24 – Eislauf

Der folgende Beitrag ist vollständig Rainer Schmitz’ Nachschlagewerk „Was geschah mit Schillers Schädel“ entnommen. Wir bedanken uns herzlich für die Erlaubnis, das Werk für unseren Adventskalender nutzen zu dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Klopstock gehörte zu den Wegbereitern des Eislaufs. Schon im Jahre 1751, als der junge Dichter nach Kopenhagen berufen wurde, warf er sich mit solcher Begeisterung in die Sportart, daß [sic] er alle seine Freunde aufforderte, seinem Beispiel zu folgen. „Mit der Salbung eines Heidenbekehrers“, so berichtet etwa Helfrich Peter Sturz, „predigte Klopstock uns Eislauf. Und welche Wunder bewirkte er, denn selbst mich, der ich mit meiner beleibten Statur nicht gerade zum Schweben gebaut bin, hat er aufs Eis argumentiert. Alle kleinen Wasseransammlungen um Kopenhagen waren ihm bekannt, und er liebte sie nach der Reihe, wie sie später oder früher zufroren. Mit hohem Stolze sah er auf alle Verächter der Eisbahn herab, und eine Mondnacht auf dem Eis war ihm eine Festnacht der Götter:

‚Nur ein Gesetz: wir verlassen nicht eher den Strom, / Bis der Mond am Himmel versinket.‘

Doch wehe mir, wenn ich sein Gesetz durch eine Glosse verdrehte, mit welchem Hohngelächter rügte er meine Sünde!“

Klopstock verführte Matthias Claudius, der 1764 nach Kopenhagen kam, ebenso zum Eislauf, wie den jungen Goethe zur „beschwingten Kunst Tialfs“. Der aber rühmte sich, bereits als Kind „dieser Lust unmäßig nachgegangen“ und ein „leidenschaftlicher Schlittschuhfahrer“ gewesen zu sein. Der poetische Eisläufer erlebte in winterlicher Natur bei Vollmond auf überfrorenen Wiesen „Ossianische Szenen“, bei Tage war er auch auf der Weimarer Eisbahn, dem „Versammlungsort guter Gesellschaft“. Auch kannte Goethe sich gut mit dem Gerät für die entsprechenden Lauftechniken aus. Die „hohen, hohlgeschliffenen“ Schlittschuhe nahm er zum Ziehen von Kreisen und Achten. Fürs Schnellaufen [sic] bevorzugte er die „flachgeschliffenen, friesländischen Stähle“. Wie vieles andere geriet Goethe selbst der Eislauf zum Lebensgleichnis, weil dabei „das Vorwärtsdringen“ stets „dem zurückbleibenden Fuße zukommt“.

Auf Klopstock aber schrieb Goethe die berühmte Ode „Der Eislauf“, in welcher er gemahnt:

Du kennst jeden reizenden Ton
Der Musik, drum gib dem Tanz Melodie!
O Jüngling, der den Wasserkothurn
Zu beseelen weiß, und flüchtiger tanzt,
Laß der Stadt ihren Kamin! Komm mit mir,
Wo des Kristalles Erbe dir winkt!

Im November 1770 kehrte Klopstock von Kopenhagen nach Hamburg zurück. Hier hatte der sechsundfünfzigjährige Eissport-Altmeister, wie er seinem Freunde Gleim nach Halberstadt berichtete, „eine ganz große, erhabene, gewichtige, schwere Sache vor! Ich will (doch ich möchte nichts davon gesagt haben, weil man mit solchen kühnen Projekten ja auch leicht scheitern kann!) unsere leichtesten und jüngsten Damen zu Schlittschuhläuferinnen machen!“ Bis zu seinem dreiundsiebzigsten Jahr huldigte der rüstige Dichter dem Eislauf. Als er schließlich darauf verzichten musste, seufzte er traurig:

Also muß ich auf immer Kristall der Ströme dich meiden?
Darf nie wieder am Fuß schwingen die Flügel des Stahls?
Wasserkorthun, du warest der Heilender einer; ich hätte
Unbeseelt von dir, weniger Sonne gesehen!“

Ein originales Paar seiner Schlittschuhe ist erhalten geblieben und heute im Klopstock-Museum zu Quedlinburg ausgestellt. Begünstigt wurde die beliebte Fortbewegungsart durch eine kleine Zwischeneiszeit in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

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Literatur:

Schmitz, R. (2006). Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen, Frankfurt am Main: Eichborn AG.

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