3 – Sünden meines Madensacks

G. A. Bürger und sein Verleger J. C. Dieterich

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gottfried August Bürger und seinen Verleger Dieterich verband Zeit ihres Lebens größtenteils eine Brieffreundschaft, da der Verleger seine Verlagsbuchhandlung in Göttingen betreute und Bürger selbst in wechselnden Dörfern im Umland wohnte. In jenen Briefen zeichnete stets eine charmante Dreistigkeit Bürgers Verhalten gegenüber seinem Verleger aus. Dementsprechend tauchen im Brief zwei grundlegende Motive auf, die beide Hinweise auf diese innige Beziehung geben. Die detailliert beschriebene Verletzung seiner Hand sowie eine vulgäre, derbe, jungenhafte Sprache stehen im Kontrast zum zweiten, ernsteren Motiv: Geld. Und zwar immer zu wenig davon. Beides waren immer wiederkehrende Themen in allen Briefen Bürgers.

Die Briefe an seinen Freund Dieterich ermöglichten es Bürger, direkt über den menschlichen Körper und die Lust in ihrer Natürlichkeit und Hässlichkeit reden zu können. Denn Bürger zeigt eine Faszination für all das. Der Körper hatte auch sprachlich seine Begeisterung geweckt. Fäkalsprache, Anales und sexuelle Andeutungen lassen sich in den Briefen zu Hauf finden. Kurz gesagt: Bürger fluchte gern! Im 18. Jahrhundert hatte er es damit in der Öffentlichkeit nicht leicht, denn in den gehobeneren Gesellschaftsschichten herrschte ein Idealbild bezüglich des Körpers und des ganzen Menschen, welches mit der „schönen Seele“ beschrieben werden kann. Einige Versuche Bürgers (der sich selbst nicht als Autor der Oberschicht, sondern als Autor des Volkes sah), Gedichte zu veröffentlichen, die ganz direkt die Natürlichkeit des Körpers beschrieben und dem gesellschaftlichen Idealbild nicht entsprachen, schlugen fehl. Die Gedichte wurden schlicht nicht gedruckt. Für die, die doch veröffentlicht wurden, erntete er genügend Kritik. Goethe und besonders Schiller schrieben abwertend über ihn, berufliche Stellungen wurden ihm verwehrt. In den Briefen an seinen Freund konnte er jedoch diesen Teil seiner Persönlichkeit und die Freude am Skandalösen und Schockierenden frei ausleben. Es gab wenige zeitgenössische Autoren, die ihm in seiner derben Direktheit annähernd gleichgekommen sind.

Chronisch blank und verschuldet hatte Bürger zuweilen sogar Mühe das jährliche Porto bei der Post zu begleichen. Zudem war er ein gutmütiger Kerl ohne große Menschenkenntnis, weshalb er oft auch noch die Schulden von Freunden oder Familie übernahm. Somit wurde ständige Geldleihe von Dieterich notwendig. Und damals wie heute wird es kompliziert, wenn Freundschaft und Geld sich mischen. Bürger hatte sogar die Unverfrorenheit, beleidigt zu sein, wenn Dieterich auf sein selten schönes Schnorren nicht eingehen wollte. Die Geschenke und großen Dankespakete, welche mit dem schlussendlich doch geliehenen Geld einhergingen, zeugten davon, dass Bürger mit seiner Mischung aus Beleidigungen, ehrlichen Bitten, Flüchen und hilflosem Tun, Dieterich offenbar meist doch zu überzeugen vermochte.

Abgesehen von ihrem Autor-Verleger-Verhältnis verband die beiden also etwas, was man als echte Männerfreundschaft bezeichnen könnte. Vor Dieterich konnte Bürger frei seine jungenhaften Ferkeleien ausleben und sich so geben, wie er war. Gleichzeitig schätzten sich die beiden sehr und halfen sich, wenn sie Probleme hatten. Ein Pech für Dieterich, dass sein Freund mehr Probleme hatte als er selbst und ihm so öfter zu Teil wurde, Bürger in primär Geld betreffenden Situationen beizustehen.

Dieterich war wohl eines der wenigen guten Dinge, die Bürger in seinem Leben passierten, und in dieser einen Person bewies er doch ein wenig Menschenkenntnis. Somit endet der Brief mit „Ewig der Eürige“ auch sehr wahrheitsgetreu. Und auch Dieterich blieb Bürger über dessen Tod hinaus verbunden und pflanzte, nachdem fast niemand zur Beerdigung gekommen war, eine Birke auf das Grab seines Freundes.

Lilly Schubert


Literatur

Bohm, A. (1994). Gottfried August Bürger – Texts of the Body. In: Studies in Eighteenth Century  Culture 23 (1), S. 161–178. DOI: 10.1353/sec.2010.0152.

Häntzschel, G. (1990). Mein scharmantes Geldmännchen – Gottfried August Bürgers Briefwechsel mit seinem Verleger Dieterich. Hrsg. von Ulrich Joost. In: Arbitrium 8 (2). DOI: 10.1515/arbi.1990.8.2.201.

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