5 – The Book of Kells – Ein Meisterwerk der mittelalterlichen Buchkunst

Es gilt als Irlands größter historischer Schatz und als eines der spektakulärsten Beispiele mittelalterlicher und christlicher Künste der Welt. Der außergewöhnliche Einfallsreichtum und die handwerkliche Kunstfertigkeit seiner Herstellung unterscheiden das Book of Kells von anderen Handschriften der Zeit und trugen dazu bei, dass es seit 2011 zum UNESCO Weltdokumentenerbe zählt. Es handelt sich dabei um eine Handschrift der vier Evangelien auf Latein, die mit ihren vielen detailreichen und filigranen Verzierungen in Form von Flechtwerk, Mustern und Spiralen neben christlichen Motiven als Beispiel der keltischen Buchmalerei in Vollendung gilt.

Das Faszinierende an dem Book of Kells sind die vielen Rätsel, die es Forschern auch heute noch immer aufgibt. Der Entstehungsprozess lässt sich nur schwer rekonstruieren, aber in der Forschung hat sich eine vage Datierung um 800 n. Chr. durchgesetzt. Es wird davon ausgegangen, dass Mönche in Iona, einer Insel vor der schottischen Nordküste, die Abschrift der Evangelien begannen, die während des Einfalls der Wikinger 795 nach Kells gebracht wurde. Die Unterschiede in der Handschrift, Struktur und der Kolorierung sowie beim Gewicht des Pergaments sind Hinweise für die Unterbrechung der Arbeit, die wahrscheinlich an seinem namensgebenden Ort weitergeführt wurde.

Die ersten Belege finden sich in den Annalen von Ulster, die von dem Diebstahl des Buches 1007 aus der großen Steinkirche von Kells berichten, nach dem das Buch zwar bald wiederentdeckt wurde – aber ohne seinen goldenen Einband. Im Gegensatz zu der mittelalterlichen Buchmalerei auf dem europäischen Festland, gab es in der insularen Buchproduktion keine klare Arbeitsteilung zwischen dem Schreiber und dem Buchmaler. In verschiedenen Studien haben Forscher herausgefunden, dass mindestens vier Schreiber und eventuell drei Buchmaler am Book of Kells beteiligt waren. Die Unterschiede lassen sich an den verschiedenen Schriften und Gestaltungen der Seiten ablesen. So hat einer der Schreiber die größte Schrift, die durch sehr ausdrucksstarke Ausstattungsmerkmale des Textes ergänzt wird (zum Beispiel auf Folio 104r zu sehen). Die Ausführungen unterscheiden sich also in ihrer Genauigkeit und in ihrer handwerklichen Leistung. Dieses beherrschte zum Beispiel der von Françoise Henry identifizierte „Goldschmied“, der die Seiten mit filigranen Goldverzierungenschmückte. Sein Stil unterscheidet sich nach Henry von dem des „Porträtmalers“, der beispielsweise die Bildnisse von Jesus oder den Evangelisten (z.B. Folio 28v) schuf, und dem des „Illustrators“. Bei genauer Betrachtung ist zu erkennen, dass manche Bilder unvollständig blieben: So fehlt  zum Beispiel ein Engelsgesicht oder auch mal ein Kopf.

Welchen Wert das Werk zur Zeit seiner Entstehung bereits hatte, wird auch an seiner Beschaffenheit deutlich. Wie damals üblich wurde für die Seiten teures Vellum (Pergament) aus Kalbshaut verwendet und mit Marderhaarpinseln oder Gänse- oder Schwanenfedern beschrieben und verziert. Für die Farben wurde unter anderem Orangerot aus Bleioxid, Gelb aus Arsensulfid und Blau aus der Indigopflanze gewonnen. Zugegeben: Im Bibliotop befindet sich ‚nur‘ ein Faksimile des Buches, aber auch das ist besonders wertvoll, denn es ist ein detailgetreuer und aufwendiger Nachdruck des Originals, der sogar die Löcher im Pergament wiedergibt. Wer genau hinsieht, kann auch hier ein paar der Fehler in der Abschrift erkennen, die damals nachträglich zum Beispiel durch kleine rote Punkte verbessert oder mit fehlenden Worten ergänzt wurden. Auf Folio 58r verkündet Jesus den Jüngern beispielsweise nun nicht, wie ursprünglich, dass er gekommen ist, um ihnen das  Schwert (gladium) zu bringen, sondern durch ein paar Fehler bringt er ihnen im Book of Kells die Freude (gaudium).

Das Original befindet sich seit 1661 in der Bibliothek des Trinity College in Dublin. Dorthin wurde es aus Sicherheitsgründen während der Irischen Aufstände geschickt. Heute kommen ca. eine halbe Million Besucher pro Jahr in die Schatzkammer der Bibliothek, um einen Blick auf das Kunstwerk zu werfen. Jeden Tag werden dort zwei neue Seiten unter konservatorischen Sicherheitsbedingungen ausgestellt. Wer sich alle Seiten genauer anschauen möchte, kann das hier digital tun oder sich die Ausgabe im Bibliotop zeigen lassen. Dafür danken wir auch der Universitätsbibliothek Leipzig, die uns diese freundlicherweise als Leihgabe überlassen hat.


Text: Sandra Maus
Bilder: Ingmar Stange

Quellen:
Meehan, B., 2016: Book of Kells. Das Meisterwerk keltischer Buchmalerei. Berlin: Verlag Frölich & Kaufmann.

UNESCO: Book of Kells. Online: http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/flagship-project-activities/memory-of-the-world/register/full-list-of-registered-heritage/registered-heritage-page-1/book-of-kells/ [20.11.2017].

Trinity College Dublin: Kein Titel. http://digitalcollections.tcd.ie/home/index.php?DRIS_ID=MS58_003v [22.11.2017].