5 – Unter Vetturinos

Arthur Schopenhauer und sein Verleger F. A. Brockhaus

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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„Das Leben ist eine mißliche Sache, ich habe mir vorgestellt es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken“ – so sagte Schopenhauer bereits im zarten Alter von 23 Jahren.

Sechs Jahre später, wir schreiben den August 1818. Es ist nicht mehr lang bis zur Michaelis-Messe im Herbst, der Leipziger Buchmesse, auf der Arthur Schopenhauer sein „Kind“ der Welt präsentieren möchte. Das hat er sich fest in den Kopf gesetzt. Bei seinem Nachkommen handelt es sich nicht um einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern um gedruckte Worte auf Papier. Jahrelang hat er an „Die Welt als Wille und Vorstellung“ gearbeitet: „Ich habe gelebt, um mein Buch zu schreiben.“ Und die Dauer des Buchdruckes zieht sich weitaus länger hin, als Schopenhauers es sich vorgestellt hat. Nun rennt die Zeit und er ist von beispielloser Ungeduld.

Im Brief vom 31.08.1818 macht er seinem Unmut Luft, tritt fordernd gegenüber seinem 16 Jahre älteren und weitaus etablierteren Verleger Friedrich Arnold Brockhaus auf. Die Beziehung der beiden ist alles andere als freundschaftlich. Schopenhauer ist enttäuscht und aufgebracht. Er verletzt Brockhaus in seiner Verlegerehre, betitelt ihn als unzuverlässig und unterstellt, dass „Wort und That, Versprechen und Halten, zwei sehr unterschiedliche Dinge“ seitens Brockhaus seien. Außerdem bemängelt er das Layout der wenigen gedruckten Exemplare.

Es wird deutlich, dass Schopenhauer ganz genaue Vorstellungen davon hat, wie sein Buch aussehen soll. Das hat er zuvor im Vertrag mit Brockhaus festhalten lassen und nun soll er akzeptieren, dass 35 statt 30 Zeilen pro Seite gedruckt werden? Nein, nicht mit ihm. Er pocht darauf, dass er seinen Teil der Vereinbarung stets eingehalten habe. Er „habe gearbeitet wie ein verhungerter Abschreiber“, um alles fristgerecht seinem Verleger zukommen zu lassen. Auch Geld, das zu Beginn des Briefwechsels der beiden kein Thema war, ist jetzt von Belang. Da Schopenhauer absolut kein Vertrauen mehr hat, verlangt er eine unverzügliche Bezahlung – als Zeichen dafür, dass es Brockhaus ernst ist, überhaupt zu drucken. Als letzte Instanz droht der Autor gar damit, gerichtlich gegen die Vertragsverletzungen seitens Brockhaus vorzugehen. Wie aufgebracht der Philosoph ist, untermauert er im letzten Satz des Briefes mit den Worten: „meine Geduld, wie sie sehen […] [ist] zu Ende“. Da muss man nicht zwischen den Zeilen lesen, um den Argwohn zu erkennen, den er gegenüber seinem Verleger hegt.

Am 24. September 1818 folgt als Antwort darauf der letzte Brief dieser Korrespondenz. Darin zeigt Brockhaus, dass auch er die verbale Peitsche schwingen kann. Er schmettert alle Anschuldigungen ab, betitelt sie als „injuriöse Behauptungen“. Er ist über Schopenhauers Aussage derart erbost, dass er den Briefwechsel endgültig beendet. Er lässt es sich nicht nehmen, ihm zum Abschied zu prophezeien, er würde an Schopenhauers „Werke bloß Maculatur […] drucken“.  So endet die Korrespondenz mit gegenseitigem Argwohn und harten Worten. Es ging zwischen ihnen zu wie „unter Vetturinos“, wie unter Kutschern.

Emilie-Jo Socher


Literatur

Lütkehaus, L., & Schopenhauer, A. (Eds.). (2011). Dtv: Vol. 30671. Die Welt als Wille und Vorstellung: I und II (Gesamtausgabe, 5. Auflage 2011). München: dtv.

Pisa, K. (1988). Schopenhauer: Der Philosoph des Pessimismus (Durchges. u. korr. Neuaufl.). Heyne-Bücher 12, Heyne-Biographien: Vol. 164. München: Heyne.

Schopenhauer, A., Brockhaus, F. A., & Lütkehaus, L. (Eds.). (1996). Das Buch als Wille und Vorstellung: Arthur Schopenhauers Briefwechsel mit Friedrich Arnold Brockhaus. München: Beck.

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