4 – Ein kleines Geschäft oder ein großes Missverständnis?

J. W. von Goethe und sein Verleger G. J. Göschen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johann Wolfgang von Goethe. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

„Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muss es eine eigene Hölle geben“. Dieser Gedanke, zunächst ausgesprochen, weil „Die Leiden des jungen Werthers“ vielfach unrechtmäßig nachgedruckt wurde und zur Folge hatte, dass Goethe bei der Bearbeitung des Werthers 1786 mangels einer Originalausgabe auf einen Raubdruck zurückgreifen musste, sollte das Universalgenie bis zum Ende seines schriftstellerischen Wirkens begleiten. Allerdings auch vice versa: „(…) was dem Buchhändler nutzt, nutzt auch in jedem Sinne dem Autor, wer gut bezahlt wird, wird viel gelesen und das sind zwey löbliche Aussichten“. Goethe erwartete von seinen Verlegern eine Beziehung, in der Schriftsteller und Verleger gleichermaßen profitieren. Doch beachtete er dabei nicht, dass diese möglicherweise Beziehungen zu anderen Schriftstellern als aussichtsreicher ansehen könnten…

Denn wahnsinnig viel schien sich Göschen, der selfmade Unternehmer aus Bremen, zunächst nicht von Goethe zu versprechen. Vielmehr schien der Verleger mit dem Entschluss zur Herausgabe der ersten Gesamtausgabe Goethes seinem Freund und Geschäftspartner Christoph Martin Wieland einen Gefallen zu tun. Keine 1000 Subskribenten konnten vor der Veröffentlichung des ersten Bandes der Gesamtausgabe Goethes erreicht werden. Göschen machte dafür die unvollendeten Werke verantwortlich, die Goethe gleichermaßen neben dem Bekannten in seiner Schriftsammlung sehen wollte. Für den Dichter hingegen lag das Problem eher in Versäumnissen des Marketings, wofür seines Erachtens der Verleger zu verantworten war. Bedenkt man, dass Goethe seinen Verhandlungsstil selbst als „lakonisch, imperativ und prägnant“ bezeichnete und viel Wert auf eine Verlagsbeziehung legte, in der er seinem künstlerischen Anspruch gerecht werden könnte, ohne etwa drängende Fristen oder gängelnde Korrekturen eines Lektors befürchten zu müssen, fällt schnell auf, dass die Verlagsbeziehung Göschen-Goethe schon zu Beginn auf sehr wackligen Füßen stand.

Kurz nach Vertragsabschluss im Jahr 1786 folgte auch schon das erste Tumult stiftende Ereignis:

Seit 1780 hatte Goethe an seinem „Torquato Tasso“ gearbeitet, den er 1785 fertigstellte. Im Sommer 1786 – wohl in Vorfreude auf seine nahende Reise – kündigte Goethe sein neuestes Werk in Göschens Journal an, ohne seinem Verleger das Manuskript zuvor vorgelegt zu haben. Es sollte drei Jahre dauern, bis Göschen das vollständige Werk zu lesen bekam, da Goethe das Drama erst nach seinem Italien-Aufenthalt vorlegen wollte bzw. konnte. Doch sobald dies der Fall war, verlangte Goethe die alsbaldige Veröffentlichung des „Tasso“ durch Göschen. Dieser hatte jedoch nach dem langwierigen Hin und Her mit Goethe lieber ein Auge auf Schillers „Historischen Calender für Damen“ geworfen, was dem Universalgenie recht bitter aufstieß. Schließlich wurde das Drama erst Anfang 1790 fertiggestellt und im letzten Band der gesammelten Schriften Goethes veröffentlicht.

Darüber hinaus leistete sich Göschen aus Sicht des Dichters noch weitere Malheure: 1791 übergab Goethe seinem Verleger ein Manuskript zur Botanik. Göschen ließ den „Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ durch einen goethe-kritischen Gutachter prüfen, welcher dem Werk die nötige wissenschaftliche Qualität absprach. In Folge lehnte Göschen das Manuskript ab und Goethe sah sich „genöthigt, [sich] nach einem anderen Verleger […] umzusehen“. Als wäre dies nicht schon genug der unfeinen Art, erhielt Goethe nie Freiexemplare seiner gesammelten Schriften, während sein Verleger sogar noch eine zweite, kostengünstigere Version der Goetheschen Gesamtausgabe drucken ließ.

In den Augen des Universalgenies missachtete Göschen rigoros Goethes Stellung als Autor von Weltrang, der von seinem Verleger mehr als nur die Einhaltung eines Vertrages erwartete: Wertschätzung. Dem gegenüber stand Göschens anhaltender Fokus auf die Erweiterung des Autoren-Portfolios, was viele Jahre später wohl auch den Verleger Siegfried Unseld dazu veranlasste, zu behaupten, dass Göschen gegenüber Goethe schlicht ein schlechter Verleger war. Die Tatsache, dass sich Goethe und Göschen zeitlebens nie begegneten und ausschließlich über Korrespondenzen oder Vermittler bzw. Vertreter kommunizierten, verwundert daher nicht.

Trotz ihrer Differenzen arbeiteten die beiden weiter zusammen, durch Vermittlung Schillers druckte Göschen 1805 etwa Goethes Diderot-Übertragung „Rameau‘s Neffe“. Die Beziehung zwischen Autor und Verleger entspannte sich. Zuletzt schrieb Goethe:

„Ich hatte in meinen letzten Bänden bey Göschen das Möglichste gethan, z.B. in meinem Tasso des Herzbluthes vielleicht mehr, als billig ist, transfundirt, und doch meldete mir dieser wackere Verleger, dessen Wort ich in Ehren halten muss: daß diese Ausgabe keinen sonderlichen Abgang habe.“

Es scheint, als sei der Dichter altersweise geworden, klingt dieser Rückblick doch weit reflektierter, denn vorwurfsvoll, was sich auch in den abschließenden Worten widerspiegelt:

„Mit Herrn Göschen, dem Herausgeber meiner gesammelten Schriften hatte ich alle Ursache zufrieden zu sein“.

Tim-Oliver Hilgers

 

Noch nicht genug von Goethe? Hier erfahrt ihr, wie der Dichter und sein neuer Verleger Johann Friedrich Cotta zusammenkamen.


Literatur

Unseld, S. (1991): Goethe und sein verleger. Frankfurt am Main: Insel.

 

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