ bezeichnet Heine die Unstimmigkeiten über den zweiten Band seiner Sammlung „Der Salon- Gedichte zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“. Campe hatte diesen Band trotz des zensurfreien Umfangs von über 21 Bogen zur Zensur gegeben, um dem befürchteten Verbot des fertigen Buches vorzukommen. Heine, seit Mai 1831 im Pariser Exil, war über den ausgebliebenen Versand mehr als verärgert und witterte Absicht dahinter.

Nur zufällig findet Heine in einer Pariser Buchhandlung sein Werk, das er sich nun selbst kaufen muss und welches durch größere Striche und kleinere Auslassungen ruiniert ist. Es war ein alter Vorwurf Heines an Campe, den „verstümmelten Druck seiner Werke zugelassen“ und „ihn aus Geschäftsinteresse der Zensur geopfert“ zu haben. Aber jetzt tritt Heine gegen den Verleger an die Öffentlichkeit und wendet sich am 19. März 1835 an die Allgemeine Zeitung. Dies führt zum öffentlichen Eklat und Campe stuft Heines Verhalten als „Verrat“ ihrer Freundschaft ein. Er reagiert mit einer Gegenerklärung. Zensierte Textstellen durften ab 1826 in Preußen und ab 1834 im gesamten Deutschen Bund nicht mehr durch Zensurstriche kenntlich gemacht, die zensierten Texte mussten kostenaufwendig neu gesetzt werden. Dadurch war der  Verleger zur Selbstzensur gezwungen.

Dann emotionalisiert sich Heines Ton, denn es geht um Geld. Wütend gibt er Campe zu verstehen, dass er sich wegen des zu niedrigen Honorars ungerecht behandelt fühlt.  Heute ist bekannt, dass Campe nicht mit den Großen seiner Zeit konkurrieren und niemals Honorare wie Cotta zahlen konnte. Heines Vorwurf, Campe würde anderen Autoren höhere Honorare zahlen als ihm, ist schlichtweg falsch, da er der bestbezahlte Campe-Autor war. Aber bei anderen Verlegern hätte er durchaus viel mehr verdienen können.

So ist die gesamte Korrespondenz von penetranten Honorarforderungen durchzogen. Einmal bemängelte Campe, weder Titel noch Information über ein neues Werk Heines bekommen zu haben, dafür aber bereits die dazugehörige Honorarforderung. Heine versteht sich zunehmend als Geschäftsmann, er erpresst und demütigt Campe durch den Verweis auf überlegene Konkurrenten. Aber schließlich die eigentliche Überraschung am Ende des Briefes: Er verzeiht ihm doch und will ihre innige Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.

Die Beziehung von Autor und Verleger hatte enthusiastisch begonnen. Trotz Widerständen kann von einem über dreißig Jahre währenden konstanten Verhältnis gesprochen werden, welches, wie aufgezeigt, ein ständiges Auf und Ab beinhaltete. Das Bild der „Literarischen Ehe“ scheint daher treffend. Denn wenn auch ihre Briefe nicht immer erfreulich waren, die temperamentvollen Partner mal verhandelten, mal zusammenarbeiteten und eben auch heftig stritten, begegneten sich die beiden doch stets auf Augenhöhe und versuchten sich zu respektieren. Trotz vieler „Ehekrisen“ hielt ihre Bindung bis zum Tod.

Lea Ortmann


Literatur

Heinrich-Heine-Portal. Briefe von Heine nach Adressaten. Heine an Campe vom 07.04.1835. Abgerufen am 13.07.2018 von: http://www.hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/briefe/01briefevon/adressat/A/index_html?widthgiven=30&letterid=W21B0529&lineref=0&mode=1.

Höhn, G./ Liedtke, C. (2007). „Der Weg von Ihrem Herzen bis zu Ihrer Tasche ist sehr weit“. Aus dem Briefwechsel zwischen Heinrich Heine und seinem Verleger Julius Campe (1. Auflage), Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag.

Höhn, G. (2004). Heine-Handbuch. Zeit – Person – Werk (3. Auflage), Stuttgart und Weimar: J.B. Metzler

Joch, M. (2007). Emotion und Einkommen. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Heine und Julius Campe erzählt von einer einmaligen Autor-Verleger-Beziehung. [Artikel] Abgerufen am 13.07.2018 von  https://literaturkritik.de/id/10820.

Pfister, E. (2007). Einblicke in eine literarische Ehe. Der Briefwechsel zwischen Autor Heine und Verleger Campe, Deutschlandfunk. [Artikel] Abgerufen am 13.07.2018 von https://www.deutschlandfunk.de/einblicke-in-eine-literarische-ehe.700.de.html?dram:article_id=83387.

Pfister, E. (2007). Zwei ausgefuchste Partner, Deutschlandfunk. [Artikel] Abgerufen am 13.07.2018 von http://www.wz.de/home/kultur/buch/zwei-ausgefuchste-partner-1.471774.

Ueding, G. (1981). Hoffmann und Camp. Ein deutscher Verlag (1. Auflage), Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag.

Ziegler, E. (1976). Heine-Studien. Julius Campe – Der Verleger Heinrich Heines (1. Auflage),  Hoffmann und Campe Verlag.

 

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